Das Internationale Militärtribunal von Nürnberg, Teil 2

Siegerjustiz statt neues Völkerrecht

Dr. Carl Haidn

Zum 1. Teil

Mit auffallender Nichtbeachtung durch die bundesdeutschen Massenmedien ging der 40. Jahrestag der Verkündung der Nürnberger Urteile vorüber. Selbst die Umerziehungspropaganda konnte die tiefgreifenden Rechtsbrüche dieser Siegerjustiz nicht verdecken, und die politische Praxis der letzten Jahrzehnte mit wiederholten Angriffskriegen der Siegermächte führte die damals verkündeten hohen moralischen Rechtsansprüche vollends ad absurdum. Im zweiten Teil der Studie geht es nachfolgend vor allem um die Urteilsbegründungen und um den Fall Rudolf Heß.


Die Begründung des 200 Druckseiten langen Urteils ist äußerst dürftig. Ein Beispiel der unzulänglichen Begründung: »Vor dem Gerichtshof wurde eingewendet, die Annexion Österreichs habe in dem weitverbreiteten Wunsch einer Vereinigung Österreichs und Deutschlands ihre Rechtfertigung gefunden, die beiden Völker hätten vieles gemein, was diese Vereinigung wünschenswert mache, und schließlich sei dieses Ziel ohne Blutvergießen erreicht worden. Selbst wenn dies alles wahr wäre, so würde es doch ganz unerheblich sein, da die Tatsachen klar beweisen, daß die Methoden, deren man sich zur Erreichung jenes Zieles bediente, die eines Angriffs waren.«[13]

Vom Selbstbestimmungsrecht der Völker scheint das IMT nichts gehört zu haben, wie auch von der mehr als 90prozentigen Zustimmung des ganzen deutschen Volkes zum Anschluß Österreichs bei der vier Wochen nach dem Anschluß vom 12. 3. 1938 stattfindenden Reichstagswahl vom 10. 4. 1938; es weiß auch nichts davon, daß Österreich und Deutschland nicht zwei Völker sind, sondern ein und dasselbe Volk.

Die Gründe des Urteils vom 1. 10. 1946 stützen sich vor allem auf den sogenannten Briand-Kellog-Pakt vom 27. 8 1928, dessen Art. 1 und 11 lauten:

»Art. I. Die Hohen Vertragsschließenden Parteien erklären feierlich im Namen ihrer Völker, daß sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle verurteilen und auf ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen verzichten.

Art. II: Die Hohen Vertragsschließenden Parteien vereinbaren, daß die Regelung und Entscheidung aller Streitigkeiten oder Konflikte, die zwischen ihnen entstehen können, welcher Art oder welchen Ursprungs sie auch sein mögen, niemals anders als durch friedliche Mittel angestrebt werden soll.«

Dieser Text des Briand-Kellog-Pakts erklärt den Angriffskrieg nicht als Verbrechen. Er ist auch keine Strafvorschrift, nach der einzelne natürliche Personen wegen eines improvisierten Angriffes angeklagt werden können; der Pakt ist nur ein von einer Gruppe von Staaten ausgesprochener Wunsch, ein Torso, der in der Praxis des internationalen Zusammenlebens nicht anwendbar ist - schöne Worte - ohne praktische Bedeutung. Der Pakt ist also nicht einmal auf die Unterzeichner-Staaten, geschweige denn auf natürliche Personen anwendbar. Bei der ersten Gelegenheit, bei der er - wenn er überhaupt strafrechtlich anwendbar wäre - hätte angewendet werden müssen, wurde er nicht angewendet.

Das war im Jahre 1935, als Italien ohne jeden Rechtsgrund einen Angriffskrieg gegen Abessinien begonnen hatte. Nach Beendigung des italienisch-abessinischen Krieges debattierte der Völkerbund in seiner 18. Bundesversammlung die Frage, wie man ohne offenen Verrat Abessinien aus der Liste der Mitglieder streichen und als Teil des italienischen Imperiums anerkennen könne. Auch die USA verhielten sich 1937 in der Abessinienfrage streng neutral. Der Briand-Kellog-Pakt wurde als Strafvorschrift von seiner Unterzeichnung im Jahre 1928 an bis heute ein einziges Mal angewendet, nämlich im Nürnberger und gleichzeitig im Tokioer Kriegsverbrecherprozeß, obwohl es zahlreiche unprovozierte Angriffskriege gegeben hat, zum Beispiel den von den Amerikanern begonnenen Vietnamkrieg, den gemeinsamen Angriff Englands, Frankreichs und Israel im Jahre 1956 auf Ägypten oder den Einfall der Russen in Afghanistan 1979 und viele andere Kriege.

Diejenigen, die sich in naturrechtlicher Sicht mit der Fragwürdigkeit der Rechtsgrundlagen des Nürnberger Urteils in der Hoffnung abgefunden haben, daß die Vereinten Nationen das Londoner Statut vom 8. 8. 1945 oder eine ähnliche Regelung übernehmen und kodifizieren würden, sind grausam enttäuscht worden.

In vierzig Jahren ist man bei den Vereinten Nationen über den Entwurf eines »Code of offences against the peace and security of mankind« nicht hinausgekommen. Gerade am Widerstand der vier Erfinder des »Verbrechens gegen den Frieden« sind alle Versuche einer Codifikation gescheitert. Im Jahre 1951 legte zwar eine von den Vereinten Nationen eingesetzte Gesetzeskommission den Entwurf des »Code of offences« vor; am 4. 12. 1954 aber beschloß die Generalversammlung die Erörterung des Entwurfes bis zur Klärung des Begriffes »Aggression« zurückzustellen. Aber in den dreißig Jahren seit 1954 ist es bei dem Entwurf eines »Code of offenees against the peace and security of mankind« geblieben. Und es wird auch dabei bleiben, weil die Besatzungsmächte gar keine Kodifikation und damit keine Einschränkung ihrer Souveränität wollen.

Berber hält nichts von der kriegsverhütenden Wirkung der Bedrohung eines Angriffskrieges mit Strafe:

»Die vom Londoner Statut erfundene und nur einmal, gegen die Besiegten des Zweiten Weltkrieges, als Ausnahmerecht angewendete Verfolgung wegen sog. ›Verbrechen gegen den Frieden‹ würde, auch wenn sie zur gewohnheitsrechtlichen und konventionellen Regel würde, keinen wahren Fortschritt für das Völkerrecht bedeuten. Ihre Androhung würde nicht kriegsabschreckend wirken, da sie nur gegen den Besiegten durchführbar ist, kein Staat aber einen Krieg beginnt, wenn er nicht den Sieg für wahrscheinlicher als die Niederlage hält. Sieht aber ein Kriegführender im Verlaufe des Krieges die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage auf sich zukommen, so wird die Androhung der Strafverfolgung wegen ›Verbrechen gegen den Frieden‹ auf seinen Friedenswillen hemmend, auf seinen Widerstandswillen verhärtend einwirken und so zur Verlängerung des Krieges und zu seiner Totalisierung à l'outrance führen. «[14]

Die Richter des IMT können kein gutes Gewissen gehabt haben, als sie wehrlose Gefangene gegen Recht und Gesetz wegen eines »Verbrechens gegen den Frieden« töteten, wenn sie sich auch der Deckung durch ihre Regierungen absolut sicher fühlen konnten.

Denn die Mächtigen ihrer Staaten hatten ja schon 1943 in Teheran und 1945 in Jalta die Tötung der gegnerischen Führung nach der Gefangennahme beschlossen, Stalin hatte auf der Konferenz von Jalta die Tötung von 50000 deutschen Offizieren ohne jedes Gerichtsverfahren vorgeschlagen.

Mit Recht sagt Veale[15]: »Solange der eiserne Vorhang noch besteht, kann niemand wissen, wieviele Deutsche vor der GPU (sowjetische Geheimpolizei) nach ihrer Gefangennahme im Felde oder ihrer Verhaftung nach Kriegsende entweder summarisch oder nach irgendeiner Art von Verfahren umgebracht wurden. Einschließlich derer, die in Prag und Warschau starben und derer, die in entlegenen Gebieten gelyncht wurden, übersteigt die Gesamtzahl wahrscheinlich bei weitem die von Stalin festgesetzten 50000.«

Dem ist nur hinzuzufügen: »und einschließlich der bei Kriegsende von den Westmächten (USA, England und Frankreich) in Deutschland ermordeten Gefangenen«.

Die Sieger können sich nicht auf einen Rechtsirrtum berufen. Die Gesamtverteidigung hat bei Beginn des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses am 19. 11. 1945 die Einholung eines Sachverständigengutachtens international anerkannter Völkerrechtsgelehrter über die rechtlichen Grundlagen dieses auf dem Londoner Statut vom 8. 8. 1945 beruhenden Gerichtsverfahrens beantragt[16]. Das IMT hat es am 21. 11. 1945 abgelehnt, sich mit der Eingabe auch nur zu befassen. Damit hat das IMT verhindert, daß die Öffentlichkeit etwas von dem Antrag der Verteidigung erfuhr, denn es hat den Antrag weder verlesen noch in das Sitzungsprotokoll aufgenommen. Mit dem Urteil des IMT vom 1. 10. 1946 haben sich die USA, England, Frankreich und die Sowjetunion vor der ganzen Welt selbst bloßgestellt.

Der schottische Geistliche Reverend Peter H. Nicoll[17] nennt den Nürnberger Prozeß korrupt, ungesetzlich und eine Schande für die Alliierten. Nach Nicoll waren USA und England über ihre Komplizenschaft schon auf der vorbereitenden Konferenz handelseinig geworden. Die Amerikaner verlangten, »daß während der Prozesse nichts vorgebracht werden dürfe, was die Vereinigten Staaten politisch in Verlegenheit oder Unannehmlichkeiten bringen könne. Die Engländer stimmten dem zu, vorausgesetzt, sie könnten das gleiche Vorrecht genießen«.

Schon am 5. 10. 1946 schreibt die englische Wochenzeitschrift »The Economist« in einem Artikel über das Urteil vom 1. 10. 1946: An einem ordentlichen Strafgerichtsverfahren würde es sicherlich ein bemerkenswerter Zufall sein, wenn ein Richter in einer Verhandlung gegen einen Mörder eine Aussage über den Anteil, den ein Mithelfer an dem Mord hat, unberücksichtigt lassen würde, weil die Aussage offenbarte, daß der Richter selbst der Mithelfer gewesen war. Daß niemand in dem Nürnberger Prozeß eine Verschweigung für außergewöhnlich hält, zeigt, wie weit wir von etwas entfernt sind, was eine ›Herrschaft des Rechts‹ in internationalen Angelegenheiten genannt werden kann. Großbritannien und Frankreich haben beide den Ausschluß der Sowjetunion wegen ihres unprovozierten Angriffes auf Finnland betrieben. Dieses Urteil besteht noch und ist durch keine späteren Ereignisse geändert worden. Im Jahre 1939 rühmte sich Moskau offen der militärischen Zusammenarbeit mit Deutschland zur Zerstörung von Polen, diesem häßlichen Geschöpf des Versailler Vertrages, und Ribbentrop zitierte in seinem Schlußwort ein Glückwunschtelegramm von Stalin zum Beweis, daß die Sowjetunion den Krieg gegen Polen damals nicht als einen Angriffskrieg betrachtete. Der Gegensatz zwischen 1939 und 1946 ist in der Tat phantastisch, und es steht zu erwarten, daß alle Geschichtsschreiber in der Zukunft und alle Deutschen in der Gegenwart ihn erkennen werden.«

Das IMT von Nürnberg war ein Scheingericht, das Verfahren des IMT ein gigantischer Schauprozeß, sein Urteil ein nullum. Im Tokioer Kriegsverbrecher-ProzeU stimmten drei Richter, der Niederländer Röling, der Inder Pal und der Franzose Bernard mit dem Urteil der Mehrheit des Gerichtes nicht überein. Der indische Richter Pal nennt das IMT die »Scheinanwendung eines rechtsgültigen Prozesses zur Befriedigung des Rachedurstes«. - »Under international law as it now stands a victor nation or a union of victors nations would have the authority to establish a tribunal for the trial of war criminals, but no authority to legislate and promulgate a new law of war crimes.«[18] (Unter dem internationalen Recht, wie es jetzt besteht, würde eine Siegernation oder eine Union von Siegernationen das Ansehen haben, einen Gerichtshof zur Bestrafung von Kriegsverbrechern einzusetzen, aber nicht die Autorität haben, ein neues Recht für Kriegsverbrechen zu erlassen und zu verkünden.)

Das Urteil des IMT vom 1. 6. 1946 diente einzig und allein der Propaganda der Siegermächte gegen Deutschland, der Umerziehung des deutschen Volkes, der Verbreitung der Kriegsschuldlüge und schließlich auch der Verschleierung der eigenen Kriegsverbrechen.

Der Fall Rudolf Heß

Das abstoßendste Verbrechen der vier Besatzungsmächte die »Verurteilung« des Rudolf Heß wegen Beihilfe zu einem »Verbrechen gegen den Frieden« zu lebenslangem Freiheitsentzug und die Art des Strafvollzuges.

Am 10. 5. 1941 war Rudolf Heß bekanntlich allein nach England geflogen, um mit England einen Waffenstillstand zu vereinbaren; er kam als Parlamentär. Prof. Dr. Dieter Blumenwitz hat diese Tatsache mit überzeugenden Gründen in einem Gutachten nachgewiesen[19].

Nach der Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907 Art. 32 genoß Heß internationalen Schutz vor Gefangennahme und vor Anklage wegen einer Straftat, die er vor seinem Auftreten begangen haben könnte. Die Engländer behandelten Heß zunächst tagelang als Parlamentär. Sie nahmen ihn aber unbekümmert nach Ablehnung eines Verhandlungsfriedens gefangen und klagten ihn nach Kriegsende vor dem IMT in Nürnberg wegen eines »Verbrechens gegen den Frieden« an.

Heß ist seit Mai 1941 Gefangener; er ist heute 92 Jahre alt, krank, fast blind und seit 20 Jahren in Isolierungshaft. Jeder gemeine Sittlichkeitsverbrecher wird in allen Kulturländern der Erde nach einer gewissen Verbüßung seiner Strafe (15 bis 20 Jahre) in die Freiheit entlassen. Seit vier Jahrzehnten nehmen die vier Besatzungsmächte für die unmenschliche Behandlung von Rudolf Heß das im Jahre 1888 für 600 Gefangene erbaute Militärgefängnis in Spandau mit einem jährlichen Kostenaufwand von etwa DM 2 500 000,- in Anspruch.

Die vier Besatzungsmächte begehen jeden Tag, den sie Heß gefangen halten, nicht nur nach deutschem Recht, sondern auch nach dem Strafrecht ihrer Länder ein fortgesetztes Vergehen der Freiheitsberaubung. Heß war wegen aller drei Verbrechen (Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit) angeklagt, aber von den beiden letztgenannten Verbrechen freigesprochen worden. Indem die vier Besatzungsmächte Heß' Freilassung verweigern, behaupten sie implicite heute noch, daß sie ihn mit Recht verurteilt haben. Zynisch wollen die Besatzungsmächte sehen, wie lange sich das unterwürfige deutsche Volk die unmenschliche Behandlung eines seiner treuesten Söhne gefallen läßt.

Mit Schreiben vom 22. 1., 15. 2. und 3.3. 1979 hat Heß' Verteidiger Dr. Seidl die Bundesregierung aufgefordert, ihrer Schutzpflicht gegenüber Rudolf Heß nachzukommen. Darauf hat der Bundesminister des Auswärtigen mit Schreiben vom 9. 3. 1979 geantwortet:

»Das hohe Alter und die angegriffene Gesundheit von Rudolf Heß rechtfertigen seit langem seine Freilassung aus seiner langdauernden Haft. Der Bundespräsident und die Bundesregierung setzen sich dafür - ebenso wie die Staats- und Regierungschefs der Drei Mächte - seit Jahren ein. Sie werden dies auch weiterhin tun.

Allerdings muß ich darauf hinweisen, daß die Drei Mächte Bedenken dagegen haben, daß die Frage der Rechtmäßigkeit des Urteils des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg aufgeworfen wird. Die Drei Mächte sind der Auffassung, daß für eine Freilassung von Rudolf Heß nur humanitäre Gründe in Betracht kommen. Die Bundesregierung teilt diese Auffassung.«[20]

Die Bundesregierung ist nach alter staatsrechtlicher Vorschrift verpflichtet, dem schuldlosen Greis wirksamen Auslandsschutz zu gewähren, um so mehr, als der Strafvollzug seit 20 Jahren durch die Isolierungshaft verschärft worden ist. Dr. Seidl verlangt, daß die Bundesregierung mit Rechtsgründen die Freilassung Heß' von den Besatzungsmächten fordere.

Alfred Seidl hat am 9. 8. und 4. 10. 1979 bei den Vereinten Nationen auch beantragt, daß die rechtswidrige Einschließung von Heß unverzüglich der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (VN) vorgelegt werde. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen wies den Antrag Seidls am 7. 11. 1979 mit dem Hinweis auf Art. 107 der Charta der Vereinten Nationen zurück. Art. 107 lautet: »Maßnahmen, welche die hierfür verantwortlichen Regierungen als Folge des Zweiten Weltkrieges in bezug auf einen Staat ergreifen oder genehmigen, der während des Krieges Feind eines Unterzeichnerstaates dieser Charta war, werden durch diese Charta weder außer Kraft gesetzt noch untersagt.«

Es ist wahrhaft erstaunlich, daß sich der Generalsekretär auf diese berüchtigte sogenannte »Feindstaatenklausel« des Art. 107 beruft, durch die sich die Besatzungsmächte eine bevorrechtigte Stellung anscheinend für alle Zeiten gegenüber Deutschland vorbehalten haben. Diese Klausel und der Art. 53 der Satzung der VN waren bereits im Jahre 1968 vom deutschen Außenminister Willy Brandt als »schon lange nicht mehr in die politische Landschaft passend« bezeichnet worden, als »obsolet« und als »alten Hut, den man nicht aufsetzen oder sich aufsetzen lassen sollte«. Spätestens mit dem Eintritt der beiden deutschen Staaten in die VN hätten die Art. 53 und 107 aufgehoben werden müssen.

Wenn sich die VN noch 1979 wegen einer Einzelperson - was im übrigen unzulässig ist - auf die Feindstaatenklausel berufen, dann werden sie, jedenfalls aber die Sowjetunion, es erst recht tun, wenn es sich um die »Wiederaufnahme der Angriffspolitik« (Art 53) handelt.

Professor Dr. Hellmut Diwald beschreibt die ernste Situation, in die sich beide Teile Deutschlands durch ihren Beitritt zu den Vereinten Nationen trotz Fortbestehens der Feindstaatenartikel 53 und 107 begeben haben, folgendermaßen[21]:

»Mit den Feindstaatenartikeln sind alle Maßnahmen der Sieger nach 1945 gerechtfertigt worden: die Zerteilung Deutschlands, die Enteignung und Vertreibung der Millionen Deutschen aus den Ostgebieten des Reiches - unter Mißachtung der zwingenden Schutzartikel 43 und 46 der Haager Landkriegsordnung -, die Annexionen deutscher Gebiete. Keiner unserer westlichen Partner, die Vereinigten Staaten voran, ist willens, uns auch nur theoretisch diejenigen Rechte zuzugestehen, deren Verletzung in jedem demokratischen Land die Regierung innerhalb von Stunden hinwegfegen würde.«

Die Lösung des Feindstaatenproblems (Art. 107 und 53 Charta der Vereinten Nationen) müßte eine wichtige Aufgabe deutscher Außenpolitik sein. Bisher ist von seiten der Bundesregierung nichts geschehen, obwohl dazu bei der Unterzeichnung des Atomsperrvertrages, bei der Ostvertragspolitik und beim Beitritt der beiden deutschen Staaten zu den VN die Gelegenheit sich angeboten hätte.

Professor Dr. Blumenwitz hat in einem Gutachten vom 28. 7. 1980[22] die Unhaltbarkeit der Ansicht des Generalsekretärs nachgewiesen.

Der Bundeskanzler hat dem Verteidiger von Heß auf ein Schreiben vom 5. 5. 1980 am 30. 6. 1980 erwidert, daß sich die Siegermächte im Falle Heß auf Art. 107 Charta der VN und Art. 2 des Deutschlandvertrages (Generalvertrag) vom 26. 5. 1952 berufen, da Verurteilung und Inhaftierung ihren Rechtsgrund in Maßnahmen haben, »die sich auf Deutschland als Ganzes beziehen«. Art. 2 des Deutschland-Vertrages lautet:

»Im Hinblick auf die internationale Lage, die bisher die Wiedervereinigung Deutschlands und den Anschluß eines Friedensvertrages verhindert hat, behalten die drei Westmächte die bisher von ihnen ausgeübten oder innegehabten Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und auf Deutschland als Ganzes einschließlich der Wiedervereinigung Deutschlands und einer friedensvertraglichen Regelung.«

Keinem Staat, selbst einem nur halbfreien, ist es völkerrechtlich untersagt, seinen Rechtsstandpunkt vor der Weltöffentlichkeit zu vertreten. Deutsche Politiker fordern zwar von Zeit zu Zeit die gnadenweise Freilassng von Heß - mit humanitären Argumenten. Sie verzic en dabei darauf zu sagen, daß das Urteil des IMT gegen Heß null und nichtig sei; sie geben sich barmherzig - auf die Unwissenheit des Volkes vertrauend, das nicht weiß, daß die Besatzungsmächte gegen Rechtsgründe Bedenken haben, wie der Außenminister mit Schreiben vom 9. 3. 1979 dem Verteidiger mitgeteilt hat. Sie führen damit nur das Volk hinters Licht, das glaubt, die Politiker wünschen die Freilassung. Wer Heß' Freilassung nur mit humanitären Mitteln fordert, dem ist es mit der Freilassung nicht ernst. Sie heben durch ihre Forderung ihr christliches Ansehen, auf die Freilassung von Heß haben solch halbherzige Forderungen keinerlei Einfluß. Sie könnten auf Art. 9 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der VN vom 10. 12. 1948 verweisen, wonach niemand willkürlich in Haft gehalten werden darf.

Das deutsche Volk und insbesondere die deutsche Jugend hat Anspruch darauf, endlich die Wahrheit über den Fall Rudolf Heß zu erfahren. Das ganze deutsche Volk würde die Freilassung von Rudolf Heß fordern, wenn es über die Rechtslage aufgeklärt wäre.

An Weihnachten 1985 wurde von höchster Stelle behauptet, das Urteil des IMT gegen Heß entspreche unserem Rechtsempfinden. Dieser grundlegende Rechtsirrtum wurde bereits von Heß' Verteidiger und Staatsminister i. R. Dr. A. Seidl richtiggestellt.

Das deutsche Volk läßt zu, daß die Medien den Fall Heß verschweigen und daß seine Politiker nicht die Freilassung von Heß fordern, sondern die Freilassung eines schwarzen Verbrechers Nelson Mandela, den ein ordentliches Gericht in Südafrika wegen eines Verbreches verurteilt hat.

Japan hat den sieben von den Amerikanern ermordeten Generälen und Staatsmännern ein Denkmal auf dem Gipfel des Berges Mitsune im Nationalpark Mikawa Ban errichtet mit der Inschrift: »Diese Märtyrer wurden auf Grund eines ex-post-facto-Gesetzes hingerichtet, nach dem die Nation zur Kapitulation gezwungen war, als die Vereinigten Staaten die Atombomben einsetzten und die Sowjetunion ihren Angriffspakt brach.«[23]

Die Namen der sieben Kriegsverbrecher sind in den Heiligen Jasukuni-Schrein aufgenommen[24]. Jeder japanische Ministerpräsident besucht den heiligen Jasukuni-Schrein.


Anmerkungen

  1. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher, Bd. 1 S. 216.
  2. Die Nürnberger Prinzipien waren von den Siegern als geltendes Völkerrecht ausgegeben worden, während sich jetzt herausstellt, daß diese Staaten gar nicht bereit sind, sie als für sich bindend anzuerkennen. Berber, 11. Bd. S. 262.
  3. F. J. P. Veale, Der Barbarei entgegen, Nölke Verlag, Hamburg 1954, S. 164.
  4. Abgedruckt bei Seidl S. 49.
  5. Reverend Peter H. Nicoll, M. A., B. D., Englands Krieg gegen Deutschland, Verlag der Deutschen Hochschullehrerzeitung, Tübingen, 1963, S. 504.
  6. Berber, 11. Bd. S. 261.
  7. Abgedruckt bei Seidl, Der verweigerte Friede, Universitas Verlag, München 1985, S. 19.
  8. Seidl, Der Fall Rudolf Heß, S. 303.
  9. Diwald in Wolfgang Venohr, Ohne Deutschland geht es nicht, Sinus-Verlag, Krefeld 1985, S. 67.
  10. Seidl, ebenda S. 350.
  11. Nicoll, ebenda S. 512.
  12. »Die Welt« vom 28. 3. 1985.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(4) (1986), S. 21-24

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