Professor Hoggan

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, geistiges Grundnahrungsmittel vieler deutscher Intellektueller, erinnerte sich in seiner Nummer 5/1981 eines Mannes, dem es viel verdankt: Der amerikanische Historiker David Hoggan lieferte ihm vor siebzehn Jahren,ein brisantes Thema, ein ansprechendes Umschlagbild und eine aufsehenerregende Titelgeschichte - und das sind ja wohl die Grundnahrungsmittel eines Nachrichtenmagazins.

Doch von Dank ist jetzt keine Rede mehr. In einem »Spiegel-Report über Rechtsextremismus in Schrift und Ton« wird Hoggan als Guru des Rechtsradikalismus vorgeführt: er habe seinerzeit »die These« einer Mitschuld Polens, Englands und der USA am Kriegsausbruch von 1939 aufgestellt, und diese würde heute von Radikalen nachgebetet.,

Merkwürdig ist das eigentlich schon: Wenn ein Alexander Solschenizyn im Namen der Wahrheit seinen »Archipel Gulag« schreibt, dann gilt er - mit Recht - als ein Heros der Menschheit; trägt dagegen ein David Hoggan eine Unmenge bisher unbekannter, wertvollster Dokumente zusammen und veröffentlicht sie, ebenfalls im Namen der Wahrheit, dann ist er bloß ein »Extremist«.

Wir sind eben in Deutschland. Aber unser eigentlicher Punkt kommt erst noch. Der »Spiegel« konnte es nicht lassen, im Vorbeigehen seine einstige Titelfigur gleich vollständig zu demontieren: Hoggan sei gar kein Fachmann, er nenne sich nur Professor, sei aber gar keiner. Wie macht man das?

Wie macht man es, wenn man in Wirklichkeit genau Bescheid weiß? Selbstverständlich findet sich in dem berühmten »Spiegel-Archiv« einiges über Hoggan, beispielsweise mit Sicherheit der Eintrag in dem voluminösen amerikanischen Gelehrtenkalender »Directory of American Scholars«, 3. Aufl., S. 345 - die älteste biographische Notiz, die uns vorliegt:

HOGGAN, PROF. DAVID LESLIE ... Fach Geschichte ... Außerordentlicher Professor am Carthage College, Illinois, seit 1955. Gastprofessor der Universität Maryland in München ... Hauptarbeitsgebiete: Deutschland, Rußland, Amerika ...

Mindestens dies also weiß man in Hamburg - und man will offensichtlich nicht die Unwahrheit sagen. Was also tun? Ganz einfach: man zitiert. Man zitiert einen Fachkollegen Hoggans - denn wir sind ja in Deutschland. Also:

... wohl auch deshalb, wie der Münchner Historiker Hermann Graml spottete, weil sich Hoggan »als ›amerikanischer Professor‹ und als mithin objektiver Forscher« scheinbar unverdächtig präsentieren lasse, »obwohl er keineswegs Professor war oder ist und obwohl amerikanische Herkunft allein noch nicht gegen Rechtsradikalismus immunisiert«.

In einem Gutachten für die Bundesprüfstelle bescheinigte Graml ...

So einfach ist das also: Man sagt als »Spiegel« keine Unwahrheit, man läßt sagen, und zwar von einer »unbestrittenen Autorität«, einem Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, einem »echten Historiker« also, der sich als »wissenschaftlicher Gutachter« bei Prozessen und Indizierungsverfahren einen recht zweifelhaften Ruhm erworben hat.

Auch Historiker Graml weiß es natürlich besser, er weiß, daß Hoggan eine glänzende Ausbildung zum Fachhistoriker an der Universität Harvard genossen hat, daß er zwar keinen Lehrstuhl von deutschen Ausmaßen (den gibt es in Amerika nicht), wohl aber den Professorentitel rechtmäßig erworben hat, daß er sechs Fremdsprachen beherrscht und bisher ein halbes Dutzend Bücher auf seinen Forschungsgebieten schrieb -ja, und daß er, Hoggan, eben auch Titelfigur des »Spiegel« gewesen war, etwas, das unseres Wissens bisher keinem deutschen Fachhistoriker widerfahren ist (wahrscheinlich sind sie viel zu bescheiden dazu - oder etwa zu uninteressant?).

Also gutachtet man über seinen amerikanischen Fachkollegen, also »spottet« man über ihn, also erklärt man ihn zum »Extremisten«, zum »Radikalen« und zu einem Menschen, der sich sogar den Professorentitel anmaße.

Aber Hoggan maßt sich nichts an; er ist es.

DDG-Redaktion


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(3) (1981), S. 38f.

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