Pearl Harbor und das America-First-Komitee

War der Kriegseintritt der USA zu vermeiden?

Professor Dr. David L. Hoggan

Amerikas Eintritt in den europäischen Krieg des Jahres 1939 hob einen taumelnden kommunistischen Halbstarken zur Höhe einer bedrohlichen Weltmacht und führte die Vereinigten Staaten auf die Bahn der Zerstörung. War diese Intervention notwendig? Professor Dr. David L. Hoggan meint: nein! Er ist als Verfasser der Bücher »Der erzwungene Krieg«, »Der unnötige Krieg« und »Das blinde Jahrhundert« vielen Deutschen bekannt geworden.


Vor dem japanischen Angriff auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor führten Großbritannien und Deutschland Krieg, ohne daß Präsident Roosevelt es auch nur einmal gewagt hätte, Öffentlich dafür einzutreten, daß die Vereinigten Staaten tatsächlich auf der britischen Seite in den Konflikt eintreten sollten. Künftige Historiker werden dies ohne Zweifel als eine der aufschlußreichsten Tatsachen des Zeitalters des Zweiten Weltkriegs betrachten. Die Tatsache, daß Roosevelt es nicht wagte, den Menschen seines eigenen Landes zu sagen, was er wirklich wollte, sollte - im Zeitalter eines nie dagewesenen Durcheinanders der internationalen Beziehungen - für amerikanische Patrioten eine Quelle der Begeisterung und verständlichen Stolzes sein.

America First für den Frieden

Es liegt überhaupt nichts Widersprüchliches in der Tatsache, daß hervorragende Amerikaner aus allen Bereichen des nationalen Lebens sich im Frühjahr 1941 zusammenschlossen, um die America-First-Bewegung aufzubauen, welche die amerikanische Neutralität erhalten sollte. Sie mißtrauten Roosevelts endlosen Öffentlichen Beteuerungen, er wolle keine aktive amerikanische Teilnahme am Krieg. Ihnen war klar, daß die widerspruchsvolle Neutralitätspolitik des Präsidenten Wilson während des Ersten Weltkrieges die völlig unnötige amerikanische Verwicklung in jenen früheren Konflikt herbeigeführt hatte; jene Wilsonsche Politik doppelter Maßstäbe, die Deutschland zur »vollen Verantwortlichkeit« verpflichtete und zugleich die offensichtlichen Verletzungen des Völkerrechts von seiten der Briten nicht beachtete. Die Anhänger von America First sahen sich der mehr als zweifelhaften Neutralitätspolitik des Präsidenten Roosevelt gegenüber, zu der Hilfe für Großbritannien und (nach dem 22. Juni 1941) für die Sowjetunion gehörte; beide Hilfsmaßnahmen waren nicht mehr weit vom eigenen militärischen Eingreifen entfernt.

America First wußte, daß das amerikanische Volk keine direkte Verwicklung in den europäischen Konflikt suchte. Die Flut der Petitionen, die von einzelnen Bürgern und privaten Vereinigungen an den US-Kongreß gerichtet wurden, sprach sich in überwältigendem Maße zugunsten einer amerikanischen Neutralität aus. Die Meinungsumfragen durch Gallup und Roper, die Anhänger Roosevelts, räumten noch im November 1941 ein, daß 80 % des amerikanischen Volkes gegen eine Verwicklung in den Krieg waren.

Wayne S. Cole zeigt in seiner Darstellung »Senator Gerald P. Nye und die auswärtigen Beziehungen Amerikas« (University of Minnesota Press, 1962), daß »die Amerikaner sich selbst einredeten, daß Monroe-Doktrin, Unilateralismus und Nichteinmischung in Europa - das heißt: Isolationismus - die Ursachen der Sicherheit seien, derer sie sich erfreuten« (S. 227). Dies bedeutete, daß ein hervorragender America-First-Führer wie Nye in seiner Arbeit durch die Überzeugung gestärkt wurde, daß ein Erfolg in dem Streben nach Erhaltung der amerikanischen Neutralität auch die Verwirklichung des sehnlichen Wunsches der überwätigenden Mehrheit der amerikanischen Bürger bedeutete, was immer Roosevelt für sich darüber denken mochte. Nye wußte, daß der amerikanische Isolationismus mehr eine Politik der Unabhängigkeit und Stärke war als ein Ausdruck der Schwäche - vergleichbar der »Splendid-Isolation«-Außenpolitik Großbritanniens in den Tagen Lord Salisburys vor der anglo-französischen Entente Cordiale des Jahres 1904.

Der japanische Angriff

Die America-First-Bewegung erfreute sich im Herbst 1941 außerordentlicher Beliebtheit, und ihre Führer waren voller Hoffnung, ein angemessenes Werkzeug zur Verteidigung der amerikanischen Neutralität schaffen zu können. Es war wohlbekannt, daß die ungesetzliche und diskriminierende Politik der Roosevelt-Regierung ernste Spannungen in den japanisch-amerikanischen Beziehungen hervorgerufen hatte. Andererseits war Deutschland, ein mächtigeres Land als Japan, durch Roosevelt seit viel längerer Zeit ebenso diskriminiert worden, ohne zurückzuschlagen. Trotz der schwarzmalerischen Propaganda, die sich aus dem Rooseveltschen Lager ergoß, hielten die America-First-Führer Japan nicht für eine ernsthafte militärische Bedrohung der Vereinigten Staaten.

Am 26. November 1941 überreichte der amerikanische Außenminister Hull den japanischen Unterhändlern in Washington, D. C., das kommunistisch inspirierte amerikanische Ultimatum; dieses Ereignis führte zu der endgültigen japanischen Entscheidung, die Vereinigten Staaten militärisch anzugreifen. Dieses Ultimatum wurde in der amerikanischen Presse ziemlich stark beachtet, aber die America-First-Führer konnten sich nicht vorstellen, daß die Note zum Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Japan führen würde. Es schien aus amerikanischer Sicht zu offenkundig, daß ein solcher Konflikt nicht im Interesse Japans liegen würde.

Die Deutschen wurden gleichermaßen durch den Angriff auf Pearl Harbor überrascht. Die offizielle Note, die Deutschland den japanischen Entschluß mitteilte, war zwar auf den 3. Dezember 1941 datiert, wurde aber erst am Tage des Angriffs ausgehändigt.

Japan dient den Interessen Stalins

Die Geschichte zeigt, daß der Angriff auf Pearl Harbor tatsächlich ganz besonders Stalins Interessen entsprach. Die japanische Entscheidung, Deutschland nicht gegen die Sowjetunion zu unterstützen, wurde noch einmal bekräftigt. Der Angriff war ein schwerer Fehler seitens der Japaner gegenüber Roosevelts wohlbedachter Provokation. Die gesamte japanische Strategie war begründet auf der haltlosen Annahme, daß die Sowjetunion bald geschlagen zusammenbrechen würde, ohne daß Japan auch nur einen Finger dazu gerührt hätte. Die Meinung der militärischen und diplomatischen Kreise in Japan war damals geteilt angesichts der Frage, ob es empfehlenswert wäre, die Vereinigten Staaten anzugreifen. Es braucht wohl nicht betont zuwerden, daß der Angriff auf Pearl Harbor überhaupt nie stattgefunden hätte, wenn die Japaner die vielen Schwierigkeiten vorhergesehen hätten, die sich in der Folgezeit für die deutschen Armeen in der Sowjetunion ergaben.

America First wird durch Pearl Harbor gelähmt

Zwar ist die Tragweite der japanischen Entscheidung aus japanischer Sicht Gegenstand einiger Untersuchungen gewesen, doch ist die Art, wie sich der Angriff auf Pearl Harbor auf die America-First-Bewegung auswirkte, bisher völlig ignoriert worden. Zweifellos ist der Hauptgrund für diese Vernachlässigung die Tatsache, daß die deutsche und die italienische Kriegserklärung an die USA nur drei Tage nach dem Termin erfolgten, an dem offizielle Kreise in Berlin und Rom von der Tragödie in Pearl Harbor unterrichtet worden waren. Jedenfalls wirft die Auswirkung des Pearl-Harbor-Angriffs als solche auf America First das Problem von Ursache und Wirkung in außergewöhnlich zugespitzter Weise auf.

Hitlers fatalistische Entscheidung, die japanische Forderung nach einer deutschen Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten zu billigen, wurde bestimmt durch die Annahme, daß der Krieg nicht länger vermieden werden könne, und durch die psychologische Überlegung, daß es, vom Standpunkt der allgemeinen Stimmung in Deutschland zu einem Zeitpunkt ernster militärischer Rückschläge in Rußland aus gesehen, besser wäre, selbst die Initiative zu ergreifen, statt passiv darauf zu warten, daß die Vereinigten Staaten den Krieg erklärten, wie sie es im April 1917 und wie es die Briten im August 1914 und im September 1939 getan hatten. Die grundsätzlichen Reaktionen Hitlers und der America-First-Bewegung auf den Pearl-Harbor-Angriff scheinen identisch zu sein, doch übersieht eine solche Beurteilung den Faktor des Zeitpunktes. Auf Außenminister von Ribbentrops Rat hin suchte Hitler noch nach dem Angriff auf Pearl Harbor einen Ausweg, um Krieg mit den USA zu vermeiden, und seine Entscheidung, Japan zu unterstützen, wurde erst getroffen, nachdem er die anscheinend einstimmige Reaktion in Amerika studiert hatte, daß Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland unvermeidlich geworden sei. Diesen Gesichtspunkt übersieht Saul Friedländers »Hitler et les Etats-Unis, 1939-1941« (Genf 1963; deutsche Ausgabe bei Kohlhammer, 1965; amerikanische Ausgabe bei Knopf, 1966).

Die America-First-Führer und Hitler hatten, übereinstimmend mit der überwältigenden Mehrheit des deutschen und des amerikanischen Volkes, das gemeinsame Bestreben geteilt, die USA aus dem europäischen Krieg herauszuhalten. Wie kam es, daß der Angriff auf Pearl Harbor, der die USA in einen asiatischen Konflikt verwickelte, auf Seiten von America First plötzlich die fatalistische Annahme hervorrief, daß die Teilnahme der USA am Krieg in Europa unvermeidlich sei?

Die Katastrophe führt zur Lähmung

Die Nachricht von der Katastrophe in Pearl Harbor konnte das Lager der Roosevelt-Anhänger nicht von ihrem vorrangigen Interesse am europäischen Krieg ablenken. Der texanische Senator Tom Connally, in Fragen der Außenpolitik ein beständiger Parteigänger Roosevelts, teilte amerikanischen Pressevertretern, nachdem er am Tage des Angriffs an einer Konferenz im Weißen Haus teilgenommen hatte, mit, daß »eine Kriegserklärung zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten in Aussicht ist, sei es durch Amerika oder - in Übereinstimmung mit dem Achsenpakt - durch Deutschland«. Die Annahme, Roosevelt habe es schließlich geschafft, die Vereinigten Staaten durch die asiatische Hintertür in den europäischen Krieg hineinzustoßen, wurde also vom ersten Augenblick an von amtlicher Seite Öffentlich gestützt.

Die America-First-Führer beeilten sich, ihre Stimme zugunsten des Krieges mit Japan abzugeben, und das war unter den gegebenen Umständen nur natürlich. Überraschend ist dagegen die Tatsache, daß sorgfältige Prüfung der Kongreßprotokolle und der Zeitungen vom Dezember 1941 bestätigen, daß nicht einer dieser Führer dafür eintrat, zwischen den verschiedenen Konflikten in Asien und Europa eine Trennungslinie zu ziehen.

America First stellte die folgende zweifelhafte Feststellung des Senators Wiley am 8. Dezember 1941 nie in Frage: »Amerika ist in hinterhältiger Weise angegriffen worden, und Japan hat ihm den Krieg erklärt. Dies ist zweifellos eine Folge des Dreierpaktes zwischen den Achsenmächten Deutschland, Japan und Italien.« Am gleichen Tag erklärte die New York Times, eine Zeitung, die unablässig America First bekämpft hatte, es sei unwahrscheinlich, daß Hitler den japanischen Schritt und die Aussicht auf offenen Krieg mit den Vereinigten Staaten begrüße. In dieser Aussage lagen gleichzeitig Anreiz und Herausforderung dafür, America First trotz des Unheils von Pearl Harbor zu seinem eigentlichen Ziel zurückzuführen: der Verhinderung einer amerikanischen Kriegsführung in Europa zugunsten des Kommunismus. Aber America First reagierte nicht. Der Mangel an psychologischer Vorbereitung zerstörte eine große patriotische Bewegung genau in dem Augenblick, als sie ihrer höchsten Herausforderung begegnete. Und keine weitere Anstrengung wurde unternommen, um das formelle Bündnis zwischen den USA und der Sowjetunion zu verhindern, das sich als unheilvoll für die Welt herausgestellt hat.

Wäre es einem America-First-Führer gelungen, die lähmende Wirkung des Angriffs auf Pearl Harbor zu überwinden, so hätte er in Amerika ein helles Signal setzen können zugunsten eines begrenzten Krieges in Asien ohne zusätzliche Verwicklung in den europäischen Konflikt. Eine helle Stimme hätte den Zauber brechen können, der Millionen von Amerikanern in seinem Bann hielt. Eine Stimme dieser Art in Amerika hätte vielleicht die Führer in Berlin und Rom überzeugt, daß hinsichtlich der Anstrengungen, Amerika aus dem europäischen Kriege herauszuhalten, noch nicht alles verloren war.

Trotz ihres schließlichen Scheiterns hat die America-First-Bewegung von 1941 ein unzerstörbares Zeugnis der Wahrheit hinsichtlich der wirklichen amerikanischen Haltung gegenüber einer Verwicklung in den vergangenen Krieg in Europa hinterlassen. Vor Pearl Harbor war der Wille, in diesen Krieg einzutreten, nur der Wille von Minderheiten und nicht der Wille des ganzen amerikanischen Volkes. Das Versäumnis, Roosevelts europäische Bestrebungen während dieser entscheidenden Tage nach dem japanischen Angriff nicht angefochten zu haben, war die Folge eines Schocks, der durch Umstände hervorgerufen worden war, an denen Europäer keinen Anteil hatten. Die Anerkennung dieser geschichtlichen Tatsachen ist heute sehr bedeutungsvoll für die Herstellung normaler Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den verschiedenen europäischen Ländern.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(4) (1986), S. 1ff.

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