Hoggan und die Amerikaner

»God's own country« -

ein Unheil für die Welt?

Dr. Robert Brenner

Vor fünfzehn Jahren erschien das Magazin »Der Spiegel« mit dem Porträt eines jungen amerikanischen Historikers auf dem Umschlag samt der provokanten Unterschrift: »Hitler- ein Friedensfreund?« Die zugehörige Titelgeschichte beschäftigte sich mit dem soeben erschienenen Buch »Der erzwungene Krieg«. Sein Verfasser David L. Hoggan war - genauso offen und unbefangen, wie ihn das Umschlagbild zeigte - an die Verschuldensfrage des Kriegsausbruchs von 1939 herangegangen, hatte ein riesiges Dokumentenmaterial ausgewertet und war zu dem damals sensationellen Schluß gekommen: Nein, Hitler allein konnte es nicht gewesen sein; wahrscheinlich traf ihn sogar nur der kleinere Teil der Verantwortung.

Seither ist der Name Hoggan ein fester Begriff für jeden, der sich für die Erforschung und Historiographie der jüngeren Vergangenheit interessiert. In seinen späteren Arbeiten - es waren nicht viele, was angesichts der Art, wie der kalifornische Gelehrte arbeitet, nicht wundert - ist Hoggan seinen Grundsätzen treu geblieben und hat in dieser Hinsicht niemanden - vor allem nicht seine wissenschaftlichen und publizistischen Gegner- enttäuscht. Verändert aber, nämlich enorm ausgeweitet, haben sich von Buch zu Buch die dargestellten Zeiträume und Schauplätze. Waren es in jenem Erstling von 1961 mehr oder weniger nur die Vorgänge um den Polnischen Korridor, so umspannte »Der unnötige Krieg« von 1974 bereits die gesamte politische Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Jetzt, im Herbst 1979, ist ein neuer »großer« Hoggan erschienen: »Das blinde Jahrhunderte, 1. Teil*. Dieses Werk greift noch weiter aus und weiter zurück, um die Wurzeln unserer jüngeren Vergangenheit bloßzulegen, es bezieht insbesondere auch den Ersten Weltkrieg mit ein, ja die gesamte Weltpolitik der letzten hundert Jahre, wo immer und wann immer sie Entscheidungen fällte und Richtungen festlegte, die bis in unsere Tage (und darüber hinaus) wirksam blieben. Kurz gesagt: »Das blinde Jahrhundert« hat das umfassendste Thema, das sich ein Zeitgeschichtler stellen kann. Man greift zu dem gewichtigen Band voll Spannung, wie der amerikanische Historiker die riesige Aufgabe angegangen und bewältigt hat.

Es ist ein gewandelter Hoggan. Eine gerade Entwicklungslinie wird sichtbar von jenem Meisterstreich vor achtzehn Jahren bis zu dem neuen, dritten Hauptwerk. Der Hoggan des »Erzwungenen Krieges« war an sein Thema, die Kriegsschuldfrage, etwa so herangegangen wie ein junger Naturwissenschaftler, der sich vorgenommen hat, eine weithin respektierte physikalische Hypothese kritisch unter die Lupe zu nehmen: nüchtern, ein Sammler möglichst umfangreichen Beweismaterials, der zuguterletzt abgewogene Schlüsse zieht.Seither hat sich einiges geändert. Aus dem historischen Spezialisten, der sich auf ein begrenztes Thema konzentriert, ist ein Geschichtsphilosoph geworden, der weite Epochen überblickt, durchdenkt, interpretiert, der vor allem auch persönliche Bewertungen vornimmt. Eine solche Wertung steckt schon im Titel des neuen Werkes: »Blind« ist eine Epoche dann, wenn sie Nötiges, Wichtiges nicht erkannt hat, wenn sie sich täuschen, in die Irre führen ließ. Der Titel läßt aber auch keinen Zweifel daran, daß der Autor herausgearbeitet hat, was das Wahre (und nicht Erkannte) gewesen wäre. So und nicht anders will Hoggan sein Buch verstanden wissen.

Das neue Buch enthält vor allem auch - als Schlüsse aus den aufgezeigten »Blindheiten« - Mahnungen für die Gegenwart und Zukunft. Das ist neu. Die sorgfältige historische Arbeit ist geblieben, die gründliche Recherche, das Dokumentenstudium, die ungeheure Menge verarbeiteter einschlägiger Literatur, hinzugekommen aber ist der Appell, der die leidenschaftliche, zuweilen sogar polemische Formulierung nicht scheut. Der Leser, zunächst überrascht, erkennt darin die besorgte Ungeduld des Mannes, der die Ursachen für die vielfach katastrophenartige weltpolitische Entwicklung im 20. Jahrhundert aufgedeckt hat und sich bewußt ist, daß mit kühler wissenschaftlicher Argumentation allein weiteres Unheil nicht abzuwenden ist.

Der vorliegende erste Teil des Werkes hat den Untertitel »Amerika« und beschäftigt sich überwiegend mit den Vereinigten Staaten. Doch gibt Hoggan hier nicht einfach eine Geschichte der USA in dem betrachteten Zeitraum. Sein Thema ist vielmehr der Beitrag Amerikas zu den weltpolitischen Ereignissen sowohl wie zur welthistorischen Blindheit der Epoche

Daß man mit den USA beginnen muß (der zweite Band erst soll »Europa« behandeln), wenn man das Wesen dieses Zeitalters und seiner Tragödien verstehen will, das setzt Hoggan als selbstverständlich voraus, doch ist es noch längst nicht historisches Gemeingut. Dieses Buch aber schafft hier dokumentierte Gewißheit: daß der Gigant Amerika - in seiner materiellen Machtentfaltung noch unterstützt durch das romantische Banner des »amerikanischen Traums« - an allen großen Katastrophen dieses Jahrhunderts auslösend oder fördernd beteiligt gewesen ist. Womit sich eine gequälte Menschheit noch bis weit in das nächste Jahrtausend wird herumschlagen müssen, das, sagt Hoggan, ist fast alles in letzter Instanz am Potomac - in der US-Hauptstadt - zu verantworten.

Er geht mit seinen Landsleuten hart ins Gericht: Diese, ein ungebildetes, ahnungsloses Volk, primitivem Materialismus hingegeben, hätten immer wieder einer Handvoll Nichtswürdiger Führer alle Macht überantwortet, Führern, die ihrerseits nur die Marionetten von Dunkelmännern gewesen seien. Dieses Volk der USA habe sich endlos mißbrauchen, habe Unglaubliches geschehen lassen: Das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« sei in Wirklichkeit schon lange zum Land der möglichen Ungeheuerlichkeiten geworden.

Die Führer, die sich die Amerikaner wählten - besser gesagt: aufdrängen ließen - haben überwiegend diktatorisch regiert, haben das Volk betrogen und in außenpolitische und kriegerische Abenteuer geführt, die allein den Interessen einer raffgierigen, korrupten Minderheit dienten und die Welt mit namenlosem Unglück überzogen. Hier macht Hoggan endgültig Schluß mit der Vorstellung, die USA seien als im Grunde friedliches Land in die beiden Weltkriege hineingeschlittert oder hineingezogen worden. Er weist nach, daß jeder der beiden diktatorischen Kriegspräsidenten, Woodrow Wilson wie F. D. Roosevelt, »seinen« Weltkrieg herbeisehnte, ihn mit allen Mitteln schürte und insbesondere auch die mit diesen Kriegen verbundenen weltpolitischen Machtverschiebungen direkt förderte.

Ganz besondere Sorgfalt widmet Hoggan dem »amerikanischen Traum«. Um dieses historische Phänomen zu untersuchen, greift er noch weit hinter die hundert Jahre zurück - bis zum Anbeginn der Geschichte der USA. Dies sind die aufwühlendsten Kapitel des Buches, die nachweisen, daß dieses vermeintliche Land der Freiheit nie eine Demokratie, sondern von Anbeginn eine plutokratische Oligarchie gewesen ist, und die schildern, wie ein korruptes politisches System das Land und die Menschen der mitleidlosen Ausbeutung durch eine skrupellose Minderheit überantwortete. Vieles aus der Fülle der mitgeteilten Fakten ist für uns absolut neu. Der »amerikanische Traum«, so zeigt sich, ist längst zu einem Propagandainstrument entartet: sowohl zur Anwendung im Innern - über die amerikanische Schule - wie für die Welt außerhalb. So war also alles nur eine Illusion? Wir nehmen es mit echter Erschütterung zur Kenntnis, denn uns allen hat dieser Traum von der anderen, im Kern besseren Welt Amerika viel bedeutet.

Hoggan und die Amerikaner - das ist ein neues Kapitel zeitgenössischer Geschichtsschreibung, auf das viele schon gewartet haben. Der Herausgeber sah sich veranlaßt, in seinem Vorwort den Autor gegen den zu erwartenden Vorwurf des Antiamerikanismus in Schutz zu nehmen. Doch der kalifornische Weise ist kein Amerika- oder Amerikanerhasser. Was ihn bei seinen harten Formulierungen bewegt, ist einerseits die Trauer über all das im Namen und am Namen Amerikas Kaputtgemachte, Vergeudete, Verspielte, und es ist andererseits wohl auch die Meinung, daß nur Offenheit und Selbstkritik seinem Land das Vertrauen der Völker der Welt zurückgewinnen können.

Ein Amerikaner ohne einen Rest Optimismus wäre nicht denkbar: Auch für Hoggan ist noch immer ein besseres, »anständiges«, »verjüngtes« Amerika vorstellbar, das es - und sei es unter Schmerzen - zu schaffen gilt.


* Prof. Dr. David L. Hoggan, Das blinde Jahrhundert- Erster Teil: Amerika, das messianische Unheil. 645 Seiten. Grabert-Verlag, Tübingen 1979.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(4) (1979), S. 11ff.

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