Dokumente zur Endlösung der Judenfrage

IDN


Seit Politik und Kriegführung vom "Feldherrn Psychologus" beherrscht werden und alle strategischen Zielsetzungen sich an die Erfordernisse des psychologischen Krieges anpassen mußten, ist auch für die Geschichtsforschung eine veränderte Lage entstanden, in der die herkömmlichen Mittel zur Erforschung eines historischen Sachverhaltes nicht mehr ausreichen und neue angemessene Forschungsweisen entwickelt werden müssen. Seit der "Feldherr Psychologus" herrscht, ist auch die historische Wahrheit in Not geraten. Hinter den meist riesigen Aufbauten der wohlberechneten politischen Zwecklüge hält man sie verborgen. Ja man hat sie gleichsam in die tiefsten und dunkelsten Kellerräume dieser Propagandabauten eingesperrt. Das zwingt die Geschichtsforschung zu einem von jeder Richtung unabhängigen Standort, um von ihm aus die immer schwieriger und gefahrvoller werdenden quellenwissenschaftlichen Aufgaben in Angriff zu nehmen. Es ist heute zur schwierigsten Aufgabe der historischen Forschung geworden, mit unerbittlichen Fragestellungen und kritischer Quellenanalyse durch alle Propagandafassaden hindurch bis in die Räume der politischen Zwecklüge vorzudringen und die historische Wahrheit aus den Verliesen zu befreien, in die sie der "Feldherr Psychologus" verwiesen hat.
Geschichtswissenschaft, die vor diesen harten und gefahrvollen Aufgaben in das sichere Reservat einer politischen Treueklausel ausweicht, verfügt nicht mehr über die unbedingte innere Handlungs- und die äußere Forschungsfreiheit, mit denen es allein gelingen kann, zu verläßlichen Ergebnissen zu kommen. Den Konflikt zwischen wissenschaftlicher Wahrheitspflicht und politischer Treuepflicht muß der Geschichtsforscher im Sinne der höheren Verpflichtung auf sich nehmen. Nur so kann die Forschung an den Tag bringen, was die psychologische Kriegführung zur Erreichung ihrer Machtziele dem prüfenden Blick wohlweislich entzogen hat.
Man wird sich bei Bemühungen um die historische Wahrheit aber auch von jeder Art von Zweckforschung fernhalten müssen. Denn Zweckforschung steht stets im Dienste bestimmter Interessen. Wenn kürzlich die Rockefeller-Stiftung das Institut für Zeitgeschichte in München beauftragt hat, Forschungsergebnisse über die nationalsozialistische Judenpolitik vorzulegen, so erinnert man sich unwillkürlich daran, daß die Cigaretten-Industrie vor drei Jahren in England Millionenbeträge für den Nachweis ausgeworfen hat, daß die Zunahme des Lungenkrebses nicht mit der Zunahme des Cigarettenverbrauchs zusammenhinge, wie das medizinische Forscher in diesem Lande nachgewiesen hatten.
In aller Regel läßt sich feststellen, daß Forschungseinrichtungen, die aus Mitteln der öffentlichen oder einer fremden Hand erhalten werden, die wissenschaftliche Wahrheitspflicht der Treuepflicht gegen ihren Brotherrn unterordnen und nur solche Ergebnisse veröffentlichen, die diesem erwünscht sind. Wir haben noch in Erinnerung, was geschah, als der Historiker Gerhard Ritter "Hitlers Tischgespräche" mit Mitteln und im Auffrage des Institutes für Zeitgeschichte in München im Jahre 1951 veröffentlicht hatte. Obwohl es sich um eine geradezu verfälschende Kürzung handelte und offensichtlich in keiner Weise um die Absicht einer Mythisierung, lag diese Veröffentlichung nicht auf der Generallinie des historisch-politischen Negativismus der Geldgeber dieses Institutes und seine Finanzierungsquellen drohten zu stocken.
Aus allen diesen Gründen ist das Institut für deutsche Nachkriegsgeschichte in Tübingen, das seine Forschungsmittel selbst aufbringt und deshalb von keinem Geldgeber abhängig ist, mit der Aufgabe beschäftigt, in exakter kritischer Quellenforschung die Belastungsmaterialien, auf die sich die Verfechter der dreifachen Schuldbelastung des deutschen Volkes bisher mit größtem Erfolg gestützt haben, einer unerschrockenen Prüfung zu unterziehen Diese streng wissenschaftliche Überprüfung der Schuldbegründungsdokumente ist um so dringlicher, als im Zuge der psychologischen Kriegführung die Welt der Politik immer mehr in die Abhängigkeit der Geheimdienste geraten und damit zum Schlachtfeld der Geheimdienste geworden ist.
Unter den Lageanforderungen dieses weltweiten Geheimdienstkrieges hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten ist erschreckendem Maße eine politische Kriminalistik entwickelt, deren Grundsatz es war und geblieben ist: Wer einem andern politischen System dient, gilt als politisch kriminell. Das politische Verbrechen ist für diese Art von Kriminalistik zu einer Kategorie geworden, in der die Geheimdienste aller politischen Systeme denken und ihr dunkles Handwerk betreiben. Die Weltpolitik in der Hand dieser Geheimdienste bedeutet darum nicht nur den Vertust der klassischen Diplomatie, sondern vor allem auch jene auf psychologische Wirkung ausgehende Sucht, überall nach Verbrechen und Verbrechern im Bereich der Politik zu fahnden, bis schließlich sogar ein ganzes Volk unter die Anklage verbrecherischer Schuld nach den Methoden der psychologischen Kriegführung gezwungen werden konnte. Damit hatte die psychologische Führungsmethodik einen Gipfelpunkt erreicht und der "Feldherr Psychologus" seinen größten Triumph.
Seitdem ist es zur Zwangsidee aller unter dem Druck der Geheimdienste stehenden politischen Systeme geworden, diejenigen zu verfolgen und zu bestrafen, die politisch unerwünscht sind, und alle die mit unbekanntem Ziel verschwinden zu lassen, die verhindert werden sollen, eines Tages zu bekennen, in wessen Auftrag sie gehandelt haben. Eine Art von politischem Erpressertum hat damit seine Fähigkeiten bewiesen, ja es entwickelte sich ein politisches Grenzgängertum, das, zu einem regen Nachrichtenaustausch angeregt und zum geheimen Frontkampf ausgebildet, überall da einsatzfähig wurde, wo der Geheimdienst die Geheimexekution verlangt.
So erweist sich der Geheimdienst dem forschenden Blick als gleichbedeutend mit einer Politik, die von Hintermännern mit Hintermännern getrieben wird. Während die einen im Hintergrunde bleiben und selbst nicht oder doch nur sehr schwer zu fassen sind, bedienen sich die andern für ihre meist raffiniert untergründig angelegten Pläne kleinster geheimer Sondergruppen, die alle ihre Auftrage getarnt ausführen und so lange wie möglich im Dunkeln tätig sind. Der Geheimcharakter solcher untergründigen Tätigkeit bringt es mit sich, daß ein rücksichtsloser Terror mit physikalischen, physiologischen und psychologischen Mitteln im engsten Tätigkeitsbereich ausgeübt wird. Werden feinere Mittel angewandt, so geht es um die falsifikatorische Herstellung einer ausreichenden Dokumentengrundlage, d. h. man stellt in psychologischen Falschmünzerzentralen Dokumente ad hoc her, verschleppt oder verfälscht echte Dokumente oder isoliert sie gegen jeden Zugriff, um auf diese Weise ausreichendes Belastungsmaterial bereit- und gefährliches, d. h. die historische Wahrheit enthaltendes Entlastungsmaterial fernzuhalten.
Die im Folgenden vorgelegten Dokumente aus dem Nürnberger Prozeß befassen sich ausschließlich mit der Endlösung der Judenfrage. Diese Dokumente beweisen, daß es sich bei den Judenexekutionen um eine höchst exklusive Geheimdienstaktion eines sehr klein gehaltenen Verschwörerkreises von rund hundert Personen gehandelt hat. Sein Ziel war es, sich selbst als Empfänger und Vollstrecker eines allerhöchsten Befehls von jeder persönlichen Verantwortung freizuhalten und die Befehlsquellen so anzugeben, daß Verantwortung und Schuld die höchsten offiziellen deutschen Führungsspitzen treffen mußte. Soweit Täter und Mitwisser vor dem Nürnberger Tribunal zur Frage der Verantwortlichkeit vernommen wurden, entstand ein Belastungsmaterial, das bei quellenkritischer Überprüfung nicht als klassische Zeugenaussage von absolut unbestechlicher Echtheit angesehen werden kann. Vielmehr kamen Aussagen an den Tag, die auf den ersten Blick schon einen bestellten Eindruck machten und die Aufgabe zu haben schienen, den Sachverhalt zugunsten der Anklage eher zu verhüllen als zu erhellen.
Diese Tendenz zur Verdunkelung einer politischen Geheimaktion und ihrer Befehlsquellen sowie der Geheimvollzug der Mordbefehle in einem geographisch abgegrenzten Raum durch eine zahlenmäßig auffallend kleingehaltene Gruppe beweisen, daß die Konzeption des Ganzen nur von solchen Personen durchgeführt sein konnte, denen es darauf ankam, dem gesamten deutschen Volk und dem Ansehen seiner damaligen Führung allerschwersten Dauerschaden zuzufügen, der denn auch als solcher bis zum heutigen Tage empfindlich spürbar ist. Es konnte sich dabei nur um zwei Gruppen von Menschen handeln: Einmal um solche, die erklärte Feinde des deutschen Volkes und zugleich fanatische Gegner des Nationalsozialismus waren, zweitens aber um sehr kurzsichtige, ausgesprochen hörige und ehrgeizige Werkzeuge, für die weder das deutsche Volk noch seine damalige Führung, sondern nur ein sehr kleiner Kreis von Geheimdienstangehörigen unter der Führung von Hintermännern und Interessengruppen verantwortlich gemacht werden kann. Diese Verschwörung gegen die Ehre des deutschen Volkes hat als Befehlszentrale und als Vollzugsgruppe alles getan, keinen Verdacht gegen sich als Urheber aufkommen zu lassen. Die Verschwörer, die man in außer- und innerdeutschen Kreisen zu suchen haben dürfte, hatten sich dadurch gesichert, daß sie sich Himmler als Werkzeug ihrer Mordpläne einfingen, ihn im geheimdienstüblichen Stil überspielten und daß dieser dann ein paar gewissenlose Existenzen als hörige Untergebene unter Berufung auf einen angeblichen Führerbefehl für ein grenzenlos grausames Mordwerk gewann.
Nun kann ein Mann, der nach Ausweis der im Folgenden vorgelegten Dokumente so skrupellos mit der Wahrheit umgegangen ist wie Himmler, nicht erwarten, daß man seine Berufung auf einen noch dazu nur mündlich gegebenen, also überhaupt nicht nachweisbaren und damit auch gesetzlich ungültigen Führerbefehl ernstnimmt. Diese Berufung auf einen Führerbefehl sollte, von dem Ziel der Rufvernichtung abgesehen, offensichtlich dazu dienen, die letzten Reste eines abscheubedingten Verweigerungswillens gegenüber solchen Zumutungen, wie sie heimliche Mordaktionen mit Zyklon B, mit Verbrennung oder Verkohlung der Leichen in offenen Gruben darstellen, zu beseitigen und aus ergebenen Exekutanten eine auch notgedrungen verschwiegene Verschwörergruppe von Geheimdienstleuten zu machen. Allerdings kann der Versuch, Hitler als Befehlsquelle für den Mordauftrag bis zum heutigen Tage in Anspruch zu nehmen, als nicht gelungen angesehen werden. Hatte doch diese Berufung auf die höchste Führung sowie die sorgsam vorbereitete und nach allen Seiten abgesicherte Judenexekution allein das Ziel, wie der Erfolg beweist, den Ruf des deutschen Volkes auf Jahrzehnte hinaus zu vernichten sowie den Nationalsozialismus mit seiner gesamten Führungsschicht zu verbrecherischen Elementen zu erklären und damit in den Augen der gesamten Welt für die Dauer einer Generation zu diffamieren.
Nun wissen wir aber, daß Hitler, der von 1941 ab in seinem FHQ sehr isoliert lebte und ausschließlich von militärischen Aufgaben und Sorgen in Anspruch genommen war, die Vorstellung hatte, den Krieg nur dann gewirkten zu können, wenn alle Arbeitskräfte und alle Wehrkräfte, auch die nicht- und antideutschen, in den riesigen Rüstungs- und Verteidigungsprozeß eingegliedert wären. Man kann außerdem einen Mann wie Hitler, der Jahre hindurch, wie einst Napoleon, die Welt in Atem hielt, folgerichtigerweise nicht für so unklug und kurzsichtig halten, daß er die von ihm immer sehr betont berücksichtigten außenpolitischen Wirkungen einer geographischen statt einer mörderischen Endlösung der Judenfrage nicht zu übersehen vermocht hätte. Außerdem weiß jeder erfahrene Politiker, daß jede Geheimhaltung wie jede Taktik nur eine Zeitlang möglich sind. So war auch in diesem Geheimhaltungsfall damit zu rechnen, daß er ans Tageslicht gebracht würde, was denn auch nach verhältnismäßig kurzer Zeit geschah und zur sofortigen Beendigung dieser Aktion führte, während das bereits Geschehene allerdings langst ausreichte, um das Verdammungsurteil gegen das gesamte deutsche Volk vorzubereiten und die Mordaktion zu einer Belastung des deutschen Volkes auf Jahrzehnte hinaus in seelischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu machen. Nun erst konnte es dem zionistischen Nationalismus, unter Berufung auf die mörderische Endlösung der Judenfrage, gelingen, den Alliierten die Einlösung der Balfour-Deklaration abzunötigen. Und nun erst wurde die mörderische Endlösung der Judenfrage die Ursache für langfristige Wiedergutmachungen und damit zu einer wesentlichen Grundlage für den Aufbau des Staates Israel. Nun erst ließ sich die Spannung zwischen jüdischem Assimilantentum und zionistischem Judentum zugunsten des Staates Israel lösen. Wer staatsmännisch denken konnte, vermochte eine solche Entwicklung, d. h. die Stärkung des jüdischen Nationalismus in der gesamten westlichen Welt, im kausalen Kräftespiel der weltpolitischen Dynamik als Folge der mörderischen Endlösung der Judenfrage vorauszusehen. Es war eine zwingende Logik der Ereignisse, ideologischer Tendenzen und machtpolitischer Entwicklungen, daß eine solche Mordaktion im Fall des Sieges wie im Falle der Niederlage dem gesamten Judentum gewaltigen Auftrieb bringen würde, Deutschland jedoch nichts als Schande und Einbußen jeder Art. Und da es sich um das nationalsozialistische Deutschland handelte, so mußte die logische Folge der mörderischen Endlösung die Dauerächtung, verbunden mit Ausschaltung des Nationalsozialismus aus dem Wettbewerb der politischen Ideologien und Systeme sein.
Der "Feldherr Psychologus" hat das alles wohl vorauszuberechnen vermocht. Daher ist nur eine Lösung der Endlösungsfrage möglich: Deutschland ist in einem psychologischen Krieg ohne Skrupel auf der Geheimdienstebene überlistet worden. Nur auf dem Wege einer geheimen Verschwörung mitten im Führungskörper selbst konnte diese mörderische Endlösung mit dem Ziel einer lebensgefährlichen Schädigung Deutschlands gelingen. Nur Feinde Deutschlands und der nationalsozialistischen Führung konnten eine solche strategische Konzeption entwickeln und nur mit Hilfe konspirativer deutscher Führungselemente ließ sie sich verwirklichen.
Daß es diese Konspirationsgrundlage gab und man in die Front der deutschen Führung einsickern konnte, ist nachweisbar. Wir wissen aus dem Wilhelmstraßen-Prozeß gegen Angehörige des Auswärtigen Amtes, daß dessen Staatssekretär Freiherr v. Weizsäcker als Entlastungsdokument ein eidesstattliche Erklärung des ehemaligen Reichskanzlers Brüning vom 22. Dezember 1947 vorgelegt hat, aus dem hervorgeht, daß die hohen Beamten des AA im Dienst bleiben und »sehr geschickt von innen heraus arbeiten« sollten. Wir stehen damit vor der selbst von den Nürnberger Richtern mit unverkennbarer Distanzierung aufgenommenen Tatsache, daß seit 1933 in einer Reihe von Reichsministerien konspirative Tätigkeit vorhanden war. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß Deutschlandfeinde diese Tatsache weidlich ausnutzten und mit Hilfe von Deutschen gegen Deutschland arbeiteten, als sie über das nationalsozialistische System das deutsche Volk vernichtend zu treffen suchten. Daß gerade das Reichssicherheitshauptamt die Hauptfestung war, in die man eindringen mußte, um sie von innen her aufschließen und zu einer eigenen Befehlsstelle machen zu können, war der Gipfelpunkt jener Konspiration zwischen deutschen Kräften mit antinationalsozialistischen und außerdeutschen Kräften mit antideutschen Interessen.
Wie alles in der geschichtlichen Entwicklung, so konnte auch die Tatsache dieser deutschen Konspirationsbereitschaft mitten im deutschen Führungskörper nicht ohne historische Folgen bleiben. Eine dieser unausbleiblichen Folgen ist es, daß die Geschichtsforschung sich zur weiteren Klärung aller dieser Zusammenhänge u. a. mit folgenden Fragen wird befassen müssen:
1. Steht die mörderische Endlösung der Judenfrage im Zusammenhang mit der vernichtende Endlösung der deutschen Frage, die das Ziel zweier Weltkriege gewesen ist?
2. Ist der den Kreisen des bayrischen Katholizismus entstammende, seit dem 19. April 1945 spurlos verschwundene Gestapochef Heinrich Müller die deutsche Schlüsselfigur der mörderischen Endlösung, die an die Steile der bis 1942 nachweisbar angestrebten geographischen Endlösung der Judenfrage getreten ist? Ist der ebenfalls untergetauchte Katholik Adolf Eichmann sein Werkzeug gewesen?
3. Läßt sich der Nachweis erbringen, daß Canaris im Dezember 1941 im Führerhauptquartier im Zusammenhänge mit Hinweisen auf jüdische Sabotagetätigkeit und Wehrkraftzersetzung bei Deportationsbesprechungen die Einführung des Judensterns empfohlen hat?
4. Trifft es zu, daß auf dem Wege nach Palästina die französische "Patria" Mit 3800 jüdischen Auswanderern an Bord am 25. November 1940, von britischen Schiffen verfolgt und beschossen, vor Haifa in Brand geriet und dabei 2875 dieser für Israel bestimmten Auswanderer den Tod fanden ? Lassen sich weitere Transporte dieser Art in Richtung Palästina und Madagaskar nachweisen?
5. Wo und durch wen ist Himmler umgekommen? Hat er sich selbst in englische Gefangenschaft begeben? Und wenn, warum hat man ihn dann nicht nach Nürnberg gebracht? Himmler muß nach Selbstauslieferung an die Engländer mit der Möglichkeit entweder zu überleben oder erst nach seiner Vernehmung als "Hauptkriegsverbrecher" abgeurteilt zu werden, gerechnet haben, sonst hatte er - was eine weitverbreitete Version glauben machen möchte - sich selbst umbringen müssen, um allen Untersuchungen zu entgehen, bevor er in Gefangenschaft geriet oder sich begab.
6. Welches Schicksal haben Müller, Eichmann und Gerstein in der Nachkriegszeit gehabt? Sind sie am Leben und von Hintermännern oder auf deren Veranlassung zusagegemäß gerettet worden? Ist Eichmann in Kuwait, das unter englischer Oberhoheit steht, oder in einem Kloster?
7. Wie ist es möglich, daß vor dem Nürnberger Tribunal den Zahlenangaben von Müller, Höß und Eichmann Glauben geschenkt worden ist?
8. Wer stand hinter den Zeugen Hoettl und Wisliceny?
Die Fragen nach Müllers Hauptrolle und nach den Zahlenangaben von Eichmann und Höß sind von besonderer Bedeutung. Ist Müller als Chef des Amtes IV (der Gestapo) weniger das Werkzeug Himmlers als jener Hintermänner gewesen, die Müller zur Beherrschung oder Überlistung Himmlers brauchten? Als sicher erwiesen gelten kann nur, daß Müller Kaltenbrunners Unterschriften ohne dessen Zustimmung und Wissen zu Schutzhaft- und Mordbefehlen mißbrauchte. Ferner steht fest, daß im Reichssicherheitshauptamt ein unterirdischer Kampf zwischen solchen Gruppen getobt hat, die fremden Einfluß von außen, wie von innen verhindern und solchen, die ihn fordern und zugleich zudecken wollten.
9. Muß angenommen werden, daß Heydrich erst im Verlauf dieses unterirdischen Machtkampfes ein Opfer Himmlers geworden ist, und zwar zu einem Zeitpunkt, als Heydrich Himmlers Pläne, sich mit fremden Mächten einzulassen und sich ihnen womöglich als Werkzeug auszuliefern, durchschaut und auch bereits durchkreuzt hatte? Tatsache ist, daß sich nach Heydrichs Ermordung die Richtung Himmler-Müller (mit Schellenberg als Randfigur) durchsetzte und Kaltenbrunner als Schau- und Tarnfigur mißbrauchte, bis es diesem im letzten Augenblick gelang, Licht in das Dunkel der Judenmordverschwörung zu bringen und der Mordaktion ein sehr plötzliches Ende zu bereiten. Daß er dabei keinerlei Rücksichten auf Himmler als seiner Chef nahm und sich mit Bitterkeit über dessen Treiben beklagte, ist eines der bemerkenswertesten Indizien in dieser dunklen Sache.
Gegenüber der Personenfrage muß die Zahlenfrage als zweitrangig behandelt werden. Doch ist sie deshalb von Bedeutung, weil die Mordteilnehmer Höß und Eichmann Zahlenangaben gemacht haben, zu denen sie sich entweder bestimmen ließen oder die sie aus einem andern Verschleierungsgrunde gemacht haben. Diese Zahlenangaben sind vor allem deswegen unbrauchbar, weil es sich um Schätzungen, und zwar um auffallend grobe Schätzungen, handelt. Sie sind um so verdächtiger, als von jeder Lagerverwaltung genau Buch geführt zu werden pflegt, schon um Ergebnisse nachweisen zu können. Ein amerikanischer Statistiker jüdischer Herkunft hat zur Zahlenfrage in einem Aufsatz über die Lage des jüdischen Volkes am 11. 5. 1952 in der Zeitschrift "The Broom", die in San Diego in Kalifornien erscheint, geschrieben: »Ich habe als Statistiker zweieinhalb Jahre mich bemüht, die Zahl der während der Hitlerzeit ums Leben gekommenen Juden festzustellen. Die Zahl schwankt zwischen 350 000 und 500 000. Wenn wir Juden behaupten, es waren sechs Millionen, so ist das eine infame Lüge.«
Auch die im Wannsee-Protokoll angegebenen Zahlen sind so unsinnig, daß man zunächst an Druckversehen denkt, schließlich aber auch hier ein Interesse an der Übertreibung nach oben bei der Redaktion dieser Dokumente annehmen muß. Man hat den Eindruck, daß mit den großen Zahlen eine Terrorwirkung beabsichtigt war. 

1. Richter Powers im Wilhelmstraßen-Prozeß:

»Meiner Beurteilung nach ist es nicht richtig, wenn man behauptet, alle Deutschen, mit wenigen Ausnahmen, haben an der Judenverfolgung teilgenommen, und es ist nicht richtig, wenn man sagt, daß das Auswärtige Amt um die Ausrottung der Juden gewußt habe, besonders, wenn man den Begriff Auswärtiges Amt so verstehen will, daß die hier angeklagten Beamten des Auswärtigen Amtes eine solche Kenntnis besessen haben. Meiner Ansicht noch unterstützt das Beweismaterial eine derartige Schlußfolgerung in keiner Weise. Mir scheint es auch nicht richtig, anzunehmen, daß jedes Erwähnen der ,Endlösung' der Judenfrage Ausrottung bedeutet. Tatsache ist, daß mit den ersten Aktionen gegen die Juden der Begriff ‚Endlösung' zur Anwendung gelangte. Anfänglich bedeutete im allgemeinen die ,Endlösung' meistens erzwungene Auswanderung. Einige Zeit bedeutete sie Abtransport der Juden nach Madagaskar. Nach der Wannsee Konferenz (am 20. Januar 1942. D.H.) bedeutete sie Abschiebung in die Arbeitslager im Osten. Außer für wenige Eingeweihte hat sie nie Ausrottung bedeutet. Das Beweismaterial hat gezeigt, daß das Ausrottungsprogramm unter strengster Geheimhaltung gehandhabt wurde. Hitler wies Himmler mündlich an und befahl ihm, die Aktion anlaufen zu lassen.
Himmler suchte sich die Leute sorgfältig aus, die mit ihm arbeiten und die Ausrottung durchführen sollten und verpflichtete sie zur Geheimhaltung; abgelegene Orte wurden ausgesucht und wurden dadurch getarnt, daß man sie mit nahegelegenen Arbeitslagern identifizierte, und der Plan wurde mit dem bestimmten Zweck und Vorsatz durchgeführt, vor dem deutschen Volk und allen, die nichts mit dem Unternehmen zu tun hatten, die Vorgänge zu verbergen. Die Aussagen derer, die an der fürchterlichen planmäßigen Ausrottung beteiligt waren, neigen stark dazu, zu zeigen, daß nicht mehr als hundert Leute im Ganzen von der Sache überhaupt unterrichtet waren. Der Fall Fritzsche veranschaulicht das ziemlich beredt. Fritzsche war ein verantwortlicher Beamter im Propagandaministerium. Er sammelte Nachrichten für die Presse und gab Nachrichtensendungen über den Rundfunk; seine ganze Tätigkeit bestand darin, das Neuste herauszufinden und über alles Geschehen auf dem Laufenden zu sein, und doch kam der IMG zu dem Schluß, daß er von diesen Ausrottungen nichts wußte. Er hat in jenem Verfahren bekundet, er habe Gerüchte gehört; er habe Goebbels darüber befragt, und Goebbels habe ihm erklärt, das alles sei nur ausländische Propaganda. Unter diesen Umständen glaube ich, kann man nicht annehmen, daß die Angeklagten aus dem Auswärtigen Amt oder andere Angeklagte, selbst wenn Gerüchte bekannt wurden, Kenntnis von diesen Ausrottungen hatten, als sie stattfanden oder zu einem Zeitpunkt, der hier erheblich ist.«
(Das Urteil im Wilhelmstraßen-Prozeß. Schwäb.-Gmünd 1950 S. 301)
»Man wolle nicht vergessen, daß Himmler und seine SS ein Netzwerk ausländischer Agenten unterhielten und auf dem Gebiete der Außenpolitik sich oft im Widerspruch mit dem Auswärtigen Amt befanden.« (aaO. S. 307)
»Man sollte sich vor Augen halten, daß der IMG (Internationales Militärgericht) festgestellt hat, daß Antisemitismus an sich kein Verbrechen ist, und daß Fritzsche, der dieselbe Propaganda durch das Radio verlautbarte, von jenem Gerichtshof freigesprochen worden ist.« (aaO. S. 310)

2. Reichsmarschall Göring an SS-Gruppenführer Heydrich

»In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlaß 24. 1. 39 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Losung zuzuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa. Sofern hierbei die Zuständigkeiten anderer Zentralinstanzen berührt werden, sind diese zu beteiligen. Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen. Unterschrift: Göring.«
(Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgericht Nürnberg 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946, Nürnberg 1947 = IMT, Bd. IV, 309 f.; ferner IX, 575f., wo Göring hervorhebt, daß das entscheidende Wort falsch übersetzt würde: Es dürfe nicht »für eine Endlösung" heißen, sondern »für eine Gesamtlösung«.) 

3. Die Wannsee-Konferenz

»Am 20. Januar 1942 wurde die Wannsee-Konferenz über die endgültige Lösung der Judenfrage abgehalten; außer Heydrich nahmen der Angeklagte Stuckart als Vertreter des Innenministeriums, Luther als Vertreter des Auswärtigen Amtes und Kritzinger als Vertreter der Reichskanzlei teil. Vertreter des Generalgouvernements, des Reichsjustizministeriums, des Beauftragten für den Vierjahresplan und des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete waren ebenfalls anwesend. Heydrich sprach während der Konferenz; er teilte eingangs seine Bestellung zum "Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage" durch Göring mit und wies darauf hin, daß der Zweck der Besprechung sei, Klarheit in grundsätzlichen Fragen zu schaffen, und daß die Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung ohne Rücksicht auf geographische Grenzen zentral bei Himmler, der Sicherheitspolizei und dem SD liege. Er gab dann einen Überblick über die bisher gegen die Juden ergriffenen Maßnahmen und erwähnte, daß das ursprüngliche Programm die Auswanderung der Juden zum Ziele hatte. Trotz gewisser Schwierigkeiten, wie zum Beispiel finanzielle Schwierigkeiten, Mangel an Schiffsraum, Reichsfluchtsteuer, Begrenzung der Aufwanderungen und ähnliche, seien jedoch über 360 000 Juden aus Deutschland entfernt worden, 147 000 aus Österreich und 30000 aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Die Finanzierung der Auswanderung erfolge durch die Juden selbst oder durch jüdisch-politische Organisationen, welche die Unkosten zu tragen und aus dem Ausland die nötigen Devisen zu schicken hätten; bis zum 30. Oktober 1941 hätten sich diese "Schenkungen" von ausländischen Juden auf ungefähr 9 500 000 Dollar belaufen. Der Krieg habe jedoch diesem Verfahren ein Ende gesetzt und an Stelle der Auswanderung sei nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Abschiebung der Juden nach dem Osten getreten. Diese Aktionen seien jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen. Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kamen ungefähr 11 000 000 Juden (diese Zahl ist unhaltbar und kann nur als spätere Interpolation angesehen werden, wenn man quellenkritisch vorgebt. D. H.) in Betracht, von denen nur 131 800 in dem ursprünglichen Reichsgebiet lebten, 43 700 in Österreich und 74 200 in dem Protektorat Böhmen und Mähren. Unter richtiger Leitung sollten im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen, und zwar in großen Arbeitskolonnen und nach Trennung der Geschlechter.« (Wilhelmstraßen-Prozeß S. 85 f.)

4. Reichsminister Dr. Lammers zur Endlösung

»Dr. Thoma: Ich habe nur noch eine Frage: Haben Sie etwas davon gewußt, daß Hitler sich entschieden hat, die Judenfrage durch die Endlösung, das heißt durch die Vernichtung der Juden, zu losen?
Lammers: Ja, darüber ist mir sehr vieles bekannt. Die Endlösung der Judenfrage ist mir zum erstenmal bekanntgeworden 1942. Da habe ich erfahren, daß der Führer angeblich über Göring einen Auftrag gegeben hat an den SS-Obergruppenführer Heydrich zur Lösung der Judenfrage. Den näheren Inhalt dieses Auftrages kannte ich nicht und infolgedessen, da ich keine Zuständigkeiten hatte, habe ich mich zunächst Ablehnend verhalten. Als ich aber denn etwas wissen wollte, habe ich mich selbstverständlich zunächst mit Himmler in Verbindung setzen müssen und ihn gefragt, was denn eigentlich unter Endlösung der Judenfrage zu verstehen sei. Da hat mir Himmler erwidert, er habe vom Führer den Auftrag, die Endlösung der Judenfrage herbeizuführen, beziehungsweise Heydrich und sein Nachfolger hätten diesen Auftrag, und dieser Auftrag bestände im wesentlichen darin, daß Juden aus Deutschland evakuiert werden sollten. (Sperrung D.H.) Ich habe mich mit dieser Zusage zunächst einmal beruhigt und mich abwartend verhalten, weil ich annahm, ich würde - ich hatte ja keine Zuständigkeiten - irgend etwas in dieser Frage von Heydrich oder seinem Nachfolger Kaltenbrunner bekommen. Da nun nichts einging, wollte ich mich selbst darüber informieren und habe auch noch im Jahre 1942 einen Vortrag beim Führer angemeldet, worauf mir der Führer gesagt hat, ja, es wäre richtig, er hätte Himmler den Auftrag zur Evakuierung erteilt, er wünschte aber im Krieg keinen Vortrag mehr aber diese Judenfrage. Inzwischen oder kurz nachher, das war schon anfangs 1943 (gemeint ist 1942, da die Wannseekonferenz am 20. 1. 42 stattfand. D. H.) sind vom Reichssicherheitshauptamt Einladungen ergangen zu einer Sitzung mit dem Thema "Endlösung der Judenfrage". Ich hatte schon vorher den Befehl ausgegeben für meine Beamten, daß ich in der Sache keine Stellung nehme, weil ich sie dem Führer vortragen wollte. Ich hatte nur befohlen, daß, wenn zu einer Sitzung eingeladen wird, sich einer meiner Beamten hinbegibt, sozusagen als Horchposten, und da hat auch eine Sitzung nachher stattgefunden in dieser Frage, aber ohne ein Ergebnis. Es wurden Protokolle verwendet und die Ressorts sollten dazu Stellung nehmen. Als das Protokoll bei mir einging, ergab sich auch nichts Wesentliches. Ich habe zum zweitenmal verboten, Stellung zu nehmen. Ich habe selbst eine Stellung abgelehnt, und zwar ist mir das noch sehr genau in Erinnerung, weil das Schreiben, das ich bekommen habe, erstens von einem Herrn gezeichnet war, der mir gegenüber gar nicht hätte zeichnen können, und dann, das war irgendein kleiner Mann, der mich fragte, warum ich noch nicht Stellung genommen hatte, und zweitens war die Anfrage sehr unfreundlich. Es hätten alle Stellung genommen, bloß ich nicht. Ich habe befohlen, daß zu antworten sei, ich lehnte eine Stellungnahme ab, ich müßte die Angelegenheit erst beim Führer zum Vortrag bringen. Inzwischen habe ich mich nochmals an Herrn Himmler gewandt. Herr Himmler meinte, eine Erörterung der Frage wäre nötig, es wäre eine Reihe von Problemen zu lösen, ganz besonders, weil die Absicht, die Endlösung der Judenfrage auch zu erstrecken auf die Mischlinge ersten Grades und auch auf die sogenannten privilegierten Ehen, das heißt, die Ehen, bei denen nur ein Teil arisch und der andere jüdisch war. Der Führer erklärte mir wiederum nur, er wolle keinen Vortrag, er habe gegen die Beratung dieser Probleme keine Bedenken. Daß inzwischen irgendwelche Evakuierungen vollzogen worden sind, hatte ich erfahren. Von Tötung der Juden war damals jedenfalls nicht das geringste überhaupt bekannt (u. Sp.); soweit krasse Einzelfälle vorkamen, habe ich mich immer an Himmler gewandt, und Himmler hatte diese Einzelheiten immer sehr entgegenkommend erledigt. Schließlich aber im Jahre 1943 tauchten Gerüchte auf, daß Juden umgebracht würden. Ich hatte keine Zuständigkeiten auf diesem Gebiet, keine andere als die, daß ich gelegentlich Beschwerden bekam, und auf Grund dieser Beschwerden bin ich den Gerüchten nachgegangen, diese Gerüchte haben sich aber jedenfalls für mich nur als Gerüchte erwiesen. Jeder sagte, er habe es von einem andern gehört, aber keiner wollte irgend etwas ausdrücklich versichern. Ich bin sogar der Ansicht, daß es meistens beruhte auf dem Abhören ausländischer Sender, und daß die Leute dann nicht sagen wollten, wo sie es herhatten. Das veranlaßte mich erneut, in dieser Angelegenheit einen Vorstoß zu unternehmen. Ich habe erstens, da ich ja auf dem Himmlerschen Gebiet meinerseits keine Untersuchungen anstellen konnte, mich nochmals an Himmler gewandt. Himmler hatte die gesetzliche Tötung abgeleugnet und hat mir gesagt, er berief sich auf den Befehl das Führers, ich habe die Juden zu evakuieren und bei solchen Evakuierungen da gibt es natürlich alte, kranke Leute, da kommen Todesfälle vor, da kommen Unglücksfälle vor, da kommen Fliegerangriffe vor, ja er sagte auch weiter noch, da gibt es Revolten, die ich natürlich stark und blutig unterdrücken muß als abschreckendes Beispiel. Im übrigen werden die Leute im Osten untergebracht in Lagern. Da holte er eine Menge Bilder und Albums und zeigte mir, wie in den Lagern von den Juden gearbeitet wird für den Kriegsbedarf, Schuhwerkstätten, Schneiderwerkstätten und ähnliches und sagte mir: "Das ist ein Auftrag der Führers; wenn Sie glauben, daß Sie dagegen vorgehen müssen, dann sagen Sie das dem Führer und dann sagen Sie mir die Leute, die Ihnen das berichtet haben!" Die konnte ich ihm natürlich nicht nennen; erstens wollten sie nicht genannt sein, und zweitens wußten sie es nur vom Hörensagen; also konnte ich ihm da, wie ich sagte, kein Material an die Hand geben. Ich habe aber gleichwohl noch einmal diese Angelegenheit beim Führer zum Vortrag gebracht, und da hat der Führer mir genau dieselbe Antwort gegeben, wie sie mir Himmler gegeben hat. Er sagte mir: "Ich werde später bestimmen, wohin die Juden kommen, vorläufig sind sie da untergebracht." Und darin sagte er dasselbe, was Himmler sagte. Das hat bei mir den Eindruck erweckt, als ob Himmler dem Führer gesagt hat, der Lammers wird kommen und ihnen darüber wahrscheinlich etwas melden.
Nun habe ich aber gleichwohl diese Endlösung der Judenfrage in meiner Vortragsmappe gehabt und wollte sie unbedingt noch einmal zur Sprache bringen beim Führer; und das ist mir nur gelungen aus Anlaß einiger krasser Fälle in dieser Frage, die so waren, daß der Führer sich auf eine Unterhaltung eingelassen hat. Ich muß da den ganzen Fall beispielshalber erwähnen.
Wenn ein Jude mit einer Deutschen verheiratet war, dann galt er als privilegiert, das heißt, er wurde nicht evakuiert. Wenn die Frau gestorben war…
Vorsitzender: Einen Augenblick bitte…
Dr. Thoma: Herr Vorsitzender, ich möchte selbst den Zeugen bitten, sich etwas kürzer zu fassen. Aber die eine Frage bitte ich noch zuzulassen. Der Zeuge will meines Erachtens schildern, daß diese ganze Endlösung der Judenfrage geheim, und zwar unter Belügung der Umgebung Hitlers, gemacht wurde, und deswegen bitte ich, den Zeugen ausreden zu lassen, weil hier eine ganz entscheidende Frage zur Debatte steht. Aber ich bitte Sie, Herr Zeuge, sich recht kurz zu fassen. Ich stelle jetzt an Sie die Frage: Hat Himmler jemals zu Innen gesagt, daß die Endlösung der Juden durch deren Vernichtung erfolgen soll?
Lammers: Davon ist nie die Rede gewesen. Er hat nur von Evakuierung gesprochen.
Dr. Thoma: Er hat nur von Evakuierung gesprochen;
Lammers: Nur von Evakuierung.
Dr. Thoma: Wann haben Sie gehört, daß diese fünf Millionen Juden vernichtet worden sind?
Lammers: Davon habe ich hier vor einiger Zeit gehört.
Dr. Thoma: War das also darin eine ganz geheime Sache, die nur ganz wenige Persönlichkeiten wußten?
Lammers: Ich nehme an, daß das Himmler so gemacht hat, daß niemand etwas erfahren hat, und er die Kommandos so gebildet hat, daß niemand etwas davon gewußt hat. Es gibt natürlich eine ganze Reihe von Menschen, die davon etwas gewußt haben müssen.
Dr. Thoma: Können Sie mir sagen, welche Menschen etwas davon gewußt haben müssen, außer denen, die die Vernichtung tatmittelbar vollzogen haben müssen? Wer muß sonst etwas davon gewußt haben?
Lammers: Zunächst muß Himmler doch andern den Auftrag weitergegeben haben und da müssen einige Leute dagewesen sein. Diese leitenden Leute müssen natürlich wieder andere leitende Leute nach unten gehabt haben, die die Kommandos weggebracht haben und die eben alles absolut geheim gehalten haben.
Dr. Thoma: Ich habe keine Frage mehr.
Vorsitzender: Der Gerichtshof unterbricht die Verhandlung.«
(JMT Xl, 61 ff.; vgl. auch 160) 

5. Dr. Mildner über Kaltenbrunner und Müller

»2. Frage: Was können Sie zur Persönlichkeit Kaltenbrunners sagen?
Antwort: Aus eigener Erkenntnis kann ich folgendes bestätigen: Ich kenne den Angeklagten Kaltenbrunner persönlich; er war in seinem Privatleben ein untadeliger Mann. Nach meinem Dafürhalten geschah seine Berufung vom Höheren SS- und Polizeiführer zum Chef der Sicherheitspolizei und des SD, weil Himmler nach dem Tode seines Hauptrivalen Heydrich im Juni 1942 keinen Mann mehr neben oder unter sich duldete, der ihn in seiner Stellung hätte in Gefahr bringen können. Für Himmler war der Angeklagte Kaltenbrunner zweifellos der Ungefährlichste. Kaltenbrunner hatte keinen Ehrgeiz, durch besondere Taten sich Geltung zu verschaffen und eventuell Himmler zu verdrängen. Von Machthunger konnte bei ihm keine Rede sein. Es ist falsch, ihn als den "kleinen Himmler" zu bezeichnen.
3. Frage: Welche Stellung nahm Kaltenbrunner zu dem Amt IV (Geheime Staatspolizei) ein?
Antwort: Mir ist zwar keine ausdrückliche Beschränkung in der Zuständigkeit des Angeklagten Kaltenbrunner hinsichtlich der dem Reichssicherheitshauptamt unterstehenden Ämter bekannt; andererseits kann ich sagen, daß der Amtschef IV, Müller, auf Grund seiner langen Erfahrungen selbständig handelte und niemanden, also auch nicht einmal den Amtschefs der übrigen Ämter des Reichssicherheitshauptamtes, Einblick in seine Aufgaben und Methoden seines Amtes IV gewährte. Er hatte ja die unmittelbare Deckung durch Himmler.
4. Frage: Haben Sie jemals Exekutivbefehle Kaltenbrunners gesehen?
Antwort: Ich habe niemals einen Originalbefehl, also etwa handschriftlich unterzeichnet, des Angeklagten Kaltenbrunner gesehen. Ich weiß wohl, daß Schutzhaftbefehle Faksimile-Unterschriften trugen oder die Unterschrift in Maschinenschrift. Es war dies bereits eine aus der Zeit Heydrichs herrührende Gewohnheit.«
(Aus der eidesstattlichen Versicherung von Dr. Mildner aaO. XI, 252 f.)

6. Hoettl über Eichmann

Der aus Wien stammende Hoettl sagt zunächst in einer eidesstattlichen Versicherung: »Von der Nationalen Katholischen Jugendbewegung herkommend, stellte ich mir das Ziel, einen maßvollen politischen Kurs für meine Heimat durchzusetzen.« H. ging 1938 freiwillig zum SD. »Im Jahre 1941 wurde ich auf persönliche Anweisung Heydrichs wegen "konfessioneller Gebundenheit und mangelnder politischer und weltanschaulicher Verläßlichkeit« vor das SS- und Polizeigericht gestellt und mußte als einfacher Soldat einrücken. Nach Heydrichs Tod wurde ich begnadigt und anfangs 1943 von dem Amtschef VI des Reichssicherheitshauptamtes, Schellenberg, zu dessen Amt kommandiert. Ich hatte hier die Leitung des Vatikanreferates sowie einiger Lederreferate auf dem Balkon.
4. Frage: Ist Ihnen die Judenvernichtungsaktion Eichmanns bekannt?
Antwort: Genaueres über die Aktion Eichmanns ist mir erst seit Ende August 1944 bekannt. Damals machte Eichmann mir persönlich nähere Angaben darüber. Eichmann erklärte unter anderem, daß die ganze Aktion ein besonderes Reichsgeheimnis und nur ganz wenigen Menschen bekannt sei. Die Zahl der Angehörigen dieses Kommandos liegt noch meinem Dafürhalten bei insgesamt kaum über 100 Personen. […]
9. Frage: Hat Kaltenbrunner Befehle erteilt, Juden zu töten
Antwort: Nein, er hat derartige Befehle nicht erteilt und konnte auch meines Erachtens derartige Befehle von sich aus nicht geben. In dieser Frage, das heißt der physischen Vernichtung des europäischen Judentums, stand er meiner Meinung nach im Gegensatz zu Hitler und Himmler.«
(aaO. XI, 256 f.)

7. Kaltenbrunner zur Judentötungsaktion

»Kaltenbrunner: Ich möchte in erster Linie dem Gerichtshof erklären, daß ich mir der Schwere der gegen mich erhobenen Anwürfe voll bewußt bin. Ich weiß, daß sich der Haß einer Welt gegen mich stellt, der ich - zumal ein Himmler, ein Müller, ein Pohl nicht mehr leben - (hier irrte sich K. hinsichtlich Müllers und Pohls, ohne von seinem Verteidiger entsprechend unterrichtet zu werden, da Pohl im Zeugenflügel saß, d H.) hier allein der Welt und dem Gerichtshof Antwort zu stehen habe. Ich bin mir bewußt, daß ich die Wahrheit hier auszusprechen habe, um den Gerichtshof und die Welt in die Lage zu versetzen, Vorgänge im Deutschen Reich in diesem Krieg restlos zu erkennen, zu erfassen und gerecht zu beurteilen. (aaO. S.260). […]
In Österreich hat kaum ein Verständnis dafür geherrscht, daß durch die Nürnberger Gesetzgebung über diesen Rahmen in dieser Frage des Parteiprogramms hinausgegangen werde. in Österreich hatte bereits seit 1934 eine vollkommen friedliche und sachliche Abwanderungstendenz der Juden Platz gegriffen.
Es war jede persönliche und physische Verfolgung von Juden vollkommen überflüssig. Ich verweise auf ein Dokument, welches hier in irgendeinem Gerichtsakt liegt, aus dem klar hervorgeht, und zwar aus einem Bericht des Polizeipräsidiums in Wien vom, ich glaube, Dezember 1939, in welchem ziffernmäßig dargetan wird, daß von 1934 bis 1939 von, ich glaube, insgesamt 200 000 Juden mehr als die Hälfte abgewandert waren ins Ausland.«
Kaltenbrunner berichtet sodann über ein Gespräch mit Himmler:
»Er beruhigte mich in der Richtung, daß er sagte, "Sie wissen doch, daß Heydrich im Juni 1942 ermordet wurde, und daß ich nun selbst seit seinem Tode", es waren das damals sechs oder sieben Monate, "sein gesamtes Amt führe. Dabei soll es auch insofern bleiben, daß ich", nämlich Himmler, "die Exekutivämter weiterhin selbst führe. Ich habe dazu die eingearbeiteten alten Fachleute Müller und Nebel. Sie haben sich darum nicht zu kümmern".« (aaO. S. 267).
»Kaltenbrunner: Ich muß hier erklären, daß ich in meinem ganzen Leben nicht einen einzigen Schutzhaftbefehl persönlich gesehen oder unterzeichnet habe. Es sind mir in der Voruntersuchung eine Reihe von Schutzhaftbefehlen, die meinen Namen tragen, bei meiner damaligen Befragung vorgehalten worden. Es hatte jeder dieser Schutzhaftbefehle diese Unterschrift, das heißt meinen Namen mit Maschine oder Fernschreiber, ich glaube, auch in ein oder zwei Fallen eine Faksimileunterschrift getragen. - Ich habe erklärt, daß diese Unterschrift "Kaltenbrunner" unter Schatzhaftbefehle nur in der Form zustande gekommen sein kann, daß der Amtschef Müller, so wie er es zur Zeit Heydrichs getan hatte und damals auch tun durfte, den Namen des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes unter den Schutzhaftbefehl hierzu seine Abteilungen, zum Beispiel die Schutzhaftabteilung, eben anwies. Er hat dies offensichtlich auch zu meiner Zeit getan; denn sonst wären mir diese Befehle jetzt nicht vorgehalten worden. Er hat mich aber hiervon niemals verständigt und er hat hierzu niemals von mir eine Vollmacht erteilt bekommen. Im Gegenteil war dies schon deshalb ausgeschlossen, andrerseits aber auch überflüssig, weil Himmler ihn sich ja unmittelbar unterstellt hatte und er von Himmler die Vollmacht hatte. Er hätte also genau so gut schreiben können "Himmler" oder "J. A. Himmler". Ich gebe zu, daß dies eine Tatsache bleibt, die das Gericht mir nicht glauben wird, es war aber nicht anders und Himmler hat mir keinen Anlaß gegeben, meine Haltung diesbezüglich zu definieren, weil er ja mir gegenüber gesagt hatte, daß ich diese exekutiven Aufgaben nicht zu führen hatte.
Dr. Kaufmann: Sie wollen also sagen, daß es bei der Verwendung Ihrer Unterschrift sich um einen Mißbrauch Ihrer Unterschrift handelte?
Kaltenbrunner: Müller war hierzu nicht berechtigt.» (aaO. S. 271).
»Dr. Kaufmann: War Ihnen gleichzeitig mit der Kenntnis der Existenz dieses Konzentrationslagers (Auschwitz) auch die Bedeutung dieses Lagers bekannt, nämlich als ein ausgesprochenes Vernichtungslager für von Eichmann eingelieferte Juden?
Kaltenbrunner: Nein, als solches konnte es auch niemandem bekannt sein, da auf die Frage an Himmler, warum dort ein so großes Konzentrationslager errichtet worden sei, er stets die Antwort gegeben hat: Wegen der Nähe der großen Rüstungsbetriebe.« (aaO. S. 304)
»Kaltenbrunner: Ich habe von dem Befehl Hitlers an Heydrich zur Endlösung der Judenfrage zum Zeitpunkt meines Eintritts in das Amt keine Kernanis gehabt. - Ich habe sofort nach Erlangen dieser Kenntnis, ebenso wie ich es auch früher getan habe, nicht nur gegen die Endlösung, sondern auch gegen diese Art der Behandlung des Judenproblems angekämpft. - Ich habe sowohl bei Hitler erstmals als auch an einem andern Tage nach Hitler bei Himmler Vorstellungen erhoben. Ich habe aber nicht nur auf meine persönliche Einstellung und auf meine total andere Auffassung, die ich aus Österreich mitgenommen hatte, hingewiesen, auf meine Bedenken humanitärer Art, sondern ich habe sofort am ersten Tage, in fast jedem meiner Augenblickslageberichte in der nächsten Zeit bis zum Schluß gesagt, daß es keine Feindmacht geben könne, die mit diesem Reiche, das sich mit dieser Schuld beladen hat, in irgendein Gespräch einlasse. -
Dr. Kaufmann: Der hier vernommene Zeuge Wisliceny, das will ich Ihnen noch vorhalten, hat am 3. Januar bekundet, daß zwischen April 1942 bis Oktober 1944 die Endlösung praktisch durchgeführt wurde. Wisliceny hat berichtet von einem persönlichen Befehl Himmlers und bekundet ferner, daß Eichmann der persönliche Beauftragte gewesen sei. Er sagte dann aber weiter folgendes: daß die Judenvernichtung unter Kaltenbrunner ohne Schwächung und Abänderung durchgeführt worden sei. Entsprechende Berichte Eichmanns seien in regelmäßigen Abständen über Müller an Kaltenbrunner gegangen. Eichmann sei 1944 persönlich bei Kaltenbrunner gewesen und Wisliceny habe die Unterschriften Kaltenbrunners in solchen Berichten an Himmler gesehen. Das ist die Aussage Wislicenys. Und nun meine Frage: Ist diese Aussage im wesentlichen der Wahrheit entsprechend;?
Kaltenbrunner: Die Aussage ist falsch. Ich kann sie aber aufklären. Wisliceny kann eine einzige Unterschrift von mir gesehen haben, aber nicht in einem Bericht an Himmler, welchen ich von Eichmann-Müller bekommen habe, sondern auf einen Brief, den ich an Himmler geschrieben habe und welche Abschrift ich Müller und Eichmann zur Kenntnis gegeben habe, in dem ich Bezug nehme auf meinen letzten Vortrag bei Himmler über die Judenfrage. Da habe ich auch zum erstenmal gehört, daß Eichmann in dieser Richtung tätig gewesen sei, und, um es klarzustellen für Eichmann, daß ich nichts mit dieser Tätigkeit gemein habe, habe ich über Müller dem Mann eine Abschrift dieses Briefes an Himmler gegeben. In diesem Brief an Himmler ist enthalten gewesen, daß ich ihn nunmehr um Stellungnahme bäte, da ich vom Führer wiederum zum Vortrag bestellt sei und dem Führer recht klar über die Tätigkeit Himmlers berichten wolle und rechtzeitig Entscheidung haben wolle.
Dr. Kaufmann: Der Zeuge Hoettl hat in einem Affidavit bekundet, er habe von Eichmann gehört, daß insgesamt eine Zahl von vier bis fünf Millionen jüdischer Menschen vernichtet worden sei. Davon in Auschwitz etwa zwei Millionen. Haben Sie derartige Zahlen gehört?
Kaltenbrunner: Ich habe niemals derartige Zahlen gehört. Ich habe zu Himmler aber davon gesprochen, ob er denn überhaupt einen Überblick über alle bisherigen Verbrechen besitze. Ich habe deshalb diese Frage an ihn gerichtet, damit er das Ausmaß der Katastrophe, die sich anschließen muß, erkennen möge. Er hat mir erklärt, daß er keine Zahlen habe. Ich glaube dies nicht, ich glaube, er hat etwas gehabt.« (aaO. S. 307 f.)
»Dr. Kaufmann: Kannten Sie Schellenberg oder nicht?
Kaltenbrunner: Ja, freilich, Schellenberg war der Führer des Amtes VI.
Dr. Kaufmann: Meine Fragen: In welchem Verhältnis standen Sie zu diesem Chef VI? Halten Sie diese Aussage für wahr oder nicht? (Schellenberg hatte behauptet, Kaltenbrunner habe in einem Gespräch Müller-Kaltenbrunner erklärt, daß gegen Aktionen der Bevölkerung gegen Terrorflieger nicht eingegriffen werden dürfe, und im Gegenteil die feindliche Stimmung möglichst gefördert werden müsse.)
Kaltenbrunner: Diese Aussage ist nicht wahr, und zwar möchte ich auch die Begründung dafür geben, damit das Gericht den Wert dieser Aussage ermessen kann. Schellenberg ist der intimste Freund Himmlers gewesen. Er ist auf Befehl Himmlers bis zum letzten Tage bei ihm geblieben. Er ist der Mann, der für Himmler die letzte Vermittlertätigkeit zum schwedischen Grafen Berndotte zustandegebracht hat. Er ist der Mann gewesen, der im letzten Augenblick eine Verbindung über Herrn Mühse in der Schweiz zustandegebracht hat, auf welchem Wege ganz wenige jüdische Häftlinge in die Schweiz, in das Ausland entlassen wurden, damit die Herren Himmler und Schellenberg im Ausland noch rasch einen günstigen Namen sich sicherten. Und er ist es gewesen, der zusammen mit einem zweiten Freund Himmlers eine Aktion unternommen hat, um über eine Rabbinerorganisation Nordamerikas vertragsmäßig herbeizuführen, daß in einigen gröberen Zeitungen Amerikas eine bessere Besprechung und Reportage der Person Himmlers erwirkt werde, und diese Machenschaften habe ich Himmler gegenüber und Hitler gegenüber kritisiert, beziehungsweise in Mißkredit gebracht und erklärt, es sei der Sache und des Reiches unwürdig, in einer so wichtigen Frage Methoden, wie sie Himmler und Schellenberg hier anwenden, zu handhaben. Der einzige korrekt Weg sei der der sofortigen Aufnahme der Beziehungen zum Internationalen Roten Kreuz, und daher habe ich Himmler rechtzeitig Präsident Burckhardt präjudiziert und ihn gezwungen, in dieser Frage eine andere Stellung einzunehmen, indem ich Burckhardt selbst gebeten habe, in die Lager sich zu begeben.« (aaO. S. 311)
»Dr.- Kaufmann: Es liegt nahe, wenn ich mich in die Situation der Anklage versetze, daß Sie Kenntnis über die Endlösung und deren Begriff gehabt haben müssen, wenn Sie öfter mit Himmler zusammenkamen. Ich frage Sie deshalb noch einmal: Hat Ihnen Himmler nicht einmal über diese Endlösung reinen Wein eingeschenkt?
Kaltenbrunner: Nein, in dieser Form nicht. Ich habe hier gestern erklärt, daß sich aufgrund aller Unterlagen, die sich bei mir im Sommer und Herbst 1943 angesammelt hatten, auch Feindfunk, auch Auslandsmeldungen, die Überzeugung durchgesetzt hatte, daß die Behauptung von Vernichtung jüdischen Menschenlebens richtig sei und daß ich mit dieser nunmehr in mir gereiften Überzeugung sofort zu Hitler gegangen bin, und 24 Stunden später zu Himmler, und ihnen dies vorgehalten und erklärt habe, daß ich hierzu auch nicht eine Minute meine Hand reichen könne.« (aaO. S. 338, ähnlich S. 352)
»Oberst Amen zu Kaltenbrunner: Angeklagter, wir werden nun das Dokument zusammen lesen: "Ich der ehemalige SS-Standartenführer Kurt Becher, geboren am 12. 9. 1909 in Hamburg, erkläre hiermit unter Eid folgendes:
1. Etwa zwischen Mitte September und Mitte Oktober 1944 erwirkte ich beim Reichsführer SS Himmler folgenden Befehl, den ich in zwei Originalen, je eines für die SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner und Pohl bestimmt und einer Kopie für mich erhielt:
Ich verbiete mit sofortiger Wirkung jegliche Vernichtung von Juden und befehle im Gegenteil die Pflege von schwachen und kranken Personen. Ich halte Sie (damit war er, Kaltenbrunner und Pohl gemeint) persönlich für verantwortlich, auch wenn dieser Befehl von untergeordneten Dienststellen nicht strikt befolgt wird. Ich überbrachte Pohl das für ihn bestimmte Exemplar persönlich in Berlin in seiner Dienststelle und gab das Exemplar für Kaltenbrunner in seinem Sekretariat in Berlin ab. Meines Erachtens tragen nach diesem Zeitpunkt deswegen Kaltenbrunner und Pohl die Verantwortung für noch erfolgte Tötungen von jüdischen Häftlingen.
2. Anläßlich meines Besuches im Konzentrationslager Mauthausen am 27. April 1945, morgens 9 Uhr, teilte mir der Lagerkommandant SS-Standartenführer Ziereis, unter strengster Verschwiegenheit folgendes mit: Kaltenbrunner hat mir Weisung gegeben, daß in Mauthausen noch täglich mindestens tausend Menschen sterben müßten.
Die oben angeführten Tatsachen entsprechen der Wahrheit. Diese Erklärungen sind von mir freiwillig und ohne jeden Zwang abgegeben worden. Ich habe sie durchgelesen, unterschrieben und mit meinem Eide bekräftigt." Stimmt das oder stimmt das nicht, Angeklagter? 
Kaltenbrunner: Das stimmt zum Teil und zum Teil stimmt es nicht. Ich werde es Satz für Satz erklären.
Oberst Amen: Nein, sagen Sie uns nur, was Sie für falsch erklären, denn wir müssen damit vorwärts kommen.
Kaltenbrunner: Ich glaube es Ihnen, daß Sie Zeit sparen wollen. Es geht aber darum, die Schuld hier für mich oder nicht für mich zu erklären und aufzuklären, und dazu muß ich eingehend Stellung nehmen können, sonst können Sie nicht die Wahrheit erfahren und nicht das Gericht und darum soll es doch hoffentlich hier gehen. Ich bin sehr froh, daß dieser Zeuge Becher gefunden ist und daß dieses Statement vorhanden ist, denn es beweist erstens, daß Himmler im September oder Oktober 1944 gezwungen war, einen solchen Befehl herauszugeben, jener Himmler, von dem feststeht, daß er seit 1939 oder 1940 im größten Stile sich mit dem Verbrechen beladen hat, Juden zu ermorden.
Es muß die Frage untersucht werden: Warum gibt Himmler im September oder Oktober 1944 einen solchen Befehl heraus? Ich habe, bevor ich dieses Dokument gekannt habe, gestern und heute erklärt, daß dieser Befehl bei Hitler durch meine Vorstellungen erwirkt worden ist und offensichtlich geht dieser Befehl Himmlers auf einen Befehl, den er von Hitler bekommen hat, zurück. Zweitens ist für mich klar, daß Himmler einen solchen Befehl an Pohl als den Zuständigen für jene Konzentrationslager gibt, in welchen sich die Juden befinden, und drittens mir hiervon Kenntnis gibt als demjenigen, dessen Widerpart - Kaltenbrunner contra Himmler - dieser Kaltenbrunner ist.
Was die Person Becher anlangt, muß ich etwas weiter zurückgreifen. Über Becher hat Himmler die übelsten Dinge getan, die hier vorkommen und zutagekommen können. Sie bestehen darin, daß er über Becher und das Joint-Komitee in Ungarn und in der Schweiz zuerst gegen Rüstungsartikel, zweitens später gegen Rohstoffe und drittens gegen Devisen Juden freigelassen hat. Ich habe von dieser Aktion im Nachrichtendienst erfahren und habe sofort dagegen Stellung genommen, und zwar nicht bei Himmler, bei dem es vergeblich gewesen wäre, sondern bei Hitler.
In diesem Augenblick war jeder persönliche Kredit Himmlers gegenüber Hitler untergraben, weil diese Aktion auf das allerschwerste das Ansehen des Reiches im Ausland zu schädigen geeignet war. Gleichzeitig ist damals schon meine Aktion zu Burckhardt (Präsident des Internationalen Roten Kreuzes. D. H.) gelaufen und jetzt verstehen Sie auch, warum der Zeuge Schellenberg erklärt hat, daß ihm Himmler sagte: Ich fürchte mich, nun hat Kaltenbrunner mich ganz in der Hand! Das heißt soviel, er, dieser Kaltenbrunner, hatte nunmehr auch alle seine Machinationen in Ungarn vollkommen klar aufgedeckt und Hitler gesagt und sich dagegen gewandt, und mit diesem Befehl wollte er es nun verschleiern und wollte sich aus der Affäre ziehen, indem er so tut, dieser Himmler, als ob die Verantwortlichkeit ja ohnedies bei Pohl oder Kaltenbrunner liegt. Verantwortlich ist und bleibt auch nach diesem Dokument Himmler, Pohl; und Kaltenbrunner muß beteiligt werden, um davon Kenntnis zu bekommen, weil er sonst ununterbrochen jeden Tag bei Hitler vorstellig werden kann. Das ist der Sinn des Dokuments.« (aaO. S. 370 f.)

8. Die Zahlenangaben von Eichmann und Höß

»Oberstleutnant Brookhart: Wie viele Juden, über deren Schicksal Sie persönlich Bescheid wissen, wurden der "Endlosung", also der Tötung, unterworfen?
Wisliceny: Die genaue Zahl läßt sich für mich außerordentlich schlecht feststellen. Ich habe nur einen Anhaltspunkt und das ist das Gespräch zwischen Eichmann und Höß in Wien, in dem er sagt, daß von den Juden, die aus Griechenland nach Auschwitz gekommen waren, nur sehr wenige Arbeitskräfte dabei gewesen wären. Die Juden aus der Slowakei und aus Ungarn waren etwa 25 bis 30 Prozent arbeitsfähig. Es ist daher für mich sehr schwer, eine gültige Totalsummen genau anzugeben.
Oberstleutnant Brookhart: Hauben Sie in den Besprechungen mit den andern Spezialisten über Judenfragen und mit Eichmann irgendwelche Kenntnis oder Auskunft über die Gesamtzahl der unter diesem Programm getöteten Juden erhalten?
Wisliceny: Eichmann persönlich sprach immer von mindestens vier Millionen Juden, manchmal nannte er sogar die Zahl von fünf Millionen. Nach meiner persönlichen Schätzung müssen es mindestens vier Millionen Juden gewesen sein, die von der sogenannten "Endlösung" betroffen wurden. Wie viele davon wirklich am Leben geblieben sind, kann ich natürlich nicht angeben.«
(aaO. Bd. IV, S. 411)
Aus dem Affidavit des Zeugen Höß:
»Seit 1934 hatte ich unausgesetzt mit der Verwaltung von Konzentrationslagern zu tun und war in Dachau im Dienst bis 1938; dann als Adjutant in Sachsenhausen von 1938 bis zum 1. Mai 1940, zu welcher Zeit ich zum Kommandanten von Auschwitz ernannt wurde. Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und schätze, daß mindestens 2 500 000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden. Mindestens eine weitere halbe Million starb durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3 000 000 Toten ausmacht. Diese Zahl stellt ungefähr 70 oder 80 Prozent aller Personen dar, die als Gefangene nach Auschwitz geschickt wurden. Die übrigen wurden ausgesucht und für Sklavenarbeit in den Industrien der Konzentrationslager verwendet. Unter den hingerichteten und verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20 000 russische Kriegsgefangene (die früher von der Gestapo aus Kriegsgefangenenlagern ausgesondert waren). Diese wurden in Auschwitz in Wehrmachtstransporten, die von regulären Offizieren und Mannschaften befehligt wurden, eingeliefert. Der Rest der Gesamtzahl der Opfer umfaßte ungefähr 100 000 deutsche Juden und eine große Anzahl meist jüdischer Einwohner aus Holland, Frankreich, Belgien, Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Griechenland oder andern Ländern. Ungefähr 400 000 ungarische Juden wurden allein in Auschwitz im Sommer 1944 von uns hingerichtet.
Ist das alles wahr, Zeugen?
Höß: Ja, es stimmt.«
(aaO. XI, S. 458)
Es spricht nicht für die Echtheit dieses seltsamen, im Sinne der Anklage abgefaßten Dokumentes, daß Höß von »Sklavenarbeit« in den Industrien der Konzentrationslager gesprochen trat. Ferner steht in diesem merkwürdigen Affidavit das Interesse an Zahlenangaben im Vordergrund. Auch ist zu beachten, daß es sich in jedem Fall nur um sehr vage Schätzungen handelt, hinter denen mehr Absicht als Kenntnis oder gar Zuverlässigkeit stehen.
Abschließend sei ausdrücklich erklärt: Vom menschlichen wie vom deutschen Standpunkt aus gesehen, liegt die Judenmordaktion der Jahre 1942-44 auf der gleichen Linie einer Vernichtungspolitik wie der alliierte Massenmord von Dresden, der Deutschenmord der Tschechen, die Austreibung von 12 Millionen Deutschen und die Vernichtung von 2 Millionen von ihnen auf den Trecks von Osten nach Westen, wie der Kaufmann-Plan, der Morgenthau-Plan, die Demontage der deutschen Industrie, die Entnazifizierung und die als Kriegsziel konzipierte Teilung Deutschlands zum Zwecke der Vernichtung des Deutschen Reiches. Das Wort des Sophokles, das er den Chor in seiner heute wieder besonders tief ergreifenden Tragödie »Antigone« sprechen läßt: »Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch«, möchte man nach den vielen Proben der Unmenschlichkeit der psychologischen Kriegführung unter dem Eindruck des vielfach gewandelten Menschenbildes von heute durch die Version ersetzen: »Vieles Schreckliche lebt, aber nichts ist abscheulicher als der Mensch«, wenn sein Machtwille zum Vernichtungswillen geworden ist.


Quelle: Deutsche Hochschullehrer-Zeitung (später Deutschland in Geschichte und Gegenwart) 7(3/4) (1959), S. 5-13

Zurück zum DGG-Menü