Kriegsfurcht und Friedensbewegung

in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges

Dr. Dietrich Aigner

Die internationale Friedensbewegung, die in der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Ländern - nicht nur zu Ostern - mit allerlei Aktionen von sich reden macht, ist nicht neu. Sie spielte schon in den dreißiger Jahren politisch eine nicht unbedeutende Rolle, als sie, vor allem in England ursprünglich von achtbaren Idealisten getragen, zu einem Instrument der »Realpolitiker« wurde und so - gewollt oder ungewollt - den weltweiten Interessen der Sowjets diente. Die nachstehende Untersuchung ist der nur unwesentlich gekürzte Wortlaut eines Vortrags, den der Verfasser am 15. Mai 1982 vor der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt hielt.


Der Friede ist offensichtlich ein weites Feld, das geradezu einlädt zu jeder Art von begrifflicher Verwirrung und terminologischer Falschmünzerei, nicht nur bei denen, die dafür streiten, sondern auch bei denen, die darüber reflektieren, vor allem dann, wenn sie nach historischen Parallelen suchen. Bei aller Verschiedenartigkeit der internationalen Situation damals und heute, gibt es Kontinuitätsstränge beim Thema »Friedensbewegung«, und der zweifellos mächtigste Kontinuitätsstrang ist die Wirrköpfigkeit - nicht nur der Friedensbewegten, sondern auch ihrer Kritiker. Viel wäre gewonnen, wenn bei Begriffen wie »Friedensbewegung«, »Pazifismus«, »Appeasement«, die alle heutzutage in der Öffentlichen Diskussion zu einem undefinierbaren, stark emotional gewürzten Eintopf verrührt werden, terminologische Klarheit hergestellt werden könnte. Ich möchte im Nachfolgenden versuchen, für die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges Richtungen und Strömungen zu identifizieren, »festzumachen«, die im nachhinein alle - meist anklagend und verurteilend - mit dem Epitheton »pazifistisch« versehen worden sind und insoweit Anteil haben an der nicht nur in der Öffentlichen Meinung, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs anzutreffenden General-Formel: »Hitler wollte den Krieg, die anderen wollten den Frieden.«

Was ist eigentlich »appeasement«?

Man könnte gleich kritisch dagegenfragen: »Welchen Krieg?« und »Welchen Frieden?« Denn Tatsache ist doch, daß die friedliebenden Westmächte am 3. September 1939 dem Hitlerreich den Krieg erklärt haben - nicht um einem Angriff auf eigenes Territorium zuvorzukommen, sondern um einen Staat zu retten, dessen halbfaschistisches, antisemitisches Regime international kein allzu hohes Ansehen genoß und das sich zudem geweigert hatte, jene Macht zu Hilfe zu rufen, die allein zu wirkungsvoller Hilfeleistung imstande gewesen wäre -nämlich die Sowjetunion. Was immer die Gründe für den doch einigermaßen überraschenden Schritt der Westmächte gewesen sein mögen (auch die amtlich bestallte westdeutsche Zeithistorie tut sich noch schwer damit[1]), sicher ist, daß die appeasers Chamberlain und Daladier keine Pazifisten gewesen sein können, wenn das Wort »Pazifismus« noch einen Sinn haben soll.

Dem entspricht der historische Befund, und es gibt in der Einschätzung und Bewertung des appeasement heute einen fachwissenschaftlichen Konsens, der die abwertend-polemische Etikettierung längst zum alten Eisen geworfen hat, ja der am liebsten den ganzen Begriff eliminieren möchte[2] - ohne daß dies allerdings ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit gedrungen wäre. Noch immer wird z.B. »appeasement« auch in Wörterbüchern mit »Beschwichtigungspolitik« übersetzt, obwohl ihm diese abschätzige Bedeutung erst später künstlich aufgepfropft wurde. Sowohl David Lloyd George, der schon nach dem Ersten Weltkrieg von einem »appeasement of Europe« sprach, als auch Neville Chamberlain, der dieses »appeasement of Europe« von 1937 bis 1939 ausdrücklich zur Richtschnur seiner Politik erklärte, meinten damit im ursprünglichen und selbstverständlich durchaus positiven Wortsinn eine »Befriedigung des ganzen Kontinents«, bei der Großbritannien nicht nur eine initiierende, sondern auch eine kontrollierende Rolle ausüben sollte. Der semantische Umschlag ins Negative trat erst ein mit dem von vielen als »Kapitulation« empfundenen Münchener Abkommen vom 29. Sept. 1938; zum diffamierenden Schimpfwort vollends wurde es - nicht zuletzt in der parteipolitischen Auseinandersetzung mit der Regierung Chamberlain - nach Hitlers Bruch eben dieses Abkommens durch den Einfall in die sog. Rest-Tschechei im März 1939. Jetzt erst diente es allgemein zur Charakterisierung einer besonders schimpflichen, illusionsbefangenen und daher dem Aggressor ungewollt Vorschub leistenden »Politik des Friedens um nahezu jeden Preis«.

Diese lange Zeit unangefochten weltweite Verurteilung der »Appeasement-Politik« enthielt nicht nur eine grundsätzliche Ablehnung des Pazifismus als politische Handlungsmaxime, sie suggerierte zugleich eine vorgebliche Dominanz pazifistischer Gesinnung im Lager der westlichen Demokratien, die es in der historischen Realität zu keiner Zeit gegeben hat. Mit der allzu glatten Formel, namentlich von London sei Hitler gegenüber bis zum März 1939 eine »Politik des Friedens um nahezu jeden Preis« betrieben worden, haben noch bis vor kurzem selbst ernstzunehmende Historiker (H,-A. Jacobsen, M. Gilbert, G. Weinberg u. a.) zu dieser semantisehen Unterwanderung des »appeasement«-Begriffs durch den »Pazifismus-Verdacht« beigetragen[3].

Mit der Freigabe eines großen Teils der britischen Akten zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges sind die Motive und Ziele britischer Außenpolitik für die Jahre der »Regenschirm-Diplomatie« sehr viel durchsichtiger geworden. Von der Formel »Frieden um nahezu jeden Preis« ist nichts mehr geblieben außer der Streitfrage, ob vielleicht Hitler das britische Taktieren in diesem Sinne fehlinterpretiert haben könnte, womit der selbstmörderische Schritt zum Überfall auf Polen erklärt wäre.

Friedenspolitik, die Krieg nicht ausschließt

Eine Erörterung solcher Fragen würde uns jedoch vom eigentlichen Thema wegführen. Festzuhalten wäre nur, daß »Appeasement-Politik« nach dem heutigen Stand der Forschung nichts zu tun hat mit illusionsbefangenem, wirklichkeitsfremdem Pazifismus, daß sie im Gegenteil auf der Grundlage einer durch und durch realistischen Einschätzung eigener Aktiva und Passiva den Versuch darstellt, zur Bewahrung des eigenen Status und des eigenen Besitzstandes die dynamischen Kräfte der internationalen Politik - insbesondere auf dem europäischen Kontinent - unter Kontrolle zu bekommen, sie einem frei ausgehandelten »general settlement» einzufügen, notfalls einzubinden. Der Friede war zwar - so eine allgemein akzeptierte Formel G. Niedharts - ein »nationales Interesse« für ein allseits überfordertes, im Grunde schon anachronistisches Weltreich wie das britische, er war jedoch kein Absolutum, er schloß die Option auf Krieg als ultima ratio keineswegs aus, wenn anders es nicht möglich erschien, die bestehende, dem eigenen Statusinteresse entsprechende internationale Ordnung zu bewahren.

Das Ganze war eine Frage haushälterischen Machteinsatzes, der Versuch, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen Effekt zu erzielen. Der lange Zeit schwelende und von gewisser Seite auch oft genug geäußerte Verdacht, man habe Hitler »freie Hand nach Osten« - also gegen die Sowjetunion - konzediert, hat sich als völlig haltlos erwiesen. Eine Interessenabgrenzung, gar ein von Hitler erstrebtes Bündnis auf dieser Grundlage wurde an maßgeblicher Stelle nie auch nur in Erwägung gezogen. Andererseits hat das etwas halbherzige Bemühen um einen Sowjetpakt 1939 - der dann allerdings in erster Linie am Widerstand der unmittelbar Betroffenen (Polen, Baltische Staaten, Finnland, Rumänien) gescheitert ist - Hitler zu einer völlig »programmwidrigen« Kehrtwende veranlaßt und den großen europäischen Konflikt damit so gut wie unausweichlich gemacht. Daß sich der angedrohte Sowjetpakt als untaugliches Mittel einer Abschreckungs- und »Zähmungs«-Politik erwiesen hat, unterstreicht den in ganz anderem Sinne illusionären Charakter einer Politik, die die eigene konstitutive Schwäche größtenteils durch Bluff überspielen wollte und damit über kurz oder lang scheitern mußte.

Diese Schwäche im Lager der Westmächte, insbesondere des scheinbar so machtvollen britischen Weltreiches, wird erst jetzt von der Forschung unter den verschiedenartigsten Gesichtspunkten analysiert[4]. Ein Element der Schwäche wurde schon immer im Vorherrschen von Kriegsfurcht und Kriegsunwilligkeit bei den »breiten Massen« gesehen. Hier wäre zunächst darauf hinzuweisen, daß Kriegsfurcht an sich nichts mit Pazifismus zu tun hat, daß Kriegsfurcht - anders als eine ethisch-religiös oder weltanschaulich begründete pazifistische Gesinnung - dem Einfluß von Faktoren unterliegt, die sie anschwellen oder zurückdrängen können. Dieser variable Charakter einer unleugbar weitverbreiteten und keineswegs auf die Demokratien beschränkten Kriegsfurcht tritt während der dreißiger Jahre besonders augenfällig in Erscheinung.

Es ist andererseits eine unleugbare Tatsache, daß Kriegsfurcht und Friedenssehnsucht in den westlichen Demokratien - anders als in Hitler-Deutschland oder Italien - frei artikuliert werden konnten und im Gesamtverlauf der dreißiger Jahre entscheidenden Einfluß auf den Gang der Öffentlichen Diskussion ausgeübt haben. Kriegsfurcht und Friedenssehnsucht der Massen waren somit Faktoren, die im politischen Meinungsbildungsprozeß ihre Berücksichtigung finden mußten. Kein Politiker und kein Publizist konnte es wagen, Öffentlich und unverblümt für etwas anderes einzutreten als für eine Politik des Friedens, und gerade dies macht es so schwer, begriffliche Klarheit zu schaffen. Wie z. B. sollen jene eingeordnet werden, die von Anfang an und mit wachsender Bestimmtheit und Heftigkeit die These vertraten, Hitler wolle den Krieg, ein Krieg mit Hitlerdeutschland sei also unvermeidbar, ja, er habe praktisch schon begonnen mit der gegen die Westmächte gerichteten »Aggression in Spanien«, und die zur Stützung ihrer These Aufmarsch-, Angriffs-, Stützpunkts- und Subversionspläne in Hülle und Fülle beibrachten, die sich - es sei nur an Churchills Luftrüstungskampagne erinnert - nachträglich durch die Bank als Produkte einer überhitzten Phantasie erwiesen haben[5].

Widersprüchliche Friedensbewegung

Aber selbst dann, wenn wir einmal unterstellen wollen, daß alles in lauterer Absicht und guten Glaubens geschehen ist (Hitlers martialisches Gebaren und die Glaubenssätze seiner Weltanschauung konnten ja in der Tat von Anfang an nichts Gutes verheißen), und wenn wir des weiteren unterstellen wollen, daß niemand im Lager der Westmächte sich mit dem Gedanken eines Präventivkrieges getragen habe, so ist doch offenkundig, daß die allseits beschworene Friedenssicherung als politische Zielvorstellung sehr verschieden konzipiert und interpretiert werden konnte. Daß dem so ist, beweist ein Blick in die zeitgenössische Publizistik; es erhellt auch daraus, daß nirgendwo während der dreißiger Jahre in den westlichen Ländern heftiger und verletzender gestritten worden ist als im Lager der organisierten Friedensfreunde. Wir müssen hier allerdings besonders genau sein und sogleich darauf hinweisen, daß es ein gemeinsames Lager der Friedensfreunde zu keiner Zeit gegeben hat, sondern die Friedensbewegung - wenn wir diesen Sammelbegriff für durchaus Disparates einmal gelten lassen wollen - in der Mitte der dreißiger Jahre in zwei, zu Beginn und Ende der dreißiger Jahre in drei Lagern zentriert war[6].

Gesinnungspazifisten

Die kleinste, in sich konsequenteste und homogenste Gruppe waren die gesinnungsethischen Pazifisten reinen Wassers, die einzige Gruppe, die es dank ihrer religiösen oder sozialistisch-weltanschaulichen Überzeugung von der grundsätzlichen Verwerflichkeit jedes Krieges verdient, »Pazifisten« genannt zu werden. Ihr moralisches Prestige war hoch - nicht zum wenigsten auf Grund der schon im Ersten Weltkrieg bewiesenen Überzeugungstreue und Opferbereitschaft. Es sei - stellvertretend für andere - an Bertrand Russell erinnert, der als »war resister« und »CO« (conscientious objector = Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen) ins Gefängnis gegangen ist. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die COs und War Resisters Zuzug aus den Reihen jener, die, durch das Kriegserlebnis ernüchtert, schließlich zu besonders leidenschaftlichen Kriegsgegnern geworden waren. Der Diktatfriede von Versailles und die Enthüllung sowohl von Machenschaften der alliierten Geheimdiplomatie als auch der Verlogenheit einer hemmungslosen Kriegs- und Greuelpropaganda (Northcliffe)[7] verschafften den Gesinnungspazifisten sehr viel mehr Gehör und Rückhalt, als sie für ihre politischen Rezepte eines totalen Quietismus sonst hätten mobilisieren können. Dennoch sind sie zu keiner Zeit - weder in den zwanziger noch in den dreißiger Jahren - eine echte Massenbewegung geworden. Ihr Einfluß beruhte auf der moralischen Lauterkeit ihrer Gesinnung, die auch der ganzen Nation zur Ehre gereichte, und auf dem persönlichen Renommee vieler ihrer prominenten Anhänger: außer Russell z. B. auch George Bernard Shaw, Aldous Huxley, Vera Brittain u. a.. Insofern waren sie eine Art moralische Pressure Group, die mit ihrem Idealismus während der dreißiger Jahre allerdings immer mehr in Bedrängnis geriet - durch eigene Skrupel nicht weniger als durch den »Realismus« ihrer Widersacher.

Pazifistische Grundüberzeugung war die These, daß jeder Krieg grundsätzlich abzulehnen sei und die Kriegsgefahr am ehesten und sichersten dann gebannt werden könne, wenn jeder Einzelne sich der Teilnahme an einem Krieg widersetze und dadurch das ganze Gewicht moralischer Überlegenheit in die Waagschale der internationalen Politik werfe. Keine der großen Konfessionen noch irgendeine der politischen Parteien hat sich - in England oder anderswo - diesen Rigorismus zu eigen gemacht, keines der Massenmedien - weder Rundfunk noch Presse - hat ihm in nennenswertem Maße seine Unterstützung geliehen. Diese Isoliertheit im eigenen Lande mag einer der Gründe gewesen sein, warum die Ausschaltung pazifistischer Gesinnungsfreunde in Deutschland 1933 durch Beseitigung der »Deutschen Friedens-Gesellschaft« und der »Deutschen Gesellschaft für Menschenrechte« zwar eine Wende zum Antifaschismus, aber keine Erschütterung der eigenen Grundposition bewirkt hat. Führende Pazifisten im Lager der Linken - und der politische Schwerpunkt des internationalen Pazifismus erstreckte sich vor allem auf sozialistische und sozialdemokratische Parteien - suchten auch nach 1933 ihre Ablehnung des »Faschismus« mit der eigenen Friedensmaxime in Einklang zu bringen, namentlich durch die Forderung nach allgemeiner Abrüstung. Das Scheitern der Genfer Abrüstungskonferenz und die deutsche Wiederaufrüstung konnten sie in ihrer eigenen Position grundsätzlichen Gewaltverzichts und prinzipieller Kriegsächtung zwar nicht erschüttern, weil sie den Blick immer auch auf die Versäumnisse, ja auf den mangelnden guten Willen des eigenen Landes gerichtet hielten, sie verloren aber damit in geradezu dramatischer Weise den Rückhalt im Lager der Labour Party: Zwischen 1934 und 1936 wurde der ganze pazifistische Flügel der Arbeiterpartei kaltgestellt oder ausgebootet - George Lansbury mußte 1935 nach einem vernichtenden Angriff Ernest Bevins den Parteivorsitz an den Nicht-Pazifisten Clement Attlee abgeben; Lord Ponsonby wurde zu gleicher Zeit als Führer der Labour Party im Oberhaus abgelöst durch den Nicht-Pazifisten Lord Strabolgi; und Charles Rhoden Buxton wurde kurz danach als außenpolitischer Berater der Partei verdrängt durch den Nicht-Pazifisten Philip Noel-Baker, 1937 hatte sich Labour zur Aufrüstungspolitik bekehrt - nicht zuletzt unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkrieges, der es der Parteilinken leichter machte, diese Kröte zu schlucken.

Kriegsdienstverweigerer

Mit der Eliminierung der Pazifisten aus der Labour Party (Lord Arnold und Lord Noel-Buxton vollzogen den offenen Bruch wegen deren »Kriegsfreudigkeit« verlor die pazifistische Strömung ihre einzige Möglichkeit politisch-publizistischer Einflußnahme. Noch hingen ihr zwar die drei Abgeordneten der »Independent Labour Party« an - und es ist bezeichnend, daß diese drei Linkssozialisten neben den Chamberlain-treuen Konservativen die einzigen waren, die 1938 im Unterhaus für das Münchener Abkommen stimmten -, aber politisches Gewicht hatte diese kleine Randgruppe nicht. Um sich in der Öffentlichkeit Geltung zu verschaffen, beschritt man den Weg eigener Organisationsbildung. Schon am 16. Oktober 1934 hatte der Kanonikus »Dick« Sheppard durch Öffentliche Anzeige dazu aufgefordert, ihm mittels Postkarte das Gelübde (pledge) zu übermitteln, jeweils für die eigene Person grundsätzlich und unter allen Umständen die Teilnahme an einem Krieg zu verweigern. Die Resonanz (80 000 pledges) ermutigte ihn und seine Freunde, im Juli 1935 die Sheppard Peace Movement zu gründen, die sich dann im Mai 1936 als Peace Pledge Union konstituierte. Sie wurde zum Sammelbecken aller pazifistischen Kräfte im Lande, absorbierte im Februar 1937 - kurz vor Sheppards Tod - die sozialistische No More War-Bewegung und wurde damit zur britischen Sektion der (sozialistischen) Internationale der Kriegsdienstverweigerer (War Resisters' International). Beide Organisationen existieren noch heute, die P.P.U. erreichte ihre höchste Mitgliederzahl im April 1940 mit 136 000 eingeschriebenen Anhängern. Finanziert wurde sie ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, an die Öffentlichkeit getreten ist sie durch zahlreiche, meist gutbesuchte Veranstaltungen und durch ihr Wochenblatt Peace News. Politischen Einfluß vermochte sie nur insoweit auszuüben, als sich Labour und Liberale Partei genötigt sahen, dem Vorwurf der »Kriegstreiberei« die Spitze zu brechen, indem sie die eigene Linie zumindest verbal dem gängigen Friedens-Vokabular anpaßten, - was weder ihrer Linie noch ihrer Glaubwürdigkeit allzu gut bekommen ist.

Nicht überall war der Pazifismus in seiner reinen Form politisch so ohnmächtig wie in England. Starken Einfluß behielt er z. B. in Frankreich, wo es zu einer förmlichen Spaltung der Sozialistischen Partei kam, mit der Folge, daß die große Mehrheit der französischen Sozialisten 1938 für das Münchener Abkommen stimmte, während sich die »bellicistes« der Zyromski-Gruppe momentan in die Defensive gedrängt sahen. Oberhaupt war es die schärfste Waffe linker Pazifisten in Frankreich wie in England und den USA, »Kriegshysterie« und »Kreuzzugsstimmung« namentlich nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges innerhalb der eigenen, antifaschistischen Reihen anzuprangern[8]. Dieses Kapitel ist in der Forschung noch nicht recht untersucht worden, es entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie, wenn man feststellt, daß die Gesinnungspazifisten damit - ganz ungewollt - in die Nähe faschistischer Gruppen gerieten, die in diesen Jahren nicht weniger leidenschaftlich für den Frieden und gegen den Krieg plädierten. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt gesellten sich die Moskau-treuen Kommunisten hinzu, die z. B. in den USA 1940 eine leidenschaftliche Polemik gegen die »Kriegspolitik« Franklin D. Roosevelts entfesselten[9].

Komintern und Friedensbewegung

Die Rolle der Moskau-treuen Kommunisten, d. h. der in der Komintern vereinigten CPGB, PCF etc., verdient es, in diesem Zusammenhang als zweite große Kraft innerhalb des Friedenslagers gewürdigt zu werden. »Kampf für den Frieden und gegen den imperialistischen Krieg!« lautete die Parole, unter der die Komintern seit Ende der zwanziger Jahre ihre Friedens- und Abrüstungskampagnen gestellt hatte. Unter dem Friedenspanier war es ihr gelungen, auch zahlreiche Gesinnungspazifisten in die eigenen Reihen zu ziehen, so insbesondere beim Großen Anti-Kriegs-Kongreß in Amsterdam (August 1932)[10], der unter dem Vorsitz von Henri Barbusse stattfand und in England zur Gründung einer kommunistisch gesteuerten British Anti-War Movement führte. Hauptstoßrichtung der Amsterdamer Bewegung war der britische Imperialismus, der damals als gefährlichster Gegner des Sowjetstaates und Manipulator des Völkerbundsystems galt. Unter kommunistischem Einfluß ist dann auch am 9. Februar 1933 die aufsehenerregende Resolution der Oxford Union zustandegekommen (»dieses Haus beschließt, unter keinen Umständen für König und Vaterland kämpfen zu wollen«). Der eben erst an die Macht gelangte Hitler wurde in diesem Stadium noch nicht als Gefahrenherd veranschlagt[11]. Ein Kurswechsel kündigte sich an mit dem von der Komintern veranstalteten Antifaschistischen Arbeiterkongreß in Paris (Salle Pleyel) im Juni 1933[12], der dann zur Fusion der Amsterdam-Pleyel-Bewegung und zur Schaffung des Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus wieder unter dem Vorsitz von Henri Barbusse führte. Mit »Kampf gegen Faschismus und Krieg!« war die neue Losung ausgegeben, die ihre Gültigkeit behalten sollte bis zum Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes und die mit der Feuereinstellung gegenüber dem »britischen Imperialismus« den Kurswechsel der sowjetischen Außenpolitik gegenüber den kapitalistischen Westmächten ankündigte. Auf internationaler Ebene wurde dieser Kurswechsel noch vor Beginn der Volksfront-Ära vollzogen mit dem Eintritt der Sowjetunion in den Völkerbund im Herbst 1934; das »Instrument imperialistischer Aggression« galt fortan in der offiziellen Diktion als Stützpfeiler der kollektiven Friedenssicherung und als Bollwerk einer weltweiten Friedensfront gegen die faschistischen Mächte, insbesondere gegen das die Sowjetunion bedrohende Hitler-Deutschland.

Vielen Gesinnungspazifisten ging dieses Paktieren mit den eben noch verteufelten kapitalistischen Mächten über das Maß des Erträglichen, auch I.L.P. und trotzkistische Gruppierungen mochten diese Instrumentalisierung des Völkerbundes durch die sowjetische Außenpolitik nicht nachvollziehen. Dafür gewann die kommunistische Offensive »gegen Krieg und Faschismus« Unterstützung von ganz anderer Seite, nämlich von jenen, die in der Genfer Liga schon immer ein realistisches und praktikables Instrument der Friedenssicherung gesehen hatten und nun »ganz realistisch« die Sowjetmacht mit ihrem politischen und militärischen Potential dem Genfer System der »kollektiven Sicherheit« (Beneš/Litvinov) dienstbar machen wollten. Auf diese mächtigste und weitaus dominierende Strömung innerhalb der Friedensbewegung ist gleich noch zurückzukommen. Die Komintern jedenfalls paßte sich diesen Erwartungen an, verzichtete auf allzu deutliche Plakatierung der eigenen Position und gründete 1936 in Paris die unverfänglich klingende Weltfriedensbewegung (R. U. P./1. P. C.)[13] , die große Anziehungskraft ausübte auf Völkerbunds- und Friedensfreunde aus den verschiedensten Lagern. Das Rassemblement fungierte als Dachorganisation und Koordinierungsstelle für Hunderte von angeschlossenen Organisationen in allen Ländern der Erde, es wurde präsidiert vom Friedensnobelpreisträger Lord Cecil of Chelwood; unter den Präsidiumsmitgliedern waren so honorige Persönlichkeiten wie der Friedensnobelpreisträger Sir Norman Angell und der französische Luftfahrtminister Pierre Cot; die eigentliche Organisationsarbeit wurde allerdings geleistet von Beauftragten der Komintern[14].

Die kommunistisch gesteuerte Weltfriedensbewegung hatte namentlich in Frankreich einen starken Rückhalt bei den Gewerkschaften, bei Sozialisten und Radikalsozialisten. Leitmotiv ihrer nicht gerade unter Geldnot leidenden propagandistischen Arbeit war die These von der »Unteilbarkeit des Friedens« und von der Wahrung der »Kollektiven Sicherheit«. Damit sollte jeder antisowjetischen Konstellation vorgebeugt, die Sowjetunion im Gegenteil zum unerläßlichen Bestandteil einer antifaschistischen Weltfriedensfront gemacht werden. Wenn die Kommunisten im Herbst 1938 forderten: »Verteidigt die Tschechoslowakei und rettet den Frieden! «, so entsprach dies der inneren Logik dieser Linie. »Bürgerliche« Pazifisten und Völkerbundsenthusiasten waren willkommene und umworbene Bundesgenossen, solange sie mithalfen, das nationale Sicherheitsinteresse der Sowjetunion in ein »internationales« Gewand zu kleiden und auf diese Weise akzeptabel zu machen - auch dort, wo man sonst wenig Sympathie für Kommunismus und Sowjetsystem hegte. Diese Politik war jahrelang erfolgreich insoweit, als sie verhinderte, was Moskau mehr als alles andere fürchtete: ein Arrangement der bürgerlich-kapitalistischen mit den faschistischen Mächten, das bei Hitlers bekannten Intentionen die Sowjetunion in tödliche Gefahr bringen mußte. Die neuerliche Kehrtwendung im Sommer 1939 und die Preisgabe der Weltfriedensbewegung folgten wiederum der Logik sowjetischer Staatsräson, indem sie nach München und dem Ende der Spanischen Republik das tat, was sie - wie wir heute wissen: zu Unrecht - den Westmächten unterstellte: die Dynamik Hitler-Deutschlands abzulenken, diesmal nicht nach Osten, sondern gegen Westen. Der Krieg von 1939 begann aus dieser Sicht als »imperialistischer Krieg«, er wurde zum »gerechten Krieg« erst mit dem Oberfall Hitlers auf die Sowjetunion zwei Jahre später[15].

Der Schritt in den Krieg

Bleibt zu fragen, wie es gekommen ist, daß die beiden Westmächte - ungeachtet des Zusammenbruchs der »Weltfriedensfront« - 1939 zum Kriege geschritten sind, um einen Staat zu verteidigen, den die Sowjetunion - als unmittelbar Betroffene - offenbar schon fallengelassen hatte. Mit einer rationalen Begründung tun sich Historiker auch heute noch schwer. Natürlich stand das Prestige Englands auf dem Spiel, nachdem man einmal sein Wort verpfändet hatte; natürlich rechnete man mit der inneren Schwäche Hitler-Deutschlands, auch mit einem nochmaligen Umschwenken der Sowjetunion; auch sah man sich seitens der USA moralischem und materiellem Druck ausgesetzt, aber alles zusammengenommen ergibt noch keine hinreichende Begründung dafür, daß - wie die Forschung heute übereinstimmend feststellt - ein wahrer Kreuzzugsgeist die britische Öffentlichkeit erfaßt und die Regierung Chamberlain zum Schritt in den Krieg gezwungen hat[16].

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die an sich notwendige Detailanalyse aller Bestimmungsfaktoren im außenpolitischen Meinungsbildungsprozeß Großbritanniens für die Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges vorzunehmen. Die simpelste, plausibelste, allgemein akzeptierte und mit Sicherheit falsche - weil viel zu vordergründige - Formel lautet: Mit dem Einfall Hitlers in Prag sei die »britische Öffentlichkeit« schlagartig aus ihren Träumen und Illusionen erwacht, habe endlich Hitlers wahre Ziele erkannt und die eigene Regierung gezwungen, ihm - auch um den Preis eines neuen Weltkrieges -die Stirn zu bieten,

Dabei wird ein Faktor übersehen: Es gab in England nicht eine Persönlichkeit von einigem Gewicht und Ansehen, die ihre außenpolitische Meinung unter dem Eindruck des 16. März 1939 nachweislich geändert hätte. Man kann die Probe aufs Exempel machen und etwa den letzten Dekadenband des Dictionary of National Biography durchgehen. Es erscheint unmöglich, einen »Appeaser« zu finden, der bis zu diesem Tage noch an die Möglichkeit einer auf Dauer friedlichen Koexistenz mit Hitler-Deutschland geglaubt hätte, und das Allervertrackteste ist: hier handelt es sich keineswegs um nachträgliche Schönfärberei, um das übliche »de mortuis nil nisi bene« oder um spätere Selbststilisierung. Es ist ein durchaus verifizierbarer Topos der gesamten biographischen und autobiographischen Literatur, für jene Zeit die frühzeitige Erkenntnis der Hitlerschen Gefahr und die ebenso frühzeitige Sorge um deren Abwendung zu bekunden. Erst kürzlich hat der Londoner Guardian aus dieser Beobachtung den nicht ganz ernst gemeinten Schluß gezogen, es müsse damals in England eine unüberschaubare Zahl von Einzelkämpfern gegeben haben, die alle unter der Halluzination litten, einsam und verloren inmitten des »Appeaser«-Meeres zu stehen[17]. Dort, wo Namen greifbar sind, rinnt dem kritischen Beobachter heute dieses Meer wie Wasser zwischen den Fingern; hängen bleiben am Schluß noch knapp ein halbes Dutzend Namen, von Chamberlain bis zu Sir Horace Wilson, die märchenhaften Einfluß auf Volk und Staat ausgeübt haben müssen - vergleichbar eigentlich nur noch der Stellung eines Hitler oder Stalin.

Die Völkerbunds-Utopisten

Das Ganze ist so unwirklich, daß es nach einer Erklärung verlangt, wenn man nicht das parlamentarisch-demokratische System zur puren Fiktion erklären will. Zum Verständnis gewisser Zusammenhänge ist es notwendig, sich zu vergegenwärtigen, daß es - neben gesinnungsethischen Pazifisten und kominterngesteuerten Friedenskämpfern - in Großbritannien seit Ende des Ersten Weltkrieges eine durchaus autochthone, von »Realisten« geschaffene und dirigierte Friedensbewegung gegeben hat, die den Krieg zwar als irrationalen und inhumanen Weg des Konfliktaustrages verurteilte, ihn gleichzeitig aber als »ultima ratio« zum Schutz höherer Güter - etwa einer internationalen Rechtsordnung oder der allgemeinen Freiheitsrechte - hinzunehmen bereit war. Hoffnungen und Erwartungen dieser »Internationalisten« konzentrierten sich auf den Völkerbund (VB), der ihnen als geeignetes Forum für friedlich-schiedliche Konfliktslösung erschien und den sie am liebsten mit möglichst wirkungsvoller Sanktionsgewalt ausgestattet hätten, einschließlich von VB-Streitkräften, einer internationalen Luftflotte u.a.m. Die VB-Freunde waren weltweit in VB-Verbänden organisiert und besaßen in Genf eine von Lord Cecil präsidierte Dachorganisation. In England zählte die League of Nations Union im Spitzenjahr 1931 über 400 000 zahlende Mitglieder; sie war die größte und einflußreichste außenpolitische pressure group der Zwischenkriegszeit.

Von den Pazifisten wurde sie abgelehnt wegen ihres Sanktions-Postulats, von den Tories wegen ihres »Internationalismus«. Ihre politische Basis hatte sie bei den Liberalen, der Labour Party und den Gewerkschaften. Ihre offenkundige Schwäche war es, das eigene Schicksal mit dem Schicksal des Völkerbundes verknüpft zu haben, und der Völkerbund hatte schon nach der mandschurischen Krise und dem Scheitern der Abrüstungsgespräche soviel an Prestige verloren, daß Lord Cecil 1934 in einem genialen Schachzug eine Trendwende einzuleiten versuchen mußte. Unter dem verführerischen Schlagwort eines Friedensvotums (Peace Ballot) forderte ein von ihm ins Leben gerufenes überparteiliches National Declaration Committee alle Briten auf, ihren Glauben und ihren Willen zur Erhaltung des Friedens dadurch zu bekunden, daß sie einen Katalog von fünf Fragen beantworteten, deren letzte lautete, ob sie - um des Friedens willen - auch zu wirtschaftlichen resp. militärischen Sanktionen (also zum Krieg) bereit waren, nicht zur Selbstverteidigung, sondern zur Aufrechterhaltung der internationalen Rechtsordnung[18].

Churchills »gerechter Krieg«

Der Erfolg übertraf alle Erwartungen, mehr als 11 Millionen Briten beteiligten sich, und fast 60% sprachen sich auch zugunsten militärischer Sanktionen aus. Das war nicht nur ein Erfolgsbeweis für geschickte-Manipulation, sondern zugleich ein Zeugnis für kaum überbietbare Wirrköpfigkeit. Kluge Köpfe in anderen Lagern erkannten den Nutzen, der sich aus solcher Mobilisierung der Massen ziehen ließ. Das Foreign Office, bis dahin eher lauwarm in Sachen Völkerbund, begann sich zu interessieren und gelangte mit Sir Robert Vansittart zu dem Schluß, eine massive Aufrüstungs- und Bündnispolitik werde sich nur im Gewande des Kollektivitäts- und Völkerbundsgedankens realisieren lassen. Die Rüstungsindustrie brauchte nicht lange, um ihre wirkungsvollsten Fürsprecher zu erkennen; Winston Churchill entwickelte plötzlich »internationalistischen« Enthusiasmus und sah die Armeen begeisterter VB-Anhänger für das Kollektivsicherheitsideal schon ins Schlachtfeld ziehen[19].

Später las man es ganz anders: da wurde dann behauptet, der Peace Ballot habe Pazifismus, Defätismus und Kapitulationsbereitschaft signalisiert. Ohne Churchills Lesart uneingeschränkt folgen zu wollen, läßt sich doch konstatieren, daß der Peace Ballot ein Zeichen dafür gesetzt hat, wie die breiten, politisch uninformierten Massen für bestimmte Ziele mobilisiert und - mit etwas Geschick - in eine bestimmte Richtung dirigiert werden konnten. Diese Richtung hieß für Lord Cecil und alle, die den Peace Ballot initiiert hatten: Kollektivsicherheit und Verteidigung der internationalen Rechtsordnung im Rahmen des Völkerbundes, nötigenfalls durch einen Militärpakt aller friedliebenden Völker (Churchills »Grand Alliance of overwhelming strength«) und nötigenfalls auch mit der Waffe in der Hand.

Arm in Arm mit Moskau

Der VB-Beitritt der Sowjetunion 1934 gab dieser Bewegung großen Auftrieb, konnte man doch künftig auch mit dem Millionenheer der Roten Armee als VB-Truppe rechnen, was wiederum eine Gut und Blut schonende Konzentration auf die eigene Luftrüstung ermöglichte. Dies war der Ausgangspunkt für die Partnerschaft der VB-Bewegung mit der kommunistisch gesteuerten Weltfriedensbewegung. Ihre große Zeit waren die Jahre 1936 bis 1938. Unter dem Eindruck der »faschistischen Aggression in Spanien« vollzog sich die zeitweilige Verschmelzung von Antifaschismus und Kollektivsicherheitsidealismus.

Obwohl die League of Nations Union in Presse, Parlament und politischen Parteien stark repräsentiert und -wie das Schicksal des Hoare-Laval-Abkommens 1935 beweist[20] - zur dominierenden außenpolitischen Denkschule geworden war, verlor sie als Völkerbunds-Bewegung in dem Maße an Anziehungs- und Überzeugungskraft, in dem sich der unaufhaltsame Niedergang der Genfer Liga bis zur völligen Bedeutungslosigkeit (1938) abzeichnete. Diese Entwicklung war nach dem Abessinien-Debakel vorauszusehen gewesen. Lord Cecil, der Gewerkschafts-Präsident Sir Walter Citrine und der Staatssekretär im britischen Außenamt, Sir Robert Vansittart, einigten sich daher schon im März 1936 auf die Bildung einer neuen Organisation, die im Öffentlichen Bewußtsein nicht mehr mit dem Namen der unglückseligen Liga verknüpft sein sollte[21]. Ihre Aufgabe war es, als politisch-weltanschaulich neutrale Koordinierungszentrale einen außenpolitischen Aufklärungsfeldzug zu starten, der die britische Öffentlichkeit von der Dringlichkeit der eigenen Aufrüstung ebenso wie von der Notwendigkeit einer Frontstellung gegen Hitler-Deutschland überzeugen sollte.

Pazifismus entwaffnet

Als Losung für den neugeschaffenen Anti-Nazi Council (Focus) wurde nach gründlichem Überlegen »For the defence of freedom and peace!« gewählt; das war - nach den Intentionen der Gründerväter - kein Junktim mehr, das war die klare Kampfansage gegen den Pazifismus und seinen moralischen Anspruch, der die Einheit der Nation zu sprengen drohte. Mit der Durchdringung aller politischen Parteien, der Gewerkschaften und Genossenschaften, politischer und kultureller Verbände und Vereinigungen jeglicher Couleur hat das »offizielle« England 1937/38 den heimischen Pazifismus niedergerungen und entwaffnet. Die Anglikanische Hochkirche, die Methodisten und die anderen Freikirchen, auch Kardinal Hinsley und der Chief Rabbi Dr. Hertz entzogen dem Pazifismus in Öffentlichen Erklärungen und Beschlüssen schon 1937 jeden moralischen Rückhalt; Gewerkschaften, Liberale und Labour Party drängten die letzten Pazifisten aus ihren Reihen; die LNU selbst unterzog sich einem Säuberungsprozeß, der zum Bruch mit dem eigenen Sekretär (Dr. Maxwell Garnett) und einer ihrer integersten Persönlichkeiten, Lord Allen of Hurtwood, führte und das eigene Verbandsorgan schließlich von der Union löste, um es der ANC-Führungsgruppe unmittelbar zu unterstellen.

Drei Friedensnobelpreisträger haben wesentlich dazu beigetragen, den britischen Pazifismus als politisch-moralische Kraft zu eliminieren: Lord Celil of Chelwood, Sir Norman Angell und Philipp Noel-Baker. Ihr unleugbarer Idealismus schirmte jene ab, denen man eher Kriegslust als Friedenswillen zu unterstellen geneigt war: einen Winston Churchill etwa oder einen Hugh Dalton, einen Ernest Bevin oder einen Henry Wickham Steed. An Geldern herrschte kein Mangel, sie flossen reichlich, und nicht nur aus offiziellen Kanälen des Foreign Office, des TUC und der LNU. Zu einer Einschätzung der Freedom and Peace Bewegung ist dieser Gesichtspunkt von höchster Relevanz, denn wer sich mit Millionenbeträgen von der Rüstungsindustrie und dem Jewish Defence Fund speisen ließ, stand unter Erfolgszwang, für ihn gab es keinen Weg zurück, sondern nur das, was die spätere Labour-Ministerin Ellen Wilkinson im September 1938 so formuliert hat: »We are asking for a peace that shall be a real peace, a peace whereby we may be freed from the constant menace of the bawling Fascist Dictators.«[22] - »Wir wollen einen Frieden, der ein richtiger Friede sein soll, ein Frieden, der uns von der ständigen Bedrohung durch die schreienden faschistischen Diktatoren befreit. «


Anmerkungen

  1. Siehe z. B. Wolfgang Benz und Hermann Graml: Vorbemerkung, in: Sommer 1939. Die Großmächte und der Europäische Krieg (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), Stuttgart 1979, S. 7-13
  2. Lothar Kettenacker: Zur britischen Appeasernent-Politik (in: Zeitschrift der Gesellschaft für Kanada-Studien, 1. 1981, S. 129-132)
  3. Charakteristisch z. B. Hans-Adolf Jacobsen: »… die ›Beschwichtigungspolitik‹ der Engländer und Franzosen mit dem Ziel, den Frieden um jeden Preis zu erhalten … « (in ders.: Von der Strategie der Gewalt zur Politik der Friedenssicherung. Düsseldorf 1977, S. 53). Ein geradezu klassisches Beispiel für die mißlungene Rezeption historischer Erkenntnisse durch die Tagespublizistik bietet der Aufsatz von Kurt Klein: Wer aus der Geschichte nichts lernt, muß sie wiederholen - Warum man die Pazifisten von heute mit den Friedenspolitikern der 30iger Jahre vergleichen kann, in: Die Welt, 27. 11. 1981
  4. Vgl. dazu jetzt vor allem Gustav Schmidt: England in der Krise - Grundzüge und Grundlagen der britischen Appeasement-Politik (1930-1937), Opladen 1981
  5. Vgl. D. Aigner: Das Ringen um England, München 1969, S. 243-252
  6. Hierzu und zum Nachfolgenden s. insbes. Martin Ceadel: Pacifism in Britain, 1914-1945, Oxford 1980; Jo Vellacott: Bertrand Russell and the Pacifists in the First World War, Brighton 1980; Michael Pugh: Pacifism and Politics in Britain 1931-1935 (in: The Historical Journal 23. 1980, S. 641-656); David C. Lukowitz: British Pacifists and Appeasement - The Peace Pledge Union (in: Journal of Contemporary History, 9. 1974, S. 115-127)
  7. Arthur Ponsonby: Falsehood in Wartime, London 1928 (deutsche Ausgabe Berlin 1930)
  8. z. B. Alfred M. Bingham: War Mongering on the Left - Is a Second ›War to Make the World Safe for Democracy‹ Being Prepared? (in: Common Sense, May 1937, S. 8-10). Ein wichtiges Zeugnis aus Frankreich sind die Veröffentlichungen des Comité de Vigilance des Intellectuels Antifascistes, in denen bis Frühjahr 1939 immer wieder Stellung bezogen wird gegen den »bellicisme« jener, die den Faschismus nur als äußere Bedrohung sehen wollten und daher auch zum Paktieren mit den reaktionärsten und chauvinistischsten Elementen des eigenen Landes bereit waren.
  9. Vgl. hierzu etwa den Kommentar zu Earl Browders Rede vor dem KP-Wahlparteitag 1940 in: New Masses, 11. 6. 1940, S. 4. Eine ganzseitige Karikatur in derselben KP-Zeitschrift zeigt den Friedensengel hinter dem Stacheldraht eines »U. S. Concentration Camp«, vor dem Franklin Roosevelt schwerbewaffnet Wache schiebt. (New Masses, 18. 6. 1940)
  10. Dazu Babette Gross: Willi Münzenberg, Stuttgart 1967, S. 235-240 (»Aufmarsch der Friedenskämpfer«)
  11. Martin Ceadel: King and Country - that ill-starred resolution (in: The Listener, 16. 2. 1978, S. 196-198)
  12. Hierzu u. a. Albert Norden: Ereignisse und Erlebtes, Berlin-Ost 1981, S. 171-190
  13. B. Gross aaO, S. 296-298 (Rassemblement Universel pour la Paix/International Peace Campaign)
  14. Zurn Generalsekretär des R.U.P., Louis Dolivet, s. außer Gross aaO auch David J. Dallin: Soviet Espionage, New Haven 1955, S. 310-314
  15. Allg. zur sowjetmarxistischen Einschätzung des Pazifismus als »bürgerlicher politischer Ideologie«: Wolfgang Scheler und Gottfried Kießling: Gerechte und ungerechte Kriege in unserer Zeit, Berlin-Ost 1981; ferner Stichwort »Pazifismus« in: Kleines politisches Wörterbuch, Berlin-Ost 1973 S. 646
  16. Lothar Kettenacker: Die Diplomatie der Ohnmacht - Die gescheiterte Friedensstrategie der britischen Regierung vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, in: Sommer 1939 (wie Anm. 1), S. 223-279
  17. Simon Hoggart zu den Lebenserinnerungen des früheren Labour-Handelsministers Douglas Jay, in: Guardian Weekly, 22. 6. 1980
  18. Hierzu alig. Donald S. Birn: The League of Nations Union, 1918-1945. Oxford 1981; J. A. Thompson: Lord Cecil and the Pacifists in the LNU (in: Historical Journal, 20. 1977 S. 949-959)
  19. Winston S. Churchill: The Gathering Storm, London 1948, S. 170 und 175 (»Lord Cecil and other leaders of the League of Nations Union were … willing, and indeed resolved, to go to war in a righteous cause … Here were principles in obedience to which lifelong humanitarians were ready to die, and if to die, also to kill«)
  20. Donald S. Birn: The League of Nations Union and Collective Security (in: Journal of Contemporary History, 9. 1974, S. 131-159)
  21. Martin Gilbert: Winston S. Churchill, Vol. 5 (1922-1939), London 1976, S. XX/XXI und 724-726. Zum nachfolgenden vgl. D, Aigner (wie Amn. 6) und ders.: On Producing ›Chaff‹-Materials for an Inquiry (als Manuskript gedruckt, 2. Aufl. Mannheim 1980)
  22. Zitiert nach News Chronicle (London), 19. 9. 1938. Ganz ähnlich ist das Glückwunschschreiben gehalten, das der ANC-Sekretär A. H. Richards am 4. 9. 1939 an Winston Churchill richtete: »Today, plain ordinary people everywhere … will look to you to lead us into the paths of peace - to banish from the earth this evil Nazism - which shall be Peace indeed.« (Martin Gilbert: Winston S. Churchill. Vol. V, Companion Volume, Part 3, S. 1619. London 1982)

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(2) (1983), S. 1-8

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