Ende der Wissenschaftsfreiheit?

»Die von Ihnen als ›offenkundige Tatsache‹ bezeichnete ›Ermordung von Millionen Juden‹ ist in Wirklichkeit ›offenkundiger Blödsinn‹, wenn man die hierzu bis jetzt angebotenen zeitgeschichtlichen Quellen betrachtet.« - Dieser Satz in einem Offenen Brief von Dr. Wilhelm Stäglich an den Vorsitzenden des Vl. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs, der in einem vielbeachteten Urteil vom 18. 9. 1979 Zweifel an den angeblichen Judenvergasungen als strafbare Beleidigung der Juden gekennzeichnet hatte, brachte seinem Verfasser jetzt eine Geldstrafe von 6006,- DM ein. Dabei werden mit diesem Satz - grammatikalisch gesehen - doch nur Zweifel an der Seriosität der zeitgeschichtlichen Quellen geäußert, wofür Dr. Stäglich in seinem Brief sogar eine Reihe von typischen Beispielen angeführt hatte. Weitere Beweise für seine Behauptung hatte er in der Hauptverhandlung angeboten. Dies alles erklärten die Richter indessen für unerheblich und stellten kurzerhand fest, der Satz beinhalte eine »Mißachtung der Juden«.

Mit solcher Art Rechtsprechung wird zweifellos die zeitgeschichtliche Aufarbeitung der Holocaust-Problematik einseitig blockiert. Wenn auf diesem Gebiet eine Quellenkritik nicht mehr erlaubt ist, wird die in Artikel 5 Abs. 3 unseres Grundgesetzes postulierte Wissenschaftsfreiheit zur Farce.

Noch übler erging es etwa zur gleichen Zeit dem französischen Zeitgeschichtsforscher Prof. Robert Faurisson. Er wurde am 3. Juli dieses Jahres von einem Pariser Gericht zu 3 Monaten Gefängnis (mit Bewährung) und 23 000 Franc Geldstrafe verurteilt, Außerdem muß er auf seine Kosten das Urteil in 4 Zeitungen, im Rundfunksender Europa 1 und im Fernsehen veröffentlichen lassen, Die Gesamtkosten hierfür werden sich nach Angaben Prof. Faurissons auf rund eine Million Franc belaufen, was für ihn gleichbedeutend mit seinem wirtschaftlichen Ruin wäre.

Prof. Faurisson ist bekanntlich einer der profiliertesten Holocaust-Revisionisten. Aufgrund jahrzehntelanger Forschungsarbeit, bei der er sich besonders gründlich mit der Gaskammertechnik befaßte, kam er zu dem wissenschaftlich einwandfrei abgesicherten Ergebnis, daß es in keinem deutschen Konzentrationslager Gaskammern zur Tötung von Menschen gegeben haben kann. Das Öffentliche Eintreten für diese Erkenntnis wurde ihm nun zum Verhängnis. Pressemeldungen zufolge »erkannten« die französischen Richter in dem von mehreren jüdischen Organisationen angestrengten Prozeß, daß Prof. Faurisson damit das »Gesetz gegen Diskriminierung und Aufruf zum Rassenhaß« verletzt habe.

Die Parallele zum Fall Stäglich ist unverkennbar. Hier wie dort ging es um die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die bestimmten Kreisen ein Dorn im Auge sind. Hierzulande ist diese Verfolgung Andersdenkender schon seit Jahren im Schwange. Sie scheint sich nun zu einem europäischen Problem zu entwickeln.

Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Erst die Endurteile werden zeigen, ob die historische Wissenschaft wirklich noch frei ist. [Beide Urteile wurden rechtskräftig, Anm. d. Webm.]

DGG-Redaktion


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(3) (1981), S. 38

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