Schicksalstag der Deutschen Revolution

Ein weiterer Beitrag zum 30. Juni 1934

Rudolf Jordan

Unter den vielen Zuschriften, mit denen sich das ungewöhnliche Interesse unserer Leser an dem Beitrag »Die Verschwörung gegen Ernst Röhm« von Dr. Hans-Dietrich Röhrs (DGG 1980/4) bekundete, befand sich auch eine, die uns besonders bemerkenswert erscheint, weil ihr Verfasser die Ereignisse von damals als Gauleiter und Reichsstatthalter (und nebenbei SA-Obergruppenführer ehrenhalber) miterlebte. Rudolf Jordan, der am 21. Juni sein 79. Lebensjahr vollendete, hält die (fälschlich) als »Röhm-Revolte« bezeichnete Episode für ein zeitgeschichtliches Schlüsselereignis, bei dem - wie er meint - »die deutsche Revolution bereits ihren Todesstoß erhielt«. Der ehemalige Gauleiter von Halle-Merseburg (seit 1931), der bei Kriegsende in die Hände der Sowjets fiel und - bis 1955 von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten - in der Bundesrepublik als angeblich hingerichtet bereits gerichtsamtlich für tot erklärt worden war, hat nach seiner Heimkehr seine Erinnerungen unter dem Titel »Erlebt und erlitten - Weg eines Gauleiters von München bis Moskau« (Leoni 1971) veröffentlicht - ein erschütternd aufrichtiges Dokument unserer Zeit. In dem nachfolgenden Artikel ergänzt der Autor die Darstellung von Dr. Röhrs, die er grundsätzlich ähnlich wie dieser beurteilt, mit zahlreichen für die Zeitgeschichtsschreibung wichtigen Details und Bemerkungen.


Das als »Röhm-Revolte« in die Geschichte eingegangene Geschehen beendete die Zeit des Volkskanzlers Hitler und leitete die des Hitlerismus ein, die im grauenvollen Weltkrieg Nr. II und der symbolischen Geste gipfelte, als die militärischen Vertreter des westlichen Kapitalismus und des sowjetischen Bolschewismus sich an der Elbe, dem deutschen Schicksalsstrom, bei Torgau siegesfroh die Hände reichten.

Hitlers Worte in der Reichskanzlei, die er im Frühsommer 1933 an die Reichs- und Gauleiter richtete, daß eine baldige Evolution die vollzogene Revolution abschließen müsse, von der »rasenden Lokomotive der Revolution, die in ungebremstem Rasen in der Tiefe zerschellen könne, ja müsse«, sollten ein Jahr später blutige Bedeutung gewinnen. Das Datum dieses Tages ist der 30. Juni 1934.

Hitler hatte uns Gauleiter damals nicht so ganz einfach überzeugt, und wir glaubten, dieser unter Schwierigkeiten gewonnenen Überzeugung in unserer Partei-Organisation entsprechen zu können, ja im Interesse eines ungestörten Neubaues des parteilichen und staatlichen Lebens entsprechen zu müssen. Jedoch war eines klar, sorgenhaft klar: die außerhalb der Partei, vielmehr neben der Partei und dem Staat nach militanten Regeln organisierte, denkende und handelnde SA stellte die Führung der Partei und des Staates vor ein Existenzproblem. An der Nichtlösung dieses Problems gingen mit der SA auch wir zugrunde.

Seit Bestehen der SA hatte diese ihre wichtigste Aufgabe darin gesehen, unsere innenpolitischen Gegner zu bekämpfen. Die von der »Antifa« ausgegebene Parole »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« war die erste massive Herausforderung zu einer angriffsmäßigen Abwehr dieser provokatorischen Kampfansage. Hitler selbst hatte der SA den Leitspruch gegeben: »Terror kann nur durch Gegenterror gebrochen werden.«

Dieser Leitsatz hatte sie aktiviert, gehärtet und schlagfertig gemacht. In Versammlungen, auf der Straße und in den Betrieben war sie der »starke Arm« der Bewegung geworden. Ohne sie wäre Hitler nie an die Macht gekommen. »Was ihr seid, seid ihr durch mich, und was ich bin, bin ich durch euch« - das war Hitlers sakrales Bekenntnis beim historischen Nürnberger SA-Appell. Nach 1933 waren die Gegner Hitlers, soweit sie Öffentlich in Erscheinung traten, verschwunden. Die breite Masse war unter den Parolen des nationalen und sozialen Aufbaus in die anlaufende Arbeit des neuen Staates eingeschaltet. Arbeit und Brot hatten die bisherige Gegnerschaft gemildert, ja zum Verstummen gebracht. Für die SA als militante Organisation gab es nur noch wenige oder fast gar keine Aufgaben mehr. Und gerade zu dieser Zeit war ihre zahlenmäßige Stärke auf über drei Millionen Mann angewachsen. Die Reichswehr zählte - nach den Bestimmungen des Versailler Diktates - wenig mehr als 100000 Mann. Allein schon dies zahlenmäßige Mißverhältnis hatte wechselseitiges Mißtrauen lebendig werden lassen.

»Die zweite Rerolution«

Insbesondere nach der Übernahme der staatlichen Macht fühlte sich die SA bei der Verteilung der neuen Machtpositionen, gemessen an ihrem zahlenmäßig und sachlich geleisteten Einsatz, benachteiligt, ja gezielt übergangen. Der entstandene Mißmut kam in herausforderndem Auftreten immer stärker zum Ausdruck. Zwischen SA und SS und zwischen SA und den Hoheitsträgern der Partei entstand feindseliges Verhalten. Dem wurde von Röhm keinerlei Beachtung geschenkt. Schon eine von ihm im Sommer 1933 erlassene Proklamation widersprach Hitlers Entscheidung, keinerlei Permanenz der nationalsozialistischen Revolution zuzulassen. So lauteten in dieser Proklamation viele Sätze geradezu wie die rebellische Antwort auf Hitlers eindeutig bekundeten Willen. Päpstlicher als der Papst ließ Röhm verkünden: »Ein gewaltiger Sieg ist errungen - nicht der Sieg schlechthin. Nicht der Tatsachenverlauf vom 30. Januar bis 31. März 1933 stellt Sinn und Wesen der deutschen nationalsozialistischen Revolution dar.

Wer nur Weggenosse sein wollte bei flammenden Fackelzügen und imposanten Aufmärschen, bei rasselnden Trommeln und dröhnenden Pauken, bei schmetternden Fanfaren und unter wehenden Standarten und Fahnen und nun glaubt, die deutsche Revolution mitgemacht zu haben, der gehe heim; er verwechselt die ›nationale Erhebung‹ mit der deutschen Revolution. Darum sei jenen, die- ›Parteigenossen‹ oder ›gleichgeschaltet‹ - sich hurtig und beflissen in die Sessel des neuen Deutschland gesetzt haben oder von früher darin sitzen geblieben sind und die nun meinen, es sei doch alles in schönster Ordnung, und mit der Revolution müsse nun endlich einmal Ruhe sein, ganz kalt und leidenschaftslos gesagt: Dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht, und solange das wirkliche nationalsozialistische Deutschland noch der Erfüllung harrt, hört der erbitterte, leidenschaftliche Kampf der SA und SS nicht auf. Deshalb werden SA und SS nicht dulden, daß die Deutsche Revolution einschläft oder auf halbem Weg von den Nichtkämpfern verraten wird. Nicht um ihret-, sondern um Deutschlands willen. Denn die braune Armee ist das letzte Aufgebot der Nation, das letzte Bollwerk gegen den Kommunismus. Wenn Spießerseelen meinen, daß es genüge, wenn der Staatsapparat ein anderes Vorzeichen erhalten hat, daß die ›nationale‹ Revolution schon zu lange dauert, so pflichten wir ihnen hierin ausnahmsweise gerne bei: es ist in der Tat hohe Zeit, daß die Nationale Revolution aufhört und daß daraus die nationalsozialistische wird. Ob es ihnen paßt oder nicht, wir werden unseren Kampf weiterführen. Wenn sie endlich begreifen, um was es geht, mit ihnen, wenn sie nicht wollen, ohne sie, und wenn es sein müßte, gegen sie.«

Schon damals ging in führenden SA-Kreisen das Wort von der »zweiten Revolution« um. Es stand im Widerspruch zu den Worten Hitlers, die dieser am 6. Juli 1933 zu uns gesprochen hatte: »Die Revolution ist kein permanenter Zustand, sie darf sich nicht zu einem Dauerzustand ausbilden. Sie muß den frei gewordenen Strom der Revolution in das sichere Bett der Evolution hinüberleiten. Die Erziehung der Menschen ist dabei das Wichtigste … Die Ideen des Programms verpflichten uns, nicht wie Narren zu handeln und alles umzustürzen, sondern klug und vorsichtig unsere Gedankengänge zu verwirklichen.«

Die Ernennung Röhms zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich am Jahresende 1933 mag ein Versuch Hitlers gewesen sein, dessen Pläne schärfer zu kontrollieren. Die von Hitler verkündete Beendigung der Revolution wurde zu einem offiziellen Akt gemacht, als Frick in seiner Eigenschaft als Reichsinnenminister am 11. Juli 1933 in einem Rundschreiben erklärte: »Der Herr Reichskanzler hat eindeutig festgestellt, daß die deutsche Revolution abgeschlossen ist.«

Auf Parteiebene vertrat Rudolf Hess als Stellvertreter des Führers in klaren Worten den gleichen Standpunkt, indem er schrieb: »Die jüdisch-liberalistische französische Revolution schwamm im Blute der Guillotine. Die jüdisch-bolschewistische (russische) Revolution hallt wider von den millionenfachen Schreien aus tschekistischen Blutkellern. Keine Revolution verlief so diszipliniert wie die nationalsozialistische. Nichts ist den Gegnern Deutschlands ungelegener als diese Tatsache.«

Gleich- statt ausgeschaltet

Doch bereits am 18. April 1934 wiederholt Röhm vor dem diplomatischen Korps und der Auslandspresse in Berlin sein Plädoyer für die Fortsetzung der Revolution mit den Worten:

»Wir aber haben keine nationale, sondern eine nationalsozialistische Revolution gemacht, wobei wir besonderes Gewicht auf das Wort »sozialistisch« legen! Wo diese nationalen Kräfte inzwischen zu ihrem nationalen Denken noch den Sozialismus hinzugelernt haben und praktisch betätigen, mögen sie weiter mit uns marschieren. Wo sie aber meinen, wir würden ihnen zuliebe auch nur die geringsten Abstriche von unserem konsequent sozialistischen Wollen machen, irren sie gewaltig. Reaktion und Revolution sind natürliche Todfeinde. Es führen keine Brücken hinüber und herüber, weil eines das andere ausschließt. In einer unbegreiflichen Milde hat das neue Regiment in Deutschland bei der Machtübernahme mit den Trägern und Handlangern des alten und noch älteren Systems nicht rücksichtslos aufgeräumt. Heute noch sitzen in beamteten Stellen Menschen, die des Geistes der nationalsozialistischen Revolution noch keinen Hauch verspürt haben. Wir nehmen es ihnen nicht übel, daß sie eine durch die Entwicklung überholte Gesinnung haben, obwohl wir es nicht für glücklich halten, daß man sie gleich- statt ausgeschaltet hat. Wir brechen ihnen aber bestimmt und erbarmungslos das Genick, wenn sie diese reaktionäre Gesinnung zu betätigen wagen.«

Das war klar und erregte ernst zu nehmende Sorge bei uns allen.

Nach dem politischen Sieg Hitlers hegten viele SA-Führer den begreiflichen Wunsch, die Keimzelle der neuen nationalsozialistischen Wehrmacht zu bilden. Es quälte sie der streitbare Gedanke, warum nicht sie, die alten Frontoffiziere des Weltkrieges, die alten Freikorpskämpfer, die seit langen Jahren tätigen SA-Führer der Führungsnachwuchs in der Reichswehr sein sollten. Das aber scheiterte auch an der Tatsache, daß Hitler dem Reichspräsidenten von Hindenburg bei seiner Ernennung das Versprechen, ja das Ehrenwort gegeben hatte, sich jedes Eingriffes in die Reichswehr zu enthalten. Wir erinnern uns jetzt daran, daß Hitler schon während seiner Haft in Landsberg als eine der unwandelbaren Regeln für den Neuaufbau der Partei ausgesprochen und niedergelegt hatte, daß die neue NSDAP niemals in einen Konflikt mit der Reichswehr geraten dürfe. Die damals festgelegte und so gläubig bejubelte Voraussetzung der Legalität forderte nunmehr in der Macht die Revolution in die Schranken, ja sie gebar bereits die Voraussetzungen für den 20. Juli 1944, den Putsch der Militärs gegen Hitler als ihren militärischen und staatlichen Führer und Obersten Befehlshaber. Und nicht nur das. Auch Blomberg, der neue Reichswehrminister, lehnte trotz allen Drängens von seiten Görings und Röhms eine Übernahme von SA-Führern in die Reichswehr grundsätzlich und entschieden ab.

Reichswehr oder Volksmiliz?

Röhms Pläne - man hatte damals Anlaß anzunehmen, daß er als Kandidat für das Amt eines Reichswehrministers auf einer geheimen Kabinettsliste des Generals von Schleicher stehe - hatten sich inzwischen schon konkretisiert. Nach Röhms wehrpolitischem Konzept sollte neben der Reichswehr eine 300000 Mann starke »Miliz« entstehen.

Das jedoch entsprach ganz offensichtlich nicht den Plänen Hitlers, ja veranlaßte diesen, eine Tagung einzuberufen, bei der er vor den Wehrmachtsbefehlshabern und den SA-Führern persönlich sein wehrpolitisches Programm verkündete, das auf einer modernen motorisierten Armee auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht basieren sollte. Der SA war lediglich die Aufgabe der vor- und nachmilitärischen Erziehung in Aussicht gestellt. In äußerster Erregung beschwor Hitler die Anwesenden, ihm keine Schwierigkeiten zu machen. Volksmiliz sei für seine militärischen Planungen ungeeignet. Hier fiel das Wort: »Es ist mein fester Entschluß: das Heer der Zukunft wird ein motorisiertes sein. Wer mir bei dieser meiner historischen Aufgabe der Wehrhaftmachung der deutschen Nation in den Arm fällt, den werde ich zerschlagen.«

Hitlers Rede war von einer Anzahl höherer SA-Führer stark kritisiert worden, was weder Hitler noch der Reichswehr-Generalität verborgen blieb.

Das Problem stand besorgniserregend im Raum. Hitler hat auch Röhm persönlich in einer längeren Zwiesprache im März 1934 diese seine unwandelbare Ansicht mitgeteilt. Damals wurde es immer deutlicher fühlbar, daß die SA sich einem Wehrprogramm, das ihr keine

Aufgaben mehr stellte, nicht beugen wollte. Auch damals bezog Hitler dazu klar Stellung, indem er sagte: »Ich werde einer zweiten Revolution mich energisch widersetzen, denn sie würde unweigerlich ein Chaos bewirken.« Für den politischen Beobachter wurden die bedrohlich wachsenden Spannungen zwischen Wehrmacht und SA, zwischen SS und SA, zwischen Politischer Organisation und SA deutlich sichtbar.

In der Umgebung Himmlers und Heydrichs wurden bereits Listen mit den Namen derjenigen aufgestellt, die in einem Ernstfall verhaftet werden müßten. Göring, damals oberster Chef der Geheimen Staatspolizei in Preußen, und der Generalmajor von Reichenau, Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium, gaben diesen Listen ihre ausdrückliche Billigung; desgleichen der Minister Blomberg.

Und nun eilen die Tage dem Ereignis zu.

»Ich bin kein Lenin«

Bei einem Italien-Besuch Hitlers weist Mussolini auf die Stärke der französischen Armee und auf ihre Deutschfeindlichkeit hin. Bei seiner Rückkehr aus Italien sagt Hitler auf dem Flugplatz Tempelhof: »Mit dem Gerede von der zweiten Revolution trennt mich die SA von allen vernünftigen Elementen in Deutschland. Ich bin kein Lenin. Ich will Ordnung.« Als Hitler am 21. Juni in Neudeck zu Besuch bei Hindenburg weilt, warnt ihn dieser in ernster Sorge vor General Schleicher und seinen geheimen Plänen und ebenso ernstlich vor Röhm. Hindenburg rät Hitler dringend, »in seinem Hause Ordnung zu schaffen«.

Am 27. Juni - die Führung der Reichswehr hatte inzwischen, sich selbst diplomatisch in Reserve haltend, Hitler zu eigenen Entscheidungen und Taten angespornt - verteilt Hitler die Rollen für eventuelle Maßnahmen zwischen sich und Göring. Hitler übernimmt Wiessee, Göring Berlin. Bereits einen Tag später wird für die Reichswehr Alarmbereitschaft befohlen. Am 29. Juni ist Hitler Gast bei der Hochzeit des Gauleiters Terboven in Essen.

Hier soll ihn eine Meldung erreicht haben, die aus dem Amt Abwehr im Reichswehrministerium stammte: man habe einen Befehl gefunden, »sich zu bewaffnen«. Die Echtheit dieser Meldung ist umstritten. Die Abwehr zählte zu den führenden Kreisen der Reichswehr, die Hitler zu eigenem Handeln zu bewegen suchten.

Die Stunden nachdenklicher Entscheidung in Godesberg waren zu Ende. Der Tag des autoritären Gerichtes hatte begonnen. Es war ein Sonnabend, der Wochentag, den Hitler für seine überraschenden Coups bevorzugte.

An diesem Sonnabend, dem 30. Juni 1934, hallten auf dem Hof des Münchner Gefängnisses Stadelheim und der Berliner Kaserne Richterfelde die Schüsse der Exekutionskommandos. Standgerichte sprachen hektische Urteile über Leben und Tod, die sofort vollstreckt wurden.

Sicher waren einige der SA-Führer, die als zum Tode Verurteilte vor den Exekutionskommandos standen, sich durchaus nicht klar, warum sie erschossen wurden, denn einige starben mit einem letzten »Heil Hitler!« auf den Lippen.

Von den Ereignissen überrascht

Wie die ganze deutsche Öffentlichkeit wurde auch ich um die Mittagszeit des 30. Juni von der Rundfunkmeldung aus München überrascht, die von den ersten Exekutionen berichtete und bereits Namen der Hingerichteten nannte. Umgeben von den Örtlichen SS-Führern und Parteioffizieren wurde ich von nun an über das aktuelle Geschehen im Gau unterrichtet. Fast alle SA-Führer waren bereits verhaftet und füllten die Gefängnisse. Mir selbst, der ich einst als SA-Mann angetreten war und der SA jetzt im Range eines Gruppenführers angehörte, ging das Geschehen zu Herzen. In meinem Gau war von verdächtigen Anzeichen einer sogenannten »Röhm-Revolte« nichts zu entdecken. Die SA des Gaues war von den Ereignissen ebenso überrascht wie die Bevölkerung.

Aufgrund einer alarmierenden Meldung, SA habe sich auf der Rad-Rennbahn von Halle a. d. S. zum Protest versammelt, fuhr ich selbst in einem SS-Konvoi in Richtung des angeblichen rebellischen Unternehmens. Meine plötzliche Abfahrt, umgeben von martialisch aussehenden SS-Männern mit Stahlhelm, hatte sofort das Gerücht zur Folge, ich, der Gauleiter, sei von der SS abgeholt und vor der Stadt erschossen worden (es war das erste von bisher drei Malen. daß ich totgesagt wurde).

An den Stammtischen kommentierten die Spießbürger: »Na also! Die Revolution frißt ihre Kinder.«

Tags darauf, am Sonntag, 1. Juli, wurde die Beendigung der Erschießungen gemeldet. Als letzter starb der Stabschef, der, nachdem ihm im Gefängnis Stadelheim eine Pistole zur »Selbstjustiz« ausgehändigt worden war, was er ablehnte, durch die Revolverschüsse höherer SS-Führer getötet wurde.

Die Totenliste des 30. Juni 1934 nennt auch Gregor Strasser, den einstigen Reichsorganisationsleiter der NSDAP. Er wurde in der Prinz-Albrecht-Straße gleich nach Einlieferung in eine Zelle ohne jegliche Belastung, ohne jedes Verhör, ohne jeden formellen Akt kaltblütig erschossen. In der zeitgeschichtlichen Darstellung der Vorgänge vom 30. Juni 1934 wird davon berichtet, daß Hitler bei seinem Eintreffen in Berlin, als ihm die Liste der Erschossenen überreicht worden war, beim Lesen eines Namens ganz auffallend zusammengefahren sei. Es war der Name des Mannes, von dem man sagte, daß er ihm. Hitler. fehle: Strasser.

Dank für den »Retter«

Die ersten wichtigen Stellungnahmen zu dem Geschehen kamen von höchster Stelle, vom greisen Reichspräsidenten von Hindenburg, dem Heros der Nation. Bereits am 2. Juli veröffentlichte die Presse den Wortlaut des von ihm an Hitler gerichteten Telegrammes: »Aus den mir erstatteten Berichten ersehe ich, daß Sie durch Ihr entschlossenes Zugreifen und die tapfere Einsetzung Ihrer Person alle hochverräterischen Umtriebe im Keime erstickt haben. Sie haben das deutsche Volk aus einer schweren Gefahr errettet. Hierfür spreche ich Ihnen meinen tiefempfundenen Dank und meine aufrichtige Anerkennung aus. Mit besten Grüßen gez. von Hindenburg.«

Hermann Göring, der so eifrige Standgerichtsherr von Berlin, wurde von Hindenburg mit »kameradschaftlichen Grüßen« sowie »Dank und Anerkennung« bedacht.

Das war der höchste Segen, der dem Geschehen gegeben werden konnte. Und er tat seine Wirkung, noch ehe Hitler seinen Rechenschaftsbericht vor dem Reichstag erstattete.

In einer außerordentlichen Sitzung des Reichskabinetts am 3. Juli 1934 sprach Reichswehrminister von Blomberg Hitler den besonderen Dank der Reichswehr aus. Alle am 30. Juni und 1. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen wurden für »rechtens« erklärt.

Am 13. Juli stand auf der Tagesordnung des Reichstages Hitlers Berichterstattung über die Vorgänge vom 30. Juni und 1. Juli 1934.

In Hitlers Rede fiel der Satz: »Wenn mir jemand den Vorwurf entgegenhält, weshalb wir nicht die ordentlichen Gerichte zur Aburteilung herangezogen hätten, dann kann ich ihm nur sagen: In dieser Stunde war ich verantwortlich für das Schicksal der deutschen Nation und damit des deutschen Volkes oberster Gerichtsherr!« Dieser Satz hatte große rhetorische Wirkung; seine politische Problematik wurde erst später erkennbar. Ich selbst habe oft über seinen Inhalt kritisch nachdenken müssen, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen.

Und doch, auch in diesem Rechenschaftsbericht hatte Hitler fast genial nach all den psychologischen Erschütterungen uns allen und wohl auch dem ganzen deutschen Volk die Überzeugung vermittelt, in allerhöchster Not wiederum als Retter Deutschlands gehandelt zu haben. Denn das war für uns unanfechtbare Gewißheit, als wir den Reichstag verließen: Wäre es zum Kampf zwischen Reichswehr und SA gekommen, dann hätte das einen blutigen Bürgerkrieg mit Tausenden von Toten, das Ende des Dritten Reiches, das Ende unseres Staates und danach den Einmarsch der Versailler Siegermächte in Deutschland bedeutet. In richtiger Erkenntnis dieser Gefahr handelte Hitler. Das Ergebnis dieser von uns gewonnenen Überzeugung konnte nur Dank, tiefster Dank dem »Erretter« sein.

Mit der so eindrucksvollen Reichstagssitzung war das Geschehen vom 30. Juni 1934 nur äußerlich abgeschlossen. In der deutschen Wirklichkeit vollzogen sich tiefgreifende Veränderungen. Hitlers nunmehrige entschiedene Hinwendung zur Reichswehr unter bewußtem Verzicht auf deren Revolutionierung ging mit der Degradierung seiner SA zu einer Art patriotischem Schützenverein Hand in Hand. Politisch bedeutete der 30. Juni 1934 die Exekution der nationalsozialistischen Bewegung im geheim vollzogenen Auftrag der Armee. Das hatte historisch schwerwiegende Folgen. Die Sterbestunde der SA wurde zur Geburtsstunde des 20. Juli 1944, als dem Putsch der Generale gegen die SA (im Frieden) der Putsch der Militärs gegen ihren Obersten Befehlshaber (mitten im Kriege) folgte. Die nationalsozialistische Revolution hatte in den Gewehrsalven von Stadelheim und Lichterfelde ihr schauriges Ende gefunden. Als die außenpolitische Einkreisung begann, ging es also nicht um die Revolution Adolf Hitlers, sondern um die nicht erwünschte Existenz eines starken, mächtigen Deutschlands. Nicht zufällig waren es dieselben Mächte, die im Ersten Weltkrieg Deutschland schon einmal niedergeschlagen hatten. In der nationalsozialistischen Revolution hatte es sich wieder frei erhoben. Nun schien es den Versailler Mächten wiederum an der Zeit, das nachzuholen, was ihnen durch Versailles nicht gelungen war. Sie zwangen Hitler, die Nahziele der Revolution zu verlassen und deren Fernziele in Angriff zu nehmen. Das war allzu früh. Daran gingen wir zugrunde.

Das »falsche Schwein«?

Am 30. Juni 1934 wurden die Weichen gestellt, um die nationalsozialistische Revolution von ihrer Spur ab und in die Falle jener Mächte zu bringen, die ihr reaktionäre Rache geschworen hatten. Das bestätigen einige bisher wenig beachtete zeitgeschichtliche Zeugen. Der ehemalige höhere SA-Führer Bennecke läßt sich in seinem Buch »Die Reichswehr und der Röhm-Putsch« (München-Wien 1962) auf Seite 68 zwar noch in sanften Worten, jedoch unmißverständlich wie folgt aus:

»Jede Revolution kann erst dann ihres Erfolges sicher sein, wenn sie aus ihren eigenen Reihen eine neue Armee geschaffen hat. Diese geschichtliche Erfahrung wird dem Parteiführer der revolutionären Nationalsozialisten nicht fremd gewesen sein. Es wäre natürlich, wenn er in seinen zunächst zu anderen Zwecken

geschaffenen Sturmabteilungen nicht von vornherein den Stamm oder wenigstens den Ansatzpunkt für eine nationalsozialistische Armee gesehen hätte. In solchen Planungen auf weite Sicht wird er mit dem eigentlichen Organisator der SA einig gewesen sein …«

Auf seiten der Reichswehr schreibt der General Hermann Foertsch in seinem Buch »Schuld und Verhängnis« (Stuttgart 1951), Seite 41: »Die Reichswehr sah - und das ist bei diesem Zusammenhang entscheidend - in der Beseitigung des Röhm-Kreises die Ausschaltung der ihr drohenden Gefahr. Sie empfand das scharfe Zupacken Hitlers als klare Stellungnahme für den Soldaten und übersah darüber den ungeheuren Rechtsbruch, der in der ganzen Methode lag.«

Trotzky schließlich, der Gründer der Roten Armee, hat in dem einen Satz seiner Betrachtungen über die Revolution recht, wenn er sagt: »Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Schicksal jeder Revolution auf einer bestimmten Etappe durch den Umschwung in der Stimmung der Armee entschieden wird.« Fast könnte der 30. Juni 1934 das empirische Konkretum dieser historischen Erfahrungsthese sein.

Wer den »Röhm-Putsch« historisch richtig sehen will, muß erkennen, daß sich damals Reichswehr und SA in unversöhnlichem Kampf um die eigene Existenz gegenüberstanden. Hitler war als der Kanzler des Reiches der entscheidende Mann, der die historische Antwort zu geben hatte. Er gab sie - um das neugegründete Dritte Reich und wohl auch sich selbst und die Bewegung zu retten - zugunsten der Reichswehr und zuungunsten der SA, ja der Bewegung und seiner Revolution.

Es war der englische Historiker David Irving, der in seinem Buch »Hitler und seine Feldherrn« meiner eigenen Meinung historischen Ausdruck verliehen hat, wenn er auf Seite 313 schreibt: »Insgeheim kannte Hitlers Zorn über die ungehorsamen Generale, die ihm seine Zeit mit Schein-Argumenten stahlen, keine Grenzen. Er begann sich zu fragen, ob er am 30. Juni 1934 nicht das falsche Schwein geschlachtet habe, ob er sich mit der auf den Röhm-Putsch folgenden Säuberung der SA nicht eine aus der Kampfzeit bewährte Truppe selbst aus der Hand geschlagen habe, eine Truppe, die von einem Geist beseelt gewesen sei, der seinen Generalen in so jämmerlicher Weise abgehe.«

Die in kriegsentscheidenden Tagen Hitler ahnungsvoll sich aufdrängende Einsicht muß als die fundamentale Erkenntnis in der historischen Bewertung des Dritten Reiches betrachtet werden.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(3) (1981), S. 11-16

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