Hexensabbat der Vergangenheitsbewältiger

Nachdenkliches zum 50. Jahrestag des 30. Januar 1933

Karl Faith

Zum 50. Jahrestag der »Machtergreifung« Hitlers - wie es in der westdeutschen Publizistik übereinstimmend, aber irreführend hieß - wurde ein neuer Höhepunkt der »Vergangenheitsbewältigung« erreicht. In 0st und West überboten sich die Medien, auf die Vergeßlichkeit derjenigen bauend, die den 30. Januar 1933 schon in denkfähigem Alter erlebten, dem Durchschnittsbürger ein Geschichtsbild aus vorgefertigten Teilen eines sorgfältig vorbereiteten Reeducations-Langzeitprogrammes frei Haus zu liefern. Geschichtlich gebildete Zeitzeugen fühlen sich herausgefordert, diesem Medien-Babel ein wahrheitsgetreues Bild mit klaren Konturen und unverfälschtem Hintergrund entgegenzustellen.


In Wirklichkeit gab es am 30. Januar 1933 keinerlei »Machtergreifung«. Unter verfassungsmäßigen Formen wurde eine neue (die einundzwangigste) Regierung der Weimarer Republik gebildet. Ein ganz normaler Vorgang, der - zumindest äußerlich - insoweit demokratischer als die drei seit 1930 vorausgegangenen Regierungsbildungen war, als diese, ohne parlamentarische Mehrheit ins Amt gesetzt, nur mit Notverordnungen nach Art. 48 der Reichsverfassung regieren konnten. Es zeigte sich dabei, daß es auf die Dauer nicht möglich ist und nur zum Scheitern einer Demokratie führen kann, wenn der Versuch unternommen wird, ohne oder gegen die stärkste Partei zu regieren. Das war seit spätestens 1932 die NSDAP. »Unsere« Medien aber nehmen historische Fakten, die nicht in ihr Konzept passen, einfach nicht zur Kenntnis. Wie die Inquisition suchen sie nicht die Wahrheit, sondern Schuldige, in diesem Fall die Bösewichte, denen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler angelastet werden könnte. Bezeichnend dafür ist schon der auch im Druck erschienene Titel einer Fernsehsendung: »Warum habt ihr Hitler nicht verhindert?«

Diese Frage ist nicht nur unsinnig und anmaßend, sondern sie verrät auch Unverständnis der historischen Zusammenhänge dieser Zeit, ja sie hat sogar einen gewissen denunziatorischen Unterton, um von dem eigenen Verhalten von damals abzulenken. Dabei hat es einen der Hauptinquisitoren, den »Stern«-Herausgeber Nannen (heute durch dieses Geschäft Millionär) endlich, zumindest moralisch, erwischt. Für das 100jährige Jubiläum des »Vereins Schweizer Journalisten« am 23. Juni 1983 als Festredner vorgesehen, wurde er nach seiner freudigen Zusage von 1200 Mitgliedern der Züricher Sektion des Vereins wegen erwiesener »unleugbar tiefbrauner Vergangenheit« höflich wieder ausgeladen.

Hindenburg blieb verfassungstreu

Aber bleiben wir bei der vorwurfsvollen Fernsehfrage. Untersuchen wir, warum es zum 30. Januar 1933 kam. Zuerst deshalb, weil Reichspräsident v. Hindenburg nicht bereit war, dem Vorschlag des gescheiterten Reichskanzlers v. Schleicher zu folgen, den Reichstag heimzuschicken, eine Militärdiktatur zu genehmigen und so die Verfassung zu brechen. Damit wollte Schleicher tun, was die Fragesteller jetzt reklamieren: Hitler verhindern. Der greise Feldmarschall nahm seinen Eid auf die Verfassung ernst; da keine andere Möglichkeit mehr bestand, ernannte er den Vorsitzenden der größten Partei, Hitler, am 30. Januar 1933 zum Chef einer Mehrheitsregierung.

Die historisch entscheidende Frage ist, warum Hitlers Partei die stärkste aller Parteien wurde. Der Politologe Bracher schreibt in »Das Parlament« (29. Jan. - 5. Febr. 1983, S. 1-2), dieser Prozeß habe mit den von Brüning verhängnisvoll ausgeschriebenen Reichstagswahlen am 14. September 1930 begonnen; sie brachten mit einem Schlag statt zwölf nationalsozialistischer Abgeordneter 107 in den Reichstag. Verantwortlich für diesen »Zug zum Radikalismus« seien die »autoritären Präsidialregierungen«, das damals beginnende Regieren mit den Notverordnungen des Reichspräsidenten. Mittelstand und Bauern seien »auf der Suche nach demonstrativen Oppositionsmöglichkeiten« der »alles versprechenden NS-Sammelbewegung«, verelendete Arbeitermassen »den kommunistischen Antipoden« zugeströmt. Er unterstellt also Mittelstand und Bauern ein radikales Opponierenwollen, »verelendet zu sein« gesteht er aber nur den Arbeitern zu. Massen von Arbeitern, nach der Statistik ein Viertel der Mitglieder der NSDAP, unterschlägt er einfach, weil diese eine Wirtschaftswende nicht von den Kommunisten erwarteten. Eine Verdrehung der Tatsachen. Die tieferen Gründe für die Radikalisierung, die Wirtschaftskatastrophe, erwähnt Bracher nur nebenbei an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang. Deren eigentliche Ursache, die Reparationsfrage, war aber das Hauptproblem der Weimarer Republik. Die Deutschland auferlegten Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark konnte das Reich nie bezahlen; das hat schon einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler unseres Jahrhunderts, der Engländer Prof. John M. Keynes, in seinem Werk »Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages« exakt nachgewiesen. Die vom Zentrumskanzler Wirth begonnene »Erfüllungspolitik« und die enorme Auslandsverschuldung ruinierten die deutsche Wirtschaft. Zu spät (erst 1931) kamen die USA zur Einsicht, ein »Moratorium« für alle Zahlungsverpflichtungen Deutschlands zuzugestehen.

Verhängnisvolle 6-Millionen-Ziffer

Reichskanzler Brüning trieb in wiederholten Notverordnungen, um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, Deflationspolitik mit höheren Steuern und Lohn- und Preissenkungen um jeweils 10%; die Geldmenge engte er in panischer Furcht vor einer Inflation ein. Das war das genaue Gegenteil dessen, was nottat. Die Kaufkraft schwand rapide. Immer größere Massen Arbeiter wurden entlassen. Im Winter 1931/32 gab es über 6 Millionen Arbeitslose. Auf all das, die Gründe für die Notverordnungen, auf ihren Inhalt und Folgen als Ursache für die Radikalisierung geht Bracher nicht ein. Dabei fehlte es nicht an namhaften Wirtschaftssachverständigen, die die Lage richtig erkannten und eine Arbeitsbeschaffungspolitik nach dem Rezept von Keynes forderten, darunter auch Dr. Hjalmar Schacht, der frühere Reichsbankpräsident. Für dies alles hatte Brüning taube Ohren. Noch im Jahr 1964 konnte sein Reichsbankpräsident Dr. Hans Luther, ein Mann ohne fachliche Ausbildung im Bankwesen, nicht verstehen, warum zwei verzweifelte Männer am 9. April 1932 auf ihn ein Pistolenattentat versuchten[1]. Hitler, der selbst nicht viel von Wirtschaft verstand, hörte auf diese Fachleute und versprach den verzweifelten Menschenmassen eine Wende in der Wirtschaft. Es waren keine leeren Versprechungen, wie Bracher meint.

Aufgewärmte Legende

Brünings Nachfolger, v. Papen und v. Schleicher, erkannten das Übel der Deflationspolitik; sie gingen zu einer Arbeitsbeschaffungspolitik über. Dennoch trat 1932 noch keinerlei Milderung der Wirtschaftskrise ein. Die Streichung der Reparationen im Juli 1932 kam zu spät. Trotzdem erneuerte Bracher die Legende, daß Ende 1932 schon »der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise überwunden und der Arbeitslosigkeit durchschritten« worden sei. Die Arbeitslosenzahl erreichte im Winter 1933 den gleichen Höchststand wie 1932, nach der offiziellen Statistik 6013612 bzw. 6000958, in Wirklichkeit 61/2 bis 7 Millionen. Erst der Regierung Hitler gelang es unter größten Schwierigkeiten, erste wirksame Schritte zur Überschreitung des toten Punktes zu unternehmen. Das am 31. Mai verabschiedete »Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit« gliederte in den zwei Sommermonaten 400000 Erwerbslose in den Arbeitsprozeß ein. Es gab ihnen weiter nur Arbeitslosenunterstützung, täglich eine warme Mahlzeit und 25 RM für vier volle Arbeitswochen anstelle des regulären Lohns. Die Überwindung der Krise war noch ein jahrelang dauernder schwieriger Prozeß. Im Januar 1934 gab es noch 3,7 Millionen Arbeitslose, im Januar 1936 noch immer 2,6 Millionen, erst 1938 war die Vollbeschäftigung erreicht, die weltweite Wirtschaftskrise freilich noch nicht voll überwunden. In den USA gab es 1938 rund zehn Millionen Arbeitslose[2]. Bracher aber will den Höhepunkt der Krise noch vor der »Machtergreifung« Hitlers überwunden sehen; er bemerkt dazu: »Der in der Republik angebahnte Wiederaufstieg (Ende 1932!) kam nun ganz der nationalsozialistischen Propaganda und der Heilsbotschaft des ›Dritten Reiches‹ zugute.« Ein seriöser Wirtschaftshistoriker, Dieter Petzina, scheut sich nicht, den wirklichen Anfang eines allmählichen Aufschwungs als Ergebnis der Arbeitsbeschaffungsprogramme des Kabinetts Hitler anzuerkennen. Er gibt die Höhe des vom Kabinett für das Arbeitsbeschaffungsprogramm bis 1936 aufgewendeten Geldbetrags mit 5,2 Milliarden RM an[3], wovon allein zwischen Frühjahr 1933 und Anfang 1935 3,8 Milliarden ausgegeben worden sind. »Der unmittelbare Erfolg der Politik der Arbeitsbeschaffung mit Hilfe staatlicher Aufträge und der Aktivierung der Privatwirtschaft durch indirekt wirkende Impulse zeigte sich an der raschen Minderung der Arbeitslosigkeit, die im Jahresdurchschnitt 1934 beinahe auf die Hälfte des Standes von 1933 abgesunkten war«, resümiert Petzina[4].

Wahrheitswidrige Propaganda

Warum verschweigt Bracher all das und spricht wahrheitswidrig von einem sich Ende 1932 anbahnenden Wirtschaftsaufstieg? Er will Hitler höchstens propagandistisch ausgeschlachtete Scheinerfolge zusprechen. Was unter Hitler geschah, muß von vornherein falsch gewesen sein, ist wahllos zu verdammen und zu verteufeln, auch bei Leistungen von Männern, die keine Nationalsozialisten waren, wie der parteilose Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht, der aus der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei gekommen war.

Ich habe Brachers Aufsatz so unverdient breiten Raum gewidmet, weil er der typische Vertreter einer etablierten Geschichtsinterpretatorenkaste und für die Tendenz der jetzigen Kampagne »beispielhaft« ist. Während er - immerhin Professor in Köln - versucht, seinem Artikel einen seriösen Anstrich zu verleihen, geben sich Funk, Fernsehen und ein Teil der Presse gar keine derartige Mühe. Tag für Tag laufen Beiträge durch die Medien, die mitunter durch ihre Primitivität sogar bei Jugendlichen auf deutliche Ablehnung stoßen, sofern diese nur - auch ohne fundierte Kenntnisse über jene Zeit - logisch denken können. In ihrem messianischen Eifer leuchtet manchen Medienpropagandisten gar nicht ein, daß mit Schaum vor dem Mund und mit witzblattartigen Überzeichnungen keine Glaubwürdigkeit zu erreichen ist.

Es lohnt sich nicht, das Gros der Produkte der 30. Januar-Kampagne auch nur oberflächlich zu analysieren. Nur zu der Sendung »Warum habt ihr Hitler nicht verhindert?« seien ein paar kritische Bemerkungen gemacht. Die Sendung erschien auch als ein Teil eines neuen Magazins »Geschichte-Fernsehen« im Druck, u. a. auch in »Das Parlament« inseriert. Die Sendung (23. Januar) wollte aus Zeitzeugen herauslocken, Antworten auf die im Titel gestellte Frage möglichst im Sinne der vorgefaßten Meinung des Moderators, die in den oft hartnäckig wiederholten Suggestivfragen meist schon enthalten waren. Doch nicht alle Befragten ließen sich beirren.

Lügen über Industrie und Reichswehr

So widerlegte z.B. der Krefelder Unternehmer Paul Kleinewefers den bis zum Überdruß wiederholten Vorwurf, die Industrie habe Hitler an die Macht gehievt, mit kristallklarer Logik; er erzählte, so lebendig wie in seinem Buch[5], wie er Hitler im Januar 1932 im Imdustrieclub erlebte, wo dieser erstmals als Referent vor den führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft auftrat. In zwei Stunden entwarf er, von den Folgen von Versailles ausgehend, sein Wirtschaftsprogramm, das die Ideen seiner Sachberater enthielt. »Er war ein ... rhetorischer Gigant«, heißt es bei Kleinewefers. »Nur ganz wenige haben ihre zurückhaltende Art bis zum Schluß behalten. Die große Mehrheit wurde immer mehr fasziniert, ging immer stärker mit. Am Schluß der Rede ... in der sich Hitler völlig verausgabte, gab es ungehemmten Dauerbeifall. « Kleinewefers gab freimütig zu, daß er unter dem Eindruck dieses klar umrissenen Programmes im August 1932, im Gezerr der damaligen Bürgerkriegssituation, der NSDAP beitrat. »Im übrigen wurden die Wirtschafts- und Finanzprobleme später, nachdem politische Stabilität geschaffen war, von Schacht sachverständig und souverän gelöst,« schreibt er dazu[6]. Resolut vertrat er dem Moderator gegenüber seinen Standpunkt.

Papen schreibt im gleichen Sinne über einen Brief der früheren Männer der Wirtschaft an Reichspräsident Hindenburg im Spätherbst 1932: »Schacht und die Vertreter aus Deutschlands Industrie und Wirtschaft waren besonderer Sympathie für Hitler bestimmt unverdächtig. Wenn ihr nüchterner Sachverstand schon keinen anderen Ausweg aus dem politischen Niederbruch mehr sah als die Berufung Hitlers, dann muß es wahrlich eine bedauerliche Situation gewesen sein. «[7]

Ebenso entschieden wurden die seit 1945 sattsam bekannten Vorwürfe gegen die Reichswehr vom ehemaligen Widerständler General a. D. Adolf Heusinger widerlegt. Nicht irgendeine »Komplizenschaft« mit Hitler zur Vorbereitung eines Angriffskrieges habe das Offizierskorps veranlaßt, »Hitler nicht zu verhindern«, sondern das »Ja« zum nationalen Aufstieg, als dessen Garant ihm die »Regierung der nationalen Konzentration« lange 7.eit erschienen sei.

Stalin »ad portas«

Mehr Gefallen als an Kleinewefers und Heusinger scheint der Moderator an dem alten Gewerkschaftler namens Willi Schmied gefunden zu haben -, immer wieder ließ er ihn zu Wort kommen - da er die Titelfrage auf ganz andere Weise beantwortete. Zwar galt sein Vorwurf der SPD, aber in dem Sinn, daß diese mit der KPD keine Arbeitereinheitsfront gegen Hitler gebildet habe. Weder er noch der Moderator erinnerten sich, daß die SPD damals für die Komintern als Feind Nr. 1 galt, wie es auch Stalins These vom »Sozialfaschismus« (1924) beweist[8]. Schmieds Forderung muß für jeden Deutschen als eine unerträgliche Herausforderung erscheinen. Von 1929 bis 1933 führte Stalin in der Sowjetunion die Zwangskollektivierung durch, deren Todesopfer der sowjetische Diktator 1942 in einem Gespräch mit Churchill auf zehn Millionen bezifferte[9]. Nach dem Exilpolen, Prof. Andrzej J. Kaminski, selbst ehem. Insasse eines deutschen KZ, belief sich die Zahl der Opfer auf 10-15 Millionen - Männer, Frauen, Greise, Kinder. Dies geschah schon 10-15 Jahre vor Auschwitz und Buchenwald. Nach Prof. Kaminski war dies das größe Verbrechen der Geschichte[10] neben vielen anderen Massenmorden Stalins, deren einen Teil Chruschtschow in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteikongreß der KPdSU am 25. Februar 1956 als die »Verbrechen Stalins« entlarvte[11]. Und mit einer KPD, die Stalin blind gehorchte, hätten sich die deutschen Sozialdemokraten gegen Hitler zusammentun sollen?!

In Wirklichkeit sahen die meisten Deutschen einschließlich der Sozialdemokraten schon darin eine große Gefahr, daß die Kommunisten in den Reichstagswahlen am 6. November 1932 5,9 Millionen Stimmen erhielten und damit die drittstärkste Partei wurden. Noch am 5. März 1933, also mehr als einen Monat nach Hitlers »Machtergreifung«, gaben 4,8 Millionen Wähler ihre Stimmen der KPD! Die Furcht vor einer kommunistischen Machtergreifung war durchaus lebendig, die Planung eines bewaffneten Aufstandes der Kommunisten im Winter 1932/33 war nicht die Erfindung von Dr. Goebbels, wie man heute glauben machen will[12]. Ihr Weg zur Macht durch Wahlen schien nicht ganz ausgeschlossen, wurde doch die KPD Berlins im Juli 1932 mit 382505 Stimmen die stärkste Partei der Reichshauptstadt vor den Sozialdemokraten mit 319361 und den Nationalsozialisten mit 281531 Stimmen; in den November-Wahlen desselben Jahres vergrößerten die Kommunisten ihren Abstand zur SPD als stärkste Partei Berlins ganz erheblich mit 450793 Stimmen (SPD 284459, NSDAP 269294). Erst in den Wahlen nach Hitlers »Machtergreifung« wurde die NSDAP in Berlin die stärkste Partei mit 398687 Stimmen, doch die Kommunisten lagen knapp hinter ihr mit noch immer 383 427 Stimmen[13].

Hakenkrenz oder Sowjetstern

Der amerikanische Journalist H. R. Knickerbocker sah infolge der Radikalisierung in den Elendsjahren 1931-1932 die wahrscheinlichste Alternative für Deutschland schon in der nahen Zukunft so, wie er sie auf dem Titelblatt seines 1932 erschienen Buches »Deutschland - so oder so?«[14] symbolisiert mit Hakenkreuz und Hammer und Sichel. Die mehr als doppelt so große Masse radikalisierter Deutscher lief - sehr zum Leidwesen vieler heutiger Medienpropagandisten - deshalb nicht den Kommunisten zu, weil die KPD offiziell »Die Sektion der Kommunistischen Internationale in Deutschland«, also Filiale einer Partei, mit Zentrale im Ausland (Moskau)[15] war. Auch die Greuel in der Sowjetunion blieben nicht unbekannt, während diejenigen, welche der Nationalsozialismus bringen sollte, noch in ferner Zukunft lagen.

Die schon gleich nach der »Machtergreifung« begangenen Gesetzesbrüche hätten die Deutschen von damals verpflichtet, »Hitler zu verhindern«, meinte der Moderator. Für die Geschichtsklitterer unserer Zeit endet die Geschichte der Weimarer Republik spätestens mit dem »Nein« der Sozialdemokraten zum Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 wie mit einem tragischen Finale, einem würdigen Abgang von der Bühne. Es wird völlig verschwiegen, daß die SPD -Fraktion mit den anderen Fraktionen in einer weiteren Reichstagssitzung am 17. Mai einstimmig der programmatischen Rede Hitlers zustimmte. Hitler sagte damals, daß alleine seine SA und SS durch kommunistische Mordüberfälle, Attentate und Terrorakte in den letzten Jahren über 350 Tote und gegen 40000 Verletzte zu beklagen gehabt habe[16]. Die Zustimmung der SPD galt auch dieser Feststellung Hitlers. Die Medienpropagandisten wollen alle Terrorakte, alle (Gesetzesbrüche nur den »Nazis« in die Schuhe zu schieben

Was ist Mehrheit?

In der hier angeprangerten Sendung wurde behauptet, die Nationalsozialisten hätten gar keine Mehrheit gehabt; am 5. März entfielen nur 43,9% der Wählerstimmen auf sie. Nun, das Kabinett Hitler war eine Koalitionsregierung, ähnlich wie gemäß dem Verhältniswahlsystem auch fast alle Regierungen in der Bundesrepublik seit 1949 Koalitionsregierungen sind. Mit dem Koalitionspartner, der »Kampffront Schwarz-Weiß-Rot« Hugenbergs und v. Papens zusammen, die 8% der Stimmen erhielt, ergab das 52%, eine Mehrheit, der sich Koalitionsregierungen in der Bundesrepublik nicht immer erfreuen konnten. Mit den Wahlergebnissen der NSDAP 1932 (Juli: 37,3%, Nov.: 33,1%) versuchen die Geschichtsinterpretatoren, die Hitler nachträglich verhindern wollen, zu demonstrieren, daß es keine Veranlassung gegeben habe, darüber auch nur nachzudenken, ob man die NSDAP in die Regierungsverantwortung mit einbeziehen müsse. Allerdings erwiesen sich die anderen Parteien als unfähig oder unwillens, nach arithmetischen Möglichkeiten gegen die NSDAP eine parlamentarische Mehrheit zustandezubringen. Vor 1932 war die SPD die stärkste Partei. Vergleicht man ihre Wahlergebnisse mit denen der NSDAP 1932, ergibt sich folgendes Bild:

SPD

1919:
1920:
4. Mai 1924:
7. Dez. 1924:
1928:
1930:

163 Mandate (Ebert-Noske-Periode)
102 Mandate
100 Mandate
131 Mandate
153 Mandate
143 Mandate

Das Bild ändert sich 1932 so:

31. Juli:
6. Nov.:

NSDAP 230 Mandate (37,3%),
NSDAP 196 Mandate (33,1%),

SPD 133 Mandate (21,6%)
SPD 121 Mandate (20,4%)

Dieser Vergleich läßt die Qualitäten der beiden Parteien unberücksichtigt, er beschränkt sich auf die Mehrheitsverhältnisse.

Unterstellen wir kuriositätshalber - was immerhin ebenso eine Möglichkeit gewesen wäre, - daß sich die Nationalversammung 1919 nicht für das Verhältniswahlrecht entschieden hätte, sondern für das relative Mehrheitswahlsystem, das heute noch in allen demokratischen Ländern englischer Zunge gültig ist, dann hätten die Wahlergebnisse wie folgt ausgesehen, angesichts der Mehrheit in den 35 Wahlkreisen:

31. Juli: NSDAP in 29 Wahlkreisen: relative Mehrheit, SPD in keinem[17];

6. Nov.: NSDAP in 25 Wahlkreisen: relative Mehrheit, SPD in einem.

Das hätte in beiden Wahlen eine gewaltige absolute Mehrheit für die NSDAP bedeutet. Auch eine logischerweise andere Wahlkreiseinteilung hätte wohl kaum etwas am Wahlergebnis geändert. Die mit dem Wort »Mehrheit« so gerne und geschickt jonglieren, sollten sich vielleicht auch solche Möglichkeiten durch den Kopf gehen lassen. SPD und CDU trugen sich Mitte der 60er Jahre eine Zeitlang ernsthaft mit dem Gedanken, das Mehrheitswahlsystem nach englischem Vorbild in der Bundesrepublik Deutschland einzuführen.

Wer aus den vorstehenden Ausführungen ein Plädoyer für den Nationalsozialismus herauszulesen wähnt, hat nichts begriffen. Dem Historiker gebietet sein Berufsethos, besonnen, vorurteilslos, sachlich abwägend den tieferen Ursachen geschichtlicher Vorgänge nachzugehen. Daß der 30. Januar 1933 ein solcher war, wird niemand bestreiten. Die Massenmedien haben seine 50. Wiederkehr zum Anlaß genommen, um einen unwürdigen Rummel, eine wahre Walpurgisnacht der Dämonen zu veranstalten. Sie haben sich um den Nachweis bemüht, wie dumm und böse die Deutschen von damals waren, daß sie »Hitler nicht verhinderten«. Glauben sie wirklich, daß sie dadurch jetzt demokratisch vertrauenswürdiger geworden sind? Wir haben sie widerlegt, um zu verhindern, daß mit der Verteufelung unserer Vergangenheit auch die Gegenwart und Zukunft unseres Volkos zum Teufel gehen.

Anmerkungen

  1. Hans Luther, »Vor dem Abgrund - Reichsbankpräsident in Krisenzeiten, Propyläen-Verlag Berlin, 1964, S. 242f.
  2. Dr. Hjalmar Schacht, »Wie eine Demokratie stirbt«, Econ Verlag, Düsseldorf, 1968, S. 105
  3. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 15. Jahrg. 1967, 1. Heft/Januar, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, S. 39
  4. Ebenda, S. 49
  5. Paul Kleinewerfers, »Jahrgang 1905, Ein Bericht zur Zeit- und Wirtschaftslage«, Seewald-Verlag, Stuttgart. dritte überarb. Auflage, 1981.
  6. Ebd. S. 66-67
  7. Franz von Papen, »Vom Scheitern einer Demokratie«, v. Hase & Koehler Verlag, Mainz, 1968, S. 335
  8. Hermann Weber, »Die Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation«, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Hannover, 1966, S. 116
  9. Winston Churchill, »Memoiren«, Bd 4, 2. Buch, S. 102ff
  10. Andrzej J. Kaminski, »Konzentrationslager 1896 bis heute. Eine Analyse.« Verlag Kohlhammer, Stuttgart, 1982, S. 121
  11. »Chruschtschow erinnert sich«, Hrsg. v. Strobe Talbott, eingeleitet und kommentiert von Edward Crankshaw, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1971, S. 529ff.
  12. Jacques Benoist-Mechin, »Auf dem Wege zur Macht. Geschichte der deutschen Militärmacht«, Bd III. S. 90ff, Stalling Verlag, Oldenburg, 1965
  13. Cuno Horkenbach, »Das Deutsche Reich von 1918 bis heute«, Verlag für Presse Wirtschaft und Politik, Berlin, 1932, S. 267, 361 (Bd I), Bd II., 1935, S. 88
  14. H. R. Knickerbocker, »Deutschland so oder so?«, Rowohlt Verlag, Berlin, 1932
  15. Herman Weber, »Der deutsche Kommunismus. Dokumente 1915-1945«, Studienbibliothek Kiepenheuer & Witsch. Köln. Dritte Auflage, 1973, S. 254
  16. Paul Meier-Benneckenstein, »Dokumente der Deutschen Politik«, Bd I. Axel Friedrichs, »Die nationalsozialistische Revolution«, S. 92-104
  17. Horkenbach. op. cit. Amtliche Wahlstatistiken. Bd I.. II.. III.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(1) (1983), S. 3-7

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