Hat Hitler einen Angriffskrieg gegen Sowjetrußland geplant?

Prof. Dr. David L. Hoggan

Was auch immer Hitler über Deutschlands Zukunft in Osteuropa geschrieben oder gesagt hat, bevor er am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, kann unter keinen Umständen als Beweis dafür akzeptiert werden, daß er einen Angriff gegen die Sowjetunion geplant habe, nachdem er die tatsächliche Verantwortung für die deutsche Regierung übernommen hatte. Doch betrachten wir einmal in diesem Zusammenhang die Ansichten Hitlers über Rußland, wie er sie 1925 in »Mein Kampf« zum Ausdruck gebracht hat. Zu jener Zeit lebten Zehntausende weißrussischer Flüchtlinge in Prag, Berlin, Paris, Belgrad und Sofia, die alle damit rechneten, daß die bolschewistische Herrschaft über Rußland in ganz kurzer Zeit zusammenbrechen werde. Infolge der im März 1918 durch Deutschland veranlaßten Selbstbestimmung für Osteuropa waren riesige Gebiete vom alten Zarenreich abgetrennt worden, so daß sie vor dem deutschen Zusammenbruch logischerweise erwarten konnten, sie würden zur Interessensphäre eines industriell mächtigen Deutschen Reichs gehören. Wir wissen, daß Hitler in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Bewegung von dieser Perspektive stark beeindruckt war, da er sich in zahllosen Reden mit dem Vertrag von Brest-Litowsk befaßt hatte. Damals erschien der Zusammenbruch des Bolschewismus so gut wie sicher und damit auch die Wiederherstellung der deutschen Position in Osteuropa, die es im März 1918 als vorherrschende Macht noch besaß. Als Hitler 1933 Kanzler wurde, hatte er ganz andere Probleme. In der Zwischenzeit war die Bolschewikenherrschaft in Rußland nicht zusammengebrochen. Wie kann man einfach annehmen, daß Hitlers mündliche und schriftliche Äußerungen der zwanziger Jahre, wie logisch und praktisch sie auch zu jener Zeit erschienen sein mögen, nach Übernahme der Kanzlerschaft immer noch zu den festen Zielen seiner Politik gehörten! Ein solches Vorgehen wäre unwissenschaftlich, ohne den Beweis dafür in den Händen zu haben, daß Hitler in der Zeit von 1933 bis 1939 den Plan hatte, die Sowjetunion anzugreifen. Doch gerade diesen Beweis gibt es nicht. Die zahlreichen polnischen Propagandisten von heute wären hocherfreut, könnten sie auch nur die Spur eines Beweises dafür finden, daß Hitler oder Göring den polnischen Führern des alten Regimes vorgeschlagen hätten, Deutschland und Polen sollten sich zu einem militärischen Angriff gegen die Sowjetunion zusammenschließen. Selbst die Unmenge des in Nürnberg vorgelegten, teils echten, teils falschen Propagandamaterials vermochte eine derartige Absicht Hitlers in keiner Weise zu bestätigen.

Neueste Forschungen haben erwiesen, daß der endgültige Beschluß zu einem Präventivkrieg gegen die Sowjetunion erst nach dem jugoslawischen Feldzug im April 1941 gefaßt worden ist. Wir wissen heute, daß Hitlers Weisung an die Wehrmachtsbefehlshaber vom 18. Dezember 1940, Pläne für einen möglichen Präventivkrieg gegen die Kommunisten auszuarbeiten, in keinem Sinn eine endgültige Entscheidung war.

Es seien nun kurz die Ereignisse betrachtet, die zwischen dem Ausbruch des Polenkrieges im Jahre 1939 und dem erfolgreichen Abschluß des deutschen Feldzugs in Jugoslawien im Jahre 1941 liegen. Kommunistische Zeitungen der Satellitenländer und der Sowjetunion geben jetzt offen zu, was uns seit langem als Tatsache bekannt ist, daß nämlich unmittelbar nach der Niederlage Frankreichs eine subversive kommunistische Propagandakampagne gegen Deutschland in ganz Europa eingeleitet wurde. Die kommunistischen Führer hatten 1939 in Moskau ganz offen Ribbentrop gegenüber zugegeben, nach ihren Berechnungen werde Frankreich für Deutschland in jedem europäischen Krieg ein gewaltiges militärisches Hindernis bilden (sie wußten beispielsweise, daß Frankreich über mehr Panzer, Artillerie und ausgebildete Reserven verfügte als Deutschland). Die kommunistische Feindschaft gegen ein belagertes Deutschland von Juni 1940 bis Juni 1941 ist eine bekannte Tatsache. Der niederträchtige britische Angriff gegen die französische Flotte am 3. Juli 1940 in Oran und die rücksichtslose Durchsetzung des Anti-habeas-corpus-Kriegsgesetzes (Britisches Gesetz 18 B, nach dem jeder englische Staatsangehörige bei Verdacht, die Kriegsanstrengungen seiner Regierung nicht zu billigen, verhaftet werden konnte), zeigten als Maßnahmen der neuen Churchill-Regierung alsbald deutlich, daß Hitlers Traum eines Kompromißfriedens mit den Briten trotz der militärischen Niederlage Frankreichs nicht verwirklicht werden konnte. Auch war im September 1940 klar erkennbar, daß Deutschland keine geeigneten Pläne oder Möglichkeiten zu einem schnellen militärischen Sieg über Großbritannien hatte. In jenem Monat ist es auch gewesen, daß die vermeintlich neutralen USA Großbritannien fünfzig komplette Zerstörer überließen. In Wirklichkeit gab Präsident Roosevelt den Briten jeden möglichen militärischen Beistand ohne direkte Kriegsbeteiligung und unternahm gleichzeitig alles in seiner Macht Stehende, um die USA so schnell wie möglich in den Krieg gegen Deutschland zu verwickeln.

Deutschlands Lage war unter diesen Umständen verzweifelt. Es war zwischen zwei feindlichen Mächten eingekeilt, dem sogenannten englisch-amerikanischen Westen und dem kommunistischen Osten, beide Seiten waren ihm mit ihren Industrieanlagen und natürlichen Hilfsquellen turmhoch überlegen. Hitler unternahm nach der Zurückweisung seiner Friedensouvertüren durch Großbritannien nachweisbare Anstrengungen, um mit der Sowjetunion ein umfassendes Abkommen zu erzielen.

Doch die Kommunisten taten mehr, als nur Untergrundbewegungen gegen Deutschland in den besetzten Gebieten und im Land selbst zu organisieren. Sie beraubten Rumänien im Juni 1940 der Nord-Bukowina und des Landkreises Dohoroi in der Provinz Moldau. Es handelte sich zwar nur um kleine Territorien, die keineswegs in deutschem Besitz waren. Doch muß man sich vor Augen halten, daß der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom August 1939 (revidiert im September 1939) auf einer ganz genauen Festlegung der territorialen Revisionsbestrebungen der Sowjets in Osteuropa basierte. Die internationale kommunistische Verschwörung hatte aus taktischen Gründen ihren unmittelbaren Territorialbestrebungen in Osteuropa 1939 bestimmte Grenzen gezogen, um in irgendeiner Form ein Abkommen mit Deutschland zu ermöglichen und sich zumindest eine zeitweilige sowjetische Neutralität zu sichern, solange sich die westlichen Staaten in einem zerstörerischen Krieg aufrieben. Sowjetische Gebietswünsche in Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Rumänien waren von Deutschland anerkannt worden. Doch waren sie im Falle Rumäniens durch Stalin und Molotow 1939 auf die Provinz Bessarabien beschränkt. Diese war von Rußland im Jahre 1812 annektiert worden und seit dem Bukarester Vertrag vom Mai 1918 unter rumänische Herrschaft gekommen, eine Regelung, die von den Alliierten in den Pariser Friedensverträgen bestätigt wurde. Die Annexion weiteren rumänischen Gebiets, ohne Deutschland davon zu unterrichten oder gar zu konsultieren, bewies unmißverständlich, daß die Sowjets die Vereinbarungen von 1939 nicht mehr langer zu respektieren gedachten.

Doch das war noch nicht alles. Im Juni 1940 begann die Sowjetunion längs der Demarkationslinie zwischen Deutschland und der Sowjetunion in Polen mit der Zusammenziehung gewaltiger Streitkräfte, in einem Raum also, in dem sich nur sehr kleine Einheiten deutscher Truppen befanden (die deutsche Wehrmacht hatte im Juni 1940 bereits mit Rekrutenentlassungen und einer Verringerung ihrer Streitkräfte begonnen). Sie bemühte sich ferner um eine Annäherung an Japan und verlangte in einem unmöglich zu erfüllenden Ausmaße im Rahmen des deutsch-sowjetischen Wirtschaftsabkommens wichtige militärische Ausrüstungen von Deutschland. Für Hitler blieb nur der unwillkommene Kriegseintritt Italiens im Juni 1940, dem dann das militärische Versagen Italiens in September 1940 in Afrika und sein unglücklicher Einfall in Griechenland im Oktober folgten.

Hitlers Reaktion in dieser Lage war sein Bemühen, direkte Gespräche mit Stalin oder Molotow zu führen. Viel ist über die Zusammenkunft Hitler-Molotow in Berlin im November 1940 geschrieben worden, aber die Schwierigkeiten Hitlers, Molotow erst einmal soweit zu bringen, nach Berlin zu kommen, verdienen sehr viel stärkere Beachtung, als man ihnen bisher geschenkt hat. Wir haben es hier mit einer unglaublichen Situation zu tun. Die Sowjets hatten in anmaßender Form ihre vertraglichen Abmachungen mit Deutschland im Juni 1940 verletzt. Hitler verhielt sich seinerseits freundschaftlich entgegenkommend und wünschte Gespräche auf höchster Ebene, um die Lage zu klären. Doch zeigten die Sowjetführer nicht die geringste Neigung, auf Hitlers wiederholte Einladungen einzugehen, bis die Italiener sich in ihr griechisches Abenteuer stürzten. Erst nach diesem Desaster (Mussolini fiel in Griechenland ein, ohne Hitler davon zu unterrichten, geschweige denn ihn zu konsultieren) sagte Molotow zu, nach Berlin zu kommen.

Der sowjetische Außenkommissar kam mit ebenso grotesken wie unmöglichen Forderungen in die Reichshauptstadt. Hitler erklärte sich einverstanden, der Sowjetunion die Dardanellen zu überlassen - Alexander Iswolsky wäre vor dem 1. Weltkrieg entzückt gewesen, wenn Rußlands britischer Verbündeter einem solchen Arrangement zugestimmt hätte -, und bot ihr ebenfalls im Gebiet des Persischen Golfs freie Hand. Aber Molotow tat so, als sei er von Hitlers Geste nicht im mindesten beeindruckt. Er forderte für die Sowjetunion das Recht auf jederzeitige Vorherrschaft auf der Balkanhalbinsel und ließ durchblicken, daß in absehbarer Zeit eine zweite sowjetische Strafexpedition gegen Finnland erfolgen könnte. Die Rohstoffe der Balkanhalbinsel waren jedoch für die deutsche Wirtschaft unentbehrlich, und der Sowjetunion freie Hand in Rumänien zu lassen sowie die Einrichtung sowjetischer Militärbasen in Bulgarien zuzulassen, wie Molotow forderte, wäre für Deutschland gleichbedeutend gewesen, von der Gnade der Sowjetunion abhängig zu sein. Hitler mußte diesen Vorschlag ablehnen. Kein deutscher Führer hätte anders handeln können.

Die unglaublichste Entwicklung muß in den Hintergründen der Revolution in Jugoslawien im März 1941 gesucht werden. Damals schlugen die Griechen die Italiener in Albanien, und die Briten griffen in Griechenland ein. Deutschlands Position auf dem Balkan war bedroht, solange die britischen Pläne einer militärischen Balkanfront nicht zunichte gemacht worden waren (der Zusammenbruch der Balkanfront im September 1918 ist das entscheidende Moment für Deutschlands Niederlage im 1. Weltkrieg gewesen). So hatte sich Hitler entschlossen, in Griechenland direkt zu intervenieren. Doch mußte er zu diesem Zweck die Stellung Jugoslawiens klären. Zunächst forderte Hitler die Benutzung der jugoslawischen Eisenbahn für deutsche Truppen. Prinzregent Paul und seine beiden maßgeblichen Minister Zwetkowitsch und Cincar-Markowitsch weigerten sich jedoch, deutschen Wehrmachtseinheiten das Betreten jugoslawischen Bodens zu gestatten. Andererseits bildete Jugoslawien das größte Zentrum der weißrussischen Emigration, und Prinzregent Paul stimmte ohne weiteres zu, sich der Antikomintern als Gegenleistung dafür anzuschließen, daß Hitler Jugoslawiens sogenannte »völlige Neutralität« in jedem Konflikt auf dem Balkan respektierte. Der Anschluß an die Antikomintern bedeutete in jener Ära des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes eine platonische Geste, aber Hitler erklärte sich einverstanden, und so wurde am 26. März 1941 in Wien ein Vertrag unterzeichnet, der Jugoslawiens absolute Neutralität garantierte.

Mittlerweile, und dieses trat in Deutschland nach dem Jugoslawienfeldzug zutage, arbeiteten amerikanische, britische und sowjetische Agenten harmonisch Hand in Hand, die jugoslawische Regierung zu Fall zu bringen und dort eine Revolutionsregierung zu errichten, welche Deutschland herausfordern sollte, um die deutsche Stellung auf dem Balkan ein für allemal zu untergraben. Der US-Oberst William Donovan ging dabei so weit, einflußreichen Jugoslawen zu drohen, die USA würden ihr Land wie eine Feindnation behandeln, wenn es Deutschland nicht den Krieg erkläre. Die unheilige Trinität der berüchtigten Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam war bereits in Jugoslawien im März 1941 in Tätigkeit getreten, ehe irgendeine endgültige deutsche Entscheidung zu einem Präventivkrieg gegen die Sowjetunion gefällt worden war. Auch die Sowjetunion gab sich keine Mühe, diese Situation zu verschleiern. Ihre Führer unterzeichneten in aller Öffentlichkeit am Vorabend des Krieges zwischen Deutschland und Jugoslawien, der am 6. April 1941 begann, einen Freundschaftspakt mit dem antideutschen Putschregime General Simowitschs. Die Revolte in Belgrad am 26. März 1941 kann nur als Protest gegen die jugoslawische Neutralität aufgefaßt werden. Die Sowjetunion verließ unwiderruflich den Boden der Neutralität, als sie erfolgreich mit den Feinden Deutschlands konspirierte, um das neutrale jugoslawische Regime zu stürzen und dann schleunigst einen Freundschaftspakt mit dessen Nachfolger zu unterzeichnen. Nach den herkömmlichen Auffassungen des internationalen Rechts konnte Hitler diesen Schritt ohne weiteres als eine Kriegshandlung auffassen. Als der Krieg dort begonnen hatte, hat Hitler natürlich nicht öffentlich von seinen Versuchen gesprochen, die Sowjetunion damit zu beschwichtigen, daß er ihr freie Hand für die Dardanellen bot.

Zwischen Hitlers Präventivkrieg gegen die Sowjetunion im Juni 1941 und Halifax’ Präventivkrieg gegen Deutschland im September 1939 besteht also ein gewaltiger Unterschied. Hitler war bereits in einen verzweifelten Konflikt von ungewisser Dauer und Auswirkung verwickelt. Außerdem hatten sich die Feindseligkeit, Subversion und das Doppelspiel der Sowjets gegenüber Deutschland im Jahr zuvor in einem Ausmaß gezeigt, das man nur schwer übertreiben kann. Halifax dagegen besaß vor September 1939 überreichlich Beweise für Hitlers aufrichtige Freundschaft gegenüber dem britischen Empire und für sein Streben, einen Konflikt mit den Briten wenn irgend möglich zu vermeiden. Außerdem befand sich Großbritannien im Frieden und besaß mächtige Verbündete und Freunde, als es seinen Präventivkrieg gegen Deutschland entfesselte. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeit zwischen der Situation von 1939 und der von 1941.

Im Bereich der historischen Wahrheitsfindung haben Vorurteile und Leidenschaften nichts zu suchen. Denn sie erfordert hartes Arbeiten mit konkreten Tatsachen und Quellen. Die Ergebnisse solcher Forschungsarbeit müssen ausschließlich für sich selbst sprechen können und frei von dieser oder jener politischen Rücksicht sein.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(3) (1979), S. 7-10

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