Zum Fall Richard Sorge

Neue Literatur und persönliches Erleben

Dr. Karl Otto Braun

Dr. Richard Sorge wirkte von 1933 bis 1941 als Stalins »Meisterspion« in Tokio. Er übermittelte nicht nur den Termin des deutschen Angriffs auf Rußland, sondern auch den japanischen Beschluß, Rußland nicht anzugreifen, so daß Stalin seine sibirischen Divisionen gegen die bis kurz vor Moskau vorgedrungenen deutschen Truppen Ende 1941 als letzte Reserven einsetzen konnte. Sorges Agententätigkeit wird in dem Buch »Target Tokyo - The Story of the Sorge Spy Ring« von Gordon W. Prange sowie Donald Goldstein und Katherine Dillon (New York, Tokyo 1984) ausführlich dargelegt. Unser Mitarbeiter berichtet darüber und von seinem eigenen Erleben der Betreffenden in seiner Tokioer Zeit als Kulturattaché.


Diese Geschichte des Spionage-Rings von Dr. Richard Sorge, der im Auftrag der Roten Armee in Tokio von 1933 - 1941 als Agent arbeitete, ist die bisher umfangreichste Studie über diesen bedeutenden Spionagefall des Zweiten Weltkriegs. Das bisher wissenschaftlich anspruchvollste Buch war das von F. W. Deakin, einem Cambridger Historiker, und seinem Landsmann G. R. Storry, einem Japanologen: »The case of Richard Sorge«, New York, Harper & Row 1966.

Sowohl der Amerikaner Prange wie die beiden Briten haben am Ort des Geschehens recherchiert, wobei das Material, das Prange erarbeitet hat, umfangreicher ist. Prange war der Quellensuche so ergeben, daß er darüber starb und seinen Schülern die Auswertung überlassen mußte.

Das war auch bei seinem Buch über Pearl Harbor der Fall, das unter dem etwas sensationellen Titel »At dawn we slept» erschien, denn gerade in diesem Fall wußte die oberste amerikanische Führung genau, was passieren würde. Sie hat keinesfalls geschlafen, sondern verbrecherisch gehandelt. Im Fall des Pearl Harbor-Buches müssen wir leider eine gewisse Voreingenommenheit der überlebenden Herausgeber feststellen, was unsere Einstellung zur Berichterstattung über Sorge natürlich kritisch beeinflußt. Goldstein und Dillon bestritten nämlich, daß das gesamte Pearl Harbor-Material bis zum 1. Mai 1983 nichts Gegenteiliges ergeben hätte, was die revisionistischen Thesen stützen würde, nach denen F. D. Roosevelt vom japanischen Angriff vorher informiert war. Dabei übergingen sie das am 11. März 1980 freigegebene Ralph T. Briggsche Schlüsseldokument »SRH 051« der National Archives mit Schweigen, wonach die inoffizielle japanische Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten vom 3. Dezember 1941 empfangen wurde und in Form einer getarnten »Windwarnung« an alle Washingtoner Befehlsstellen weitergeleitet worden ist. Bekanntlich war der japanische Code seit Sommer 1940 entziffert worden.

Ich hatte die Deutsche Botschaft in Tokio als Kurier im Januar 1938 unter Botschafter v. Dirksen besucht und war ihr seit Juli 1938 als Kulturattaché unter Botschafter Ott zugeteilt. An einem Sonntag im September 1938 mußte ich ein langes Telegramm, als Geheime Reichssache bezeichnet, zu Botschafter Ott im Haupthaus bringen, das von der Kanzlei durch einen Garten getrennt war. Es war halb zehn Uhr abends. Der Botschafter saß mit Sorge unter einer Stehlampe und spielte Schach. Nachdem er die Sprachregelung wegen der Sudetenkrise sorgfältig gelesen hatte, schlug ich vor, das Dokument in den Panzerschrank der Kanzlei zurückzubringen. Ott bat mich aber, das Telegramm behalten zu dürfen, und verwies auf das Panzerfach in der Wand seines Arbeitszimmers im Erdgeschoß. Ich verließ den Raum mit dem unguten Gefühl, daß der Botschafter die Geheime Reichssache dem nicht vereidigten Journalisten der »Frankfurter Zeitung« zeigen würde. Sorge hatte beim Umblättern versucht, Sätze daraus zu erhaschen.

Heute weiß ich, daß Sorge von seinem »Duz-Freund« Ott alles zu lesen bekam, hat doch der Botschafter, wie angelsächsische Forscher bestätigen, Sorge ganze Telegramme nach Berlin entwerfen lassen. Dies stellt einen schweren Bruch seiner diplomatischen und militärischen Dienstverpflichtung dar. In den morgendlichen Pressebesprechungen wies Ott manchmal auf Sorge hin, indem er zum Beispiel sagte, daß mit einem Kabinettswechsel gerechnet werden müsse. Derartige Prognosen erwiesen sich in der Mehrzahl der Fälle als richtig!

Sorges Werdegang

Gordon W. Prange teilt sein Werk in folgende Abschnitte ein: »Das Schmieden des Spionage-Rings« (Forging the ring), »Der Wendepunkt des Rings« (Turning the ring), »Das Weiterspinnen des Netzes« (Spinning the ring) und schließlich »Das Aufbrechen des Rings« (Breaking the ring).

Sorge war, zunächst aus patriotischen Gründen, aktiver Teilnehmer am Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite. In dessen Verlauf kam er in einem Königsberger Lazarett durch dortige radikale Sozialisten ins marxistische Fahrwasser (S. 10 ff.). Er war 1916 in Baranoviče, in Ostpolen, verwundet worden. Anfang 1918, aus der Armee entlassen, begann er in Kiel und Hamburg politische Wissenschaften zu studieren und bei dem linksorientierten Dr. Kurt Gerlach zu promovieren. 1919 trat er in die frisch gegründete kommunistische Partei ein, 1925 wurde er Mitglied der sowjetischen kommunistischen Partei und sowjetischer Staatsbürger.

1921 hatte er die Frau seines Doktorvaters Christiane Gerlach geheiratet, mit der er 1924 nach Moskau reiste, die ihn aber wegen seiner Trunksucht, wegen seiner Untreue und der Beengung des Überwachungsstaates verließ. 1926 begleitete er sie zur Rückreise nach Deutschland zum Weißrussischen Bahnhof.

Von General Ian Antonovitch Berzin, Begründer der »Vierten Abteilung der Roten Armee« (Spionage) - (später ein Opfer von Stalins »Säuberungen«) - wurde Sorge 1929 über Berlin nach Shanghai geschickt, wo er auch seinen späteren Funker Max Clausen kennenlernte. Shanghai war eine Speerspitze sowjetischer Untergrundaktivität, angeführt von der amerikanischen Kommunistin Agnes Smedley. Sie errang in der Unterwanderung von Washingtoner Ministerien, vor allem des »State Departments« sensationelle Erfolge, die sich für Stalin in Yalta schließlich bestens auszahlten. Die »Rote Agnes« war es auch, die letzten Endes entschied, daß Sorge 1933 von China nach Japan überwechselte. Durch sie lernte Sorge noch in Shanghai den japanischen Journalisten Hotzumi Ozaki kennen, der später in Tokio als Journalist der angesehenen Zeitung »Asahi« seine Hauptquelle für die Internas japanischer Politik werden sollte. (S. 23) Ozakis Ouellen ermöglichten es wiederum, daß Sorge soviel Anklang beim Deutschen Militärattaché und späteren Botschafter Eugen Ott finden konnte.

Spannend schildert Prange den von Moskau gesteuerten Aufbau des Netzes in der japanischen Hauptstadt. Sorge, der für das deutsch-japanische Feld vorgesehen war, benötigte einen Spezialisten zur Auskundschaftung der angelsächsischen Gegenseite. General Berzin hatte hierfür den sprachgewandten, jugoslawischen Kommunisten Branko de Voukelitch, der in Paris arbeitete, ausgewählt. Weil er arbeitslos geworden war, nahm er den Ruf nach Japan an (S. 49 ff.). Getarnt als Journalist für eine Pariser Wochenschrift, erreichte er Japan per Schiff von Marseille über Singapur. Von Los Angeles wurde Sorge eine weitere Hilfskraft, der Marxist Yotoku Miyagi, ein Japaner, angedient (S. 54 ff.). Er mußte sich bei Sorge durch ein Zeitungsinserat im englischsprachigen »Japan Advertiser« melden: »Ukiyoe-Drucke alter Meister werden angekauft«. (S. 60). Diese Tarnanzeige brachte ihn mit Voukelitch zusammen, den Sorge vorgeschickt hatte.

Sorge selbst war als Journalist der »Frankfurter Zeitung« und mit einer Empfehlung des Geopolitikers Professor Karl Haushofer und des Chefs der »Täglichen Rundschau«, Dr. Zeller, zu Eugen Ott gestoßen. Dieser war zunächst als Verbindungsmann der Reichswehr einem japanischen Regiment in Nagoya zugeteilt worden. (S. 40). Oberleutnant Ott war über zehn Jahre Adjutant des Generals Kurt Schleicher gewesen, den Hitler aus Anlaß der Röhmrevolte 1934 erschießen ließ. Als Schleicher-Mann abgestempelt, hatte ihn die Wehrmachtsführung vorsorglich ins ferne Japan abgeschoben, so daß ihn die Revolte des 30. Juni 1934 nicht mehr berührte. Daß Hitler ihn dennoch vier Jahre später zum Botschafter ernannte, hat Ott hauptsächlich seinen guten Analysen über die japanische Innenpolitik zu verdanken, die Sorges Handschrift trugen. Prange macht den Beitrag Sorges zur erfolgreichen Karriere Otts deutlich und hat damit recht.

Hitler mußte sich aber darüber klar sein, daß er einen innenpolitischen Gegner auf einen der wichtigsten Auslandsposten setzte!

Sorges Wirkung

Sorges Mitwirkung in Tokio spielte u. a. eine Rolle: 1. Bei der Entscheidung Deutschlands, das von Japan eroberte Mandschukuo als selbständigen Staat anzuerkennen.(S. 70)

2. Bei einer hervorragenden Analyse der Hintergründe des Aufstandes rechtsextremer japanischer Offiziere am 26. Februar 1936 (S. 117). Sie erschien auch in Professor Haushofers »Zeitschrift für Geopolitik« in der Mainummer 1936 mit R.S. gezeichnet.

3. Bekamen Ott/Sorge von dem von Ribbentrop geheim geplanten Antikomminternpakt Wind, eine besonders wertvolle Information für seine Moskauer Auftraggeber (S. 157). Hierbei wagte sich Sorge weit vor, Ott negativ gegen Ribbentrops Pläne zu beeinflussen. Dies hätte den Botschafter stutzig machen sollen, wenn er nicht selbst gegen die neue Führung mehr als skeptisch eingestellt gewesen wäre.

4. War Sorge über die gescheiterte deutsche Vermittlung zwischen Chinas Tschiang Kai-Schek und Japan im Weinter 1937/38 in allen Details informiert (S. 184 ff .).

5. Fanden Sorges japanische Mitarbeiter Hotzumi Ozaki und Yotoku Miyagi schnell heraus, daß die Kämpfe zwischen Japan und den Sowjets bei Changkufeng im Sommer 1938, wobei die Japaner die russischen Grenztruppen überrannten, nur ein begrenzter Zwischenfall waren. Japan war zu stark in China engagiert (S. 211 ff.).

Dasselbe ereignete sich bei den Grenzkämpfen in Nomohan nahe der Äußeren Mongolei, die Rußlang 1912 annektiert hatte, im Mai 1939. (S. 241 ff.).

In Nomohan errang der spätere Eroberer von Berlin, General Georgi Schukow, dank materieller Überlegenheit einen Sieg. Dies führte schließlich im April 1941 zum sowjetischen Neutralitätspakt, den Stalin 1945 brach. Für diejenigen Kreise der japanischen Armee, die - trotz des Chinakrieges - für eine Militäraktion gegen Ostsibirien eintraten, waren seit der Niederlage von Nomohan die russischen Trauben sauer geworden.

Der Erfolg auch der sorgfältigsten Spionagearbeit hängt entscheidend davon ab, wieweit sie von der obersten Staatsführung geglaubt wird und ihre politische Entscheidung beeinflußt. Dank Sorges Tätigkeit war Moskau über die deutsch-japanischen Beziehungen weit schneller und besser unterrichtet als Washington und London (S. 301). Aber es war das tiefsitzende Mißtrauen Stalins, das Sorges Erfolg zunächst verhinderte (S. 327 und 339 ff.). Die genaueste deutsche Quelle war für Sorge der im Mai 1941 aus Berlin wieder nach Tokio zurückgekehrte Oberstleutnant Friedrich Scholl (nicht v. Schol!), der seinen neuen Posten als MilitärattacM in Thailand antreten sollte. Er gehörte sei langem zu Sorges Trinkkumpanen. Scholl verriet ihm, daß »ab 20. Juni 1941 oder wenige Tage später« Deutschland Rußland überraschend angreifen würde. Sorges Funker Max Clausen sollte diesen hochrangigen deutschen Verrat sofort nach Moskau funken. Das geschah jedoch nur bruchstückweise in entschärfter Form. Clausen zweifelte nämlich schon seit Monaten am Sinn seiner pro-sowjetischen Arbeit und neigte mehr und mehr Hitler zu. Als Folge tunkte er nur mehr 1/3 der Informationen, die er von Sorge erhalten hatte! (S. 340). Als schließlich Ende Mai Moskau zurücktelegraphierte: »Wir bezweifeln die Richtigkeit Ihrer Information«, sprang Sorge erregt auf: »Diese erbärmlichen Wichte, wie können sie nur unsere Botschaften ignorieren. Ich habe genug.« (S. 341). Er wußte ja nicht, daß Moskau nur Bruchstücke erhalten hatte. Sorge war verzweifelt und trank um so mehr. Seine japaniche Freundin Hanako Miyake sah ihn weinen. Als sie nach dem Grund fragte, antwortete er: »I am so lonely.« Hanako warf ein »Du hast doch hier so viele deutsche Freunde«. Darauf Sorge: »Sie sind nicht meine wahren Freunde« (S. 342). Das jahrelange, belastende Doppelspiel ließ ihn damals fast zusammenbrechen.

Nach den großen Anfangserfolgen der deutschen Wehrmacht über die Rote Armee geriet der überzeugte Sowjetbürger Richard Sorge in größte Aufregung. Er fürchtete, die Japaner könnten die einmalige Chance nützen, um von der Mandschurei aus gegen Wladiwostok und Chabarowsk vorzustoßen. Der ganze Ring wurde alarmiert, diese offene Frage zu klären, obwohl zwei Mitglieder, der Funker Clausen und Branco de Voukelitch nur mehr halb bei der Sache waren. Diesmal aber riß sie Sorge mit. Mit Hilfe der Deutschen Botschaft fand er schließlich heraus, daß der in der Mandschurei einflußreiche General Kenji Doihara die Meinung vertrat, man könne wegen der Erdölknappheit nur einen kurzen Krieg gegen die Sowjetunion führen und müsse erst ihren Zerfall unter den deutschen Angriffsschlägen abwarten. Dabei dachte er an Aufstände in Sibirien. Erst, als sein Kumpan Ozaki die deutschen Meldungen bestätigte, durfte Clausen am 14. September 1941 nach Moskau melden: »Es scheint, daß sich Japan entschlossen hat, keinen Krieg gegen Rußland, mindestens in diesem Jahr zu führen« (S. 401). Diesmal bekam Sorge von seinen Vorgesetzten sogar ein lobendes Dankestelegramm. Eine noch verstärkende Bestätigung, daß Sibirien 1941 nicht mehr bedroht würde, erhielt Moskau am 4. Oktober, an Sorges 46. Geburtstag (S. 406). Vierzehn Tage später wurden er und sein Ring von den mißtrauisch gewordenen Japanern verhaftet (S. 447).

Für Deutschland war dies zu spät. Stalin konnte die Hälfte seiner Sibirienarmee, mindestens 250.000 Mann, abziehen. Aus den anrollenden Güterwagen schossen die Sibiriaken am 5. Dezember 1941 gegen die Truppen General Guderians, der Moskau vom Süden umzingeln wollte. Nach vorangegangener Schlamm- und Frostperiode wurde Hitlers Blitzkrieg gegen die UdSSR endgültig abgewürgt. Ein kommunistischer, deutscher Verräter - Freiwilliger des Ersten Weltkriegs - hatte gesiegt!


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(2) (1987), S. 20-23

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