Vernunft wird Unsinn …

Späte Rache für den »Auschwitz-Mythos«

Im »freiesten Rechtsstaat der deutschen Geschichte«, wie einer ihrer ehemaligen Präsidenten die Bundesrepublik Deutschland einmal (es war nicht im Fasching) mit rheinischem Frohsinn zu bezeichnen beliebte, hat sich ein Stück aus dem Tollhaus zugetragen, mit dem wir uns etwas eingehender beschäftigen müssen, weil unsere Massenmedien, die sich selbst mit den Adjektiven »ernsthaft und demokratisch« ausstatten, den Fall, so sensationell er auch ist, wenn nicht ganz verschwiegen, so doch völlig am Rande und so unauffällig wie möglich behandelt haben, und weil die leidende Hauptperson dabei unser Autor Dr. Wilhelm Stäglich ist (»Der Auschwitz-Mythos«, Grabert, Tübingen 1978).


Stäglich hatte seine jahrelange wissenschaftliche Arbeit an dem Buch begonnen, nachdem er seines Postens als Richter in Hamburg enthoben und unter Kürzung seiner Bezüge vorzeitig in den Ruhestand geschickt worden war. Anlaß für dieses in der deutschen Justiz ungewöhnliche, ja wohl einzigartige Vorgehen gegen ihn war eine von ihm gezeichnete Leserzuschrift in einer bundesdeutschen Monatsschrift, in der er wahrheitsgemäß berichtete, daß er während des Krieges vorübergehend in Auschwitz war, nicht als Häftling und nicht als Angehöriger des Wachpersonals, sondern als Offizier der Luftwaffe, die den Schutz der kriegswichtigen Industrieanlagen des riesigen Lagerkomplexes zu versehen hatte. Eine ähnliche Rolle hätte auch dem derzeitig amtierenden Bundespräsidenten Carstens oder dem ehemaligen Bundeskanzler Schmidt (als Offizieren der Großdeutschen Luftwaffe) zufallen können. Beide hätten allerdings kaum getan, was Stäglich für seine Pflicht (auch als Richter der Bundesrepublik) hielt: der deutschen Öffentlichkeit, in der gerade eine Diskussion darüber begonnen hatte, ob in Auschwitz Vergasungen in Gaskammern stattgefunden hätten, seine persönliche Erfahrung mitzuteilen, daß er bei seinem dienstlichen Aufenthalt dort selbst nichts dergleichen wahrgenommen habe. Er bestritt - damals noch nicht - keineswegs die Möglichkeit solcher Vergasungen. Er beschuldigte niemand, er beschimpfte niemand, er verdächtigte niemand, wie das in umgekehrter Richtung - man denke nur an Barbie! - in westdeutschen Massenmedien gang und gäbe ist. Er stellte nur ganz nüchtern fest, daß er nichts Derartiges gehört, gesehen oder gar - wie angeblich so viele - gerochen habe. Das genügte, um ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel auf Entfernung aus dem Dienst gegen ihn anzustrengen. Noch während des Verfahrens mußte Dr. Stäglich aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand gehen.

Nunmehr widmete Wilhelm Stäglich seine ganze Zeit und die volle Arbeitskraft seiner besten Mannesjahre (auf die eigentlich »der freieste Rechtsstaat« Anspruch gehabt hätte) der Aufgabe, das Auschwitz-Thema mit der wissenschaftlichen Gründlichkeit und Akkuratesse seines Berufes zu erforschen. Die Bearbeitung der gesamten einschlägigen Literatur und aller zugänglichen Prozeßakten ergab ein wahres Knäuel faustdicker Lügen von (nicht nur an Wiedergutmachung, sondern auch politisch) interessierter Seite und dazu bedenkliche Mängel der gerichtlichen Beweiserhebung und Prozeßführung und jedenfalls nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, daß Stäglich sich in seinem erwähnten Leserbrief geirrt hätte. Er sah also keinen Anlaß, sich zu berichtigen, sondern beschloß im Gegenteil, das Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit in Buchform zu veröffentlichen. Er vertraute auf das Grundgesetz, in dessen I. Teil (über die Grundrechte) es im Artikel 5 (1) heißt: »Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …« Er war entschlossen, insbesondere auch den Absatz (3) des gleichen Artikels für sich in Anspruch zu nehmen, der da lautet: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.«

Wir warnten ihn, was nach der Willkürmaßnahme seiner Entlassung mit dieser Veröffentlichung noch alles auf ihn zukommen könnte. Aber in welchem Deutschen steckte nicht etwas von jenem Michael Kohlhaas, der von Heinrich von Kleist unsterblich gemacht - im Vertrauen auf sein Recht das Äußerste wagte! Wir brachten, entschlossen, im Dienst der geschichtlichen Wahrheit das gleiche Risiko wie der Verfasser einzugehen, sein Buch heraus. Es wurde, obwohl von den Massenmedien wie all unsere Verlagserzeugnisse des letzten Vierteljahrhunderts totgeschwiegen, ein großer Erfolg. Als der Staatsanwalt zuschlug, und das Landgericht Stuttgart mit Urteil vom 7. Mai 1982 (inzwischen in sämtlichen Instanzen bestätigt und damit rechtskräftig) das Buch verbot und die Beschlagnahme (einschließlich Druckstöcken usw. - einfaches Verbrennen wie im Dritten Reich ist überholt) verfügte, waren nur noch ganz wenige Archivexemplare vorhanden, die der eines Morgens unter Gewaltanwendung (Erbrechen der Schlösser) in unser Verlagshaus einfallenden Polizei in die Hände fielen.

Das war jedoch noch nicht der letzte Streich, den der »freiheitlichste Rechtsstaat der deutschen Geschichte« vorhatte, um seinem ehemaligen Richter seinen Gerechtigkeitssinn, seine historische Wahrheitsliebe und seinen Glauben an grundlegende Artikel unserer Verfassung auszutreiben. Am 19. November 1982 (unsere vorhergehende Ausgabe war gerade in Druck gegangen) erhielt Dr. Stäglich durch Postzustellungsurkunde ein Schreiben des Präsidenten der Georg-August-Universität Göttingen, Prof. Dr. Norbert Kamp - man wird sich seinen Namen merken müssen - mit der Mitteilung, daß das Dekane-Konzil der fraglichen Lehranstalt beschlossen habe, gegen ihn ein Verfahren auf Entziehung des Doktorgrades durchzuführen, weil er in seinem Buch »die Gebote wissenschaftlicher Haltung sowie der Achtung der Menschenwürde in gröbster und schwerwiegender Weise verletzt« habe.

Man sage nicht das sei doch in Deutschland, und noch dazu in seinem demokratischen Teil, nicht möglich. Es ist möglich. Dr. Kamp, offenbar in dem Bewußtsein, bei dieser MaBregelung den »freiheitlichsten Rechtsstaat« zu repräsentieren, hat nicht vergessen, die Rechtsgrundlage für das Verfahren anzuführen. Es ist das Gesetz über die Führung akademischer Grade, das im Reichsgesetzblatt I, S. 985 veröffentlicht wurde. Es bestimmt in seinem § 4: »Der von einer deutschen staatlichen Hochschule verliehene akademische Grad kann wieder entzogen werden, … wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung eines akademischen Grades unwürdig erwiesen hat«. Na also. Klarer Fall! Die Sache hat nur einen Haken. Das fragliche Gesetz wurde am 7. Juni 1939 unterschrieben, und zwar von niemand anderem als Adolf Hitler. Es ist oft und gern als Beweis für die abgrundtiefe Schlechtigkeit des »Unrechtsregimes« angeführt worden, dessen 50. Jahrestag die westdeutschen Medien so eingehend und einstimmig kommentierten. Jetzt dient es dem »freiheitlichsten Rechtsstaat« als Begründung für Vergeltungsmaßnahmen gegen einen

»Dissidenten«, wie man Wilhelm Stäglich wohl im sowjetischen Machtbereich nennen würde. »Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort, Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; weh dir, daß du ein Enkel bist!« (Faust I, Schülerszene).

Hier soll ein »Enkel«, ein politisch und weltanschaulich Andersdenkender von den Siegern und ihren Hilfswilligen nach allen Regeln der Kunst »fertiggemacht« werden. Das geschieht, wie Dr. Hans Riegelmann (wie lange wird er noch seinen Doktortitel führen dürfen?) als »freier deutscher Historiker« in einem offenen Brief an den Präsidenten der Göttinger Universität schreibt, entweder aus »völligem Mangel an eigener Beurteilungsfähigkeit« oder aber aufgrund irgendeines »Befehls von oben«, wie das »in unserem ›freiesten Rechtsstaat‹ so üblich ist«.

Wir sollten den Narrenstreich des Göttinger Universitätspräsidenten nicht allzu tragisch nehmen. Er ist gewiß nicht die schwerste, aber auch nicht die letzte Vergeltungsmaßnahme gegen den Wahrheitssucher und Tabubrecher Stäglich. Auch Michael Kohlhaas wurde vor mehr als einem halben Jahrtausend nicht mit einem Schlag hingerichtet, sondern gerädert, d. h. langsam zu Tode gefoltert. Das war im »finstersten Mittelalter«. Die Methoden haben sich inzwischen verfeinert. Aber was hat sich im Grunde wirklich geändert? Sind wir nicht dabei, mit der Anwendung von Gesetzen aus dem Dritten Reich nicht nur um 50 Jahre, sondern gleich um 500 Jahre zurückzuspringen, als Inquisition und Folter Rechtsgrundlagen des Gemeinschaftslebens im sogenannten Abendland waren?

DGG


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(1) (1983), S. 19f.

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