Ein Standardwerk zum Holocaust?

Zu dem Werk »Dimension des Völkermord«

Wolfgang Hackert


Mit beachtlicher zeitlicher Distanz zum Zündelprozeß erschien Anfang des Jahres 1991 das Buch Dimension des Völkermordes (R. Oldenbourg Verlag, München) auf dem Markt. Geistiger Vater des Unternehmens ist der ehemalige Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte und jetzige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Wolfgang Benz. Fielen die bisherigen Versuche, die durch die Beweisführung der Verteidigung im Torontoer Zündelprozeß lädierte institutionalistische Position wieder zu reparieren, eher durch ihren bescheidenen Umfang auf, etwa der von Jean-Claude Pressac oder Werner Wegner (siehe Inhaltskritik in DGG 2/91), ist der Benzsche Versuch als ausgesprochen aufwendig zu beurteilen; das Buch hat nicht weniger als 555 Seiten.

Die intensive Art der Besprechung dieses Buches in den Medien weist es uns als Auftragsbuch aus. Der Öffentlichkeit wird das Werk als endgültiger Gegenbeweis zum revisionistischen Standpunkt verkauft, eine beachtliche Kühnheit bei der Bescheidenheit seiner Thematik, die sich auf genau einen Aspekt des vielschichtigen Themas bezieht: den demographischen. Benz und seine Auftraggeber haben allerdings das an sich bescheidene Thema mit beachtlichem agitatorischen Geschick zu imponierender Größe aufgeblasen. Ihr Werk besteht aus zwei Teilen, einer verhältnismäßig kurzen Einführung von Benz und 17 einzelnen Abhandlungen verschiedener Autoren, welche die jeweilige Judenpolitik eines der 17 unter NS-Einfluß gekommenen Staaten während des Zweiten Weltkrieges, gesehen aus ihrer Sicht, zum Inhalt haben.
Die wissenschaftlichen Absicherungen sind dann überwiegend die von der Psychological Warfare Division (PWD), einer Abteilung für psychologische Kriegführung beim Allierten Oberkommmando in Paris, für den Nürnberger Prozeß hergestellten »Dokumente« sowie demographische Daten, die der Wirklichkeit widersprechen.
Addiert man die Bemühungen von Benz und seinen Mitarbeitern, ergibt sich gemäß ihrer Rechnungsweise eine Opferangabe von mindestens 5,3 Millionen Juden, welche der NS-Politik zum Opfer gefallen sein sollen. Dies wäre eine Größe von der sich, freilich unauffällig, das regierungsamtliche Jerusalem längst distanziert hat. Benz weiß vielleicht nicht, daß in der internationalen Ausgabe der Jerusalem Post vom 28. 6. 1986 zu lesen stand: »Das Fehlen solcher Kalkulationen erweckt den Verdacht, daß sogar die Historiker nicht wünschen, Größenordnungen feststellen zu müssen, die unter die Schwellenziffer von 5 Millionen verweisen. Es mag sein, daß wir die Zahl von 6 Millionen zu überdenken haben werden.« Der Redakteur bezog sich hierbei auf einen in der gleichen Ausgabe erschienenen Artikel des Holocaust-Historikers Prof. Hilberg, in welchem dieser bemängelte, daß aus Polen und Rußland bis zum heutigen Tage keine verläßlichen Daten über jüdische Verluste vorliegen, da man es unterlassen habe, die diesbezüglichen Verluste mit Hilfe demographischer Techniken aus der polnischen und russischen Bevölkerungs- und Verluststatistik herauszufiltern.1 Ein deutscher »Fachmann« also wieder einmal päpstlicher als der Papst?
Benz und seine Mitarbeiter kommen zu ihren Ergebnissen durch - drucken wir es einmal so aus - Gebrauch eines Irrtums. Auf den Seiten 10 und 11 ist zu lesen: »Jackson (der US-amerikanische Chefankläger in Nürnberg, d. Verf.) hatte erklärt … von den 9 600 000 Juden, die in Gebieten Europas unter Naziherrschaft lebten, sind nach vorsichtigen Schätzungen 5 700 000 verschwunden, von denen die meisten vorsätzlich von den Nazi-Verschwörern ums Leben gebracht worden sind.«
Der Rückzug hinter die Verteidigungslinie Statistik gibt ihnen eine - wohl kurzfristige - Überlebenschance. Auch der engagierte Revisionist ist in der Regel mit der überaus komplizierten Materie der jüdischen Bevölkerungsverschiebungen, hervorgerufen durch Kriegs- und Nachkriegsereignisse, nur oberflächlich vertraut. Teils kontrollierte, teils völlig chaotische Flucht- und Auswanderungsbewegungen, erzwungene Emigration durch polnische und reichsdeutsche Behörden vor dem Kriege sowie Massendeportationen russischer und jüdischer Bevölkerungsteile durch Stalins NKWD im Zusammenhang mit seinen Kriegsvorbereitungen gegen das Reich haben die bemühten Demographen vor äußerst schwierige Probleme gestellt. Schließlich verkomplizieren die vielen Grenzveränderungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre ein Nachkontrollieren der jüdischen und sonstigen Fluchtbewegungen. Zu allem Überfluß ähnelte der reichsdeutsche Umgang mit dem Götzen Statistik fatal der der Feindstaaten: zu politischen oder propagandistischen Zwecken wurden sie manipuliert. Im vorliegenden Fall bedeutet es, daß das vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) benutzte Zahlenmaterial oft nicht stimmt, da gern mit Statistiken aus längst vergangenen Volkszählungen operiert wurde. In diesen pflegten die Zahlen der registrierten Juden höher veranschlagt zu sein, als sie gewöhnlich waren; die »jüdische Gefahr« konnte so plastischer demonstriert werden.
Benz weist uns tapfer auf die tatsächlichen Unmöglichkeiten hin, dem Interessierten genaue Angaben vorzuweisen. Das Problem ist bekannt. Diesen Mangel deutet er allerdings in die alleinige Ursache aller Ketzereien um; er kann ziemlich beruhigt sein, denn seiner Leserschaft sind sicherlich meist die entscheidenden Argumente der Revisionisten unbekannt.
Anfang der dreißiger Jahre lebten in Europa, das asiatische Rußland eingeschlossen, etwa 9,5 Millionen Juden. Diese Zahl verringerte sich bis zum Stichtag 1. September 1939 um 1,1 Millionen als Folge einer gezielten Abdrosselungspolitik judenfeindlicher Regierungen in Polen, Rumänien, der CSR und NS-Deutschland. Etwa 500 000 Juden lebten zudem in Ländern, die nie unter deutschen Einfluß kamen. Die von Benz benutzte Zahl Jacksons ist also schon im Ansatzpunkt falsch.
Am Stichtag 1. September 1939 lebten in Polen 2 664 000 Juden.2 Das waren fast 0,5 Millionen weniger, als die Volkszählung vom 9. 12. 1931 ergeben hatte (3 113 933). Die entstandene Differenz war ein Resultat der vorangegangenen rabiaten polnischen Judenpolitik.3 Von diesen Juden lebten bei Kriegsbeginn 1 607 000 in den Deutschland später ungegliederten Gebieten sowie im späteren Generalgouvernement.4 Als der ungünstige Ausgang des Krieges für Polen ersichtlich wurde, flüchteten mehrere Hunderttausend Juden in den östlichen Teil Polens, ein kleinerer Teil, etwa 100 000, suchte sein vermeintliches Heil in Rumänien. Die Rote Armee hat bei ihrem Vormarsch auch Teile Polens besetzt, die sie gemäß den Abmachungen des Deutsch-sowjetischen Paktes dann wieder zu räumen hatte. In diesem Gebiet lebten nach der Volkszählung von 1931 387 000 Juden, eine Zahl, die sich trotz eines wohl hinzukalkulierenden Schwundes von 15 Prozent durch die Fluchten erheblich erhöht haben mußte. Als sich die Rote Armee eine Woche später hinter die vereinbarte Linie zurückzog, zog fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Gebiets mit. Einer der Flüchtlinge war übrigens der 26jahrige Student an der Universität Warschau und Vorsitzende des Zionistischen Jugendverbandes Polens, Menachem Begin. Als für die deutschen Behörden das ungefähre Ausmaß der Bevölkerungsverschiebungen erkennbar wurde, stellte sich heraus, daß nur etwa 860 000 Juden im reichsdeutschen Einflußgebiet verblieben waren. Es müssen also rund 750 000 von diesen in das von der Sowjetunion annektierte Gebiet geflüchtet sein. Die Mehrheit davon fand sich binnen Jahresfrist in sibirischen Arbeits- und Konzentrationslagern wieder. So auch Menachem Begin.
Nach einer Mitteilung des Joint Distribution Committee, einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation, die bis zum Ausbruch des deutsch-amerikanischen Krieges am 6. 12. 1941 unter den Augen der deutschen Besatzungsmacht in Polen tätig war, versorgte diese in 400 polnischen Ortschaften 630 000 Juden mit Medikamenten und Lebensmitteln.5 Dies dürfte die Wirklichkeit der obigen Zahl bestätigen.
Die sowjetische Volkszählung vom 17. Januar 1939 ergab die Zahl von 3 020 000 Juden auf dem Gebiet der UdSSR. Durch die sowjetischen Annektionen der Baltischen Staaten, in Polen und Rumänien, wie auch durch die Fluchtbewegung im Verlauf des deutsch-polnischen Krieges, erhöhte sich deren Zahl 1939/40 um 2 317 000 auf 5 337 000.6 
Die sowjetischen Juden erfreuten sich bis 1948, aus freilich sehr handfesten Motiven, des besonderen Wohlwollens der sowjetischen Machthaber. Sie waren mehrheitlich besser ausgebildet als ihre Umwelt, galten als recht staatstreu und stellten einen hohen Anteil der Kader in Partei, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur, insbesondere unter den Politkommissaren; Eigenschaften, welche die Sowjetregierung dennoch nicht davon abhielt, die in ihren Machtbereich geflüchteten Juden aus Westpolen in das Landesinnere zu deportieren. Sie sah in ihnen Feinde, da sie sich weigerten, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen.
Stalins Rede vom 5. Mai 1941, in der er vor der Geschichte seine beabsichtigte Eroberung Mitteleuropas bekanntgab, enthält den bezeichnenden Satz: »… alles wurde getan, um die rückwärtigen (westlichen) Gegenden von fremden Elementen zu säubern.« Wie groß deren Zahl war und wie viele die mörderischen Deportationen nicht überlebten, ist bis heute nicht voll geklärt; jüdische und andere Quellen geben uns darüber höchst unterschiedliche Auskünfte.7 Das Joint Distribution Committee hat 1941 600 000 polnische Juden im asiatischen Rußland betreut.8 In einem Bericht vom Juni 1943 gibt das Joint bekannt, daß »… ein Fünftel bis ein Drittel davon gestorben sind«.9 Das würde bedeuten, daß die Zahl der Deportierten zwischen 750 000 und 900 000 gelegen haben muß.
Die von Stalin konzipierte Ideologie der Vorwärtsverteidigung gegen das Reich sah den Einsatz der Faktoren Raum und Zeit bereits vor Beginn des Geschehens vor. Dazu gehörte die Verlagerung der grenznahen Rüstungsindustrie in die Weiten des russischen Raumes. Stalin, der angeblich Überfallene, führte genau drei Wochen vor dem Tage X in der Sowjetunion die Kriegswirtschaft ein. Man begann augenblicklich mit dem Abtransport der Rüstungsfabriken in das Hinterland, wobei der NKWD das zur Aufrechterhaltung der Rüstungswirtschaft und der Militärmaschinerie notwendige Menschenmaterial gleich mit »transferierte«. Nie fuhr ein Zug, der Truppen und Kriegsmaterial gen Westen gebracht hatte, leer zurück. Der bei derartigen NKWD-Aktionen unvermeidliche »Schwund« an Menschenleben schlug sich in diesem Falle besonders zuungunsten des jüdischen Bevölkerungsteiles nieder, da die sowjetischen Juden, Folge ihres besseren Ausbildungsstandes, im Rüstungs- und Verwaltungssektor überproportional vertreten waren. Statistisch nachweisen lassen sich 12,5 Millionen Sowjetbürger, die in diesem organisatorischem Gewaltakt sondergleichen dem deutschen Einfluß entzogen wurden.10 Ihre eigentliche Zahl dürfte noch erheblich über dieser statistischen Größe liegen, gut fundierte Vermutungen überschreiten die 20 Millionengrenze.11
Aus den in den Jahren 1941/44 durchaus noch nicht auf eine einheitliche Linie gebrachten jüdischen Publikationen sowie aus Äußerungen namhafter jüdischer und zionistischer Funktionäre läßt sich leicht herausfiltern, daß sich unter der Masse der Evakuierten drei Viertel bis vier Fünftel der dann im sowjetischen Einflußgebiet lebenden Juden befunden haben mußten. Die Moskauer Eyneikeyt schrieb am 5. Dezember 1942: »Die Evakuierung hat die entscheidende Mehrheit der Juden der Ukraine, Weißrußlands, Litauens und Lettlands gerettet. Nach Informationen aus Witebsk, Riga und anderen Großstädten, die von den Faschisten erobert wurden, blieben dort nur wenige Juden zurück … Dies bedeutet, daß der Juden dieser Städte noch rechtzeitig von der Sowjetregierung gerettet wurde.«12 Der Sekretär des (russischen) Antifaschistischen jüdischen Komitees, Schachne Epstein, erwähnte auf einer im Herbst 1944 (!) stattgefundenen Plenarsitzung in Moskau, daß 3,5 Millionen Juden aus den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten evakuiert wurden.13
Nach Ansicht des Verfassers kommt Epsteins 3,5 Millionenzahl den Dingen am nächsten. Zieht man von der Gesamtzahl aller seit 1940 in der Sowjetunion lebenden Juden die Zahl der Evakuierten ab, jene, die dem Tod in Sibirien zum Opfer fielen (600 000 - 800 000), und jene, die im Kampf fielen (rund 200 000), kommt man zu dem Ergebnis, daß per Saldo nicht mehr als 700 000 bis 750 000 sowjetische Juden unter deutschen Einfluß geraten sein können.14
Revisionisten wie unbeeinflußte Demographen sind sich darüber einig, daß die Gesamtzahl der unter deutschen Einfluß in ganz Europa geratenen Juden zwischen 3,2 und 3,4 Millionen gelegen haben muß. Die durch Kriegseinwirkung und Politik entstandene demographische Lücke in diesem Teil des jüdischen Volkskörpers kann 0,5 Millionen nicht überschreiten. Die näheren Ursachen dieser Bevölkerungsverluste bestimmen zu wollen, erscheint angesichts der absichtlich herbeigeführten unbefriedigenden Informationslage unmöglich. Seuchen, besonders in Auschwitz und Belsen, Verluste auf den Transporten, zweifellos stattgefundene Erschießungen im Rahmen des völkerrechtswidrig geführten Partisanenkrieges, erhöhte Mortalität, besonders der älteren Jahrgänge, durch kriegsbedingte Mangelerscheinungen usw. scheinen wesentliche Ursachen der Verluste zu sein. Die Verluste außerhalb des deutschen Einzugsgebietes finden dann ihre Erklärungen durch den Tod in Sibirien, sodann durch Verluste im Kampf, aber auch durch nachweisbar stattgefundene Pogrome polnischer, russischer und ukrainischer »Nationalisten«. Eine Gesamtaddition aller Verluste dürfte zu einer Opferangabe um 1,4 Millionen jüdischer Toten im Verlauf des Zweiten Weltkrieges führen; eine also keinesfalls geringe Größenordnung.
Das Herzstück nationalsozialistischer Judenpolitik, die Endlosung - gemeint ist der Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung (endgültige Aussiedlung) und nicht in dem ihm später gegebenen Sinne - scheint zudem von einem Geheimnis umwoben, dessen Schleier bisher nur sehr zaghaft gehoben wurde. Eine nicht unbeträchtliche Zahl der zur Aussiedlung Vorgesehenen scheint bereits während des Rußlandfeldzuges im Baltikum, in Weißrußland und der Ukraine angesiedelt worden zu sein. Der Bevölkerungsstatistiker Sanning schreibt von insgesamt 300 000 Juden, die für ihn statistisch unauffindbar bleiben.15 Das Thema tiefer ausloten zu wollen, erscheint vermessen, da unser Wissen, vorerst jedenfalls noch, in diesem Punkte an Grenzen stobt. Steffen Werner hat in seinem Buch Die 2. babylonische Gefangenschaft Fahrpläne von Transporten aus Wien und Theresienstadt veröffentlicht, welche die Gegend um Minsk als Ziel angeben.16

Aus: S. Werner »Die 2. babylonische Gefangenschaft«

»Die meisten der sogenannten Judentransporte haben die Lager Belzec, Sobibor, Treblinka und, vor allem für nichtpolnische Juden, Auschwitz als Ziel. Aber es hat auch Transportziele in Weißruthenien gegeben. Unterlagen über Transportziele für Weißruthenien liegen aber fast ausnahmslos dann vor, wenn die Transporte eine Reichsbahndirektion (RBD) der Reichsbahn berührt haben…
Sehr aufschlußreich ist eine weitere Meldung. Nach einem Brief des Generalkommissars Kube an den Reichskommissar für das Ostland Lohse vom 31. Juli 1942 kam am selben Tag in Minsk ein Transport von 1000 Juden aus Warschau an. Diese Transporte liefen alle über Treblinka. Man ging bisher davon aus, daß diese Menschen alle in Treblinka getötet wurden. Offenbar erreichte aber mindestens ein Zug Minsk!«

Auch Professor Butz widmet dem Thema breiteren Raum, allerdings ohne sich in Einzelheiten zu verlieren, und erwähnt die Zahl von 750 000 Juden, welche in die Gegend südlich von Minsk oder in die Ukraine verbracht worden sein sollen.17 Eine Größenordnung, die uns erstaunlich hoch erscheinen will.
Fazit: Alle Endlösungsbeschreiber von Jackson bis Benz, könnten, wenn sie nur wollten, einen beträchtlichen Teil der »unauffindbaren« Juden leicht finden. Jüdische und sowjetische Publikationen aus den Jahren 1941/44 eignen sich als Quelle besonders gut.
Benz schreibt auf Seite 2: »Für die Ermittlung und Berechnung der Dimension des nationalsozialistischen Völkermordes stehen originale und unanfechtbare Quellen zur Verfügung.« Er schreibt auf Seite 1: »Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß berichtete Dr. Wilhelm Höttl, ehemals SS-Sturmbannführer und Referent im Amt VI (Auslandsnachrichtendienst) des RSHA (Reichssicherheitshauptamtes) für Südosteuropa, unter Eid (was nicht stimmt, es wurde nur Höttls Eidesstattliche Erklärung verlesen, d. Verf.) über eine Unterhaltung, die er Ende August 1944 in Budapest mit Eichmann gehabt hatte… Er (Eichmann) sei auf Grund seiner Informationen zu folgenden Ergebnissen gekommen: In den verschiedenen Vernichtungslagern seien etwa 4 Millionen Juden getötet worden, während weitere 2 Millionen auf andere Weise den Tod fanden… Himmler sei mit dem Bericht nicht zufrieden gewesen, da nach seiner Meinung die Zahl der getöteten Juden größer als 6 Millionen sein müsse.«
Zur Person Höttls: Er verfügte über ein bei Staatsdienern häufig gut ausgeprägtes Talent: Die Würde des Amtes nutzte er zugunsten der angenehmen Seiten des Lebens aus, dem Erwerb größerer Summen Geldes. Der 1938 in den SD eingetretene Höttl kam im Sommer 1942 vor ein SS-Gericht, da er zusammen mit einer polnischen Gräfin bei unsauberen Immobiliengeschäften tätig geworden war.
Er entging zwar einer Verurteilung, wurde aber in den Mannschaftsstand zurückversetzt. Die Anfang 1943 erfolgte Berufung seines Landsmannes und persönlichen Bekannten Kaltenbrunner zum Chef des R.SHA wendete auch sein Blatt wieder. Unter dem neuen Chef gelang ihm dann eine Blitzkarriere im Auslandsnachrichtendienst des SD. Noch vor Beendigung des Krieges nahm er über die Schweiz Kontakt zu den Amerikanern auf und bot sich gleich 2 US-Diensten an; dem OSS (Office of Strategic Service) des Allan Welsh Dulles und dem CIC. Im Sommer 1945 wurde er vom CIC im Lager Glasenbach in Österreich zur Bespitzelung der Gefangenen eingesetzt. Dort bot er den Offizieren gegen Zusicherung der Freilassung und einer größeren Summe Geldes seine besagte Erklärung an. Höttl wurde nach Nürnberg überfuhrt und lebte bei Sonderverpflegung im Zeugenflügel. Hier nahm er auch Kontakt zu den Sowjets auf und baute mit einem gewissen Kurt Ponger, der naturalisierter US-Amerikaner war und als Übersetzer für das Nürnberger Militärtribunal (IMT) arbeitete, einen Spionagering im CIC (Counter Intelligenz Corps) auf. 1953 wurde diese Sumpfdotterblüte des Wiener Nachkriegsmilieus gemeinsam mit seinem Freund Ponger und einigen Kumpanen von den Amerikanern wegen Doppelagententätigkeit verhaftet, kam aber nach einigen Monaten wieder frei. Er hatte gedroht, über interne Vorgange im CIC und auch über das Zustandekommen der besagten eidesstattlichen Erklärung auszupacken. Ab Mitte der fünfziger Jahre schrieb er dann unter einem Pseudonym Hintertreppenromane aus dem Spionagemilieu. Soviel zu der uns von Benz präsentierten unanfechtbaren Quelle.18
Höttls Eidesstattliche Aussage trägt die Nummer PS-2783. Der besondere Sinn der Buchstaben PS in den amerikanischen Nürnberger »Dokumenten« macht es notwendig, hier kurz zu verweilen. Wer die von den westlichen Alliierten herausgegebenen deutschsprachigen Publikationen der ersten Monate des Jahres 1945 auf das Thema Auschwitz hin durchforstet, entdeckt zu seinem vermutlich großen Erstaunen kein Wort darüber. Wer die Tagebücher wichtiger westlicher Politiker, etwa des Marineministers Forrestal, auf Tagebucheintragungen um den 27. Januar 1945, der »Befreiung« des KZ Auschwitz durch die Sowjets, hin untersucht, bemüht sich ebenfalls vergeblich. Theoretisch hatte die Entdeckung eines solchen Vernichtungslagers zumindest Gegenstand von Kabinettssitzungen der wichtigsten alliierten Regierungen sein müssen; Forrestal war immerhin Kabinettsmitglied.19 Der Grund dieser publizistischen Abstinenz ist leicht zu finden: das notwendige »Beweismaterial« mußte erst einmal produziert werden; im Jargon der Zeit spricht man davon, es »gefunden« zu haben. Verantwortlich fur die wohl größte Dokumentenfälschungskampagne des Jahrhunderts ist eine Unterabteilung des in Paris residierenden SHAEF (Abkürzung für Supreme Headquarter Allied Expeditionary Force), der Psychological Warfare Division (PWD), der Abteilung für psychologische Kriegführung also. In der Pariser PWD-Zentrale residierte ein amerikanischer Oberst namens Robert G. Storey. Seine Aufgabe war es, das nach Paris gesandte »gefundene« Material auf seine Brauchbarkeit für den geplanten Nürnberger Prozeß hin zu untersuchen und »vorzubereiten«. Was von ihm als brauchbar erachtet wurde, zeichnete er mit den Buchstaben P und S ab. P steht eindeutig für Paris, und S für Storey. Ein von den US-amerikanischen Anklägern präsentiertes Beweisstück, das mit diesen Initialen versehen ist, und das sind wohl die meisten, ist also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Fälschung.20 Benz bemüht, auf Seite 2, eine weitere unanfechtbare Quelle: »Auf die Frage des vernehmenden Offiziers, ob Eichmann etwas über die Zahl der getöteten Juden gesagt habe, antwortete Wisliceny: 'Ja… Er würde lachend in die Grube springen, denn das Gefühl, daß er fünf Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte, sei für ihn außerordentlich befriedigend.'« Hauptsturmführer Dieter Wisliceny war ein enger Mitarbeiter Eichmanns und verantwortlich für die Zusammenstellung der Transporte aus der Slowakei, Griechenland und Ungarn. Das Gespräch zwischen ihm und Eichmann soll Ende Februar 1945 stattgefunden haben, Wisliceny hat diese Aussage am 3. Januar 1946 vor dem IMT gegenüber dem vernehmenden Offizier, Oberstleutnant Brookhart, in der Eigenschaft eines Zeugen gemacht. Sie ist in Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrechen, Bd. IV, S. 397-413, nachzulesen. Wisliceny hat in diesem Verhör zudem folgendes ausgesagt: a) Der Begriff »Endlösung« beinhalte die planmäßige biologische Vernichtung des Judentums; S. 398. b) Die biologische Vernichtung finde überwiegend in als Gaskammern bezeichneten Räumen im KZ Auschwitz durch den Einsatz von Giftgas statt; S. 406.
Das Mauerwerk der als »Gaskammern« bezeichneten Räume in Auschwitz ist auf das Vorhandensein von Giftgasrückständen hin untersucht worden: 1.) Alpha Analytical Laboratories, Ashland, Massachusset, Februar 1988. 2.) Institut für Gerichtsmedizinische Expertisen, Krakau, Februar 1990. 3.) Institut für Gerichtsmedizinische Expertisen, Krakau. Juli 1990. Alle drei Untersuchungen verliefen negativ, ergaben aber in den ebenfalls untersuchten Desinfektionsbereichen beider Lager teilweise Werte, welche das Tausendfache der übrigen überschritten. Aus diesen wie auch aus anderen bekannten Beweisführungen kann nur die Schlußfolgerung gezogen werden, daß Wisliceny sich völlig den Interessen der Anklagevertretung unterworfen hatte. Seine Aussage ist, da erwiesenermaßen an entscheidenden Punkten den Tatsachen widersprechend, als unwahr einzustufen.
Benz schreibt auf Seite 10: »Rudolf Höß… gab im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß (5. 4. 1946, Dok. PS 3868) zu Protokoll, in Auschwitz seien 2,5 Millionen Juden durch Gas getötet worden.« Höß wurde, jeder kann es nachprüfen, bei seinen Vernehmungen durch die britische Militärpolizei auf das schwerste gefoltert. Gemäß den Grundsätzen unserer abendländischen Rechtsphilosophie dürfen Aussagen, welche durch Anwendung von »Druck« entstanden sind, nicht als Beweismittel verwendet werden. Sie sind rechtsunwirksam. Kommentar also überflüssig.
Benz schreibt auf Seite 3: »… schließlich existiert als eine der wichtigsten statistischen Quellen der Bericht des Inspekteurs für Statistik, Richard Korherr, dem zu entnehmen ist, daß … bis 31. März 1943 die nationalsozialistische Judenpolitik schon mehr als 2,5 Millionen Opfer gefordert hat.«
Die Kompliziertheit der Materie verlangt eigentlich, daß der Korherr-Bericht vollständig abgedruckt wird, doch dies ist aus Raumgründen hier nicht möglich. Korherr war ein Versicherungsstatistiker, der seine Sachkenntnisse der SS zur Verfügung stellte und bei dieser Organisation als Inspekteur für Statistik tätig wurde. Er erhielt Anfang 1943 von Himmler den Auftrag, einen Bericht über den Stand der Judenaussiedlung im Zeitraum 30. 1. 33 bis 31. 12. 42 zu erstellen. Der Bericht ist in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Quelle der Zeitgeschichte, vorausgesetzt, seine Interpretation erfolgt nach den Gesetzen wissenschaftlicher Unvoreingenommenheit. Ob an ihm manipuliert wurde, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers.21
Korherr scheint unzuverlässige Unterlagen zur Verfügung gehabt zu haben und war sich dessen anscheinend bewußt22 Er schreibt: »Fast unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet die Erstellung einer einigermaßen zuverlässigen Statistik über Bestand und Bewegung des Judentums in den gesamten Ostgebieten seit Beginn des zweiten Weltkrieges, der unkontrollierten Massen von Juden in Bewegung gebracht hat.« Das Problem ist bekannt. Der Institutionalismus, vertreten auch durch Benz, zieht die Beweiskraft des Korherr Berichtes aus der Rubrik »Auswanderung, Sterbeüberschuß und Evakuierung«. Dort steht, daß sich im Zeitraum vom 30. 1. 33 bis 31. 12. 43 das Judentum des Altreiches, der Ostmark, Böhmens und Mährens, des Generalgouvernements und der »Ostgebiete« (mit Bialystok) durch Auswanderung und Sterbeüberschuß um 1 402 726 verringert habe. Siehe oben! Dann kommt die Crux: Die Rubrik »Evakuierungen« hat ein Ergebnis von 1 714 031 Evakuierter. Addiert man beide Summen, kommt man auf 3 112 897. Korherr dazu: »Das Judentum hat sich damit von 1933 bis 1943 innerhalb des erweiterten Reichsgebietes, also im zeitlich-räumlichen Bereich der nationalsozialistischen Staatsführung, um rund 3,1 Million Köpfe vermindert.«
Die Feststellung ist im Prinzip richtig, nicht aber die daraus gezogene Schlußfolgerung. Korherr unterläßt es nämlich, die Rubrik »Evakuierungen« korrekt aufzuschlüsseln. Die Massendeportationen des NKWD figurieren bei ihm auch unter diesem Begriff, was zur Folge haben muß, daß gewünschten Fehlinterpretationen Türe und Tore geöffnet sind, da nicht erkennbar ist, von welcher Seite die Evakuierungen erfolgten. Daß diese stattgefunden hatten, ist ihm bekannt gewesen, denn er schreibt bezugnehmend auf die Schwierigkeiten, aus dem von Deutschland besetzten Teil der Sowjetunion korrekte Daten herauszufiltern: »… dazu kommen die Wanderungsströmungen der Juden innerhalb Rußlands in den asiatischen Teil hinüber.«
Alles in allem ist der Korherr-Bericht eine frühe Bestätigung des revisionistischen Standpunktes, sofern man unterläßt, in Bezeichnungen wie »Auswanderung« oder »Evakuierung« und dergleichen Tarnbezeichnungen sehen zu wollen.
Benz verweigert in bekannter Manier die Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen des Revisionismus. Dem Leuchter-Report bescheinigt er, er sei unter eindeutig neonazistischen Vorzeichen erstellt und zudem dilettantisch zusammengestellt (S. 8). Dessen »dilettantische Zusammenstellung« beweist sich nach Benz im Artikel von Pressac in Jour J vom 12. 12. 88 »Les carences et incoherences du rapport Leuchter«. Worin diese bestehen, verschweigt er uns. Bei Drucklegung des Buches konnte er natürlich nicht wissen, daß die Experten des Instituts für Gerichtsmedizinische Expertisen in Krakau im Februar 1990 die Richtigkeit des Leuchter-Berichtes bestätigen würden. Um ganz sicher zu gehen, hat das Krakauer Expertenteam im Juli 1990 ein zweites Mal Gesteinsproben aus den sogenannten Gaskammern analysiert. Da das Ergebnis der zweiten Untersuchung mit dem der ersten identisch war, kann die Richtigkeit des Leuchter-Berichtes als doppelt gesichert angesehen werden.
Die Schweizer Zeitung Basler Nachrichten hat am 12. Juni 1946 mit erstaunlich genauen demographischen Daten die damals aufkommende 6 Millionen-Zahl in Frage gestellt. Was dort geschrieben stand, war eine Vorwegnahme der Forschungsergebnisse eines Walter Sanning. Für Benz sind diese Daten »dubiose Statistiken und Rechentricks« (S. 5). Zweifellos wurde ein näheres Eingehen auf andere Einzelheiten des Buches von Benz dessen wissenschaftliche Methoden mit weiteren Fragezeichen versehen.

Anmerkungen

1 Jerusalem Post, 28.6. 1986.
2 Walter N. Sanning, Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert Verlag, Tübingen 1983, S. 22.
3 Außenminister Beck erklärte in einer Rede vor dem Völkerbund im Jahre 1936, es gebe in Polen I Million Juden zuviel.
4 Sanning, aaO., 32.
5 Universal Jewish Encyclopaedia, Vol. 6, S. 175.
6 Sanning, aaO., S. 49; Basler Nachrichten, 13. 6. 1946.
7 Als niedrigste Zahl wird 450 000 angegeben. Quelle: Treatment of Jews by the Soviet, 17th Interim Report of Hearings before the Select Committee on Communist Aggression. House of Representatives, 83 rd Congress, New York, 22./23. September 1954, S. 25. Sanning selber schätzt die Zahl auf 700 000, aaO., S. 25.
8 Encyclopaedia Judaica, Vol. 11, S. 184.
9 Sanning, aaO., S. 37.
10 Franc Lorimer, The Population of the Soviet Union, Princeton University Press, Princeton, N. Y. 1946, S. l95ff; Eugen Kulischer, Europe on the Move, Columbia University Press, New York 1948, S. 260; Gerald Reitlinger, Die Endlösung, S. 228; Rachner (Kriegsverwaltungschef im Wirtschaftsstab Ost), »Der Arbeitseinsatz in den neu besetzten Ostgebieten«, in Reichsarbeitsblatt, Berlin, Nr. 7, 5. März 1942.
11 Aus zahlreichen Äußerungen der sowjetischen Führung geht hervor, daß im Herbst 1942 etwa 65 Millionen Sowjetbürger unter deutschen Einfluß geraten waren. Das waren 25 Millionen weniger, als dort vor Kriegsausbruch lebten. Stalin sprach anläß1ich eines Banketts zu Ehren Wendell Willkies von 60 Millionen Sowjetbürger. Das Essen fand am 26. 9. 1942 statt. Willkie veröffentlichte darüber am 29. 9. einen Artikel in The New York Times
12 David Bergelson in Eynikeyt, 5. Dezember 1942.
13 Arthur D. Raymond, Odyssey through Hell, New York 1946, S. 142.
14 Sanning, aaO., S. 126. Die Zahl als solche kann anhand der verfügbaren Daten von jedem Nichtfachmann leicht errechnet werden.
15 Sanning, aaO., S. 286.
16 Steffen Werner, Die 2. babylonische Gefangenschaft, Pfullingen 1991, S. 69f.
17 Arthur R. Butz, Der Jahrhundertbetrug, Historical Review Press, Richmond, Surrey, 1977, S. 36.
18 Eine ausführliche Beschreibung des Persönlichkeitsbildes des Dr. Höttl kann entnommen werden: Stephen F. Pinter, Der Dr. Pinter-Bericht, nach: Der Weg, Nr. 8, 1954, S. 572; und A. R. Butz, Der Jahrthundertbetrug, aaO., S. 102.
19 Prawda, 3. Februar 1945. Artikel des sowjetischen Kriegsberichterstatters Boris Poleweu. Allein dieser Artikel reicht aus, die ganze Geschichte ad absurdum zu führen. Poleweu hätte sich seine Geschichte nicht zusammengebraut, hätte er jenes Auschwitz vorgefunden, das uns Historiker und Medien heute präsentieren. Polewou ist übrigens der Verfasser des Buches Berlin 875 km, Verlag Volk und Welt, Berlin(Ost) 1975.
20 Ingrid Weckert, Feuerzeichen, 3. Auflage, Grabert, Tübingen 1989, S. 171f., nach Auskunft des Instituts für Zeitgeschichte.
21 Die dem Verfasser zur Verfügung stehende Fassung wurde entnommen: Poliakow/Wulf, Das III. Reich und die Juden, Arani, Berlin 1955.
22 Korherr gibt die Zahl der 1937 in Europa lebenden Juden mit 10,3 Millionen an. Das ist um etwa 1,7 Millionen zu hoch gegriffen. Nach Ansicht des Verfassers hat Korherr den Bericht an seiner wichtigsten Stelle mit Hilfe eines statistischen Taschenspielertricks manipuliert, um seinen Reichsführer mit besonders hohen Zahlen zu beeindrucken. In dem Teil »Auswanderungen, Sterbeuberschuß und Evakuierungen« hat er die Zahlen der sowjetischen Deportierungsmaßnahmen mit denen der Deutschen zusammengeworfen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 40(2) (1992), S. 19-24

Zurück zum DGG-Menü