Staatsethos und Wirklichkeit

Bonns »geistige Erneuerung« in Theorie und Praxis

Dr. Friedrich Finke

Als vor zwei Jahren zur Weihnachtszeit Großadmiral Karl Dönitz, der letzte Reichspräsident, starb, verhinderte die sozialliberale Bundesregierung in beschämender Weise jede staatliche Ehrung. Kurz vor Weihnachten des letzten Jahres starb Oberst Hans-Ulrich Rudel, der als Stukaflieger an der Ostfront der höchstausgezeichnete Soldat der deutschen Wehrmacht wurde. Beide, in vielem sonst durchaus verschieden, waren untadelige Soldaten, beim Gegner hochgeehrt und angesehen, und Abertausende deutscher Flüchtlinge und Soldaten verdanken ihnen persönlich ihr Leben. Beide unterwarfen sich nicht der Gehirnwäsche der Nachkriegszeit, und das genügte, um sie bis über den Tod hinaus zu Unpersonen in Westdeutschland werden zu lassen. Die seit kurzem in Bonn regierende CDU mit einem Luftwaffenoffizier und Piloten als Verteidigungsminister setzte nicht nur voll die linksliberale Politik der Vorenthaltung jeder Ehrung für große Soldaten fort, sondern ließ sich auch zu den fast tragikomischen und jedenfalls beschämenden Untersuchungen verleiten, ob Düsenjäger zufällig oder absichtlich während oder vor der Beisetzung des großen Stukafliegers mit oder ohne Flächenwackeln über oder an dem Bestattungsort vorbeigeflogen seien.


Als einfacher Abgeordneter hatte der jetzt für die Bundeswehr zuständige Minister Wörner seinerzeit harte Worte gefunden, als der damalige Verteidigungsminister Leber die Einladung Rudels in ein Bundeswehrkasino mit Strafmaßnahmen ahndete und Rudel einen »Kerl« nannte. Nun selbst verantwortlicher Minister, reihte sich Wörner schnell in die Clique der Vergangenheitsbewältiger ein. Der Praktiker von heute hängt eben sein Mäntelchen nach dem Wind.

So feierte die seit Jahrzehnten gepflegte deutsche Neurose der bedingungslosen Antihaltung gegenüber allem, was vor 1945 in Deutschland galt oder sich später zu Volk und Vaterland bekannte, fröhliche Urständ. Daß der Bundeswehr ganze Panzer gestohlen und ausgeraubt oder Raketen entführt wurden, hat bei weitem nicht solche Schlagzeilen gemacht und manche Kreise um den Bestand des Staates fürchten lassen wie die möglicherweise stattgefundene Ehrung Rudels.

In Bonn blieb alles beim alten

Man könnte angesichts unserer derzeitigen Gesamtlage fragen, ob die Politiker in Bonn denn keine anderen Sorgen haben. Doch die Frage nach unserem Staatsethos, nach der inneren Bindung des westdeutschen Bürgers an seinen Staat und nach seiner Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft läßt sich nicht mehr verdrängen. Bundeskanzler Kohl forderte kürzlich eine »geistige Erneuerung«, und Bundestagspräsident Stücklen sprach sich für die Höherbewertung von Volk und Vaterland aus und verwies auf das unverzichtbare »Ethos Deutsches Volk«. Beider Aussagen waren längst überfällig im Zuge der Normalisierung und inneren Befriedung in Westdeutschland, nur erwiesen sie sich, wie der Fall Rudel jetzt erneut zeigte, bei der ersten Probe aufs Exempel als bloßes Gerede. Den Verantwortlichen fehlte es offenbar nicht so sehr an Einsicht wie an Rückgrat; die wirkliche Wende in Bonn fand noch nicht statt.

Nichts fehlt aber unserem Volk so sehr wie eine neue Rangordnung der Werte. Jahrzehntelang wurden Treue und selbstloser Einsatz, insbesondere des eigenen Lebens für andere, in der Öffentlichkeit und von den leitenden Politikern als Dummheit verhöhnt oder gar als Überbleibsel nationalsozialistischer Haltung verfolgt. Verrat und Korruption galten mehr. Helden waren nicht gefragt. Fußballidole oder Schlagerstars sollten als Ersatz herhalten. »Wehe dem Volk, das Helden braucht«, erklärte kürzlich ein SPD-Politiker auf einer Veranstaltung für die unterdrückten polnischen Gewerkschaftler, offensichtlich völlig unvertraut mit der Tatsache, daß die Massenpsychologie längst nachgewiesen hat, daß jedes Kulturvolk Helden und Vorbilder braucht, daß keine wirkliche Erziehung ohne sie und die durch sie vertretenen Werte auskommen kann. »Wehe dem Volk, das keine Helden hat«, trifft wohl eher zu, und sicher ist noch richtiger »Wehe dem Volk, das seine Helden verhöhnt und nicht ehrt«.

Wie abstrakt in der leitenden Weltanschauung, so wird die zeitgemäße Grundidee eines Volkes in der Person eines Helden sichtbar. Vor 140 Jahren schrieb der Schotte Thomas Carlyle, ein großer Verehrer Friedrichs des Großen, sein zeitloses Werk »Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in der Geschichte«, worin er schon damals die Notwendigkeit großer Menschen und Vorbilder für ein Volk und seinen Staat darlegte. Die moderne Anthropologie (etwa Arnold Gehlen) Psychologie (etwa Hans Domizlaff) und Verhaltensforschung (etwa Konrad Lorenz) unterstreichen das mit neuen wissenschaftlichen Begründungen.

Solange Persönlichkeiten wie Dönitz, Rudel oder Hanna Reitsch noch auf Geheiß der Sieger von 1945 oder ihrer übereifrigen deutschen Nachfolger zu Unpersonen abgewertet werden, ist es um die geistigen Grundlagen unseres Volkes schlecht bestellt. Wenn auch die neue, vom Dritten Reich persönlich nicht mehr belastete Generation unserer Politiker, wie Kohl und Wörner, der Rückgratlosigkeit anheimfällt und sich weiter in unnötiger Unterwerfungspose übt, schadet sie der Zukunft unseres Volkes und vergeht sich an dem geschworenen Eid. Denn wie nach Armin Mohler außenpolitisch derjenige unser Feind ist, der die Spaltung Deutschlands bewirkte und aufrechterhält, so ist innenpolitisch derjenige ein Feind, der den Bestand des deutschen Volkes gefährdet. Neben Geburtendefizit und Überfremdung durch Ausländer gehört zu dieser inneren Bedrohung die weitere Neurotisierung unseres Volkes, die Verhinderung der Normalisierung der Verhältnisse, die Verbauung aller Wege zu einem natürlichen Staatsethos, das sich nicht mehr nach der Siegermoral ausrichtet.

Wie lange noch Umerziehung?

Der nichtentschuldbare Falklandkrieg Englands oder Israels Angriffskrieg gegen Libanon sollten auch dem verbohrtesten deutschen Vergangenheitsbewältiger und idealistischsten Friedensfreund die Augen geöffnet haben über das, was in der Welt vorgeht und früher genauso vorging. Die ganze Heuchelei der Sieger des Zweiten Weltkrieges und ihre verwerfliche Moral, mit dem Bekenntnis zu Freiheit und Christentum bewußt die Unfreiheit und Gottlosigkeit in großen Teilen der Welt, leider auch in Ost- und Teilen Mitteleuropas, in den Sattel gehoben zu haben, kommen langsam zur Kenntnis der Öffentlichkeit. Was der im Zweiten Weltkrieg führende US-Kongreß-Abgeordnete Hamilton Fish unlängst in seinem aufsehenerregenden Werk (»Der zerbrochene Mythos«, Grabert, Tübingen 1982) über die Kriegstreiberei des US-Präsidenten Roosevelt und des britischen Premiers Churchill aufdeckte und aus eigener Erfahrung belegte, läßt sich nicht mehr verheimlichen. Bei seinen historischen Dokumentationen hat das Zweite Deutsche Fernsehen um den Jahreswechsel schon einiges davon übernehmen müssen. Noch viele Legenden über den Zweiten Weltkrieg und seine Ursachen würden fallen, wurde dort am 2. Januar 1983 erklärt, nachdem ziemlich deutlich Roosevelts und Churchills Machtstreben und Kriegslust aufgezeigt worden waren: ein hoffnungsvoller Jahresauftakt. Mit der Umerziehungspropaganda als bis herigem Geschichtsersatz für die Westdeutschen werden dann allmählich auch die dahinterstehenden Kräfte enttarnt und jeder Glaubwürdigkeit beraubt. Um so trauriger ist es angesichts dieser Entwicklung. wenn in Bonn kein Politiker wagt, Flagge zu zeigen.

Man trägt wieder Rückgrat

Auf Krämergeist und Gruppenegoismus ist kein Staatsethos zu gründen. Allein mit dem Blick auf die Stimmen bei der nächsten Wahl ist in härteren Zeiten kein Staatsschiff verantwortungsbewußt zu steuern. »Das Feld des nationalen Bewußtseins ist das, auf dem mit Bewußtsein, also im Bereich des Denkens, unmittelbar gearbeitet werden kann«, schrieb kürzlich der Bochumer Politologe Bernhard Willms (»Die deutsche Nation«, Hohenheim-Köln 1982). Die Deutschen sind wieder gefragt, die Rückgrat, Eigenart, Selbständigkeit des Denkens bewahrt haben, die sich nicht mehr vor den Manipulateuren in den Medien fürchten. Das sollte auch

der Jugend wieder gelehrt werden, über deren Trägheit und Ideenlosigkeit nach den Zeiten des Protestes man heute sich ereifert. Kleinkariertheit und Hofschranzenbuckeln können zwar wie zu allen Zeiten auch heute oft für die Gegenwart persönliche Vorteile bringen, zu Ruhm und Ehre bringen sie es kaum. Einen bleibenden Namen in der Geschichte haben Dönitz und Rudel sich geschaffen. Schon manchen großen Deutschen, etwa Kaiser Heinrich IV. oder Friedrich Schiller, wurde von kleinen Zeitgenossen die würdige Bestattung verwehrt; das schmälerte nicht ihren Ruhm für die Nachwelt, fiel nur auf die jeweilige Gegenwart zurück. So wird es auch bei Dönitz und Rudel sein.

Die beschämende Behandlung vorbildlicher Deutscher durch heute führende Vertreter unseres Volkes stellt jedoch nicht nur diesen persönlich ein Armutszeugnis aus, sondern fällt auch auf sie als derzeitige Vertreter unseres Volkes zurück und wirkt sich weiter vergiftend für die Jugend aus. Unserem Volk und Staat und beider Zukunft wurde damit ein schlechter Dienst geleistet. Wann wird das endlich in Bonn eingesehen werden?


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(1) (1983), S. 1ff.

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