Aus: FOCUS Nr 53/1998, Seite 36f.:
"Ideologisch vermintes Gelände
Horst Mahler verteidigt Martin Walsers Rede über die Holocaust-Diskussion und warnt vor einer Überlastung der Deutschen
FOCUS: Der frühere RAF-Mitgründer Horst Mahler steht heute im rechten Lager. Bedeutet Ihr Bruch mit linker Vergangenheit auch, daß Sie die Verantwortung für Folgen der Naziherrschaft ablehnen?
Mahler: Schuld ist eine sehr individuelle Sache. Verantwortung hingegen betrifft auch eine Gesellschaft. Die Kollektivschuld-Theoretiker aber erwarten Bekundungen der Betroffenheit und des Entsetzens, die ständig mit aktuellen individuellen Schuldgefühlen einhergehen müssen. Das funktioniert nicht. Ich kann nur sagen: Ich habe keinen Juden umgebracht und sehe daher auch keine persönliche Schuld. Diese Einstellung prägt die heranwachsende Generation.
FOCUS: Kollektive Erinnerung an die NS-Zeit verbindet sich in Deutschland stets mit den Begriffen Schuld und Scham. Daran hat auch die neue Generation nichts geändert.
Mahler: Diese negativen Komponenten, die heute vom Geist und vom Gefühl abgefordert werden - Buße, Scham, Schuldbekenntnis und Reue - bewirken eher das Gegenteil dessen, was die Einpeitscher bezwecken. Wer derart auf den blankliegenden Nerven der Deutschen herumtrampelt, macht sie böse. Der Holocaust ist weder unbegreiflich noch einmalig.
FOCUS: Sollten sich demnach die Opfer bei den Tätern entschuldigen?
Mahler: Als deutsches Volk haben wir zu bekennen, daß wir dem jüdischen Volk einst ein grausiges Schicksal bereiteten. Aber wenn Ignatz Bubis ohne Quellenangabe behauptet, 30 Prozent aller Deutschen seien latente Antisemiten, dann ist das kontraproduktiv. Jeder, der Herrn Bubis bei der Holocaust-Diskussion in die Quere kommt, wird wie Martin Walser als Antisemit verketzert. In der Geschichte des Abendlandes gibt es von Anfang an einen starken antijudaistischen Komplex. Es ist gefährlich, den zu ignorieren. Man muß ihn aber nicht noch mit aller Gewalt heraufbeschwören
FOCUS: Verwechseln Sie da nicht Ursache und Wirkung?
Mahler: Nein, Martin Walser wird geschunden, weil er das allgemeine Unbehagen der Deutschen über die Moralkeule Holocaust formuliert hat. Seine simpel argumentierenden Kritiker haben keinerlei Kontakt mit dem Volk. Diese Traumtänzer sollten mal hören, was Normalbürger sagen.
FOCUS: Walser und Sie rühren an gesellschaftlichen Tabus. Überrascht Sie die heutige Reaktion?
Zur Person |
Mahler: Wir bewegen uns auf ideologisch vermintem Gelände. Diese Minen müssen geräumt werden, vielleicht auch dadurch, daß man absichtlich auf sie tritt ...
FOCUS: ...mit Äußerungen wie: "Man sollte von und Deutschen nicht erwarten, daß wir uns widerstandslos vertreiben lassen. Das Recht auf Heimat ist ein Menschenrecht. Rechtsaußen hätte es nicht besser formulieren können.
Mahler: Im Gegenteil, das sind doch linke Ideale für das Recht anderer Menschen ebenso einzutreten wie für das eigene Recht. Daß ein Volk eine Heimat braucht und versucht, fremde Einflüsse zurückzudrängen, ist nicht Ausdruck einer unmenschlichen Ideologie, sondern normale Lebensäußerung. Wenn das als rechtsextrem hingestellt wird, dann frage ich: Warum waren die Nazis so erfolgreich? Weil sie Dinge ansprachen, die den Menschen wichtig waren. Nur weil Werte und Idealvorstellungen durch Hitler mißbraucht wurden, können wir sie doch nicht einfach abschaffen.
FOCUS: Für die Linke gelten Sie aber heute als Renegat und Verräter.
Mahler: Die nationale Frage war immer auch ein Anliegen der Linken. Wir haben in den 60er Jahren die vietnamesische Freiheitsbewegung unterstützt und sind für deren Recht auf die Straße gegangen, in ihrem Land als Herr zu bestimmen. Der Internationalismus schloß den Kampf für die nationalen Rechte ein. Wir wollten Deutschland weder von Amerikanern noch von Sowjets beherrschen lassen. Sind wir denn durch unsere Geschichte dazu verurteilt, sämtlichen Völkern der Welt zu sagen: "Kommt alle zu uns, auch wenn wir Deutschen dann an den Rand gedrückt werden. Nein, wir haben das Recht, in unserem Land unser Leben selbstbestimmt zu gestalten. Sonst wird das deutsche Volk sich wehren
FOCUS: Spricht hier ein notorischer Ausländerfeind?
Mahler: Das Fremde ist das Salz in der Suppe - aber wer mag eine versalzene Suppe? Wenn in einer hiesigen Schulklasse 80 oder 90 Prozent Ausländer sind, dann ist es legitim, wenn deutsche Eltern ihre Kinder an anderen Schulen unterbringen wollen, wo sie vernünftigen Unterricht in der Landessprache erhalten
FOCUS: Politische Unkorrektheit in extremer Form ist justifiabel. Wie bewertet der Jurist Horst Mahler den Straftatbestand Leugnung des Holocaust?
Mahler: Unerträglich: Da werden Menschen, die mit ihren Auffassungen garantiert nicht Karriere machen wollen, kriminalisiert. Auch wenn manche Meinungen verbohrt und abwegig erscheinen, diese Leute glauben daran. So etwas zu bestrafen ist das Gegenteil von geistiger Freiheit. Sie leugnen den Holocaust, weil er auch für sie das Grauen schlechthin ist. Sie ertragen den Gedanken nicht, daß Deutsche das zu verantworten haben, und erweisen sich damit geradezu als Gutmenschen mit moralischem Kompaß. Im Glauben, daß ihnen Unrecht geschieht, nehmen sie es auf sich, für die nationale Sache ins Gefängnis zu gehen
FOCUS: Und wären damit politische Gefangene?
Mahler: Politische Gefangene in der BRD sind für mich Menschen, die - egal ob rechts oder links - sich um das Gemeinwesen Gedanken machen und deswegen zu Meinungs- und Organisationsdelikten motiviert werden. Das ist das sympathische daran bei Leuten, die eine andere Politik oder einen anderen Gesellschaftszustand anstreben. Ich lehne jedwede Ausgrenzung ab. Wer bestimmt denn, wer mit wem worüber reden darf? Ich diskutiere auch mit jemandem, der sich prononciert als Faschist oder Nazi bezeichnet.
FOCUS: Soll die von Ihnen propagierte "nationale Sammlungsbewegung für alle und jeden offen sein?
Mahler: Eine Sammlungsbewegung ist keine Partei. Sie soll absolut offen sein. Vordringlichstes Ziel: Es muß die Staatsbürgerschaftsnovelle verhindert werden. Sie öffnet der Überfremdung Schleusen, die mit rechtlichen Mitteln nicht mehr zu schließen sind. Jeder, der doppelte Staatsbürgerschaften verhindern will, von Bayerns Ministerpräsident Stoiber bis zum Ex-NPD-Chef Deckert, kann mitmachen. Über Staatsbürgerschaftsrechte muß alleine das Volk entscheiden, nicht die staatstragenden Parteien oder der Zentralrat der Juden. Das sind jene Meinungssoldaten, von denen auch Walser spricht.
Reporter: Jan von Flocken/Eberhard Vogt