Revisionismus zieht weitere Kreise

Professor Ernst Nolte fordert Revision der Zeitgeschichte

Dr. Friedrich Finke

Obwohl im vorigen Jahr mit der neuen Welle der einseitigen Vergangenheitsbewältigung noch einmal versucht wurde, die notwendige Revision des Geschichtsbildes der Umerziehung zu unterdrücken und die alten Propagandalügen der Sieger erneut im Volke zu verankern, geht die Revision dieses falschen Geschichtsbildes weiter voran. Kürzlich machte der bisher nicht gerade als Revisionist hervorgetretene Zeitgeschichtler Prof. Dr. Ernst Nolte, vor allem durch sein immer noch vielzitiertes Werk »Der Faschismus in seiner Epoche« (1963) bekannt geworden, zur Notwendigkeit einer Revision des bisher offiziellen Bildes der Zeitgeschichte aufsehenerregende Äußerungen.


Langsam gewinnt der Revisionismus in der Zeitgeschichte immer mehr an Boden, selbst in der Geschichtswissenschaft an deutschen Hochschulen. Als 1978 Hellmut Diwald in seiner »Geschichte der Deutschen« die Vorgänge in den KZs anders als allgemein üblich darstellte und darauf hinwies, daß diese Vorgänge noch weitgehend ungeklärt seien, erhob sich ein Sturm der Entrüstung in den Massenmedien, und er wurde trotz grundgesetzlich garantierter Freiheit in Forschung und Lehre gezwungen, einige Formulierungen zu ändern. In seinem »Mut zur Geschichte« (1983) hat er seinen Kollegen von der Geschichtswissenschaft fehlenden Mut und Opportunismus vorgeworfen und auf die bedauerliche Einseitigkeit der westdeutschen Zeitgeschichtsforschung hingewiesen.

1984 stellte der kürzlich verstorbene Professor Dr. Helmut Rumpf in einem Beitrag in der angesehenen Fachzeitschrift »Der Staat« (Nr. 22, 1983, S. 107, s. DGG 83/4, S. 38) heraus, daß die westdeutschen Historiker eigentlich Professor Dr. David L. Hoggan dankbar sein müßten, daß dieser als ausländischer Wissenschaftler bereits 1963 die Kriegsschuldfrage anders als in der Umerziehung üblich betrachtet und eine Revision des Geschichtsbildes gefordert habe. Und vor dem vor allem von CDU- und CSU-Kreisen getragenen Studienzentrum Weikersheim forderte 1984 dessen Präsident, der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Dr. Filbinger, ein Ende der Umerziehung und eine Besinnung auf die deutschen Traditionen.

Allmählich bröckelt so die Front der einseitigen Vergangenheitsbewältigung im Bereich der Wissenschaften ab, und es ist eine Frage der Zeit, wie lange die wissenschaftlich längst überholte Sicht der Siegerpropaganda sich noch in den Reden der Politiker, insbesondere des Bundespräsidenten, halten kann.

Verstoß gegen wissenschaftliches Ethos

Einen bemerkenswerten Beitrag zum Revisionismus legte nun der bekannte Zeitgeschichtler Professor Dr. Ernst Nolte, Berlin, vor. Wie die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« (6. 6. 1986) im Vorspann ihres Abdruckes angibt, sollte Nolte seine Rede eigentlich bei den diesjährigen Römerberggesprächen in Frankfurt zum Thema »Politische Kultur - heute?« halten. Jedoch »aus unbekannten Gründen wurde die Einladung nicht aufrechterhalten«. Der Inhalt der Ausführungen paßte sicher nicht in diesen erlauchten Kreis und sollte wohl der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Um so mehr ist es zu begrüßen, daß die FAZ den Text, wenn auch gekürzt, doch brachte. Denn Nolte fordert darin nichts anderes als eine Revision unserer Zeitgeschichtsvorstellungen.

Der hochbetagte Historiker rührt unter Hinweis auf »erhellende Schlüsselworte« dabei an Fragen, die bisher als unschicklich galten, verfemt waren, verteufelt wurden und ihren Steller bislang als Neofaschisten »sozialethisch« vom Platz und in die »braune Ecke« stellten: »Aber man scheut sich, sie aufzuwerfen, und auch ich habe mich lange Zeit gescheut, sie zu stellen. Sie gelten als antikommunistische Kampfthesen oder als Produkte des kalten Krieges. Sie passen auch nicht recht zur Fachwissenschaft, die immer engere Fragestellungen wählen muß. Aber sie beruhen auf schlichten Wahrheiten. Wahrheiten willentlich auszusparen mag moralische Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft.«

Welche Fragen er damit meint, gibt Nolte deutlich an: »Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ›asiatische‹ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ›asiastischen‹ Tat betrachteten? War nicht der ›Archipel Gulag‹ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius (Vorangegangene) des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den ›Rattenkäfig‹ (brutale bolschewistische Folterart) nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?« Mit diesen Fragen wird eine ganz andere Kausalitätskette als die bisher meist üblich von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zu Hitler und Auschwitz angesprochen.

Nolte bemüht sich »einen Begriff desjenigen ›Verfehlens‹ zu entwickeln, das nach meiner Auffassung das entscheidende ist, und diejenige ›Auseinandersetzung‹ zu umreißen, die von einem ›Schlußstrich‹ ebenso weit entfernt ist wie von der immer wieder beschworenen ›Bewältigung‹.« Seinen Fachkollegen wirft der Gelehrte in diesem Zusammenhang - und sicher mit Recht - bewußte oder unbewußte Einseitigkeit bei der Beurteilung des Dritten Reiches vor: »Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus, daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits beschrieben war: Massendeportationen und -erschießungen, Folterungen, Todeslager, Ausrottungen ganzer Gruppen nach bloß objektiven Kriterien, Öffentliche Forderungen nach Vernichtung von Millionen schuldloser, aber als ›feindlich‹ erachteter Menschen.« Würde ein anderer als Nolte das sagen, so würde das ihm sicher als »Verharmlosung« oder noch Schlimmeres angekreidet.

Mit ebenso großer Berechtigung spricht Nolte dann ein vernichtendes wissenschaftliches Urteil über die bisher tonangebende Zunft der bundesdeutschen Zeitgeschichtler, wenn er folgert: »Aber so wenig wie ein Mord, und gar ein Massenmord, durch einen anderen Mord ›gerechtfertigt‹ werden kann, so gründlich führt doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf den einen Mord und den einen (gesperrt im Original) Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus (Ursachenverbindung) wahrscheinlich ist. «

Auch die Unduldsamkeit und die Verhinderung der freien Forschung im Nachkriegsdeutschland prangert Nolte nun an, wie er auch auf die entscheidenden Motive hinweist: »Gerade diejenigen, die am meisten und mit dem negativen Akzent von ›Interessen‹ sprechen, lassen die Frage nicht zu, ob bei jenem Nichtvergehen der Vergangenheit auch Interessen im Spiele waren oder sind, etwa die Interessen einer neuen Generation im uralten Kampf gegen die ›Väter‹ oder auch die Interessen der Verfolgten und ihrer Nachfahren an einem permanenten Status des Herausgehobenen- und Privilegiertseins. Die Rede von der ›Schuld der Deutschen‹ übersieht allzu geflissentlich die Ähnlichkeit mit der Rede von der ›Schuld der Juden‹, die ein Hauptargument der Nationalsozialisten war. Alle Schuldvorwürfe gegen ›die Deutschen‹, die von Deutschen kommen, sind unaufrichtig, da die Ankläger sich selbst oder die Gruppe, die sie vertreten, nicht einbeziehen und im Grunde bloß den alten Gegner einen entscheidenden Schlag versetzen wollen.« Kann man noch deutlicher die Praxis unserer Bonner Politiker anklagen und die Schuld der Massenmedien an unserer geistigen Krise hervorheben? Und auch die Bedeutung für die Gegenwart vergißt Nolte nicht zu erwähnen: »Die der ›Endlösung‹ gewidmete Aufmerksamkeit lenkt von wichtigen Tatbeständen der nationalsozialistischen Zeit ab … vor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart - etwa denjenigen des Seinscharakters von ›ungeborenem Leben‹ oder des Vorliegens von ›Völkermord‹ gestern in Vietnam und heute in Afghanistan.«

Die in Westdeutschland übliche einseitige Verzerrung der historischen Darstellung und der politischen Aussage hätten dann »zu einer Situation geführt, die man als paradox oder auch als grotesk bezeichnen kann«, etwa wenn »eine voreilige Äußerung eines Bundestagsabgeordneten zu gewissen Forderungen der Sprecher jüdischer Organisationen oder das Ausgleiten eines Kommunalpolitikers in eine Geschmacklosigkeit« sofort »zu Symptomen von ›Antisemitismus‹ aufgebauscht« würden oder wenn heute trotz dauernden Friedensgeredes »die beiden Supermächte Jahr für Jahr weitaus mehr für ihre Rüstung ausgeben als Hitler von 1933 bis 1939 ausgegeben hatte«.

Revision statt Schwarz-Weiß-Malerei

Treffend kennzeichnet Nolte die gegenwärtige Lage der westdeutschen offiziellen Zeitgeschichtsforschung, die sich immer noch weitgehend an die Gebote der Sieger von 1945 hält: »Für den Historiker ist eben dies die beklagenswerte Folge des ›Nichtvergehens‹ der Vergangenheit: daß die einfachsten Regeln, die für die Vergangenheit gelten, außer Kraft gesetzt zu sein scheinen, nämlich daß jede Vergangenheit mehr und mehr in ihrer Komplexität erkennbar werden muß, daß der Zusammenhang immer besser sichtbar wird, in dem sie verspannt war, daß die Schwarz-Weiß-Bilder der kämpfenden Zeitgenossen korrigiert werden, daß frühere Darstellungen einer Revision unterzogen werden. Genau diese Regel aber erscheint in ihrer Anwendung auf das Dritte Reich als ›volkspädagogisch gefährlich‹: Könnte sie nicht zu einer Rechtfertigung Hitlers oder mindestens zu einer ›Exkulpation der Deutschen‹ führen?«

Damit hat Ernst Nolte den Nerv getroffen und das bisherige Tabu Nr. 1 angesprochen. Die offizielle westdeutsche Geschichtswissenschaft war auf dem Bereich der Zeitgeschichte eben bisher keine freie Wissenschaft, sondern hatte sich - meist freiwillig - weitgehend in den Dienst der alliierten Umerziehungsabsichten gestellt und das vor allem vertreten, was die Sieger von 1945 begünstigte und in ihrer Kriegs- und Nachkriegspolitik entschuldigte sowie das Schuldbewußtsein der Deutschen immer noch mehr vertiefte. Nicht die objektive historische Wahrheit war als Ziel der Geschichtsschreibung angestrebt worden, die Darstellung, wie es wirklich gewesen war, sondern einseitige Verdrehung und Verfälschung der Geschichte unseres Jahrhunderts zu Lasten der Deutschen, damit die Sieger und andere Mitsieger daraus für Jahrzehnte erhebliche und handfeste Vorteile ziehen konnten.

Freiheit statt kollektivistischen Denkens

Wenn Ernst Nolte nach einem langen Historikerleben nun diese Verhältnisse so offen anspricht, ist das sehr spät. Aber es ist nie zu spät, und es kann nun für die Zukunft wirken. Wenn auch eine ganze Generation durch Lug und Trug ihrem Volke entfremdet und geistig damit ihres inneren Haltes beraubt wurde, so ist doch für die Zukunft zu hoffen. Vielleicht fassen nun auch jüngere Wissenschaftler an Westdeutschlands Hohen Schulen den Mut, für die Wahrheit einzutreten sowie Geschichte nach dem Geschehen zu beurteilen und sie nicht nach gewissen Mythen oder den Wünschen bestimmter Interessengruppen zu schreiben. Denn, so Nolte gegen Schluß seiner Ausführungen, »wer sich diese Geschichte nicht als Mythologem, sondern in ihren wesentlichen Zusammenhängen vor Augen stellt, der wird zu einer zentralen Folgerung getrieben: Wenn sie in all ihrer Dunkelheit und in all ihren Schrecknissen, aber auch in der verwirrenden Neuartigkeit, die man den Handelnden zugute halten muß, einen Sinn für die Nachfahren gehabt hat, dann muß er im Freiwerden von der Tyrannei des kollektivistischen Denkens bestehen. Das sollte zugleich die entschiedene Hinwendung zu allen Regeln einer freiheitlichen Ordnung bedeuten, einer Ordnung, welche die Kritik zuläßt und ermutigt«, welche also nicht etwa die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Unterdrückung der geschichtlichen Wahrheit mißbraucht und den Doktortitel deswegen aberkennt, weil eine geschichtliche Darstellung, ohne widerlegt werden zu können, inhaltlich gegen das Verordnete verstößt.

»Sofern die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus«, so Nolte weiter, »gerade von diesem kollektivistischen Denken geprägt ist, sollte endlich ein Schlußstrich gezogen werden … und Wahrheit darf jedenfalls nicht von Nützlichkeit abhängig gemacht werden.« Das sollten sich unsere beamteten Zeitgeschichtler wie die Politiker zu Herzen nehmen. Der Tiefstand der westdeutschen Zeitgeschichtsforschung sollte endlich ein Ende haben und sie den Anschluß an die internationale Forschung wiedergewinnen. Mehr als 40 Jahre nach Kriegsende sollte sich nun die Revision in der Zeitgeschichte in breiter Front auch bei uns durchsetzen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(3) (1986), S. 1ff.

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