Die Weimarer Republik im Netz der Komintern

Deutschland schon immer Zielobjekt Nr. 1 der sowjetischen Welteroberungsstrategie

Karl Faith

Die Schlüsselrolle Deutschlands in der Erwartung und Planung der kommunistischen Weltrevolution ist so alt wie die kommunistische Bewegung selbst. Im Glauben, die Stunde der Weltrevolution habe geschlagen, entfalteten Karl Marx und Friedrich Engels in der Revolution 1848-49 auf deutschem Boden eine fieberhafte Tätigkeit. Zwar blieb ihren Bemühungen, an denen sich auch einer der Väter der deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht, beteiligte, der Erfolg versagt, trotzdem hielten die Propheten des »wissenschaftlichen Sozialismus« an ihrem Glauben fest, die kommunistische Weltrevolution werde vom industriell hochentwickelten Deutschland aus ihren Siegeszug antreten.


Für Lenin stand fest, daß für den Fall seiner Machtergreifung im morschen russischen Zarenreich der Weg zur Weltrevolution nur durch das Brandenburger Tor führen könne, nicht nur weil er gefühlsmäßig in Deutschland auch immer die Heimat von Marx und Engels sah, sondern weil er glaubte, gemäß den Lehren des Marxschen historischen Materialismus seien für die Weltrevolution die Voraussetzungen in der Form einer weltweiten Kettenreaktion hier am ehesten gegeben.

Gleich am Anfang seiner ersten Emigration gründete Lenin im Jahre 1900 in Deutschland seine russischsprachige Zeitung »Iskra« (=Funke), die die Brandfackel

der Revolution in Rußland entzünden sollte. Die in Leipzig und München gedruckten Exemplare wurden mit Hilfe deutscher Sozialdemokraten, u.a. auch von Clara Zetkin, von Berlin aus über die russische Grenze geschmuggelt.

Eins seiner Hauptwerke, »Was tun?«, gab Lenin im Jahre 1902 in Stuttgart heraus. Seine Organisationsgrundsätze der »Partei neuen Typus« sind für die kommunistischen Parteien größtenteils noch heute von verbindlicher Gültigkeit.

Im Jahre 1907 machte Lenin auf einem Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart die nähere persönliche Bekanntschaft der führenden Persönlichkeiten der radikalen Linken der SPD, Karl Liebknecht. Rosa Luxemburg u. a.

Lenin und des Kaisers Millionen

Während des Ersten Weltkrieges, seit dem Frühjahr 1915, flossen deutsche Reichsgelder Lenin in seiner Schweizer Emigration zu. Ein deutsch-russischer Jude und internationaler Revolutionär, Alexander Helphand (Deckname: Parvus), Mitglied der SPD, hatte dies in die Wege geleitet, indem er das deutsche Auswärtige Amt überzeugen konnte, der sicherste Weg, Rußland aus der Front der Entente-Mächte herauszubrechen, sei, Lenin zum Sieg zu verhelfen. Vom April 1917 bis zum Sieg der Oktoberrevolution Lenins (nach unserem Kalender am 7. November 1917) zahlte Deutschland in Lenins Revolutionskasse 22 Millionen Reichsmark. Danach wurde die finanzielle Unterstützung noch mehr erhöht, Lenin sollte ja den erhofften Sonderfrieden mit den Mittelmächten abschließen. So half das Deutsche Kaiserreich, ohne sich dessen bewußt zu werden' sein eigenes Grab zu schaufeln.

Auch die Heimreise aus der Schweiz durch deutsches Reichsgebiet wurde Lenin und etlichen Genossen vom Auswärtigen Amt und der Obersten Heeresleitung des Deutschen Kaiserreiches ermöglicht, organisiert und ausgeführt. Als er am 16. April in Petrograd (seit 1924 nach ihm Leningrad genannt) ankam, versicherte er der Empfangsdelegation feierlich, nun werde Karl Liebknecht von Deutschland aus in nicht ferner Zeit die Weltrevolution zum Sieg führen können.

Gerade zu dieser Zeit spaltete sich von der SPD der linke Flügel unter dem Namen USPD (Unabh. SPD) ab, mit ihr auch die im Spartakus-Bund organisierte und von Lenin unterstützte radikale Linke. Als nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches am 9. November 1918 die patriotisch denkenden Sozialdemokraten, mit Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann an der Spitze, die Führung der deutschen Revolution übernahmen, traten die Spartakisten unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, zusammen mit den Linken der USPD, den Kampf gegen die soeben errichtete deutsche Republik an. Sie wollten aus Deutschland nach sowjetischem Muster eine Räterepublik machen. Als die SPD und die Mehrheit der Deutschen sich für die parlamentarische Demokratie entschieden hatten, entfesselten die radikalen Revolutionäre die sog. zweite deutsche Revolution und errichteten in verschiedenen Teilen Deutschlands rote Räte-Republiken.

Als die Kämpfe zwischen der von dem Sozialdemokraten Gustav Noske organisierten vorläufigen Reichswehr und den revolutionären roten Kampftruppen am heftigsten tobten, gründete Lenin im März 1919 in Moskau die neue Kommunistische Internationale, auf deren Weltkongreß unter den 51 kommunistischen Delegierten aus 34 Ländern auch die aus dem Spartakus-Bund kürzlich hervorgegangene KPD mit fünf Mitgliedern vertreten war.

Ziele und Methoden

Die Kommunistische Internationale, unter dem russischen Kürzel als »Komintern« bekannt, war eigentlich eine kommunistische Weltpartei mit Sitz in Moskau. Die Hauptaufgabe dieser Dachorganisation war die Entfachung der Weltrevolution und die Bekämpfung der Sozialdemokratie als Hauptfeind. Das oberste Lenkungsorgan war das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, kurz EKKI genannt, dessen erster Sekretär Lenins Deutschlandexperte, der polnische Jude Karl Radek (Sobelsohn), wurde. Solange Lenin die Führung der KPR noch in seiner Hand hatte, wurde jährlich eine Art »Parteitag« dieser Weltpartei, der Weltkongreß der Komintern, veranstaltet. Nach 1922 wurden unter Stalins Führung die Weltkongresse immer seltener (1924, 1928 und 1935).

Auf dem II. Weltkongreß der Komintern im Jahr 1920 wurden die Statuten der Internationale beschlossen, die u. a. das Ziel bestimmen:

»Sturz des Kapitalismus, Errichtung der Diktatur des Proletariats und einer internationalen Sowjetrepublik zur vollen Beseitigung der Klassen und zur Verwirklichung des Sozialismus, dieser ersten Stufe der kommunistischen Gesellschaft« (§ 1). Zu diesem Zweck wurde die »Schaffung illegaler kommunistischer Organisationen neben der legalen Organisation« bestimmt.

Die Mitgliederparteien der Komintern nannten sich zusätzlich z. B. »deutsche Sektion der Kommunistischen Internationale«. Zwar waren im EKKI die Sektionen in den wichtigsten Ländern vertreten, aber durch den Sitz in Moskau und die Besetzung des Postens des Vorsitzenden und des Sekretärs durch Russen hatte die KPR ein deutliches Übergewicht. Die Komintern finanzierte die einzelnen kommunistischen Parteien in der ganzen Welt als ihre Sektionen. Die Verbindung zwischen dem EKKI und den ausländischen Sektionen wurde meistens auf dem konspirativen Wege, durch Entsendung von Kurieren und Emissären, aufrechterhalten. Die Zentralkomitees der einzelnen Parteien waren unbedingt verpflichtet, die Anweisungen des EKKI auszuführen. Ungehorsam und Untreue wurden mit strengen Vergeltungsmaßnahmen geahndet, die sich von Geldstrafen oder Ausschluß aus der Partei bis zur Todesstrafe erstrecken konnten. Margarete Buber-Neumann, die damals an der Jugendarbeit der KPD aktiv beteiligt war, berichtet in ihrem Buch »Kriegsschauplätze der Weltrevolution« über solche Fememorde, die u. a. in zwei sog. »Tschekaprozessen« vor dem Reichsgericht in Leipzig im Jahr 1925 aktenkundig geworden sind. Schon die Bezeichnung »Tschekaprozesse« zeigt, daß die Arbeit der Komintern eng mit Aktivitäten der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka (heute KGB genannt) verbunden war.

Es gab eigens eine Abteilung im EKKI, die »Abteilung für internationale Verbindungen« (russisches Kürzel OMS), deren Aufgabe es war, die Kuriere und Emissäre mit falschen Pässen auszustatten und sie durch die Grenzen zu schleusen. Zu besonders wichtigen Missionen wurden Mitglieder der ersten Garnitur internationaler Kommunisten als Emissäre verwendet. So z. B. überbrachten den EKKI-Befehl zur Organisierung des Märzaufstandes im Jahre 1921 in Deutschland Bela Kun, der 1919 Präsident der ungarischen Räterepublik gewesen war, Pfeffer-Pogany, ein anderer ungarischer Kommunistenführer, und der prominente polnische Kommunist Guralski; im Herbst 1923 kamen in ähnlicher Mission nach Deutschland wieder derselbe Guralski und Matthias Rakosi, der von 1945 bis 1956 Chef der ungarischen KP wurde.

Modellfall KPD

Von 1921 an wurde das EKKI durch eine Reihe von angeschlossenen internationalen Zentren erweitert, die die auf dem III. Weltkongreß beschlossene »Einheitsfrontstrategie« ausführen sollten. Diese bestand darin, auch alle nichtpolitischen Lebensbereiche mit marxistischer Ideologie zu durchsetzen, die nichtkommunistischen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen kommunistisch zu unterwandern.

Unter der straffen Führung des EKKI hat man in allen kommunistischen Parteien mit dem Aufbau der in den Komintern-Statuten vorgeschriebenen Geheimapparate und der Einheitsfrontorganisation begonnen. Auch jetzt lag der Schwerpunkt der Arbeit der Komintern in Deutschland, obwohl sie gleichzeitig daranging, ein weltweites revolutionäres Agentennetz zu organisieren, das sich sogar bis zum Fernen Osten (Indien, China und Vietnam u. a.) ausdehnte. Die KPD ist aber sicherlich ein Musterbeispiel für alle anderen Komintern-Sektionen gewesen. Ein Modellfall sozusagen.

Untersucht man die KPD mit allen ihren angeschlossenen Organisationen und Geheimapparaten, so ergibt sich folgendes Bild:

Das gesamte Organisationsnetz gliedert sich in drei Stufen:

  1. Grundorganisationen;
  2. Einheitsfrontorganisationen;
  3. Vorpostenorganisationen.

Zu den Grundorganisation gehörten:

a) die KPD selbst. Sie war wie alle anderen Organisationen der Komintern nach den Prinzipien des »demokratischen Zentralismus« organisiert. Dies bedeutet die Wählbarkeit der leitenden Organe von unten bis oben und die unbedingte Verbindlichkeit der Beschlüsse von oben durchgehend bis unten. Der hierarchische Aufbau von oben nach unten sah so aus: Zentralkomitee Bezirksleitung - Unterbezirksleitung - Arbeitsgebietsleitung- Ortsgruppe mit der Ortsgruppenleitung. Die wichtigsten waren die kleinsten Organisationen, in denen die eigentliche Parteiarbeit ausgeführt wurde: die Zellen, von denen es zwei Arten gab, Betriebszellen und Straßenzellen. Denen schlossen sich die Agit-PropAbteilungen an, die Selbstschutzorganisationen, Häuser- und Betriebs-Schutz-Staffeln (!) (ihr Gruß war: »Heil Sowjet!«) als Teile des K-(Kampf-) Apparates. Mit ihnen waren organisationsmäßig auch die Geheimapparate »N« (Nachrichten), »T« (Terror) und »Zer« (Zersetzung) verbunden.

b) der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD), deutsche Sektion der Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI), mit der Reichsleitung an der Spitze und mit ähnlichen Zellen auf der untersten Ebene wie die Mutterpartei.

c) Der Rote Frontkämpfer-Bund (RFB). Wenn man die drei Grundorganisationen wie eine Pyramide darstellt, so erscheint der RFB gleichsam als eiserne Spitze der KPD. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörte, im Zusammenwirken mit den parallel organisierten Schutzformationen des K-Apparates, die militärische Absicherung der Aufmärsche und Versammlungen der Partei, die Austragung von Saal- und Straßenschlachten mit gegnerischen paramilitärischen Organisationen wie SA, Stahlhelm oder Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold oder auch mit der Polizei. Die Mitglieder des RFB trugen feldgraue militärähnliche Uniform mit Schirmmütze, und sie waren im Nahkampf, z. T. auch im Schußwaffengebrauch, ausgebildet.

Die wichtigsten Einheitsfrontorganisationen waren:

1) Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO), deutsche Sektion der Roten Gewerkschafts-lnternationale (RGI). Ihre Aufgabe war, die nichtkommunistischen Gewerkschaften zu unterwandern und zu spalten. Die abgespaltenen Arbeiter organisierte sie dann in kommunistischen »Einheitsverbänden« je nach Branche. Diese sollten überall die Initiative für Streikbewegungen an sich reißen.

2) Rote Hilfe Deutschlands (RHD), deutsche Sektion der Internationalen Roten Hilfe (IRH). Sie betreute die inhaftierten Kommunisten, besorgte für sie Rechtsbeistand und trug ihre Prozeßkosten, unterstützte ihre Familienangehörigen, leistete Fluchthilfe und half den Untergetauchten oder ins Ausland geflohenen Genossen weiter.

3) die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH), deutsche Sektion der gleichnamigen Moskauer Zentrale, in Deutschland von Willi Münzenberg ins Leben gerufen, unterstützte mit reichlichen Geldmitteln die von der RGO angezettelten Streikaktionen. Sie organisierte »Antikriegsaktionen« - nichts Neues unter der Sonne! -, Kinderferienlager, Arbeiter-Wanderungen, betrieb Presse- und Filmpropaganda. Sie wurde zugleich als gewinnbringende wirtschaftliche Organisation aufgebaut, ihre Moskauer Zentrale war das größte Filmproduktions-Unternehmen der Sowjetunion. Die IAH verbreitete in Deutschland und von Deutschland aus in der weiten Welt die sowjetischen Filme. Den Beinamen »der rote Hugenberg« verdankte Willi Münzenberg seinen weitverzweigten Verlags- und Zeitungsunternehmen und Vertrieben, die in Größenordnungen fast der UFA und dem Scherl-Konzern Alfred Hugenbergs gleichkamen. Aus diesen Geschäften sowie aus Sammlungen und Spenden wickelte die IAH zusammen mit ihrer Moskauer Mutterorganisation von 1921 bis 1931 einen Umsatz in Höhe von 118.526.300 Reichsmark ab, die restlos für Zwecke der Weltrevolution verwendet wurden.

4) Der »Verband proletarischer Freidenker«, die deutsche Sektion der »Internationalen proletarischen Freidenker«, die einzige dem EKKI angeschlossene Zentralorganisation, die ihren Sitz nicht in Moskau, sondern in Berlin hatte, war der deutsche Ableger der sowjetrussischen marxistisch-leninistischen »Besboschnjik«-Bewegung, einer militanten Gottlosen-Organisation. Die Kommunisten betrachteten in dieser Zeit neben ihrem Hauptfeind, den Sozialdemokraten, die Kirchen und die Religion als das größte Hindernis auf dem Wege zu ihrem totalen Sieg. Deshalb legten sie in ihrer Propagandatätigkeit fast den Hauptakzent auf den Kampf gegen alles, was mit Gott und Glauben zusammenhing. Erstmals begriff Stalin im Zweiten Weltkrieg, daß Gott und Vaterland noch immer tiefer in den Herzen des russischen Volkes wurzelten als die Ideen des internationalen Bolschewismus, und ließ in der Stunde der größten Gefahr die Kirchen im ganzen Sowjetreich wieder Öffnen, um die religiösen und patriotischen Gefühle der Russen in den Dienst seiner Kriegsführung einzuspannen. Nach Kriegende nahm er aber den Kampf gegen Kirche und Religion erneut auf. Erst in der nachstalinistischen Ära erkannten die Kommunisten nach und nach die Vorteile der im Krieg von Stalin angewendeten Taktik. Seit den 60er Jahren begannen sie in ihrem Machtbereich - sehr zögernd und in bescheidenem Umfang - den Kirchen scheinbare Konzessionen zu machen und dort, wo sie noch nicht an die Macht gelangt waren, ihren Atheismus zu tarnen. Allmählich entwickelten sie in dieser neuen Propagandastrategie eine solche Geschicklichkeit, daß es ihnen gelungen ist, nicht nur viele gutgläubige Menschen über ihre wahren Absichten hinwegzutäuschen, sondern sogar in zahlreiche kirchliche Organisationen einzudringen und eine nicht unerhebliche Anzahl kirchlicher Würdenträger verschiedener Kirchen als Mitläufer oder gar Aktivisten für ihren Kampf um die Weltrevolution einzuspannen. Die jüngere Generation weiß nichts mehr von der plumpen und ordinären Gottlosenpropaganda der 20er und 30er Jahre' viele aus ihr glauben

deshalb an die Möglichkeit, gleichzeitig gläubiger Christ und überzeugter Marxist zu sein.

5) Der »Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz« (EpS) entfaltete auf Teilgebieten des kulturellen Lebens in enger Verzahnung mit der Freidenker-Bewegung seine Propaganda- und Organisationstätigkeit. Seine Glanzzeit fiel in die zwanziger Jahre. Alles, was er mit solcher Vehemenz propagierte, um vor allem Frauen und Jugendliche für sich zu gewinnen (freie Liebe, straflose Abtreibung und sexuelle Verirrungen, Freikörperkultur usw.) begann Stalin, mit einer Wendung von 180 Grad, ab Mitte der 30er Jahre mit brutaler Härte zu verfolgen und mit Stumpf und Stiel auszurotten

Vorpostenorganisationen

Dies sind sozusagen die erweiterten Arme der Grund- und Einheitsfrontorganisationen. Sie sollten in die breiten Bevölkerungsschichten der Gesellschaft hineinwirken, ohne die direkte Bindung an die Partei äußerlich hervorzuheben. Aus den Massen der Parteilosen, der unpolitischen Menschen, der Unentschiedenen oder gar aus bekehrten Mitgliedern anderer Parteien sollten sie eine Art Reservearmee von Sympathisanten, Mitläufern und potentiellen Kommunisten anwerben. Aus solchen Menschen sollten sich dann im Falle eines Bürgerkrieges oder regelrechten Krieges, gemäß den Instruktionen des EKKI, Hilfstruppen, angeschlossen den organisierten Kerntruppen der Partei, oder Partisanen hinter der Front rekrutieren, oft in einer Weise, daß sie sich nicht einmal selbst bewußt werden konnten, wessen Geschäfte sie eigentlich betreiben.

Eine der größten dieser Organisationen mit einem weitverzweigten Netz war die »Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur« (IFA). In dieser Sphäre betrieb auch die Frauenabteilung des EKKI ihre vielfältige »Frauenarbeit«; der an die »Bauern-luternationale« angegliederte »Reichsbauernbund« versuchte, die eher nationalsozialistisch beeinflußte Landvolk-Bewegung zu durchsetzen und auch sonst die Landarbeiter für die kommunistische Bewegung zu gewinnen. Alle Berufs- und Altersgruppen, Kunst, Literatur, Musik, Sport, Freizeit usw. sollten in die Tätigkeit der Vorpostenorganisationen miteinbezogen werden. Daher gehörten in diese Gruppe die buntesten und vielfältigsten Organisationen, Vereine, Ausschüsse, wie z. B. Rote Pioniere, Frauendelegierte, proletarische Elternbeiräte, Schüler- und Studentenbünde, Erwerbslosendelegierte, Rote Sportler, die Marxistische Arbeiterschule (MASch), Arbeiterbuchhandlungen, Bibliotheken, Lesezirkel, Arbeitertheaterbund, die Volksbühne, die Junge Volksbühne, Bund revolutionärer Künstler, Bund revolutionärer Schriftsteller, Arbeiter-Mandolinenspieler-, Arbeiter-Photographen-, Radio- und Hörerbünde, Sprachgruppen, Schachspieler, Antiimperialistische Liga, Mieterausschüsse, Ausschüsse gegen § 218 oder auch gelegentliche Kampfausschüsse für irgendein konkretes Ziel, z. B. für Wiedererrichtung eines wegen erheblicher Mängel geschlossenen Krankenhauses, zur Rettung zum Tode verurteilter Häftlinge, usw.

Zu allen diesen Organisationen kamen noch die Geheimapparate hinzu: ein Militärapparat, der die militärischen Vorbereitungen für die Revolution in geheimer Tätigkeit zu treffen hatte, mit seinen Unterabteilungen: »Nachrichten-Apparat offensiv« (d. h. Spionagedienst), »Nachrichten-Apparat defensiv« (Abwehr), »Zer-Pol«, mit der Aufgabe, die Polizei zu infiltrieren, »Zer-RW-Gruppe«, die in die Reichswehr zersetzend hineinwirken sollte, »Abteilung Weiß« zur Unterwanderung der Rechtsparteien, eine andere Zer-Gruppe zur Aufweichung der nichtkommunistischen Arbeiterparteien. Eine Militär-politische Abteilung (»MP-Apparat«) unterstand der direkten Führung des sowjetischen Generals Skoblewskij, der seine Tätigkeit unter dem Schutz der diplomatischen Immunität ausübte. Er lenkte auch den obersten »T«-(Terror-) Apparat, dessen Fememorde und Sabotage-Aktionen Gegenstand der schon erwähnten Tscheka-Prozesse im Jahr 1925 waren.

Ziel: die totalitäre Diktatur

Faßt man all das zusammen, wird klar, daß die KPD wie alle kommunistischen Parteien zu jeder Zeit und wo auch immer in der Welt - nie eine gewöhnliche politische Partei mit dem Ziel gewesen ist, sich in einem parlamentarisch-demokratischen Staat am politischen Leben zu beteiligen. Auch das hat sie getan - so wie es auch heute alle kommunistischen Parteien tun -, aber ihre wahren Aufgaben und Ziele waren und sind andere.

Dieses ineinander verflochtene, dichte, unüberschaubare Netz umfaßte ganz Deutschland wie ein riesiges Spinnengewebe, in dessen Mittelpunkt wie die Spinne das ZK saß. Das Ganze war auch zugleich ein riesiges Räderwerk, das wie eine Drehscheibe von der Moskauer Zentrale des EKKI in Bewegung gehalten wurde.

Die KPD war also viel mehr als eine politische Partei Sie war eine totalitäre Bewegung, so wie auch die von den kommunistischen Parteien errichteten Diktaturen totalitär sind, wenn sie einmal die Macht ergreifen und Anspruch auf die ganze Gesellschaft und auf den ganzen Menschen, auch auf seine Privatsphäre, erheben.

Wie aus alledem hervorgeht, hat die Komintern alles und mit allen Mitteln versucht, nach Lenins Willen die Weltrevolution in Deutschland in Gang zu setzen. In den Jahren 1919, 1920, 1921, 1923 fanden, fast immer unter Moskauer Regie, ausgedehnte Revolutionen, Aufstände, ja regelrechte Schlachten statt, denen schätzungsweise 2000 bis 3000 Menschenleben zum Opfer fielen. Es ist schon eine merkwürdige Erscheinung unserer Zeit. daß dies alles in den Schulbüchern kaum erwähnt, die Rolle der Komintern und der KPD fast ganz verschwiegen wird, während ein fast unvorbereiteter, dilettantisch ausgeführter Putschversuch der Rechten im Jahr 1920, der sog. »Kapp-Putsch«, der in vier Tagen völlig gescheitert war und bei dem nicht einem einzigen Menschen auch nur ein Haar gekrümmt wurde, wie eine große Gefahr für die junge Republik maßlos aufgebauscht wird.

Diese einseitige Darstellung der jüngsten deutschen Geschichte hat zur Folge, daß unsere Jugend dem Ende von Weimar verständnislos gegenübersteht. Daß die Wirtschaftskatastrophe zu einer Radikalisierung von rechts und links führte, leuchtet ihr ein. Sie fragt aber, warum eine doppelt so große Anzahl verzweifelter Menschen der NSDAP zulief wie der KPD. Um das verstehen zu können, muß man wissen, was die Menschen von damals wußten. Sie haben die blutigen Kämpfe in den ersten Jahren der Weimarer Republik erlebt, welche sogar lange Zeit den Bestand dieser Republik in Frage stellten. Man wußte, daß die KPD eine von Moskau aus gelenkte Organisation war; sie stand nicht nur in fremden Diensten, sondern ihr ganzes Wesen war der Mehrheit der Deutschen fremdartig. Hungersnot, Massenexekutionen, Schauprozesse, KZs waren schon damals in der Sowjetunion grausige Wirklichkeit. Wenn unserer Jugend wesentliche Informationen über unsere jüngste Geschichte vorenthalten werden, unterliegt sie nur zu leicht verhängnisvollen Fehlurteilen hinsichtlich der wahren Absichten sowjetischer Politik und den Friedensschalmeien der sowjetischen Propaganda. Was damals der Komintern nicht gelungen war, was aber bis heute unverändert vorrangiges Ziel der Sowjetunion blieb, könnte Breschnew leichter erreichen, wenn dazu die Unwissenheit der Jugend Vorschub leistet.


Literatur

  1. Margarete Buber-Neumann, Kriegsschauplätze der Weltrevolution, Stuttgart, 1967
  2. Hermann Weber, Die Kommunistische Internationale, Hannover, 1966
  3. Julius Braunthal, Die Internationale, Bd II., Hannover, 1962
  4. Günther Nollau, Die Internationale, Köln, 1959
  5. Hermann Weber, Der Deutsche Kommunismus, Dokumente, Köln, 1973
  6. Gustav Hilger, Wir und der Kreml, Bonn, 1964
  7. Dr. Adolf Ehrt/Julius Schweikert, Entfesselung der Unterwelt, Berlin, 1932
  8. Dr. Adolf Ehrt, Der Weltbolschewismus, Berlin-Leipzig, 1936
  9. Walter Grottian, Das sowjetische Regierungssystem, Bd II. Köln, 1965
  10. Georg von Rauch, Geschichte des bolschewistischen Rußland, Wiesbaden, 1955
  11. Werner T. Angress, Die Kampfzeit der KPD 1921-1923, Düsseldorf, 1973
  12. David Shub, Lenin - Eine Biographie, Wiesbaden, 1962
  13. Georg von Rauch, Lenin - die Grundlegung des Sowjetsystems, Wiesbaden, 1957
  14. Herbert von Dirksen, Moskau-London-Tokio, 20 Jahre deutscher Außenpolitik, Stuttgart, 1949
  15. F.A. Krummacher/H. Lange, Krieg und Frieden. Von Brest-Litowsk zum Unternehmen Barbarossa, München, 1970
  16. Clara Zetkin, Erinnerungen an Lenin, Berlin (Ost), 1975
  17. Luise Doremann, Clara Zetkin, Leben und Wirken, Berlin (Ost), 1974
  18. Günter Rosenfeld. Sowjetrußland und Deutschland. Berlin (Ost). 1960.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 30(3) (1982), S. 6-10

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