Sechs Männer und der Krieg

Rede des Senators Ernest Lundeen am 11. Juli 1940

Aus dem Englischen von Dr. Karl Otto Braun

Die nachstehende mutige Friedensrede[1] des Senators von Minnesota Ernest Lundeen am 11. Juli 1940 erfolgte im Senat der Vereinigten Staaten in Anwesenheit seines innenpolitischen Gegners, des Präsidenten F. D. Roosevelt. Sie wurde zur Zeit ungeahnter, militärischer Erfolge Deutschlands und fast eineinhalb Jahre vor Amerikas Kriegseintritt gehalten. So gesehen muß sie - trotz allem Realismus - als prophetisch bezeichnet werden, z. B. wenn der Senator von den alliierten Kriegszielen spricht, die diesmal auf eine Zerstückelung Deutschlands, also auf ein Super-Versailles hinauslaufen. Für die deutsche zeitgeschichtliehe Forschung ist Lundeens Ausleuchtung der erfolgreichen Bemühungen Roosevelts 1938/39, die Polen in den Krieg zu hetzen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Mehr noch als Stalin wird Roosevelt -schon infolge seiner ungeheuren Finanzkraft - zum »Spiritus rector«, zur Zentralfigur des Zweiten Weltkrieges. Fesselnd sind Lundeens Vergleiche Roosevelts mit Präsident Wilson, den er ebenfalls in die Reihe zutiefst antideutscher Kriegsbefürworter stellt. Das alles entspricht den Ergebnissen modernster revisionistischer Geschichtsforschung, die einen über 30jährigen Vernichtungskrieg gegen Bismarcks Werk erkennt. Leider wurde Lundeens ernste Warnung vom Winde der Geschichte verweht. Schon zwei Monate später lieferte Roosevelt England 50 Zerstörer, und genau ein Jahr später erließ er den Schießbefehl gegen alle Achsenschiffe und besetzte gleichzeitig das damals zu Dänemark gehörende Island. Kurz vorher hatte er völkerrechtswidrig im dänischen Grönland Flugplätze angelegt. Sein radikaler Intimberater, der gebürtige Wiener Felix Frankfurter, schreibt am 6. September 1941 ein Memorandum, in dem er sogar die Besetzung Irlands vorschlägt![2] Die Einzelheiten aller Rooseveltschen Übergriffe sind minutiös in der Erklärung der Reichsregierung vom 11. Dezember 1941, drei Tage nach Pearl Harbor, aufgeführt.[3]


Mr. Lundeen: »›Das ist mein Krieg‹, rief Iswolski, der russische Botschafter in Paris 1914 stolz aus. ›Das ist mein Krieg‹, so könnte auch Franklin D. Roosevelt wohl rühmend von sich sagen, wenn er die Katastrophe betrachtet, die Europas Kultur heute zu verschlingen droht.

Europäer haben offen ausgesprochen, was Amerikaner längst argwöhnten, nämlich: England und Frankreich hätten - statt den Krieg als blutigen Schiedsrichter anzurufen - lang zuvor ihren Zwist mit Hitler am Konferenztisch beseitigt, wenn sie nicht auf offene und versteckte Versprechungen unseres Präsidenten und seiner Botschafter gebaut hätten. Polen würde die vernünftigen Lösungen des deutschen Führers, die er immer wieder anbot, niemals zurückgewiesen haben, wenn England Warschau nicht mit seinem sattsam bekannten ›Blancoscheck‹ den Rücken gestärkt hätte, einem Scheck, der wertlos und unehrlich platzte, wie seinerzeit Englands Schuldscheine gegenüber Onkel Sams Forderungen. Die Versprechungen aus London und Paris haben Warschau überzeugt, weil der amerikanische Botschafter Bullitt von einem ›gentlemen's agreement‹ zwischen Roosevelt und den Alliierten hinter vorgehaltener Hand faselte, wonach die Vereinigten Staaten England und Frankreich zu Hilfe kommen würden.

Als die Deutschen Warschau eroberten, fanden sie in den Archiven verschiedene Dokumente. Unter ihnen waren einige, die Gespräche zwischen einer Anzahl von polnischen und amerikanischen Diplomaten wiedergaben. Die prominentesten davon waren William C. Bullitt, unser Botschafter in Frankreich, und Joseph P. Kennedy, unser Botschafter in Großbritannien. Vor mir liegen Fotokopien der Dokumente, von denen die Deutschen behaupten, sie in Warschau gefunden zu haben. Ich weiß nicht, ob diese Dokumente echt sind oder nicht. Ich hoffe, es handelt sich um Fälschungen, aber ich fürchte, sie sind es nicht. Ich fürchte vielmehr, sie sind echt, sowohl wegen der Beweiskraft, die aus den Papieren selbst spricht, als auch wegen der zahllosen Reden und Bemerkungen, die der Präsident und andere hohe Regierungsbeamte äußerten. Sie haben unausweichlich den Verdacht genährt, daß geheime Verpflichtungen gegenüber den Alliierten ermutigt werden.

Herr Präsident, der Grund, warum ich dieses Problem heute hier aufwerfe, ist, weil ich dafür eintrete, daß dieser ganze Fragenkomplex unserer diplomatischen Absprachen untersucht werden sollte.«

Das Deutsche Weißbuch

»Ich habe hier eine amerikanische Ausgabe, die im Verlag Howell, Soskin & Co. in New York unter dem Titel »Das Deutsche Weißbuch« erschienen ist. Sie enthält den vollen Wortlaut der polnischen Dokumente und den Bericht über die Einstellung des amerikanischen Botschafters Bullitt zum Kriege. In seinem Vorwort erklärt C. Hartley Grattan, daß die Weißbücher, Schwarzbücher, Blaubücher, usw., welche die verschiedenen Kriegführenden veröffentlicht haben, nur verschiedene Farben tragen, weil sie die jeweiligen Interessen der beteiligten Nationen wiedergeben. ›Wenn‹ - so bemerkte Mr. Grattan, selbst ein bedeutender historischer Kritiker,›ein Kriegführender zufällig eine Linie verfolgt, die auch für das amerikanische Volk wünschenswert ist, tut er das nicht aus Fürsorge für uns. Er tut es einfach deshalb, weil sie seinen eigenen Zwecken dient. Was Amerikaner klar sehen sollten‹, bemerkt Grattan, ›ist, welche Politik ihren eigenen Interessen am besten dient. Das kann man nicht verwirklichen, wenn leichtsinnige, emotionsgeladene Individuen die Öffentliche Meinung beherrschen. Sie sind nur zu geneigt, sich dahingehend zu entscheiden, daß es wichtiger sei, die Politik anderer Nationen zu begünstigen oder zu hemmen, als sich um unsere eigenen Interessen zu kümmern.‹ Wir können nicht - um mich klar auszudrücken - den Schluß ziehen, Amerikas Politik sei falsch, weil sie sich zufällig mit deutschen Interessen deckt, ebensowenig können wir sagen, sie sei richtig, weil sie den Interessen Englands und Frankreichs dient. So zu argumentieren heißt, daß man Kriterien anwendet, die für diese Streitfrage nicht angewandt werden können. Die uns vorgegebene Entscheidung liegt darin, welche politische Linie den amerikanischen Interessen am besten dient. Das allein muß die Richtschnur bleiben.«

Die britische und französische Garantie an Polen

»In Grattans Vorwort heißt es weiter: ›Die Dokumente wurden in Berlin veröffentlicht. Die Deutsche Reichsregierung legte sie vor als von den Deutschen in polnischen Archiven gefundene Papiere, nachdem die Polen geflohen waren. Sie sind also eine deutsche Kriegsbeute und wurden der Welt ohne den Wunsch der Absender oder der Empfänger bekannt gegeben. Sie wurden von den Deutschen kommentiert und als Beweis dafür angesehen, daß gewisse amerikanische Botschafter so nebenbei die amerikanische Diplomatie in einer Weise kompromittierten und damit die britisch-französische Politik beeinflußten, Polen eine Garantie auszustellen. Die Briten und Franzosen in dieser Weise zu ermutigen lag nun keineswegs auf der Linie der erklärten amerikanischen Politik der Nichteinmischung. Die Deutschen haben die beunruhigende Tatsache offenkundiger Parteinahme Amerikas für die französisch-britische Seite mit dem bekannten Argument verbunden, daß unsere Botschafter die Politik der ›Einkreisung‹ verfolgten. Ihrer Meinung nach führt aber eine solche Politik zum Krieg und die Vereinigten Staaten würden letzten Endes die Alliierten mit ihren Streitkräften unterstützen.‹«

Diplomatische Dementis

»Präsident Roosevelt und Außenminister Hull haben die Echtheit dieser Dokumente in Zweifel gezogen. Leider haben sich derartige diplomatische Dementis in der Vergangenheit nicht immer als verläßlich erwiesen. Solche Ableugnungen sind zu oft die Umschreibung eines kürzeren und häßlicheren Wortes. Die Mehrzahl der Experten, die die Dokumente prüften, glauben an ihre Echtheit und meinen, daß selbst wenn Veränderungen vorgenommen worden seien, sie nicht den allgemeinen Charakter und Sinn der Aussagen abschwächen könnten. Unter dem Datum vom 8. August 1938 wird ein Brief vom 2. Department des polnischen Generalstabs wiedergegeben. Er stützt sich auf Aussagen des amerikanischen Marineattach6s Kapitän Gade:

›Wir (die Vereinigten Staaten) stehen klar auf der Seite der Demokratien, was die Weltanschauung betrifft. Gegenwärtig prüfen wir in Amerika eine schnelle Hilfe für England und Frankreich. Man kann den Schluß ziehen, daß diese Hilfe nicht - wie im Ersten Weltkrieg - erst nach einem Jahr, als unsere Armee aktiv eingriff, sondern diesmal im Verlauf von 7 bis 10 Tagen erfolgt. Sobald der Krieg beginnt, werden 1000 Flugzeuge geliefert.‹«

»Der aktivste und lauteste Botschafter, der die Europäer bedrängte, eine feste Haltung gegenüber den Diktaturen einzunehmen und der auch amerikanische Hilfe an England und Frankreich zusicherte, war Botschafter Bullitt: In einem Brief vom 21. November 1938 berichtet der polnische Botschafter (in Washington) an seinen Außenminister in Warschau über Bullitts Einfluß beim Präsidenten und schreibt, daß er bedeutend sei.«

Wegen zweier längerer Zitate bei Lundeen verweisen wir auf das Deutsche Weißbuch, Berlin 1940. Nur soviel sei gesagt, »daß Bullitt vom deutschen Kanzler Hitler mit großem Haß sprach und daß er auf die Frage Potockis, ob Amerika am Krieg teilnehmen werde, antwortete: ›Ohne Zweifel ja, aber nicht bevor England und Frankreich den ersten Schritt getan haben.‹«

Lundeen: »Ich denke, diese Dinge sollten untersucht werden. Vielleicht sind diese Unterlagen gefälscht, vielleicht sind sie von der deutschen Regierung fabriziert worden. Wenn man derartige Papiere der Welt bekannt gibt, wenn man Journalisten auffordert, sie zu prüfen, und wenn wir alle aufgefordert werden, sie zu untersuchen, können sie immer noch falsch sein, aber dennoch ist es an der Zeit, daß wir uns damit befassen. Ich meine, daß man unseren auswärtigen Beziehungen heutzutage große Aufmerksamkeit schenken sollte. Umfangreiche Bewilligungen für die Rüstung mögen notwendig sein, aber unsere auswärtigen Beziehungen sind ebenso wichtig. Die Gefühlswogen in den Vereinigten Staaten gegen Nazismus und Hitlerimus gehen so hoch, daß man von einer amerikanischen Psychose sprechen kann, ähnlich der, die der amerikanischen Kriegserklärung an Deutschland im Jahr 1917 vorausging.«

Der Friede hängt an einem seidenen Faden

»Diese Propaganda, diese Kriegspsychose wurde künstlich erzeugt. Dem amerikanischen Volk wurde erzählt, daß der Friede in Europa am seidenen Faden hänge und Krieg unabwendbar wäre. Gleichzeitig erklärte man dem amerikanischen Volk eindeutig, daß im Falle eines Weltkrieges Amerika aktiv daran teilnehmen müsse, um die Schlagworte ›Freiheit und Demokratie‹ in der Welt zu verteidigen.

Präsident Roosevelt war der erste, der Haß gegen den Faschismus predigte. Das diente einem doppelten Zweck, nämlich erstens dem, die Amerikaner von den schwierigen und komplizierten, innerpolitischen Problemen abzulenken - besonders von dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit. In zweiter Linie suchte er das amerikanische Volk dahin zu bringen, das enorme Rüstungsprogramm zu schlucken, welches bei weitem die Verteidigungsnotwendigkeiten übertrifft, indem er eine Kriegspsychose hervorrief und Gerüchte in Umlauf setzte, die Europa bedrohende Gefahren an die Wand malten.«

Bevor Mr. Bullitt Washington verließ, um nach Paris zurückzukehren, hatte er mit Botschafter Potocki eine halbstündige Konferenz, die ebenfalls im Weißbuch aufscheint. Hier sei nur erwähnt: »Die Aufrüstung der Vereinigten Staaten für den Krieg werde beschleunigt fortgesetzt und die kolossale Summe von US Dollar 1.250.000.000 kosten. Ferner sollten England und Frankreich jede Art von Kompromiß mit den totalitären Staaten unterlassen, denn die Vereinigten Staaten seien bereit, im Kriegsfall aktiv zu intervenieren. Amerika werde ihnen seine ganze Geldmacht und Rohstoffe zur Verfügung stellen.«

Ein Überblick über Washingtons Politik

Lundeen zitiert dann einen Brief des polnischen Botschafters in Paris, Jules Lukasiewicz, der ebenfalls im deutschen Weißbuch enthalten ist. Danach sagte ihm Bullitt: »Sollte Krieg ausbrechen, werden wir sicher nicht an seinem Beginn teilnehmen, aber wir werden ihn beenden.«

»Aus diesen Dokumenten ersehen wir, daß Mr. Bullitt die polnischen Behörden der Feindschaft Amerikas gegenüber Deutschland versicherte und die Freundschaft mit den Alliierten betonte, sowie die Wahrscheinlichkeit, daß wir ihnen kriegerischen Beistand leisten würden, aber er stachelte darüber hinaus auch Britannien auf, Polens Widerstand gegen Deutschland den Rücken zu stärken. Das ist von großer Bedeutung, weil gerade diese englische Handlungsweise der Hauptgrund für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war. In dem Brief vom 29. März 1939 schrieb Botschafter Lukasiewicz an einen Außenminister in Warschau, daß Mr. Bullitt unseren Botschafter Kennedy in London dringend ersucht hatte, Verbindung mit dem britischen Premierminister Chamberlain aufzunehmen, um ihn zu bitten, Polen eine britische Garantie zu geben.«[4]

In einem Brief vom gleichen 29. März 1939 berichtete Graf Edward Raczynski, der polnische Botschafter in London nach Warschau von seinen Gesprächen mit dem amerikanischen Botschafter Kennedy, wobei er darauf hinwies, daß Letzterer sich aktiv in die britisch-polnischen Beziehungen einmischte. »Es scheint, daß Kennedy darauf bestand, daß Polen in seiner Haltung gegenüber Deutschland kräftig und kriegerisch (forceful und warlike) auftreten solle, andernfalls würden die gemäßigten Elemente innerhalb der britischen Regierung wohl nicht willens sein, Polen irgendeine Garantie zu geben. Raczynski gab dabei auch den Eindruck wieder, daß die Frage einer amerikanischen Hilfe für Großbritannien von dem Grad des britischen Einsatzes abhänge, Polen zu garantieren und zu schützen.«[5]

»Aus einer Note des Leiters der Wirtschaftsabteilung der polnischen Botschaft in London, Jan Wszelaki, vom 16. Juni 1939 geht klar hervor, daß Kennedy in seinem Bemühen, die britische Unterstützung Polens voranzutreiben, weiterhin aktiv blieb. Mr. Kennedy drängte die Briten, Polen eine Anleihe in bar zu geben. Das taten sie kurz darauf und halfen damit Polen, sich auf den Krieg vorzubereiten. Mr. Kennedy hat Herrn Wszelaki auch gesagt, daß sein ältester Sohn (Joseph Kennedy), der kürzlich in Polen war, großen Einfluß auf Präsident Roosevelt hatte und daß seine Söhne demnächst nach Amerika zurückkehren würden, um die Öffentliche Meinung dort zu beeinflussen.

All dies half entscheidend, daß es zum Zweiten Weltkrieg kam. Britannien gefährdete seine eigene Sicherheit, indem es Polen garantierte. Polen war widerspenstig und nicht willens, die vernünftigen deutschen Forderungen vom März 1939 anzunehmen. Dadurch wurde jede friedliche Lösung des Danzig- und Korridor-Problem unmöglich gemacht. Andererseits gingen England und Frankreich sogar zuversichtlicher in den Krieg, weil sie eben die Versicherung schneller amerikanischer Hilfe zu haben glaubten.«

Amerikanische »White Papers«

»Die Vereinigten Staaten haben noch kein ›Weißbuch‹, ›Grünbuch‹ oder ›Blaubuch‹ veröffentlicht. Aber Joseph Alsop und Robert Kintner sind die Paten für die sogenannten amerikanischen ›White Papers‹. Dieses Werk ist die bisher beste Zusammenfassung der Roosevelt-Verwaltung. Es gibt Eintragungen aus dem Tagebuch des Unterstaatssekretärs Adolf A. Berle wieder und will überhaupt die geheimsten Herzenswünsche des Präsidenten offenlegen. Weder der Präsident noch Mr. Berle haben den Verfassern widersprochen.

Das Buch war nämlich ein Versuchsballon, um die Öffentliche Meinung zu erforschen. Jede einzelne Aussage hat sich als wahr erwiesen. Jede Handlung Roosevelts bestätigt den Standpunkt der Verfasser, daß der Präsident fest entschlossen ist, unser Land in den europäischen Krieg zu ziehen. Ein Halbdutzend Männer - gegen den Widerstand der Mehrheit des Kongresses und des Volkes - könnten unsere Söhne zur Schlachtbank des Krieges führen, um nicht etwa das geschichtsträchtige Werk George Washingtons oder den heiligen Boden unseres Vaterlandes zu ver teidigen - sondern seine Majestät König Georg, der kürzlich Gast im Weißen Hause war. Diese sechs Män ner sind: Präsident Roosevelt und Außenminister Hull, die Unterstaatssekretâre Sumner Welles und Berle sowie die Botschafter Bullitt und Kennedy.

Alsop und Kintner zeigen klar auf, daß der Präsident und die Herren Hull, Welles und Berle unserer gegenwärtigen Politik den Stempel aufdrücken, ohne im geringsten auf die Öffentliche Meinung oder die Verfassungsrechte des Kongresses der Vereinigten Staaten Rücksicht zu nehmen.

Diese Politik kann, wie folgt, umrissen werden: Wenn Großbritannien und Frankreich in Gefahr sind, von den autokratischen Mächten besiegt zu werden, werden wir ihnen sofort jede mögliche Hilfe leisten fast bis zur Entsendung von Truppen nach Europa. Wir sollten uns darüber klar werden, daß diese Haltung genau der entspricht, die Mr. Wilson im Auge hatte, selbst nachdem er seine Kriegsbotschaft dem Kongreß übermittelt hatte.

Im April 1917 sagte Mr. Wilson, daß er dagegen sei, amerikanische Soldaten nach Europa zu schicken. Er dachte, daß wir die Alliierten nur durch Anleihen unterstützen würden und durch den Einsatz unserer Flotte, um die deutsche Bedrohung durch Unterseeboote niederzuhalten. Aber kurz darauf wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, die Millionen junger Männer erfaßte, von denen die meisten nach Frankreich verschifft wurden, um in den Schützengräben zu kämpfen.«

Der Weg in den Krieg

»Der Weg in den Krieg unter Woodrow Wilson ist peinlich klar. Erst sagten wir, daß wir England und Frankreich nicht einmal Kredite geben würden. Dann, im Herbst 1914, gewährten wir ihnen Bankkredite. Ein Jahr später erlaubten wir unseren Bankiers, alliierte Schuldscheine auf dem amerikanischen Markt unterzubringen. Nur 11/2 Jahre danach erklärten wir zu ihren Gunsten den Krieg und gewährten große Staatsanleihen. In wenigen Monaten zogen wir Millionen von Männern für die europäische Front ein, und kurz darauf erklärte Mr. Wilson - ich zitiere - : ›Gewalt bis zum äußersten, Gewalt rückhaltlos und ohne Grenzen, die gerechte und triumphierende Gewalt wird das Gesetz der Welt bestimmen.‹

Dies waren die Methoden ›short of war‹, die uns vor einem Vierteljahrhundert leiteten. Wünschen wir noch einmal in eine ähnliche Zwangslage zu kommen, wiederum unter dem Vorwand unschuldig erscheinender Phrasen?

Alsop und Kintner machen klar, daß die Roosevelt-Regierung sich zurückhielt, schnellere und drastischere Schritte zugunsten der Alliierten zu ergreifen, einfach deshalb, weil sie wußte, daß die Öffentliche Meinung ganz gegen unsere Einmischung war und daß eine gefährliche Reaktion hervorgerufen werden könnte. Gleichzeitig gaben die beiden Autoren zu erkennen, daß man jeden neuen Trend in Europa dazu benützen könnte, uns näher an den Krieg heranzubringen.«

Gefährliche Methoden der Maxime »Short of War«

»Die Invasion von Holland und Belgien wird die Kriegskampagne kräftiger fördern als irgend etwas, was sich seit Roosevelts Rede in Chicago im Herbst 1937 ereignet hat. 6 Daher legen die Ereignisse der letzten wenigen Wochen den amerikanischen Friedensfreunden eine um so größere Verpflichtung auf, auf der Hut und mutig zu sein.

Nachdem Alsop und Kintner offensichtlich Sympathien für die Partei der pro-Alliierten Politik Roosevelts gewinnen wollen, erhebt sich die interessante Frage, wie dieses Werk zustande kam. In der Tat beginnt das Buch mit der Szene am Morgen des 1. September 1939, die nur auf einem Augenzeugenbericht fußen kann, dem selbst die Telefongespräche des Präsidenten zugänglich waren. Alsop und Kintner gaben Roosevelts wichtigste Meinungen über die Außenpolitik preis. Wie konnten sie so etwas wagen, ohne Dementis fürchten zu müssen, es sei denn der Präsident hätte ihrer Arbeit seine Zustimmung gegeben? Wie konnten die Autoren an Unterstaatssekretär Berles Überlegungen herankommen? Gern würden wir wissen, wie sie in sein persönliches Tagebuch Einsicht nehmen konnten.

Unter dem Deckmantel des Planes eines zu gründenden Völkerbundes hat die englische Propaganda damals diese Idee benützt, um leichtgläubige Amerikaner einzufangen. So bedeutende Leute wie Woodrow Wilson und Oberst House fielen darauf herein. In der Tat benützte Wilson beim Kriegseintritt (1917) das Argument, daß ein Völkerbund gegründet werden müsse, um zukünftige Kriege zu verhindern. Dadurch wurde der Krieg in die Sphäre eines heiligen Krieges gehoben, der Kriege für alle Zeiten beenden sollte. Letztendlich erwies sich das alles als Lug und Trug. Die Alliierten benutzten im Gegenteil den Völkerbund, um einen brutalen Frieden aufzuzwingen, der internationales Chaos zur Folge haben mußte. In der entsprechenden Zeitspanne gab er Anlaß zum Zweiten Weltkrieg. Die Vereinigten Staaten waren noch unlogischer. Nachdem wir unsere Soldaten und unser Geld vergeudet hatten, haben wir dem Völkerbund den Laufpaß gegeben, sobald der Sieg unser war.«

›Wir sind in großer Gefahr, dieselbe Tragikomödie nochmals zu wiederholen. Bereits jetzt benutzen England und Frankreich die Propagierung des Schlagwortes ›Union Now‹ dazu, um ihre wirklichen Pläne für eine Neuauflage des Versailler Vertrages zu tarnen, der - schlimmer als der erste - Deutschland in Stücke reißen und Zwergstaaten in Mitteleuropa wiederherstellen will. Das würde nur die internationale Anarchie wieder aufleben lassen. Daraus wird mehr als ein Hitler hervorgehen, denn ein Dritter Weltkrieg würde möglich.

Zu den Hauptkräften, die Amerikaner von einer vernünftigen Neutralitätspolitik ablenken sollen, gehört die absurde Panikmache über Hitlers Pläne, die Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - zu erobern. Sie sind ein beliebtes Steckenpferd unserer Kriegstreiber.«

Phantastische Abenteuergeschichten

›Während des Ersten Weltkrieges wurden wir durch den deutschen Renegaten Richard Grelling mit absurden Geschichten über den Kaiser gefüttert. Heute dienen die Bücher Dr. Hermann Rauschnings demselben Zweck. Sein erstes und populärstes Buch war ›Die Revolution des Nihilismus‹. Neben lobenswerten Kommentaren über moderne deutsche Ge-

schichte und das Nazi-Regime, enthält das Buch eine phantastische Geschichte über die Nazi-Verschwörung, die Welt zu erobern. Darin wird sogar behauptet, daß Hitler und seine Kreaturen sich Stalins Hammer und Sichel bemächtigen würden und der Nazismus die Welt im Namen des Proletariats unterjochen würde.

Die Nazis streben jedoch mehr nach wirtschaftlicher Beherrschung als nach militärischer Eroberung, wobei sie Mitteleuropa und den Balkan. Im Auge haben. Das scheint mir in der Tat alarmierend genug zu sein, aber diese wichtigen Tatsachen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben, werden durch solche sinnlosen Erzähler nur verdunkelt. Sensationsliteratur leistet denen keinen Dienst, die Hitler zu verstehen suchen.

Der Krieg in Europa ist kein ›Heiliger Krieg‹. Es ist höchste Zeit, daß wir diese Rederei bloßstellen. Hier kann ich nichts Besseres tun, als Professor Harry Elmer Barnes zu zitieren, der im ›New York World Telegram‹ am 29.. März 1940 schrieb: ›Nichts ist absurder als die populäre Geschichte für Kleinkinder, daß sich alle netten Leute auf einer Seite befinden und alle üblen auf der anderen. Einige behaupten, ein Volk wäre grausamer als das andere. Sie weisen auf die Greuelpropaganda gegen die Deutschen im Ersten Weltkrieg hin und auf Hitlers Behandlung der Juden jetzt. Dabei übersehen sie aber die größte Grausamkeit, nämlich die britische Blockade gegen Deutschland Monate nach dem November 1918. Damals ließ man 800.000 Deutsche, Frauen, Kinder und alte Leute, verhungern. Hätte Hitler an der halben Million Juden in Deutschland 1933 solch eine schmutzige und verabscheuungswürdige Tat begangen, wäre er - verglichen mit der britischen Blockade 1918 -1919 - ein kleiner Wicht gewesen.‹

Die beste Zurückweisung unserer Kriegstreiber und ›Heiliger Krieg‹-Idealisten, wonach wir die Welt erst in Ordnung bringen, wenn wir uns an dem europäischen Gemetzel beteiligen, hat Lord Lothian, der gegenwärtige britische Botschafter in den Vereinigten Staaten, in einem Brief an die Londoner ›Times‹ vom 25. August 1937 erteilt: ›Aus dem letzten Krieg sollten wir gelernt haben, daß wir weder Demokratie noch Freiheit noch Frieden durch einen Weltkrieg erringen können, so nobel die Ziele sein mögen, für welche er ausgefochten wird.‹

Gegenwärtig befinden wir uns in besonderer Gefahr, denn Roosevelts Amtsführung ist seit Frühherbst 1937 kraß unneutral, und er hat eine starke pro-Alliierte Auslegung seiner Außenpolitik durch das vorher erwähnte amerikanische ›White Paper‹ gebilligt.

Jedenfalls lehren uns die polnischen Dokumente, daß unsere Botschafter in ihren Rechten und Pflichten zu weit gegangen sind, indem sie fremde Mächte dazu trieben, aggressive Schritte zu unternehmen, und die Vereinigten Staaten im Geheimen verpflichteten, solche Angriffspolitik zu billigen. Polen wurde ermutigt, gegenüber Deutschland herausfordernd aufzutreten. England wurde ersucht, Polen nach Kräften zu unterstützen. Andererseits versprach man Britannien die Hilfe der Vereinigten Staaten, falls als Folge all dieser Versprechungen, es zum Kriege kommen sollte.

Um dieser Kalamität künftig zu entkommen, sollten wir die Quellen des amerikanischen ›White Papers‹ untersuchen. Wir sollten auch unseren Botschaftern im Ausland nachgehen, und wir sollten unser Verteidigungsprogramm durchkämmen, das uns mit unnötiger Hast und ohne Sinn und Verstand gegenwärtig durch die Kehle gestoßen wird. Unsere Verteidigung sollte allein amerikanischen Zwecken dienen, nicht denen des Britischen Empires.

Wir müssen die europäischen Nationen von der amerikanischen Hemispäre fernhalten. Dann werden wir unangreifbar sein, selbst wenn die Achsenmächte und ihre Feinde sich am Ende des Krieges verbünden sollten. ›Europa für die Europäer‹, ›Asien für die Asiaten‹ und ›Amerika für die Amerikaner‹. Wenn wir uns daran halten, bleibt das Licht unserer Freiheit glanzvoll bestehen als das Symbol der amerikanischen Zivilisation - ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die ganze Menschheit.«


Anmerkungen

  1. US-Goverment Printing Office, Washington D.C. 1940, 250434-19160
  2. Library of Congress, Madison Building, Manuseripts-Division, »Felix Frankfurter« Papers«, Washington D. C.
  3. Vgl. Karl Otto Braun »Pearl Harbor in neuer Sicht, Wie E D. Roosevelt die USA in den Zweiten Weltkrieg führte«, Ullstein Taschenbuch Nr. 33062, Berlin-München November 1986, Anhang No. 11, S. 173-190.
  4. Lundeen zitiert wiederum wörtlich diesen Brief aus dem deutschen Weißbuch
  5. Auch diesen langen Brief Graf Raczynskis zitiert Lundeen wörtlich
  6. Rede vom 5. 10. 1937. Forderung einer Quarantäne gegen die »Aggressornationen« durch friedliebende Völker.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 6-11

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