Warum schweigt der Vatikan zum Judenmord?

DHZ


Die in Tel Aviv erscheinende israelitische Zeitung »Jedioth Hajom« schrieb im Jahre 1958 in ihrer Nummer 93: »Für die Juden ist es zumindest verblüffend, daß der Vatikan nie in direkter und klarer Form die Nazigrausamkeiten gegen die Juden verurteilt hat, wie es die geistlichen Führer aller Kirchen getan haben.« Wir fügen die Frage hinzu: Wie kommt es, daß die überaus wachsamen kath. Divisionsgeistlichen, die das gesamte rückwärtige Gebiet ebenso wie die Front im Osten ständig besuchten, von den Judenmorden im Raume von Lublin und Auschwitz nichts gewußt haben? Im Wilhelmstraßen-Prozeß in Nürnberg erklärte der US-Richter Powers, es stünde fest, daß ein Kreis von höchstens hundert Personen mit dem Judenmord zu tun gehabt hätte. Man darf also annehmen, daß es sich nur um einen sehr kleinen Verschwörerkreis gehandelt haben kann. In diesem Fall wäre es auch für die Geistlichkeit unmöglich gewesen, ohne Mitwisserschaft, wie sie bei einem Anhänger der Bekennenden Kirche, Gerstein, nachgewiesen ist (vgl. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1. Jg. (1953), Heft 2, S. 189ff.), die nötige Kenntnis zu besitzen. Aber warum schwiegen die Divisionspfarrer, wenn eine so große Zahl von Juden umgekommen sein soll, wie sie in den Schätzungen der jüdischen Historiker und Schriftsteller Blau, Reitlinger und Poliakow angegeben ist? Warum schweigen sie, wenn sie damals nichts bemerkt haben und heute möglicherweise der Ansicht sind, daß die geschätzten Zahlen wissenschaftlich nicht exakt durch genaue Nachweise belegt werden könnten?


Quelle: Deutsche Hochschullehrer-Zeitung (später Deutschland in Geschichte und Gegenwart) 7(2) (1959), S. 26

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