Stalins Krieg

Über eine neue Sicht des Ostkrieges

Dr. Karl Otto Braun

Daß Stalin der große Gewinner des Zweiten Weltkrieges wurde, ist längst Binsenweisheit. Daß und wie Stalin den Zweiten Weltkrieg mit provozierte und damit eine von Lenin begründete Langzeitstrategie fortsetzte, ist Inhalt eines aufsehenerregenden Buches des Grazer Soziologen Professor Dr. Ernst Topisch: »Stalins Krieg. Die sowjetische Langzeitstrategie gegen den Westen als rationale Machtpolitik« (Günter Olzog Verlag, München 1985, 160 Seiten, DM 22,-). Damit wird der Geschichte dieses Krieges eine ganz neue Blickrichtung gegeben, und andere Beurteilungen als bisher üblich werden notwendig. Gerade von einer zeitgeschichtlichen Studienreise in die USA zurückgekehrt, hat unser Mitarbeiter dieses Buch und das Umfeld beleuchtet, in das es neues Licht bringt.


Wenn wir das Weltgeschehen auf eine Bühne stellen, so sehen wir die Szene des Zweiten Weltkrieges von vier Hauptdarstellern beherrscht: Roosevelt, Stalin, Churchill und Hitler. Der Beleuchter dieser Szene mußte im Auftrag der Sieger und »Richter« von Nürnberg sein Scheinwerferlicht 40 Jahre lang auf Adolf Hitler, seine SS und seine KZs einstellen. Die Untaten der Gegner, vor allem der Massenmord Stalins an seinen eigenen Kulaken, den Ukrainern, an den Polen, den zionistischen Juden und anderen blieben im Schatten. Deutschen war es überhaupt verboten, historische Vergleiche zu ziehen. Sie fielen unter das Tabu-Schlagwort: »Aufrechnen.«

Die Historiker, die an dem Scheinwerfer dieser Weltkriegsszene drehen, nennt man Revisionisten. Die verprügelten, zitternden Deutschen wagten es nicht. So begannen ironischerweise die Amerikaner zuerst, das Licht auf ihren eigenen, viermal gewählten Franklin Delano Roosevelt zu richten. Je mehr Geheimdokumente im Laufe der Jahrzehnte freigegeben wurden, um so klarer erhellte sich, daß das amerikanische Volk auf einen betrügerischen Anhänger des Gottes Mars hereingefallen war. »Er log uns in den Krieg«, sagte eine angesehene amerikanische Publizistin. »He was the greatest liar who ever sat in the White House«, meinte Roosevelts größter innenpolitischer Gegner, Hamilton Fish, 1983 zum Rezensenten. (Hamilton Fish: »Der Zerbrochene Mythos, F. D. Roosevelts Kriegspolitik 1933-1945.« GrabertVerlag, Tübingen 1982.) Der Hereinfall des deutschen Volkes mit seinem »Führer« war also keineswegs einmalig.

Abgesehen von totgeschwiegenen Vorläufern, wie zum Beispiel Sündermann und v. Richthofen, haben -nach 40jähriger Schockwirkung - auch deutsche Historiker an dem Scheinwerfer der Geschichte zu drehen gewagt, so Dirk Bavendamm mit seinem tiefschürfenden Werk »Roosevelts Weg in den Krieg« (Herbig, München 1983). Seine Beleuchtung des zum Kriege treibenden Roosevelt bestätigte voll die Ergebnisse amerikanischer Forscher wie Beard, Barnes, Chamberlin, Tansill, Hoggan, Martin und anderer.

Ernst Topitsch richtet den Scheinwerfer auf Stalin und erkennt: »Dabei ergeben sich wichtige Verschiebungen der Perspektive. Hitler und das nationalsozialistische Deutschland büßen ihre zentrale Stellung ein und werden zu beinahe episodenhaften Erscheinungen, ja fast zu Schachfiguren im Rahmen einer schon von Lenin entworfenen Langzeitstrategie zur Unterwerfung der ›kapitalistischen Welt‹«. Stalin, »der dämonische Georgier«, hielt sich streng an Lenins Konzept und erhob so Rußland zu einer Supermacht. Topitsch schreibt: »Mit steigendem zeitlichen Abstand wird aber immer deutlicher, daß Stalin nicht nur wie Iwan der Schreckliche oder Peter der Große zu den hervorragenden Gestalten der russischen Geschichte, sondern auch zu denen der Weltgeschichte zählt« (S. 7).

Hitlers berechtigter Kampf gegen das Versailler Diktat führte - im Wettbewerb gleichzeitiger Verhandlungen Moskaus mit London und Paris - in der Polenfrage letztlich zum Ribbentrop-Molotow-Pakt und damit zum unvermeidlichen Vormarsch Stalins nach Osteuropa, ins Baltenland und nach Bessarabien. Der Tribut, den Hitler an Stalin entrichten mußte, war für die zukünftige Gestaltung der Welt schicksalhaft. Doch begnügte sich Stalin mit diesem respektablen Landgewinn seines Imperiums keineswegs. Er überfiel zunächst Finnland, das ihm dazu keinerlei Anlaß gegeben hatte. Dann ließ er im November 1940 in Berlin durch seinen Außenminister Molotow unerfüllbare Forderungen stellen, die Deutschland ablehnen mußte, wenn es nicht von vornherein vor Stalin kapitulieren wollte. »Auch ein anderer Staatsführer als Hitler hätte in einer solchen Situation erwogen, den Würgegriff noch rechtzeitig zu sprengen« (S. 97).

Molotow unterstrich damals nicht nur seine weiteren Forderungen an Finnland, sein Interesse an Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien und Griechenland, sondern schnitt auch das Thema der schwedischen Neutralität und Durchfahrten im Sund, bis zum Kattegat und Skagerrak, an (S. 95). Sollte die Türkei sich widersetzen, so wurden gemeinsame militärische und diplomatische Maßnahmen Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion gefordert (S. 96). Dies alles ging weit über alle russischen Wünsche seit Peter dem Großen bis Alexander Iswolski hinaus (S. 98). Topitsch sieht in diesem Vorgehen Molotows etwas »unbeirrbar Logisches«. Er wollte provozieren, er wollte das Odium des Angreifers auf Hitler lenken, um Stalins insgeheim beschlossene Angriffsabsichten zu einem »Vaterländischen Verteidigungskrieg« umfunktionieren zu können.

Für Moskaus Langzeitstrategie war es, nach der Ausschaltung Frankreichs 1940, unumgänglich, das Deutsche Reich als letztes Bollwerk gegen sowjetische Herrschaft über Europa zu vernichten. Roosevelts Wiederwahl am 5. Oktober 1940 bot Stalin »grünes Licht« für seinen verschärften, antideutschen Kurs. Im Hintergrund verbarg er die Absicht, auch dadurch die Vereinigten Staaten aus Europa hinauszuwerfen.

Analog dazu strebte Stalin durch seinen Neutralitätspakt mit Japan vom 13. April 1941 an, dieses Land zu einem Krieg gegen Amerika zu verleiten, wie ihm dies mit Deutschland gegen Polen erfolgreich gelungen war (S. 105/106). Sowohl die Polen wie Roosevelt verhielten sich entsprechend provokativ. Der Kreml stärkte dadurch seine Stellung in Sibirien und gegenüber China. Er bereitete es für die kommunistische Machtübernahme vor, obwohl er offiziell an Tschiang Kai-shek festhielt. Für diese trickreiche Wendung half ihm nicht nur »amerikanische Kurzsichtigkeit«, wie Topitsch meint, sondern auch die Arbeit sowjetischer Einflußagenten in den Washingtoner Entscheidungsgremien und massiv im »Institute of Paeifie Relations«. Der lang verhüllte Kampf Stalins gegen seine angelsächsischen Bundesgenossen gehört zum Hauptthema des Buches.

Durch den zunächst erfolgreichen Angriff Deutschlands im Sommer 1941 erwiesen sich Stalins weitgeplante militärische Vorbereitungen als Fehlschlag. Er hatte seine Angriffsdivisionen zu weit nach Westen massiert, weil er ihnen eine weit größere Defensivkraft zutraute, als sie im Ernstfall zeigten. »Die maßgebenden angelsächsisehen Politiker erkannten aber nicht, daß sie sich jetzt genau in jener günstigen Situation befanden, welche Stalin für sich vorgesehen hatte … Dazu wäre gar kein ›Wechsel der Allianzen‹ notwendig gewesen, nur eine entsprechende Dosierung der Hilfe für die Sowjetunion und der Kriegshandlungen gegen Deutschland« (S. 134). Topitsch schreibt richtig, daß damit Amerika und England die ihnen in den Schoß gefallene »Weltschiedsrichterrolle« aus der Hand gegeben hätten. Ost- und Mitteleuropa hätten also keineswegs sowjetisch werden müssen.

Auf der vorletzten Seite seines Buches spricht der Autor von dem »im freimaurerischen Internationalismus befangenen Roosevelt«. Damit greift er in die Konspiration hinter den Kulissen. Solch ein Buch, das entscheidende für die ganze historische Wahrheit, muß aber noch geschrieben werden, wenn es jemals Menschen beweiskräftig schreiben können.

Kritisch anzumerken ist noch, daß der Verfasser sich mehrfach auf H. Rauschnings »Gespräche mit Hitler« beruft. Dieses Buch ist bereits von einem Schweizer Historiker vor der »Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt« als eine Zusammenstellung verfälschender Erzählungen aufgedeckt worden.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(3) (1985), S. 19f.

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