Revisionismus greift um sich

Dr. Friedrich Finke

In der letzten Ausgabe (DGG 86/3 S. 1-3) wies ich auf die aufsehenerregenden Ausführungen Ernst Noltes zur Beurteilung gewisser Maßnahmen des Dritten Reiches hin. Der Berliner Zeitgeschichtler hatte eine differenziertere Betrachtungsweise der Vorgänge nach 1933 gefordert und an bisher für beamtete westdeutsche Historiker tabuisierte Fragen gerührt.

Inzwischen hat diese Diskussion weitere Wellen geschlagen. Neues Öl ins Feuer goß der Kölner Ordinarius Andreas Hillgruber mit seinem im Sommer erschienenen Buch »Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums« (Siedler Verlag, Berlin 1986, 112 Seiten, DM 20,-). Darin befaßt er sich auch mit den letzten Kriegsmonaten in Ostdeutschland. Nicht nur daß er, den Tatsachen entsprechend, feststellt: »Mehr als zwei Millionen Menschen starben als Opfer von Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland«, sondern er schreibt erstaunlich offen: »Das deutsche Ostheer bot (auch) einen Schutzschirm vor einem jahrhundertealten deutschen Siedlungsraum, vor der Heimat von Millionen der Ostdeutschen… Und das deutsche Ostheer schützte in einem ganz elementaren Sinne die Menschen in eben diesen preußisch-deutschen Ostprovinzen, denen im Falle einer Überflutung ihrer Heimat durch die Rote Armee … ein grauenvolles Schicksal drohte. « Nur angesichts dieser Bedrohung sei trotz hoffnungsloser Lage der verzweifelte Verteidigungswille der deutschen Offiziere und Soldaten zu verstehen. Daß Hillgruber dazu noch äußerte, auch ohne alle deutschen Verbrechen würden die Alliierten den deutschen Nationalstaat zerstört haben, zog ihm vollends den Zorn aller Linken und Antinationalen zu.

Schon im Juli versuchte in der »Zeit« Jürgen Habermas, der von sich bekannte: »Ich selbst bin ein Produkt der ›reeducation‹, und ich hoffe, kein allzu negatives«, einen wortreichen Verriß Hillgrubers und Noltes. Er warf dem Kölner Zeitgeschichtler eine »Rhetorik von Kriegsheften« vor und zieh Nolte einer volkspädagogisch gefährlichen Umdeutung der Geschichte: »Die Nazi-Verbrecher verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden« - und das wäre ja furchtbar!

In der FAZ, die Hillgrubers Buch zustimmend besprochen hatte (8. 7. 86), trat Joachim Fest in einem Beitrag (29. 8. 86) für Hillgruber und Nolte ein, belegte deren These mit weiteren Beweisen und meinte, es geht »darum, Zweifel an der monumentalen Einfalt und Einseitigkeit der vielfach herrschenden Vorstellung über die vorbildlose Besonderheit der NS-Verbrechen zu wecken«. Dabei wunderte er sich, »daß dies auf ernsthafte Weise bisher gerade nicht geschehen ist«.

Dadurch fühlte sich Stuttgarts Zeitgeschichtler Eberhard Jäckel herausgefordert, der in der »Zeit« (11. 9. 86) es für notwendig hielt, den »nationalsozialistischen Mord an den Juden … einzigartig« weiterhin zu finden. Statt Beweise zu bringen, urteilte er über Hillgruber und Nolte: »Ihre Argumente sind nicht nur nicht überzeugend. Sie lassen sich sogar verhältnismäßig sicher widerlegen. «Wie, verriet er nicht.

Daß inzwischen auch Rudolf Augstein im »Spiegel« scharf gegen jede Revision Stellung nahm, »Die neue Auschwitz-Lüge« an die Wand malte und Hillgruber gar den Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit machte (»konstitutioneller Nazi«), beweist, wie sehr hier der Nerv des Zeitverständnisses getroffen ist. Erfreulich ist, daß sich gegen solche inquisitorischen Maßnahmen von links, die jeden Andersdenkenden kurzerhand in die »braune Ecke« stecken wollen, erheblicher Widerstand erhob, auch von den Hohen Schulen und in der Presse (Welt a. S. 14. 9. 86, S. 28; Spiegel 20. 10. 86, S. 10 u. a.). Scheinen sich die Befürchtungen der SPD vom Frühjahr doch zu bewahrheiten, daß »der Kampf um die Interpretationsmacht« in ein entscheidendes Stadium getreten ist? Die gereizten Rundumschläge der Linken und ihre neuerdings bedenkenlose Verstöße gegen Toleranz und die Freiheit des Andersdenkenden sprechen für sich und beweisen, auf welcher Seite die besseren Argumente sind.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(4) (1986), S. 12f.

Zurück zum DGG-Menü