Jalta und die Zerschlagung Europas

Zum 40. Jahrestag der Katastrophe unseres Jahrhunderts

Dr. Karl-Otto Braun

»Freiheit ist, das zu sagen, was die Leute nicht hören wollen«, schrieb George Orwell in »1984«. Das gilt insbesondere für das heute meist verdrängte oder manchmal sogar als für sie nicht mehr beeinflußbar hingestellte Tun der Westalliierten in Jalta: Ost- und Teile Mitteleuropas der kommunistischen Unfreiheit auszuliefern, Mitteleuropa zu zerschlagen, ganz Europa politisch zu entmachten. Jalta legte die Grundlage für das Superversailles von Potsdam.


Die Römer sahen in der karthagischen Seemacht ihren ärgsten Feind. In drei Punischen Kriegen, die 43 Jahre insgesamt dauerten, wurde sie - nach zähem Widerstand, niedergerungen. Im ersten Krieg mußte Karthago Sizilien abtreten und obendrein 3200 Talente zahlen. Im zweiten beliefen sich die Reparationen schon auf 10000 Talente, und Karthago durfte nur 10 Kriegsschiffe behalten. Alle Elefanten - die antiken Tigerpanzer - mußten ausgeliefert werden. Zuletzt fielen auch Frauen und Kinder bei der Verteidigung ihrer Hauptstadt. Nur eines hatten die harten Römer den Karthagern nie zugemutet, daß sie ihre Niederlage auch noch feiern sollten. Solche perverse Verstiegenheit blieb dem angeblich »aufgeklärten« 20. Jahrhundert vorbehalten. »Advance to Barbarism« betitelte F. J. P. Veale 1953 sein revisionistisches Werk über F. D. Roosevelts Krieg. Mit Recht hat ein anderer amerikanischer Historiker vom »Blinden Jahrhundert« gesprochen. Defaitismus und Nürnberger Gehirnwäsche durch die Massenmedien feiern Urständ.

Ein einsamer Lichtstrahl schien in Bonn auf, als Alfred Dregger erklärte: »Jalta war für Deutschland und Europa eine Katastrophe, vielleicht die größte seiner Geschichte. Katastrophen feiert man nicht.« Unserem Jahrhundert mangelt es aber nicht nur an Klarsicht, sondern tiefgehend an Wahrhaftigkeit. »Lebt nicht mit der Lüge«, rief 1974 Solschenizyn seinen russischen Landsleuten in einer Moskauer Schrift zu[1]. Angelsächsische Scheinheiligkeit - »cant« genannt - vereinbarte den Ruf »to make the world safe for democracy« und die »Freiheitsproklamation« der »Atlantic Charter« mit der Auslieferung halb Europas an eine Gewaltdiktatur erster Ordnung. »Katastrophe«, sagt Dregger, er hat recht!

Schon diese Beispiele zeigen, daß die vielzitierte »Vergangenheitsbewältigung« nicht auf der deutschen, nationalen Ebene allein verbleiben kann. Am meisten haben die Vereinigten Staaten und die Sowjets allen Anlaß, ihre Jalta-Vergangenheit zu bewältigen. Der Tod des Majors Arthur Nicholson ist ein tragisches Beispiel unhaltbarer Zustände!

Ebenso - vielzitiert ist - im Deutschland von hüben und drüben - das gefährliche Wort: »Vorn deutschen Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. « Auch Honecker hat es verwendet! Ihm liegt doch stillschweigend die Anklage zugrunde: »Immer diese rauflustigen Deutschen.« Hier wird bewußt gegen die Grundregel der Geschichtswissenschaft verstoßen, die Ursache immer säuberlich von der Wirkung zu trennen.

Zunächst müssen die Deutschen beide Weltkriege als einen Feldzug gegen das von Bismarck 1871 geschaffene Reich begreifen, der 31 Jahre von 1914 bis 1945 dauerte. Das geopolitische Ziel war die Verhinderung einer Europa beherrschenden Landmacht in seiner Mitte. Persönlichkeiten, wie Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler, spielen dabei eine durchaus untergeordnete Rolle. Propagandistisch wurden sie aber aufgebläht, weil die auf Haß zu trimmenden Masseninstinkte der Personifizierung bedürfen. Vorbild dieser Haßpropaganda, die Deutschland nie verstand, wurde der aus Irland stammende Pressezar Lord Northcliffe, seit 1908 auch Besitzer der Londoner »Times«. Jahre vor 1914 leitete er planmäßig die Stimmungsmache gegen das Deutsche Kaiserreich ein. Kriege gehen oft nicht von irgendeinem Boden aus, sondern werden in den Zeitungsredaktionen mit Tinte vorbereitet. Hier spielen »Schreibtischtäter« die entscheidende Rolle.

Am 9. Februar 1871 beschrieb der damalige britische Oppositionsführer Benjamin Disraeli den Charakter des deutsch-französischen Krieges als »deutsche Revolution«, als »ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution« ... die Folgen seien kaum vorhersehbar ... neue unbekannte Gefahren drohten, die »Balance of Power« Lord Palmerstons (auch ein engagierter Deutschenfeind) sei gänzlich zerstört. England leide am meisten darunter!

Dieses Bekenntnis Disraelis wurde von Sir Eyre Crowe, einem führenden Beamten des britischen Außenamtes, zur Doktrin erhoben. Sie besagte: England muß sich stets mit der zweitstärksten europäischen Macht, jetzt also Frankreich, gegen die stärkste, jetzt das Reich, verbünden[2]. Fünf Jahre nach Crowes Tod folgte auf ihn 1930 Sir Robert Vansittart als ständiger Unterstaatssekretär im Außenamt. Er überlebte fünf Außenminister und hielt eisern an Crowes Antigermanismus fest. In einer 1940 verfaßten Schrift »The Nature of the Beast«, sagte er von den Deutschen, sie hätten eine räuberische Wolfsnatur, die sich nicht ändere. 75 Prozent von ihnen seien böse, wobei er den Balken eines zusammengerafften Weltreichs im eigenen Auge geflissentlich übersah. Die beiden englischen Kriegserklärungen an das Reich wurden an den »Alibinägeln« Belgien und Polen aufgehängt. Ihre Absender waren Sir Edward Grey 1914 und Lord Halifax 1939, Blutsverwandte, so wie der in Versailles geborene Zweite Weltkrieg der Sohn des Ersten war. Der Unterschied liegt nur darin, daß England den Ersten Weltkrieg bis etwa 1916 noch aus eigener finanzieller Kraft führen konnte, während es den Zweiten Weltkrieg schon als Schuldner der London überflügelnden Vereinigten Staaten begann: Seit dem 31. März 1941, als Roosevelts Pacht- und Leihgesetz in Kraft getreten war, mußten die Briten als Söldner fremder Interessen weiterkämpfen. Zur Jalta-Zeit standen sie mit 35 Milliarden Golddollar bei Finanzminister Henry Morgenthau in der Kreide. Churchills Stimme war schwach geworden, weil er die ihm zuletzt im Mai 1941 von Rudolf Hess gebotene Friedenshand zurückweisen mußte.

Der Geist von Jalta

Ort und Zeit der Jalta-Konferenz wurden von Stalin bestimmt. Roosevelt regte bei ihm erfolgreich an, die Presse auszuschließen. Churchill hatte im November 1944 Jerusalem als Tagungsort vorgeschlagen. Stalin blieb hart. Durch Hitlers Ardennenoffensive um die Jahreswende hatten die Amerikaner einen Rückschlag erlitten. Im Februar 1945 waren sie ebensoweit von Berlin entfernt wie im September 1944! Dagegen fegte die Rote Armee im Januar durch Polen. Malinowski war 80 Meilen vor Wien, Konew 120 Meilen vor Prag und Schukow 45 Meilen vor Berlin! Zudem überschätzte der maßgebende US-General George C. Marshall die japanische Widerstandskraft und fühlte sich um so mehr auf ein Eingreifen Stalins nach dem Sieg über Deutschland angewiesen. Stalin nützte daher seine überlegene Stellung. Sie war um so stärker, als er in die amerikanische Delegation einen »Vertrauensmann« eingeschleust hatte: Ministerialdirektor im amerikanischen Außenamt, Alger Hiss[3]. Seiner »stillen Mitwirkung« verdankte er es, daß die Sowjetunion in der geplanten Weltorganisation mit der Ukraine und Weißrußland drei Stimmen bekam. Gromyko, damals Sowjetbotschafter in Washington, hatte ursprünglich für alle 16 Sowjetrepubliken Sitze in der UNO gefordert. Außenminister Stettinius und dem Briten Cadogan hatte es die Stimme verschlagen. Alger Hiss war nicht der einzige Kommunist im »State Department«. Vor allem Mao Tse-tung hatte einflußreiche Helfer dort, ohne die er nie die Macht errungen hätte.

Der Geist, der Jalta beherrschte, zeigte sich in der ersten Besprechung, die Roosevelt mit Stalin führte: »Der Präsident sagte, er sei sehr von dem Ausmaß der Zerstörung betroffen gewesen, die von den Deutschen auf der Krim angerichtet worden wäre. Ihnen gegenüber sei er daher blutdürstiger als noch vor einem Jahr. Daher hoffe er, daß Stalin (wie schon in Teheran 1943) wiederum einen ›Toast‹ auf die Hinrichtung von 50000 Offizieren der Deutschen Armee ausbringen möge.«[4] Marschall Stalin erwiderte, daß jeder heute blutdürstiger sei als im Jahr zuvor. Er schilderte die Zerstörung der Ukraine als noch viel schlimmer und nannte die Deutschen »Wilde« (savages), die aus sadistischem Haß die aufbauende Arbeit der Menschen verachteten. Damit hatte sich Roosevelt auf die gleiche Stufe mit Stalin gestellt, der in Katyn und andernorts über 10000 besiegte polnische Offiziere durch Genickschuß hatte töten lassen. Bedenkenlos verriet der amerikanische Präsident die Ideale eines George Washington und Benjamin Franklin zugunsten eines Dschingis-Khan. Dieser geistige Verrat hatte schwerwiegende Folgen für ein freies Amerika, für Europa und die Welt.

Verrat Europas in Jalta

Hauptstreitpunkt in Jalta war die polnische Frage. Dreimal seit Teheran hatte sie Roosevelt angeschnitten und sich dreimal eine Abfuhr geholt. Diesmal hatte der Diktator vorgebaut und sein polnisch-kommunistisches Lublinkomitee anerkannt, was er der polnischen Exilregierung in London stets verweigert hatte. Roosevelt war darüber »tief enttäuscht«[5]. Die Angelsachsen wollten mit den Lublin-Polen an Ort und Stelle über die Hereinnahme von Exilpolen in eine gesamtpolnische Regierung verhandeln. Stalin konnte sie, trotz seiner Machtfülle, telephonisch nicht erreichen. Der Plan scheiterte an ihm[6]. Die »Curzon-Linie« als Ostgrenze Polens war im Prinzip schon in Teheran zugestanden worden. Roosevelt konnte es nur noch nicht offen bekennen, weil er auf seine sieben Millionen Amerikaner polnischer Abstammung in der Wiederwahl 1944 Rücksicht nehmen mußte. Jetzt wurde sie besiegelt. Die Versuche, wenigstens Lemberg für Polen zu retten, scheiterten ebenfalls[7].

Was Deutschland betrifft, so hatte der amerikanische Außenminister seinem Präsidenten bereits am 29. September 1944 vorgeschlagen, »die deutsche wirtschaftliche Vormachtstellung zur Beherrschung Europas für dauernd auszuschalten«. Diese Forderung wurde von Stalin in Jalta in eine Reparationsforderung gekleidet: Zehn Milliarden Dollar an beweglichem Eigentum wurden zum Abtransport beantragt[8], dem zehn weitere Milliarden Dollar in Form von Gütern innerhalb der nächsten zehn Jahre folgen sollten. Schließlich halbierte man diese Summe zwischen den Demokratien und der Diktatur[9].

Die Teilung Deutschlands war auch bereits in Teheran beschlossene Sache, in welche Stücke, blieb offen. Stalin drängte jetzt auf endgültige Festlegung. Churchill war - entsprechend der Sir Eyre Crowe-Maxime - vor allem darauf aus, das Bismarcksche Preußen auszuschalten. Für Süddeutschland mit Wien als Hauptstadt hatte er mehr Sympathien[10]. Die Kommission der Außenminister legte schließlich eine Karte mit den heutigen Zonengrenzen vor, die nur noch keine französische Zone enthielt. An ihr hatte Stalin kein Interesse. Der Westen sollte sie aus seinen Teilgebieten herausschneiden.

Zwei wesentliche Punkte waren,

  1. die deutsche Zwangsarbeit nach dem Kriege in Ost und West mit den Reparationen zu verbinden. Diese Geheimabmachung wurde verspätet erst am 24. März 1947 veröffentlicht. Der Vorschlag dazu stammte von dem Sowjetbotschafter lwan Maisky in London an Botschafter Averell Harriman vom 20. Januar 1945, wobei noch keine bestimmten Zahlen genannt wurden. Allerdings wurde geschrieben, daß es sich um Millionen handeln würde[11];
  2. wurde festgelegt, daß von den Alliierten befreite sowjetische Kriegsgefangene der Deutschen in die Sowjetunion zwangsrepatriiert werden müßten[12]. Dies bedeutete ihren Tod oder ein Dasein zwischen Leben und Tod im »Archipel GULAG«[13].

Die Verschiebung der polnischen Westgrenze nach Deutschland schloß - wie aus den Jalta-Dokumenten hervorgeht - die Massenvertreibung von Deutschen ein, was seinerzeit im Versailler Vertrag noch nicht der Fall war. Dort wurden Grenzen verschoben, nicht Menschen. Churchill erklärte dazu, in der britischen Öffentlichen Meinung würde diese Absicht einen Schock auslösen, obwohl er persönlich keinen Schock empfinden könne. Wenn es sich nur um Ostpreußen handeln würde, so könnte man sechs Millionen Menschen bewältigen (could be handled), aber dazu noch deutsche Flüchtlinge aus den Gebieten Östlich der Neiße würden ein ziemliches Problem schaffen. Stalin erwiderte (entgegen der Wahrheit), die meisten Deutschen seien vor der Roten Armee davongelaufen. Darauf meinte Churchill, das vereinfache das Problem und überdies sei durch die sechs bis sieben Millionen deutscher Kriegstoten »Platz für die Flüchtlinge geschaffen[14].

Wigbert Grabert (Hrsg.)
Jalta - Potsdam
und die Dokumente zur Zerstörung Europas
128 Seiten, kartoniert, DM 16,80

Die wichtigsten Erklärungen, Vereinbarungen und Abkommen der Siegermächte werden in vollem Wortlaut mit kurzer Einleitung aufgeführt: Atlantik-Charta, Kaufman-, Morgenthau-Plan, Bedingungslose Kapitulation, Teheran-, Jalta-, Potsdam-Konferenz, Kapitulations-Urkunden, Berliner und Mondorfer Erklärung, Non-Fraternisation und Direktive JCS 1067, Vertreibung, Auflösung Preußens, Besatzungsstatut, UNO-Feindstaatenklauseln, Bundesverfassungsgerichtsurteile zu Ostdeutschland.

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Hauptanliegen des Generals Marshall war, die Sowjetunion festzulegen, in den Krieg gegen Japan einzutreten. Das wurde durch ein »Top Secret«-Abkommen erreicht, das erst am 11. Februar 1946 veröffentlicht wurde. Der Preis dafür war hoch. Roosevelt mußte das japanische Südsachalin und die Kurilen-lnseln der Sowjetunion versprechen. Weiter bestand Stalin auf dem eisfreien Hafen Dairen, im Süden der japanisch verwalteten Mandschurei. Gerade diese aber hatte Roosevelt in der Konferenz von Kairo 1943 dem chinesischen Staatschef Chiang Kaishek zugesagt. Jetzt verbarg er vor Chiang Kai-shek - auf Stalins Drängen - seine Sinnesänderung. Der englische Außenminister Anthony Eden, von den Geheimverhandlungen ausgeschlossen, riet Churchill, seine Unterschrift zu verweigern. Auch der amerikanische Admiral William Leahy warnte Roosevelt, der erwiderte: »Well Bill, I can't help it.« In der Meinung des ersten amerikanischen Botschafters in Moskau, William C. Bullitt, ist das Dokument das »potentiell unglücklichste«, das je ein amerikanischer Präsident unterzeichnet hat[15].

Erschwerend kommt hinzu, daß nach den Tagebuchnotizen des Lord Moran, Churchills Leibarzt, Roosevelts Gesundheitszustand in Jalta erschreckend war. Mit offenem Mund starrte er zeitweilig auf den Tisch, und man sah, daß er nicht aufnahm, was um ihn geschah. An einem Wendepunkt der Weltgeschichte ließen sich die Vereinigten Staaten durch einen krankenhausreifen Patienten vertreten. Schicksalhaft wiederholte sich das Trauerspiel von Versailles, als im April 1919 Wilson zusammenbrach. Kein Geringerer als Siegmund Freud hat über den damaligen Tiefpunkt des Präsidenten Wilson Zeugnis abgelegt, der auch Lenins so sensationell günstiges Angebot für den Westen in der Schublade liegen ließ. Hier liegt ein schlimmes Versagen vor[16].

In seinen Kriegserinnerungen schreibt der Ozeanflieger Charles Lindbergh: »Um Deutschland und Japan niederzuringen, förderten wir die noch größeren Bedrohungen durch Rußland und China. Sie stehen uns jetzt im Atomzeitalter gegenüber. Polen wurde nicht gerettet. Das britische Weltreich ist leidend in Blutvergießen und Chaos untergegangen. Wirtschaftlich ist England eine zweitrangige Macht geworden. Frankreich hat seine Hauptkolonien verloren. Ein Großteil unserer westlichen Kultur wurde zerstört. Wir verloren das genetische Erbe, das durch Äonen von Millionen Menschen errungen wurde. Inzwischen haben die Sowjets Osteuropa durch einen Eisernen Vorhang amputiert, und eine antagonistische chinesische Regierung bedroht uns in Asien ... Die Welt hat weder eine sichere Demokratie noch die Freiheit errungen. Alarmierend ist, daß dieser Zweite Weltkrieg den Beginn des Zusammenbruchs unserer westlichen Kultur einleiten könnte, sowie er bereits den Zusammenbruch des bisher größten existierenden Weltreichs, das Menschen errichteten, herbeigeführt hat.«[17]

Lindbergh erkennt richtig: Mit Jalta ist die Welt in eine schlimmere Sackgasse geraten, als es Versailles je gewesen ist. Jalta ist nichts anderes als ein brüchiger Waffenstillstand mit Mauer, Stacheldraht, Minen und Mißtrauen. Roosevelt glaubte, seine »Christian soldiers« 1947 nach Hause zu bringen. Inzwischen stehen die Enkel vor demselben Eisernen Vorhang, den Stalin vor der Nase ihrer Großväter herunterrasseln ließ. Hier gibt es nur eines: Radikale Umkehr! Der Waffenstillstand muß durch einen Friedensvertrag in Europa ersetzt werden. Das würde bedeuten: Rückzug aller Truppen der ehemals Alliierten von deutschem Boden in Ost und West, Auflösung der NATO und des Warschauer Pakts. Schaffung eines von den Supermächten und der UNO garantierten neutralen deutschen Staates in welchen Grenzen auch immer, der sich an das neutrale Österreich und die Schweiz anlehnt. Großzügige handelspolitische Entschädigung zugunsten Moskaus für den Ausfall des COMECON-Handels mit Ostberlin...

Nur das wäre ehrliche Entspannung, würdig eines Gipfelgespräches. Präsident Reagan ist aufgerufen! Besser so, als den Krieg in die Sterne zu tragen!

Irrationale Deutsche halten Händchen und rufen nach Frieden. So nicht! Statt dessen sollten deutsche Politiker den Ruf nach einem Friedensvertrag zu ihrem Ceterum censeo erheben.


Anmerkungen

  1. Verlag Luchterhand, Darmstadt 1974.
  2. 1. Januar 1907: »Memo on the Present State of the British relations with France and Germany.«
  3. The Earl Jowitt: »The Strange Case of Alger Hiss«, London 1953.
  4. Bei Stalins Vorschlag in Teheran sprang Churchill erregt auf: »Niemals ohne Gerichtsverfahren.« Die gespannte Atmosphäre wollte Roosevelt mit dem »Scherz« auflockern, es würden auch 49500 genügen.
  5. Foreign Relations of the United States: »The Conferences at Malta and Yalta«, Washington 1955, S. 224.
  6. AaO, S. 711; die »Curzon-Linie« wurde am 11. 7. 1920 in Spa vorgeschlagen, aber wegen Pilzudskis Sieg nicht verwirklicht. Sie verlief von Dünaburg, Wilna, Grodno, Brest und längs des Bugs nach Przemysl und weiter nach Süden.
  7. For. Rel. S. 669.
  8. For. Rel. S. 702.
  9. For. Rel. S. 809.
  10. For. Rel. S. 613.
  11. For. Rel. S. 177.
  12. For. Rel. S. 694.
  13. Nikolai Tolstoy: »Die Verratenen von Jalta«. Die Schuld der Alliierten vor der Geschichte, Wilhelm Heyne Verlag, München 1977.
  14. Jürgen Thorwald: »Die große Flucht«, Droemer Knaur, München 1979.
  15. William H. Chamberlin: »The Munich called Yalta«, D. C. Heath & Co. Boston 1955, S. 51.
  16. Siegmund Freud and W. C. Bullitt: »Thomas W. Wilson, A Psychological Study«, London 1967.
  17. »The Wartime Journals of Charles A. Lindbergh«, Harcourt Bracc Jovanovich Inc. New York 1970, Introduction S. XIII.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(2) (1985), S. 10ff.

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