Der Fall Waldheim

Ein Lehrstück zur Zeitgeschichte

Dr. Friedrich Finke

Aus dem vor einem Jahr sich entwickelnden und wegen mancher Pikanterien von vielen beschmunzelten Fall Waldheim ist längst ein Fall Österreich geworden. In seiner bemerkenswerten Folgerichtigkeit hat er sich zu einem eindrucksvollen Paradebeispiel in mehrfacher Hinsicht entwickelt. Auf dem Weg zur beliebtesten Kongreßstadt der Welt und zur Drehscheibe zwischen Ost und West ist Wien plötzlich zwischen zwei Stühle geraten. Bundesrepublikanischen Spitzenpolitikern ist eindringlich klargemacht worden, daß sie auch weiterhin ihr Pensum an Vergangenheitsbewältigung leisten müssen, wenn sie Amt und Würden behalten wollen. Das Eigenartige der »Freiheit des Westens« wird offenbar.


Es hatte alles so harmlos angefangen. Aus New York waren zwar Vertreter kurz vor der Wahl Waldheims zum Österreichischen Bundespräsidenten im vorigen Jahr nach Wien angereist. Es sollte keine Nötigung, noch weniger eine Erpressung, sondern eine Warnung sein: Osterreich werde schweren Zeiten entgegengehen, wenn Waldheim gewählt werde. Doch leichtsinnigerweise schlug das Land den so wohlgemeinten Ratschlag in den Wind; mehr Bewohner der Alpenrepublik, als ursprünglich wohl vorgehabt hatten, wählten den früheren deutschen Offizier zum Staatsoberhaupt. Und dann wurde der Fall zum Lehrstück, zum Paradebeispiel für die Einflußnahme kleiner ausländischer Gruppen, für gelenkte Medienmacht, für gezielte Desinformation, für die wirklichen Kräfte in der gegenwärtigen Politik.

Dabei war die Ausgangslage so günstig gewesen: Waldheim hatte sich auf manchem politischen Nachkriegsposten einwandfrei demokratisch und umerzogen bewährt, hatte sogar der UNO als Generalsekretär ein ganzes Jahrzehnt von 1971 bis 1981 vorgestanden und in New York regiert, wobei er sich tunlichst gehütet hatte, als Deutscher seinen Einfluß für Deutschland oder dessen Wiedervereinigung einzusetzen oder sich auch nur für die Aufwertung der deutschen Sprache bei der UNO zu verwenden. Bei der Befreiung der US-Geiseln aus Teheran hatte der Mann, »dem die Welt vertraut«, sich große Verdienste für die USA erworben. Oft hatte er mit US-Präsidenten konferiert. Daß dies alles an entscheidender Stelle nichts wog gegenüber seinem mangelnden Einsatz als Leiter der Weltorganisation für den Staat Israel und gegen die Araber, hatte er wohl übersehen. Viele Jahre des New Yorker Aufenthaltes hatten ihn wohl die Bedeutung der alttestamentarischen Rache vergessen lassen.

Seine Österreicher schätzte Waldheim richtig ein: Sie nahmen die Herausforderung aus dem Ausland an und bildeten fast so etwas wie eine Kampfgemeinschaft in Erinnerung an frühere Zeiten. Trotz erhobener Vorwürfe, Waldheim sei an Partisanenbekämpfung und Grausamkeiten gegen Zivilisten auf dem Balkan im Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen und habe von der Deportation griechischer Juden gewußt, hoben sie ihn in beiden Wahlgängen mit 49,6 und 53,9 Prozent am 4. Mai und 8. Juni 1986 deutlich abgesetzt gegen Mitbewerber auf den Schild.

Doch dann beging der Gewählte einen zweiten, für einen deutschen Politiker der Gegenwart unverzeihlichen Fehler: Obwohl Israel am Tage nach Waldheims Wahl seinen Botschafter aus Wien für unbestimmte Zeit zurückzog und damit einen Wink mit dem Zaunpfahl gab, unterließ der Bundespräsident eine sofortige tiefgreifende Vergangenheitsbewältigung. Und dabei hatte ihm doch kurz vorher der von seiner Vergangenheit her als Sohn des höchsten Beamten im »Nazi-Außenministerium« wie von seinem höheren Wehrmachtsrang als Major viel gefährdetere westdeutsche Kollege mit Erfolg vorgemacht, wie man es anstellen muß, um dennoch überall angesehen zu sein und - noch wichtiger - zu bleiben. Man dürfe sich eben auf keinen Fall verteidigen, sondern müsse nicht nur Erzbergers Rat von 1919 befolgen: »Mir müsse alles zugebe, dann werde sie uns alles verzeihe!«, sondern auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit, etwa zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945, die Geschihte weiter korrigieren helfen, indem man zum Beispiel Niederlage und Besetzung zur »Befreiung« und dafür die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten zur »Wanderung« erkläre. Dafür bekommt man dann nicht einen Platz auf der »watch list«, sondern den Ehrendoktor der altehrwürdigen Harvard-Universität, auch wenn dort einige nicht gleichgeschaltete Schreiberlinge empört anklagten, daß der Geehrte der »Sohn eines verurteilten Nazi-Kriegsverbrechers« sei und bei der Verteidigung eines »Hauptkriegsverbrechers« das hohe Gericht zu belügen versucht habe.

Auch die führenden Politiker Österreichs hatten sich verschätzt und ihre Lage zu rosig eingestuft. Im »ersten von Hitler überfallenen Land« hatten sie trotz des Fehlschlags mit der »Unterrichtssprache« in den ersten Jahren der jungen Republik sich weiterhin aufrichtig bemüht, das ihnen aufgetragene Auseinanderleben mit den anderen Deutschen zu verstärken und ein eigenes Österreichisches National- und Staatsbewußtsein - natürlich kein Volksbewußtsein, da der Begriff »Volk« an sich schon unzeitgemäß war - zu entwickeln. Wenn sich dieses Bestreben auch manchmal putzig und schlitzohrig ausnahm, so hatte es doch im Laufe der Jahre durchaus Wirkung. Diese hoffnungsfrohe Entwicklung in Richtung auf idyllische, wenn auch mittelalterliche Kleinstaaterei mit möglichster Abkoppelung von der Geschichte, insonderheit von jeder Verbindung zu »Österreichs größtem Sohn« und seinem Antisemitismus, wurde nun von dem »Fall Waldheim« jäh unterbrochen, der zu einem »Fall Österreich« wurde. Staatsoberhaupt wie Land wurden von den Schatten der Vergangenheit eingeholt, und zwar aus den USA, obwohl wenige Tage vorher am 42. Jahrestag der »Befreiung« Österreichs durch die Alliierten dessen Bundeskanzler Vranitzky in Wien einen Kranz niedergelegt und ein Loblied auf die Rolle der Amerikaner dabei gesungen hatte, ohne die »ein blühendes Österreich gar nicht denkbar gewesen wäre«.

Sicher kam noch einiges hinzu aus den letzten Jahrzehnten: daß Simon Wiesenthal von seinem Glaubensbruder Kreisky den Laufpaß erhalten hatte, während nun in USA und Kanada dem »Simon-Wiesenthal-Zentrum« über 400 000 Mitglieder angehören; daß der frühere Österreichische Bundeskanzler kritische Bemerkungen zum Zionismus und zum Staat Israel und dessen Politik gemacht hatte; daß die Wiedergutmachung in Wien nicht so wie in Bonn gelaufen war. Alles das war nicht vergessen, und es fiel nun auf das Land zurück.

Die einzelnen Maßnahmen

Die freie Presse im freien Westen kann viel schreiben, und nicht alles ist ernst zu nehmen, was sich nach der Wahl gegen Waldheim und Österreich ergoß. Erst wurden Boykottaufrufe in den USA gegen das Alpenland als Touristenland belächelt. Sie sollen aber inzwischen schon zu einem erheblichen Devisenausfall in der Alpenrepublik beigetragen haben. Da viele Österreicher unmittelbar am Tourismus verdienen, erleben sie hier hautnah ein eindruckvolles Stück politischer Bildung, wahrscheinlich einprägsamer als lange Verfassungskunde.

Dann wurden allgemeine Beschuldigungen gegen Waldheim erhoben, die wohl nicht zutreffen, weil bisher keine Beweise vorgelegt wurden. Doch etwas bleibt immer hängen und bringt vor allem den Beschuldigten in die Gefahr, sich ungeschickt zu verteidigen, so daß dann ein ganz neuer Kriegsschauplatz eröffnet werden kann. Im US-Senat wurde von dem früheren US-Botschafter bei der UNO, dem demokratischen Senator Moynihan aus New York eine Resolution eingebracht, daß Waldheims UNO-Jahrespension von DM 150 000.- ab sofort gestrichen werden solle.

Daraufhin wurde mit angeblich vorhandenen Belastungsdokumenten gedroht; denen zufolge habe Waldheim »an folgenden Nazi-Verbrechen teilgenommen und sie unterstützt: Verschickung von Juden in Todeslager, Überstellung von Gefangenen an die SS sowie Erschießung von Geiseln und anderen Zivilisten«. Als man sehr um eine Einsichtnahme von Wien aus bettelte, wurde diese nicht gewährt. Wahrscheinlich waren die Papiere noch nicht vorhanden, doch ist anzunehmen, daß in bewährten Fälscherwerkstätten an irgendwelchen »Dokumenten« in der bei den Alliierten nach 1945 üblichen Weise gebastelt wird.

Aufgrund solcher Vorwürfe wurde Waldheim nach mehrmonatigem Druck der US-Medien, vor allem der »New York Times«, zum »unerwünschten Ausländer« erklärt und kam auf die offizielle »watch list« der Vereinigten Staaten, die damit Kriminelle, »Kriegsverbrecher« und andere unerwünschte Personen von der Einreise abhalten wollen. Ein Sprecher des Weißen Hauses erklärte dazu: »In den Vereinigten Staaten wird in dieser Woche der Opfer des Holocaust gedacht, und dazu wollten wir einen amtlichen Beitrag leisten«. Das müßte doch auch Waldheim einleuchten. Später meldete der Sprecher, daß dazu »ausschließlich zustimmende Telefonanrufe und Telegramme« eingegangen seien.

Es ist das erstemal in der Geschichte der USA, daß das Staatsoberhaupt eines »befreundeten Landes« auf diese Liste gesetzt wurde. Als Trost wurde versichert, daß das nur für den Privatmann Waldheim gelte; als Bundespräsident eingeladen, könne er natürlich nach Washington kommen.

Auf dem wenig später am 6. Mai 1987 in Budapest eröffneten Weltkongreß der Zionisten bezeichnete dessen Präsident Bronfman dann Waldheim in einer Pressekonferenz als »wesentlichen Bestandteil der Nazi-Tötungsmaschinerie« und erklärte, es sei »fast schon ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit Waldheim als Privatperson viel zu tun zu haben«.

Daß dann eine »hochrangige« US-Delegation eigens nach Wien zur »Unterrichtung« kam und kein einziges Dokument mitbrachte, sondern Waldheims »Nähe« zu angeblichen Kriegsverbrechen als genügend betrachtete, spricht ebenso für den »Wert« der Beschuldigungen wie das Ergebnis der eiligst nach Belgrad ins jugoslawische Kriegsarchiv gesandten

Österreichischen Historiker, die nichts Belastendes fanden. Dennoch wurde es der SPÖ peinlich, aus Staatsräson zu dem von ihr bekämpften Bundespräsidenten halten zu müssen. Es ist sicher ein Zeichen sowohl mangelnder Würde als vorhandener Naivität, daß der Österreichische Bundeskanzler Vranitzky, SPÖ, dessen Regierung die amerikanische Maßnahmen gegen Waldheim als »nicht nachvollziehbar und unverständlich« bezeichnet hatte, daraufhin dennoch am 21. Mai zu »unseren Freunden« nach Washington flog und um die Entfernung von Waldheims Namen von der diskriminierenden Liste bat: natürlich vergebens. Das Weiße Haus erklärte zum Besuch süffisant: »Beide Seiten kamen überein, zusammen an der weiteren Verstärkung der engen Freundschaftsbande zu arbeiten, die zwischen beiden Ländern bestehen.« Dennoch getraute sich Vranitzky nach Wien zurück.

Waldheims Verteidigungsversuche

Man kann mitfühlen, wie sehr Waldheim unter seiner Vergangenheit leidet und warum er deswegen in seinen frühen biographischen Angaben seine Militärzeit auf dem Balkan ganz verschwiegen hat und dabei den Eindruck zu erwecken versuchte, er habe während seiner Wehrmachtszeit in Wien studiert. Beim Beginn seiner UNO-Zeit war, aus welchen Gründen auch immer, eine besondere Durchleuchtung unterblieben. Er hatte ja auch nichts zu verbergen. Aber der dringend benötigte Stein des Anstoßes braucht nicht groß zu sein. Wenn individuelle Schuld nicht nachweisbar ist, genügt seit 1945 für Deutsche auch die kollektive, insbesondere die Angehörigkeit zu einer Truppeneinheit oder zur Wehrmacht überhaupt Abendländische Rechtstraditionen und objektive Geschichte bedeuten nichts vor der Umerzieher-Logik mit der Verknüpfung Deutscher - Wehrmacht - SS - Endlösung - Auschwitz. Vor daraus konstruierter Verantwortung verschwand Waldheims UNO-Bewährung in ein Nichts.

Waldheim versuchte zwar nun nachträglich noch zu retten, was zu retten war, aber es war zu spät. Er konnte im Grunde sagen, was er wollte - was er allerdings nicht tat, wenn er auch bei der Rede an seine Bevölkerung tiefe Reue zeigte, sich von allem Damaligen distanzierte und die obligatorischen Millionen Opfer beschwor - , für ihn gilt nun, was Lessing in die Worte faßte: »Macht nichts, der Jude wird verbrannt.« Daß die Fronten heute auch hier verkehrt verlaufen, tut der Gleichgültigkeit dieser Weisheit keinen Abbruch.

Durch Nichtstun wurde Waldheim so in kurzer Zeit zur persona ingrata in den westlichen Hauptstädten. Denn welcher Staats- oder Regierungschef der »freien Welt« - außer Ghaddafi - könnte es sich erlauben, als Waldheims Verteidiger oder gar Freund aufzutreten, ohne das gleiche Schicksal befürchten zu müssen? Das kann nur der Papst, dessen Reich ja nicht von dieser Welt ist. Er konnte als Wanderer zwischen beiden Welten von Ost und West, dessen Hausmacht, obwohl besonders in Österreich noch ziemlich groß, wegen jüngster kirchlicher Streitigkeiten in Wien Stärkung gebrauchen konnte, dem isolierten Bundespräsidenten die Gelegenheit zum ersten auswärtigen Staatsbesuch geben. Vielleicht wird ihm der Papst dabei zu verstehen gegeben haben, daß er aufgrund seines Falles im Ostblock nun durchaus gern gesehen sei, wo Moskau sofort die Diskriminierung Waldheims als einen »unfreundlichen Akt« verurteilt, auf seine Verdienste während seiner UNO-Zeit verwiesen und die Möglichkeit eines Besuches signalisiert hatte.

Deutsche Peinlichkeiten

Anläßlich des Papstbesuches kam es zu bezeichnenden Peinlichkeiten. Als folgsame Diener ihres Herren in Washington beteiligten sich Botschafter westlicher Länder an der Diskriminierung des Österreichischen Staatsoberhauptes, indem sie zum offiziellen Empfang im Vatikan nicht erschienen. Ob sie wohl je Bedenken gehabt haben, wenn sie einem sowjetischen Massenmörder die Ehre ihrer Anwesenheit erwiesen? Besonders fiel die Abwesenheit des westdeutschen Botschafters bei diesem Empfang auf. Hatte Herr von Weizsäcker, dessen Vater sich jahrelang im Vatikan über die schwere Zeit um 1945 hinweggetröstet hatte, ihm den guten Rat gegeben? Der deutsche Botschafter oder sein Auftraggeber hat sicher gut aus der Geschichte gelernt: Kaiser Wilhelms II. »Nibelungentreue« dem deutschen »Bruderland Österreich« und seinem Kaiser Franz Joseph gegenüber hat Deutschland in den Ersten Weltkrieg gezogen, an dem das Deutsche Reich deswegen natürlich vor der Welt schuldig ist, und Hitler hat 1938 den größten Wunsch der damaligen Österreicher, den Anschluß, erfüllt, was zum Zweiten Weltkrieg beitrug.

Also muß nach dem »wahren Grundgesetz« der Bundesrepublik Deutschland, wie es Gerd Klaus Kaltenbrunner kürzlich (Bunte Nr. 43, 1986) nannte, nämlich »dem kategorischen Imperativ… alles zu unterlassen, - und sei auch noch so vernünftig und politisch notwendig -, was auch im entferntesten noch an Adolf Hitler erinnern könnte«, das Gegenteil von dem getan werden, was dieser vielleicht in solcher Lage getan hätte. Daher stellte sich der deutsche Botschafter auf die Seite der »besseren Deutschen« und ließ Waldheim, der ja auch so gern dazu noch wie früher gehören möchte, aber seit kurzem nicht mehr darf, im Stich.

Wenn nach Waldheims Diskriminierung in den USA und seinem »Besuchsverbot« in den westlichen Hauptstädten in Westdeutschland die Anregung gegeben wurde, daß es nun doch Bonner Pflicht sei, demonstrativ Waldheim einzuladen, dann kann man ob soviel deutscher Kindlichkeit nur lächeln: Das hätte vielleicht ein Karl Carstens noch gewollt, aber wohl kaum gedurft - er wäre übrigens mit seiner Vergangenheit gegenwärtig kaum noch als Bundespräsident tragbar und muß auch die watch-list fürchten. Aber eine solche staatsmännische und wirklich völkerverbindende Tat von dem jetzigen westdeutschen Bundespräsidenten oder Bundeskanzler zu erwarten, wäre wohl zu großer Optimismus. Befürchtete doch die »Welt« (11.6.1987) schon, daß auch Richard von Weizsäcker »demnächst auf irgendwelche Listen gesetzt wird«, so daß er sich heute hüten wird, sich weitere Angriffsflächen zu geben, war er doch allein schon als Major in höherem Rang als Waldheim.

Helmut Kohl bekam für wenige Worte zugunsten Waldheims in dessen Wahlkampf im vorigen Jahr schon Prügel genug und hat sich unlängst anläßlich des Besuches des israelischen Staatspräsidenten Herzog dann wieder von der zuverlässigsten Seite gezeigt. Selbst im stammverwandten Bayern, wo die Bevölkerung Waldheim sicher einen jubelnden Empfang bereiten würde, könnte sich Franz Josef Strauß solch eine Einladung kaum ohne Selbstmordabsichten erlauben. So ist Waldheim, der früher als UNO-Generalsekretär zwischen den Kontinenten hin- und herjettete, heute in die Ostmark eingesperrt. Die USA und Kanada darf er als Privatmann gar nicht betreten, die Hauptländer des Westens werden sich für einen Besuch bedanken. Nur der Osten lächelt ihm aus durchsichtigen Gründen zu. In Wien witzelt man, Waldheim spiele kein Verstecken mehr mit Kindern, weil er Angst habe, daß er auch von ihnen nicht mehr gesucht wird.

Symptom des Abnormen?

Für Waldheim ist sicher eine Welt zusammengebrochen, und er versteht »seine Freunde« nicht mehr -oder erst jetzt richtig. Er hat nun lernen müssen, was viele Deutsche, darunter auch viele Österreicher, schon früher wußten - und weswegen viele auch früher so handelten. Freundschaft über die Grenzen und Völkerverständigung ließen in Vergessenheit geraten, was Friedrich von Schiller in seinem »Wilhelm Tell«, der immer mehr von den deutschen Bühnen verdrängt wird, als Lebenserfahrung ausspricht: »Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.«

Am Falle Waldheims, der jahrelang unangefochten die UNO-Politik vertrat und hochgeehrt verabschiedet wurde, erweist sich exemplarisch, wie selten in der letzten Zeit, welchen politischen Einfluß kleine Gruppen haben können, wenn sie die Massenmedien beherrschen. Es zeigt sich ferner, daß Abkehr, Reue, neue Bewährung nicht ausreichen, wenn man nicht immer fügsam bleibt. Es ist eine alte Weisheit: »Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.«

Es zeigt sich weiterhin, mit welchen Lappalien das antideutsche Bild im Ausland, vor allem in den USA, zu wecken und wie schnell es zu ungeahnter Stärke zu mobilisieren ist. Jahrzehntelange Schuldbekenntnisse nützen nicht nur nichts, sondern reizen geradezu zu weiterer Erpressung und liefern insbesondere noch die Argumente zu solchem Vorgehen. Wenn die Diffamierung des deutschen Soldaten und seiner Einheiten von allen Deutschen zu allen Zeiten nach 1945 abgelehnt worden wäre, etwa wie in Japan, dann wäre heute ein Fall Waldheim gar nicht möglich geworden. Daß es in ihm einen ausgesprochenen Bewältiger trifft - wie in kleinerem Maße und anders gelagert vor Jahren in Baden-Württemberg dessen Ministerpräsidenten Filbinger -, ist eine besondere Ironie des Schicksals und soll hier nur als solche und nicht aus Schadenfreude erwähnt werden.

Für den Historiker, der Entwicklungen und Hauptlinien des Geschehens verfolgt, wird der Fall Waldheim schon in seinem bisherigen Ablauf ein dankbares Beispiel zur Darstellung der wesentlichen Einflüsse unserer Zeit bieten. Diese Ereignisse sagen mehr aus als lange wissenschaftliche Abhandlungen. Man sollte die Pressemeldungen dazu für später archivieren.

Wie geht es weiter? Wie es niemand für möglich gehalten hätte, daß Waldheim je auf die US watch-list gesetzt würde, so kann man nicht wissen, was noch kommt. Nur ein kindliches Gemüt kann annehmen, daß in New York schon alle Trümpfe ausgespielt sind und Waldheim so davon kommt. Erst sein Rücktritt würde ihm wohl Ruhe bringen. Kann er ihn vermeiden? Manche im eigenen Lande drängen ihn schon dazu, natürlich nur aus »Verantwortung vor dem Land«. Eigentlich dürfte er aus Selbstachtung ebensowenig aufgeben wie sein Land. Unfreiwillig muß er nun etwas verteidigen, was ihm gar nicht behagt, aber mit seiner Zukunft untrennbar verbunden ist, so daß ihm keine Alternative bleibt. Er wird als Deutscher, nicht als Österreicher angegriffen und steht auch für die deutsche Vergangenheit, mögen sich die Wiener Separatisten noch so sehr ob dieses Rückschlages für ihre Eigenartigkeitspläne die Haare raufen. Jetzt fehlt nur noch, daß Richard von Weizsäcker ebenso angegriffen wird, dann wäre die Spirale der Entwicklung nach langem Bogen wieder fast an ihren Ausgangspunkt von 1945 zurückgekehrt. Aber solch ein Selbsttor werden die Umerzieher sich wohl kaum lei sten, es sei denn, sie sind sich ihres vollkommenen Sieges schon ganz sicher.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 2-5

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