Das Holocaustthema 1945/46

Seine Entwicklung im Spiegel einer Tageszeitung

Wolfgang Hackert


Der Verfasser benutzte die Mikrofilme, auf welchen die Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel gespeichert ist. Es wurde der Zeitraum vom 26. September 1945 bis 19. Juni 1946 untersucht. Zweck der Untersuchung war, die Bedeutung des Holocaustthemas für die damalige Zeit - auch im Vorfeld des Nürnberger Prozesses - und seine Entwicklung festzustellen. Gemäß der dem Thema heute zugeschriebenen Bedeutung hätte es eigentlich das ganze Jahr 1945 - auch in den Zeitungen - beherrschen müssen. Tatsächlich wird es aber kaum erwähnt und bleibt sogar in der vom US-amerikanischen Chefankläger Jackson gehaltenen Eröffnungsrede des Internationalen Militärtribunals unerwähnt. Es ist erstaunlich, daß der erst allmählich über Jahre sich hinziehende Aufbau dieses Themas bisher von revisionistischer Seite kaum erforscht wurde. Während einerseits die in den Nürnberger Anklagen erkennbar werdenden Auswüchse der abartigen alliierten Greuelpropaganda mehr und mehr verschwanden, trat das Holocaustthema starker in den Vordergrund der antideutschen Psychopropaganda, um ihn heute ganz zu beherrschen. Dies deutet vielleicht darauf hin, daß alliierte Vorbehalte gegen den Aufbau dieses Themas erst allmählich von den an diesem Vorwurf interessierten Kreisen beseitigt werden mußten.

13. 11. 45, S. 3/4: Bericht Jacksons an Truman über Eröffnung des IMT. Langatmige Rede Jacksons mit viel moralischer Rechtschaffenheit der Siegermächte. Nahezu ausschließlicher Anklagepunkt ist Vorbereitung eines Angriffskriegs. Keinerlei Hinweis auf irgendeine Judenvernichtung. Erwähnung anderer alliierter Greuelvorwürfe, aber sehr pauschal.
15. 11.: Erste Erwähnung von ›Gaskammern‹, anläßlich der Eröffnung des Dachauer Prozesses. Wörtlich: »Das Lager soll auch viele Gaskammern gehabt haben.« Kein besonderer Hinweis auf irgendeinen Holocaust.
16. 11. S. 1: Lagerkommandant Hoffmann von Maidanek in Lublin zum Tode verurteilt. Es habe in Maidanek 2 Millionen Tote gegeben. Kein Hinweis auf Giftgas.
21. 11. S. 3: Bericht über medizinische Versuche in den KZs, auch in Auschwitz. Kein Wort von Vergasungen.
23. 11. S. 1: Erster Hinweis Jacksons auf eine Massenvernichtung von Juden: »Von fast 10 Millionen Juden, die vor dem Krieg in Europa lebten, sind 60% verschwunden; keiner weiß wohin.« (Es waren bereits mehr als 6 Monate seit dem Kriegsende verflossen!)
1. 12. S. 1: Vorführung des Films »Die Todesmühlen«. Es werden erstmalig als »Brausebäder« getarnte »Gaskammern
« erwähnt.
5. 12. S. 1: Abermalige Eröffnungsrede in Nürnberg, diesmal von Sir Hartley Shawcross, dem britischen Chefankläger. Hauptthema wie vorher Angriffskrieg, Bruch internationaler Verträge. Kein Hinweis auf einen Holocaust oder Massenvernichtungen.
S. 3: Artikel »Juden in Deutschland«: Unter Berufung auf Jacksons Behauptung vom 23.11.1945 wird ein Genozid an den Juden als gegeben angesehen. Dennoch keinerlei Hinweis auf Tatorte oder Tötungsart. Die Anzahl der in Vorkriegspolen ansässigen Juden wird - wohl richtig - mit 2,5 Millionen angegeben.
12. 12. S.1: Große Schlagzeile »IG-Farben erzeugte tödlichstes Giftgas der Welt«: IG-Farben habe mit Giftgas experimentiert und dabei KZ-Häftlinge als Versuchskaninchen benutzt. Kein Wort von Massenvergasungen oder diesbezüglichen Absichten.
14. 12. S.1: Tolle Bluten alliierter Greuelpropaganda. Ständiger Versuch, auch die Wehrmacht hineinzuziehen. Berichte über Massenmorde von Wehrmacht und SS an gefangenen Russen in den KZs. Die Juden bleiben ausgespart. Von ihnen wird lediglich berichtet: »Der amerikanische Anklagevertreter Dodd berichtet dann über das Schicksal der Juden. Major Walsh legt dem Gericht Dokumente vor, die den Vernichtungswillen den Juden gegenüber bewiesen, darunter Exemplare von Streichers Zeitung Der Stürmer, außerdem die antijüdischen Gesetze und Auszüge aus Hitlers Mein Kampf; die sich mit der Judenfrage befassen.« Nichts von Massenvergasungen.
15. 12. S. 1: Große Schlagzeile: »6 Millionen Juden ermordet«. Sensationelle Aussage des Dr. Hoettl. Dieser habe diese Weisheit von Obersturmbannführer Eichmann persönlich unter vier Augen erhalten. Alle Juden seien erschossen worden, kein Wort von Vergasungen.1
30. 12.: Lagerkommandant von Maidanek, Hoffmann, gehenkt. Verantwortlich nur die Ermordung von 2 Millionen Maidanekhäftlingen. Dabei kein Hinweis auf jüdische Tote, auch nicht auf Giftgas. Tötungsarten bleiben unerwähnt.
3. 1. 46 S. 1: Große Schlagzeile: »Ein Blatt aus des Teufels Notizbuch«: Horrorgeschichten aus Mauthausen. Es habe dort eine als Duschanlage getarnte »Gaskammer« gegeben, aber kein Hinweis auf Holocaust. Es seien in Mauthausen überwiegend Franzosen ermordet worden. So habe der 14jahrige Sohn des Lagerkommandanten an seinem Geburtstag die Erlaubnis erhalten, 40 Häftlinge erschießen zu dürfen.2 Allgemeiner Tenor: Die Wehrmacht, im übertragenen Sinne also das deutsche Volk, habe aus Massenmördern bestanden wie die SS.
Entsprechend die Überschriften wie »Wehrmachtsgefolge als freiwillige Henker«, »Die Mörder der alliierten Seeleute«, »Mord an Millionen russischer Kriegsgefangener«. Ohlendorf habe behauptet, einen fahrbaren »Gaswagen« eingesetzt zu haben, aber nur in Ausnahmefällen. Wisliceny habe ähnlich wie sein Kollege Dr. Hoettl von Obersturmbannführer Eichmann privatim erfahren, dar 4 Millionen Juden auf Befehl Himmlers ermordet worden seien.3
11. 1.: Dr. Goldmann, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, fordert von Deutschland, wie alle anderen Siegermächte auch, Reparationen, um die Ansiedlung von Juden in Palästina zu finanzieren. Er begründet dies aber nicht mit irgendeinem am jüdischen Volk begangenen Genocid.
Überschrift: »Die Vernichtung eines Volkes«. Generalgouverneur Dr. Frank sei der Hauptverantwortliche für die Ermordung von 3 Millionen Juden in Polen (Generalgouvernement). Kein Hinweis auf Vergasungen.
29. 1. S. 1: Aussage von Madame Marie-Claude Vaillant-Coutourier, Frau eines in Auschwitz umgekommenen französischen Politikers, die nach eigenen Angaben in Auschwitz und Ravensbrück inhaftiert war. Sie berichtete allerhand Phantastisches, nichts jedoch von einem Holocaust. Es habe aber eine »Gaskammer« bei »Block 25« gegeben, wohl im Stammlager (was die Desinfektionskammer gewesen sein könnte).
30. 1.: Bericht über Mauthausen. Horrorgeschichten und gigantische Zahlenangaben. Kein Hinweis auf Vergasungen.
12. 1.: Unsinniger Artikel von Rauschning über Hitlers angebliche Polen- und Tschechenpläne. Vorbereitung zur beabsichtigten angeblichen Welteroberung. Kein Hinweis auf einen Holocaust.
16. 2.: Smirnov behauptet, Dr. Frank sei der Hauptverantwortliche für die 3 Millionen ermordeten Juden in Polen. Kein Wort über die Tötungsart.
26. 2. S. l: Schlagzeile »Kommandant von Auschwitz Karl Kuparich in Kattowitz zum Tode verurteilt«. Er sei verantwortlich für die Ermordung von 3-4 Millionen Häftlingen. Kein Hinweis auf Vergasungen.
27. 2. S. 1: US-Präsident Truman sagt in einer Rede, es sei erwiesen, daß 5,7 Millionen Juden unter Hitler ihr Leben ließen.
28. 2.: Artikel »… als hätte es Blut geregnet«. Ein Professor Henry Limousin berichtet aus Auschwitz viel Phantastisches. Dann: »…nach Meinung vieler Häftlinge wurden in Birkenau viele Häftlinge vergast.« Er selbst hat wohl nichts bemerkt.
5. 3.: Artikel »Das Giftgas der Konzentrationslager«. Bericht über den Hamburger Prozeß eines britischen Tribunals gegen den Inhaber und leitende Männer der Firma Tesch & Stabenow, die das Gas ›Zyklon‹ herstellte und rund ein Zehntel ihres Umsatzes nach Auschwitz lieferte. Trotz belastender Aussagen blieb der Hauptangeklagte dabei, nichts davon gewußt zu haben, daß das Gas zur Massenvernichtung von Menschen verwendet worden sei. Auch leugnete er, von Massentötungen von Juden überhaupt gewußt zu haben.
(Erst im März 1946, 11 Monate nach Kriegsende, erscheint also erstmalig das Bild der Massenvernichtung, wie es den Kern der heutigen Holocaustansicht ausmacht.)
19. 3.: Rudolf Höß verhaftet. Er sei verantwortlich nur den Tod von zwei Millionen Juden in Auschwitz. Alle seien vergast worden.
16. 4.: Artikel »Der Kommandant von Auschwitz gesteht die Ermordung von 3 Millionen«. (Zum Wert des Geständnisses siehe4.)
Man beachte auch die großen Lücken, die teilweise zwischen den einzelnen Berichten liegen. Auch daraus geht hervor, daß im Jahr 1945 und in den ersten Monaten von 1946 die Massenvergasungen von Juden kaum ein Thema waren, daß ganz andere Greuel und Verbrechen den Deutschen vorgeworfen wurden. Es scheint so, als ob erst mit längerem Druck und besonderen Methoden der Einflußnahme die anscheinend vorher gegen dieses Thema widerspenstigen Alliierten zu diesem Thema gezwungen werden mußten. Vielleicht gibt Chaim Weizmans sibyllinischer Satz in seinen Memoiren einen Hinweis: »…englische Politiker (d.h. die Mitglieder des Kabinetts Churchill wie auch die Mitglieder der seit Anfang August 1945 amtierenden Regierung Attlee, W.H.) wollten sich nicht der Auffassung anschließen, daß unter deutscher Besatzung 6 Millionen Juden ermordet worden waren.«
Erwähnt sei in diesem Zusammenhang noch ein Wort des Richters am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten der damaligen Zeit, Oberrichter Harlan Fisk Stone: »Ich möchte auch nicht den Hauch des Eindrucks erwecken, daß der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das Geringste mit dem Nürnberger Verfahren zu tun habe. Was dort geschah, ist ein scheinheiliger Schwindel (sanctimonious fraud). US-Prosecuter Jackson hat dort einen Lynchmob dirigiert.«

Anmerkungen:


1 Hoettls Aussage ist eine der drei Säulen (neben der Angabe von Hauptsturmführer Dieter Wisliceny und der erfolterten Aussage des ehemaligen Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß). Alle anderen der späteren Untermauerung des Holocaust dienenden Dokumente wurden erst später »entdeckt«. Zur Glaubwürdigkeit Hoettls ist folgendes wichtig zu wissen: Er gehörte zweifelsfrei zu den Musterexemplaren der wohl auch im Dritten Reich nicht ausgestorbenen Spezies korrupter und karrieresüchtiger Staatsdiener. Der 1938 in den SD Eingetretene kam im Sommer 1942 vor ein SS-Gericht, da er zusammen mit einer polnischen Gräfin in unsauberen Immobiliengeschäften tätig geworden war. Er entging einer Verurteilung, wurde aber in den Mannschaftsstand zurückgestuft. Die Anfang 1943 erfolgte Berufung seines Landsmannes und persönlichen Bekannten Kaltenbrunner zum Chef des RSHA w-endete auch wieder sein Blatt. Es gelang Hoettl dann unter seinem neuen Chef eine Blitzkarriere im Auslandsnachrichtendienst des SD. Noch vor Kriegsende nahm er über die Schweiz Verbindung zu den Amerikanern auf, und bot sich gleich zwei US-Diensten an, dem OSS des Obersten Donovan und dem CIC. Im Sommer 1945 wurde er vom CIC im Lager Glasenbach in Österreich zur Bespitzelung der Gefangenen eingesetzt. Dort bot er den alliierten Offizieren gegen Zusicherung der Freilassung und einer größeren Summe Geldes die oben genannte Erklärung an. Er wurde nach Nürnberg überführt und lebte bei Sonderverpflegung im Zeugenflügel. Hier nahm er Verbindung zu den Sowjets auf und baute mit einem gewissen Kurt Ponger, einem neutralisierten US-Amerikaner, der als Übersetzer für das IMT arbeitete, einen Spionagering im CIC auf. 1953 wurde Hoettl zusammen mit Ponger von den Amerikanern wegen Doppelagententätigkeit verhaftet, kam aber bald wieder frei, da er gedroht hatte, über interne Vorgänge im CIC wie auch über das Zustandekommen der oben genannten Erklärung auszupacken. Ab Mitte der 50er Jahre schrieb Hoettl dann unter Pseudonym Hintertreppenromane aus dem Spionagemilieu.
2 Die Sache mit dem Kommandantensohn ist insofern interessant, als diese Beschuldigung Gegenstand einer privaten Untersuchung des im Lager Natternberg inhaftierten Schriftstellers Ernst von Salomon war. Dieser hat den Sohn des Lagerkommandanten dort persönlich kennengelernt und wußte um die Anschuldigungen durch im gleichen Lager inhaftierte Personen aus Mauthausen. Salomon kommt in seinem Bestseller Der Fragebogen zu dem interessanten Ergebnis, daß die eine Hälfte der Häftlinge die Tat bestätigte, während die andere Hälfte sie vehement bestritt.
3 Dem Verfasser ist bekannt, daß laut IMT-Dokumentation Wisliceny am 3.1.1946 zu Protokoll gegeben hat, daß die Ermordung dieser Juden überwiegend in Auschwitz unter der Verwendung von Giftgas stattgefunden habe. Dies wurde weder im erwähnten Bericht noch an den folgenden Tagen in der Presse gebracht. Mußte die Bevölkerung erst besser vorbereitet werden?
4 Rudolf Höß hat nach dreitägiger grausamer Folterung durch Angehörige des britischen Field Security Service (Militärpolizei) ein in englischer Sprache vorfabriziertes ›Geständnis‹ unterschrieben. Dieses enthält zu allem Überfluß noch die Worte. »I do understand and am able to read the English language.« Eine Betrachtung des schulischen wie beruflichen Werdegangs von Höß ergibt jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß Höß Kenntnisse der englischen Sprache hatte.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 43(1) (1995), S. 27f.

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