»Mut zur Geschichte«

Professor Diwaldfordert die Revision des Geschichtsbildes

Dr. Friedrich Finke

Es jährt sich nun gerade zum fünften Male, daß Hellmut Diwald mit seiner aufsehenerregenden »Geschichte der Deutschen« die auf das Geschichtsbild der Umerziehung noch festgelegte Öffentlichkeit in Westdeutschland schockte, indem er sich an den Tabus verging, die bis dahin die der Siegerpropaganda ergebenen bundesdeutschen Historiker eifrig beachtet hatten. Trotz aller Angriffe und Verleumdungen blieb er anschließend seiner wissenschaftlichen Überzeugung treu und vertrat standhaft seine geschichtlichen Erkenntnisse zum Geschehen dieses Jahrhunderts. Mit seinem neuen Buch »Mut zur Geschichte« (Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1983) unterstreicht er diese Haltung und hält als einer der vorerst ganz wenigen objektiven Fachleute die Fackel der historischen Wahrheit am Leuchten. Das ist Grund genug, einmal auf Person und Werk dieses Wissenschaftlers kurz einzugehen.


Hellmut Diwald ist 1924 in Südmähren geboren und wuchs in Prag, später in Nürnberg auf. Zunächst studierte er bis 1950 Maschinenbau und legte das Ingenieurexamen ab. Kennzeichnend für ihn ist, daß ihm dann die Technik in unserer Zeit nicht eng genug mit der Wirklichkeit verbunden erschien, nicht »realistisch« genug war, und er begann deswegen das Studium der Geschichte und Philosophie. Schon 1953 promovierte er darin, um von dann an der Universität treu zu bleiben. Die Habilitation folgte 1958 und bald die Berufung als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an die Universität Erlangen, wo er noch heute lehrt.

Nach mehreren früheren Büchern brachte das über 550 Seiten starke Werk »Wallenstein« (Bechtle-Verlag, München-Esslingen 1969) mit der wohl besten Biographie des großen Feldherrn neben der Anerkennung der Fachwelt auch den ersten großen Erfolg in der Öffentlichkeit. Diwalds starke Betonung der Reichsidee und seine Deutung des Friedländers als des damaligen geistigen Kopfes einer durchaus möglichen Reichserneuerung war nach Jahrzehnten der Verketzerung des Reichsgedankens etwas Neues und ließ aufhorchen, brachte dem Verfasser allerdings schon die ersten kritischen Besprechungen ein, etwa die ausführliche Rudolf Augsteins im »Spiegel«. Mit der umfassenden »Propyläen Geschichte Europas« in sechs Bänden, von der Diwald den ersten Band über die Zeit von 1400 bis 1555 schrieb, der sicher nicht zufällig als einziger dieser Reihe bereits in dritter Auflage vorliegt, festigte sich sein Fachruhm in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Alle großen Zeitungen besprachen dieses Werk ausführlich und hoben besonders Diwald glänzende Leistung hervor.

So schrieb Carlo Schmidt in der »Zeit«: »Ich habe großen Gewinn aus der Lektüre dieses Buches gezogen.« Peter Berglar meinte in der liberalen »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (14. 7. 1976) »Daß der Verlag für des Abenteuers ersten Streich den Erlanger Historiker Hellmut Diwald gewinnen konnte, ist ohne Wenn und Aber als Glücksfall anzusehen. Diwald verfügt über alle Eigenschaften und Fertigkeiten, deren es zu einem solchen Auftakt bedurfte: er ist nicht nur ein Kenner der frühen Neuzeit - erinnert sei hier an seine ›Wallenstein‹-Biographie - sondern das, was der Rezensent einen Breitband-Historiker nennen möchte.« Voll des Lobes war auch Werner Ross in der »Süddeutschen Zeitung«: »Der wahre Ahne Diwalds ist Jacob Burckhardt... Mit Burckhardt verbindet Diwald auch, was man als ›Weltanschauung‹ aus seiner Darstellung ablesen kann: eine ausgeprägte Abneigung gegen alle Ideologie, verbunden mit einem ebenso kräftigen wie kritischen Realismus, der kein Hühnchen ungerupft läßt.« Und der »Hessische Rundfunk« nannte das »stattliche historische Lesebuch« gar einen »geglückten Auftakt zu einem Geschichtswerk, dessen Weiterführung man mit Interesse entgegensieht«.

Die »Geschichte der Deutschen«

Auf dem Hintergrund dieser Erwartungen fiel der Schock in der Fachwelt und bei den Massenmedien um so größer aus, als 1978 der angesehene Propyläen-Verlag Diwalds »Geschichte der Deutschen« nach umfangreicher Werbung mit einer Startauflage von gleich 100000 Stück auf den Markt brachte und man entsetzt feststellen mußte, daß sich der Erlanger Historiker darin souverän über alle Umerziehungsgebote hinweggesetzt hatte. Daß er mit Jalta als dem Schicksalsdatum des Jahrhunderts begann, war schon schlimm; daß er Roosevelts Kriegstreiberei beim Namen nannte, war unerhört; daß er aber die sogenannte »Endlösung« der Judenfrage und damit den ganzen Komplex Auschwitz als bis heute noch nicht geklärt bezeichnete und die jahrelang in Dachau gezeigte Gaskammer als eine nach Kriegsende von deutschen Kriegsgefangenen auf amerikanischen Befehl gebaute Attrappe beschrieb, das schlug dem Faß den Boden aus und versetzte alle amtlichen Vergangenheitsbewältiger in Westdeutschland in höchsten Alarmzustand.

Ohne Diwald Fehler begründet nachweisen zu können, schrieb der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel in der »Zeit« (l. 12. 1978) von einer »verfehlten Geschichte der Deutschen«: »Erstmals erscheint hier unter dem Signet eines angesehenen Verlagshauses ein Geschichtsbild, wie man es bisher nur aus neonazistischen Konventikelschriften kannte, schlimmer vielleicht noch, weil Diwald nicht einmal diese Linie klar einhält, sondern sie nach der insinuierenden Methode kaschiert, hier und da ein treffendes Urteil einflicht und ein Ragout von geradezu gefährlicher Anstößigkeit zubereitet.«

Jäckels Fachkollege von der Technischen Hochschule Darmstadt und Direktor des Mainzer Instituts für Europäische Geschichte, Professor Karl Otmar von Aretin, besorgte Diwalds Verurteilung in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (5. 1. 1979), wobei er sich schon auf den »Totalverriß« in der »Zeit« und im »Spiegel« beziehen konnte: »Das wirklich Unerträgliche ist die durchgängige Verharmlosung des Dritten Reiches und insbesondere seiner Verbrechen. Das beginnt bei Hitler. Nach Diwald dachte er erst seit dem Frühjahr 1939 an einen Krieg ... Die ungeklärten Fragen, auf die Diwald verweist, machen das Ganze erst richtig zum Skandal ... Dies ist im Munde eines Professors schon ein starkes Stück ... Es ist ein durch keine Ergänzung zu rettendes, wirres und dummes Buch.«

Eine regelrechte Hexenjagd auf den mutigen Professor der Geschichte, der nicht widerrufen wollte, begann und gipfelte in Forderungen nach seiner Amtsenthebung und Bestrafung. Das Stichwort dazu hatte Golo Mann gegeben, der besonders die Seiten 164 und 165 von Diwalds Buch angriff, die »Alt- und Neu-Nazis mit Freude einschlürfen werden«, weil »dieser Ordinarius einer, ja leider, bayerischen Universität, den Judenmord glatt ableugnet«. Sein Urteil: »Diese beiden Seiten in der ›Geschichte der Deutschen‹ sind das Ungeheuerlichste, was ich seit 1945 in einem deutschen Buch habe lesen müssen (›Welt‹, 18. 12. 1978). «

Doch Diwald blieb standhaft. Zwar schrieb er die beiden genannten Seiten für die nächste Auflage etwas um, ohne jedoch Wesentliches zu ändern, vertrat aber sonst seine durchaus begründete Ansicht von den Tatsachen der Zeitgeschichte weiter in aller Öffentlichkeit.

»Mut zur Geschichte«

Nach weiteren sehr lesenswerten Werken - vor allem sei auf seine Luther-Biographie (1982), sein Preußen-Buch »Im Zeichen des Adlers« (1981) und sein Buch »Der Kampf um die Weltmeere« (1980) verwiesen -erschien nun kürzlich Diwalds schon mit Spannung erwartetes Buch »Mut zur Geschichte«. In den darin aus den letzten 15 Jahren zusammengefaßten Artikeln nimmt der Historiker - neben wenigen Aufsätzen zu methodischen Fragen seiner Wissenschaft und zu ganz speziellen Geschichtsthemen - unter anderem zur Frage des Geschichtsbewußtseins, der Umerziehung und der Unwissenschaftlichkeit seiner Fachkollegen auf dem Gebiet der Zeitgeschichte Stellung, denen er vorwirft, daß sie, statt objektive Geschichte zu schreiben, »zum Großteil selbst mit einer sehr persönlich-privaten Revision ihres Geschichtsbildes in der Nachkriegszeit zu tun hatten (39)«.

Ausführlich weist Diwald die unverzichtbare Notwendigkeit des Geschichtsbewußtseins und eines darüber noch hinausgehenden Geschichtsbildes für ein Volk nach, das leben will. Mit vollem Recht hält er es für »eine der wichtigsten Erkenntnisse der Moderne«, daß die Menschen »auf Geschichtsbewußtsein angewiesen sind, um urteilen, entscheiden, handeln zu können ... Deshalb zerstören alle diejenigen, die unser Geschichtsbewußtsein verrotten lassen oder absichtlich verwüsten, die Wurzeln unserer Existenz. Ob das im Zeichen unbedarfter Progressivität geschieht oder mit der höheren Weihe eines kultusbürokratischen Stempels, ist nebensächlich ... Heutzutage sollte auch der letzte begriffen haben, daß ohne Geschichtsbewußtsein unser Lebensboden verkarstet (31).«

Ebenso deutlich äußert sich Diwald über die Hörigkeit seiner Fachkollegen gegenüber dem Zeitgeist, verurteilt, daß »es bei vielen von ihnen zur Mode geworden ist, die deutsche Geschichte zu zerstören, anstatt sich ihrer anzunehmen«, und wendet sich gegen die »historiographisehen Geißerzüge« (36) in Westdeutschland, wo »in den letzten Jahrzehnten ... die Untertänigkeit mitunter wahre Triumphe gefeiert« hat (7).

Mit Ironie und Sarkasmus wendet sich Diwald auch gegen die »große Zahl westdeutscher Vorredner, die es aber nicht bei des Joches Herrlichkeit bewenden lassen, sondern ihrem Handlangertum dadurch eine eigene Qualität zu geben versuchen, daß sie sich zu Anwälten des Status quo ernennen. Sie sind in Wirklichkeit die Henker unserer Geschichte (7)«.

Ihnen gegenüber fordert der Historiker die Deutschen auf, »auf die Demutsgeste als Mittel der Anbiederung zu verzichten (8)«. Denn »ein Volk, das sich seiner Vergangenheit berauben, seine Erinnerung verzerren und seinen Selbstwert verstümmeln läßt, entwurzelt seine Existenz (8)«.

Als wirklicher Kenner der neueren Geschichte stellt Diwald sachlich fest: »Im Jahre 1945 wurde nicht nur der Zweite Weltkrieg verloren, sondern dank der These von der Kollektivschuld, die Deutschland in einen Seuchenherd des Erdballs verwandelte, der das Weltgeschehen seit Jahrhunderten vergiftet hatte, ließen wir uns auch von den Siegermächten unsere Geschichte rauben und gaben sie unsererseits verloren. Die vitalhistorische Verkettung wurde zerstört, schon das bloße Wort ›Geschichte‹ rührte einen Schlamm von Schuldkomplexen auf (26/27).«

Diwald will für die Zukunft schreiben und aus der Geschichte Kräfte des Volkes für ihre Bewältigung mobilisieren. Unter Hinweis auf die verschiedensten Marken deutscher Geschichte, auch auf die allgemeine und weiterbestehende »Reichsvorstellung und Reichssehnsucht«, begründet er, daß die heutige Lage in bezug auf eine Erneuerung unseres Volkes gar nicht so hoffnungslos ist: »Die gegenwärtige Situation der Deutschen kommt den Absichten der Selbstvergewisserung in einem hohen Maße entgegen. Gerade weil wir 1945 so unendlich viel verloren (!) haben, ist es uns grundsätzlicher als jemals zuvor möglich, uns bewußt zu werden über das, was zu unseren Gemeinsamkeiten gehört (227).«

Als Voraussetzung dafür sieht Diwald aber im Gegensatz zu der grundsatzlosen Haltung der letzten Jahrzehnte eine »Unbeirrbarkeit im Grundsätzlichen« als notwendig an, »Wir müssen die Dinge beim Namen nennen, unbeirrbar und konsequent, ruhig und fest. Wir dürfen vor allem nicht an geschichtlichen Tatsachen rütteln lassen, dürfen es nicht hinnehmen wenn man diese Tatsachen verwässert, relativiert, neutralisiert, zudeckt, selbst wenn das die Voraussetzung für einen Kniefall vor den Altären der sogenannten Verständigung sein sollte (241).«

So erweist sich Hellmut Diwald in diesem Buche nicht nur als der »Breitbandhistoriker« (FAZ) und glänzende Formulierer wie früher, sondern auch als der um Volk und Nation besorgte Geschichtslehrer und Professor im wirklichen Wortsinne des Bekenners. Für dieses mutige Buch wie für Diwalds frühere Werke schließen wir uns gern der Empfehlung an, welche »Die Woche« vor Jahren bei der Besprechung seines ersten Propyläen-Werkes aussprach: »Dieses Werk sollte zum Geschichtsunterricht in den Schulen herangezogen werden. Es stellt eine hervorragende Information für Diskussionen dar,« Das tut es in der Tat!


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(4) (1983), S. 26ff.

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