Erst kam Versailles - dann Hitler

Rudolf Jordan

Die Zeugen der Zeitgeschichte, die aufgrund persönlichen Erlebens und ihres politischen Einsatzes an hervorragender Stelle Wichtiges über das Geschehen zwischen den beiden Weltkriegen auszusagen haben, werden immer weniger. Einer von ihnen ist Rudolf Jordan, den wir unseren Lesern im vergangenen Jahr mit einem Beitrag zum 30. Juni 1934 vorstellten. Der Verfasser der Bücher »Vom Sinn dieses Krieges« (1944) und »Erlebt und erlitten« (1971) beschäftigt sich heute mit dem Schlüsselereignis unseres Jahrhunderts, dem Versailler Diktat. Als das Schanddokument am 28. Juni 1919 unterzeichnet wurde, war Jordan gerade 17 Jahre alt geworden. Er wurde damals Zeitfreiwilliger, schloß sich dem Bund »Oberland« an und erhielt in der NSDAP die Mitgliedsnummer 4871. Mit dem folgenden Beitrag erinnert er die heute gleichaltrige Jugend an einige ihr vorenthaltene oder verkehrt dargestellte historische Tatsachen.


So wichtige Aufgaben die Tatsachenforschung dem Historiker unserer Zeit stellt und so sehr diese auch durch Dokumentendiebstahl und Dokumentenfälschung beeinträchtigt sein mögen, weit wichtiger erscheint mir die Erforschung der Ursachen, um deren richtige Erkenntnis es in der notwendigen Schau der Gegenwart und Zukunft geht. Aber gerade diese Ursachenforschung spielt in unserer Zeitgeschichte noch die Rolle eines Stiefkindes. Hitler war in seinem politischen Denken geprägt worden von dem kämpferischen Erleben als Frontsoldat des ersten großen Krieges. Wohl kein deutscher Soldat ist aus diesem Krieg mit derselben Gesinnung in die Heimat zurückgekehrt, in der er einstmals in ihn hineingerissen wurde.

Im Sturmangriff wie im Schützengraben formte sich das Bewußtsein des gemeinsamen Schicksals, schmolz die (arme oder reiche) individuelle Wirklichkeit des kleinen Zuhause dahin, erwuchs das Erleben der Gemeinschaft auf Leben und Tod. Und aus diesem Erleben entstand naturgemäß das, was Revolution und Versailles dem Soldaten nicht zu geben vermochten: das fundamentale Gefühl, als Glied eines Volkes nur mit diesem zusammen leben zu können oder mit ihm sterben zu müssen.

Der im Feindesland abgekämpfte, jedoch unbesiegte

deutsche Soldat legte nach den amtlichen Versprechungen des amerikanischen Präsidenten Wilson die Waffen nieder und mußte, in die Heimat zurückgekehrt, enttäuscht erkennen, daß man ihn und sein ganzes Volk schamlos betrogen hatte. Und nicht nur das. Zu dem Landraub unter Bruch des Versprechens eines »Friedens ohne Annexionen« kam der Versuch, Deutschland als letztes auch noch seine Ehre zu nehmen, indem es mit den Paragraphen des Feind-Diktates von Versailles zum alleinigen Kriegsschuldigen erklärt wurde.

Bereits kurz nach dem Entscheid der Nationalversammlung vom 22. Juni 1919 rief Hitler zum Aufstand des Volkes gegen den Schandvertrag. Versailles war der Startschuß für Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Bewegung. Und doch, wie wenig weiß die heutige demokratische Jugend von diesem Versailles! Im Zuge der Umerziehung wurde (und wird) ihr geschichtsfälschend beigebracht, daß das Feinddiktat von Versailles damals nur von wenigen Deutschen - und dazu noch rabulistisch - angefeindet worden sei. An ihrer Spitze habe damals schon Adolf Hitler gestanden. Lassen wir also unsere Betrachtungen mit der objektiven Behandlung dieser großen zeitgeschichtlichen Lüge beginnen.

Die Drachensaat ging auf

Falls ich manchem nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Deutschen als befangen nicht recht glaubhaft erscheinen sollte, sei solchen Skeptikern zuerst einmal ein Wort aus dem damaligen Siegerbereich entgegengehalten. Es stammt von Herbert Hoover, der bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 40 Jahre alt und (von 1929-1933) der 30. Präsident der USA war. Es wurde ausgesprochen, als er 1938 von seinem Besuche in Europa - u. a. auch bei Hitler - zurückkam. Es lautete (nach »United Press«) wie folgt: »Die Drachensaat, im Jahre 1919 gesät, ist jetzt aufgegangen. Nur aus den Zwangsmaßnahmen der Versailler Verträge heraus ist das Entstehen der europäischen Diktaturen zu verstehen.«

Das war die historische Diagnose eines Mannes, der Augen hatte, um zu sehen, und Ohren, um zu hören, und der den realistischen Sinn für die Wirklichkeit und dazu den Mut besaß, ihr in die Augen zu sehen.

Schon seit den ersten Tagen der Wirksamkeit Hitlers als Politiker und Massenredner der NSDAP stand der Kampf gegen den Versailler Friedensvertrag fast dominierend im Mittelpunkt der anklagenden Propaganda der nationalsozialistischen Bewegung, in der die Anhänger einer willenlosen Erfüllungspolitik persönlich aufs Korn genommen wurden. Dieser Kampf ging auch in der folgenden Zeit unvermindert, ja verstärkt weiter bis zum endlichen Widerruf der Unterschrift in den Tagen der legalen Machtausübung. In den Kreisen der deutschen Helfershelfer der alliierten Sieger wurde versucht, diese Kampfansage als sektiererische fixe Idee eines politischen Außenseiters und seinen Kampf als Donquichotterie eines politischen Infantilisten abzuwerten. Diese Versuche scheiterten an der Kraft der historischen Wahrheit, die heute niemand mehr zu bestreiten wagt: Versailles wurde nach seiner erzwungenen Annahme durch deutsche Regierungsvertreter zum Schicksal Deutschlands und damit das entscheidende Grundproblem unseres Jahrhunderts. Versailles wurde das Ur- und Schicksalsproblem der jungen Weimarer Republik und zugleich Treibsatz für Hitlers Bewegung, unter dessen Wirkung die NSDAP zur großen, ja größten Massenbewegung des Reiches wurde, als welche sie 1933 die politische Macht übernahm.

Vertrauen auf Wilson

Bereits Anfang 1919 hatten die Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung stattgefunden, in der die Marxisten (SPD und USPD), die erst wenige Wochen zuvor ihre November-Revolution gemacht hatten, zu ihrer eigenen Überraschung (mit 185 von 421 Sitzen) weit unter der absoluten Mehrheit geblieben waren. In Paris brüteten indes die alliierten Sieger über den Paragraphen des mit den Besiegten abzuschließen

den Friedensvertrages. Die Erwartung des deutschen Volkes in bezug auf den Inhalt dieses Vertrages, der nun den so lange ersehnten Frieden einleiten und garantieren sollte, war hoffnungsvoll, ja (im Vertrauen auf die amtlich gegebenen Erklärungen des USA-Präsidenten Woodrow Wilson) optimistisch. Daran konnte auch manche bedrohlich klingende Äußerung alliierter Staatsmänner in der internationalen Presse nichts ändern. Die vom »Friedens-Präsidenten« Wilson verkündeten 14 Punkte ließen die Deutschen auf einen gerechten, versöhnlichen Frieden hoffen. Es gab nur ganz wenige, die dem feierlich gegebenen Versprechen des amerikanischen Präsidenten mißtrauen zu müssen glaubten.

Denn Thomas Woodrow Wilson (1856-1924) hatte mit der ganzen Autorität des Führers einer jungen Weltmacht und unter Hinweis auf staatliche Notwendigkeiten vor aller Welt erklärt: »… daß der Krieg nicht mit einem Racheakt irgendwelcher Art beendet werden, daß keine Nation, kein Volk beraubt und bestraft werden sollte, daß das Unrecht, das in diesem Kriege begangen wurde, sich nicht durch das Begehen eines ähnlichen Unrechtes an Deutschland wieder gutmachen lasse…« Das stand in krassem Gegensatz zu den Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten Clemenceau, der die Abtretung des gesamten linken Rheinufers von Deutschland fast provokatorisch gefordert hatte

Wermut der Sieger

Für ihn und andere verantwortungslose demokratische Staatsmänner war die Denkschrift bestimmt, die David Lloyd George (1863-1945), der englische Premier-Minister, am 23. Apr. 1919 offiziell an die in Paris tagende Friedenskonferenz gerichtet hatte. Darin erhob er in weiser Voraussicht kommenden Unheils gegen allzu harte Friedensbedingungen für Deutschland warnend seine Stimme:

»… Nehmt Deutschland seine Kolonien, schraubt seine Heeresmacht auf eine Polizeitruppe herunter, verringert seine Marine auf ein Fünftel… Was auch geschieht, wenn es sich im Grunde durch den Frieden von 1919 ungerecht behandelt fühlt, wird es Mittel und Wege finden, um an seinen Unterdrückern Vergeltung zu üben. Der Eindruck, der tiefe Eindruck, der sich in die Herzen der Menschen durch die vielen Jahre beispielloser Metzeleien eingegraben hat, wird zusammen mit den heute noch schlagenden Herzen verlöschen. Dann wird die Aufrechterhaltung des Friedens davon abhängen, daß es keine Ursachen der Verbitterung mehr gibt. Ungerechtigkeit und Übermut in der Stunde des Sieges wird nie vergessen. Aus diesem Grunde bin ich entschiedener Gegner des Planes, vom deutschen Reich mehr Deutsche loszureißen. Ich kann mir keine tiefere Ursache zukünftiger Kriege vorstellen als die: das deutsche Volk, welches sich als eine der lebens- und leistungsfähigsten Rassen der Welt erwiesen hat, mit einer Zahl kleiner Staaten zu umzingeln, deren Bevölkerung in der Vergangenheit niemals eine sichere Regierungsform hatte und von denen jeder Mengen von Deutschen erhalten soll, die nichts anderes verlangen, als sich mit ihrer alten Heimat wieder zu vereinigen. Der Vorschlag der Kommission, der 2100000 Deutsche unter die Herrschaft eines Volkes zwingen will, das einem anderen Glauben angehört, das in seiner ganzen Geschichte nicht ein einziges Mal die Fähigkeit zu einer lebenskräftigen Staatsregulierung bewiesen hat, muß meiner Ansicht nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen…. Ich bin also überzeugt, daß man, soweit es menschenmöglich ist, zu verhindern trachten muß, Volkheiten von ihrem Mutterland zu trennen - und ich glaube, daß dieser Grundsatz Vorrang vor strategischen, wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Erwägungen haben muß, die auf eine andere Weise erledigt werden können.«

Das war damals eine realistische Stimme der Vernunft- jedoch eine einsame in dem anschwellenden Chor des »Vae victis!« Das besiegte Deutschland glaubte, daß sich der amerikanische Präsident auch nicht von seinen Bundesgenossen dazu bewegen lassen würde, sein gegebenes Versprechen eines versöhnlichen Friedens für Deutschland zu brechen. Im Vertrauen darauf hatte es die Waffen niedergelegt.

80000 schreckliche Wörter

Am 13. Apr. 1919 wurde der deutschen Friedensdelegation der Text des Friedensvertrages überreicht. Er umfaßte 440 Artikel und insgesamt 80000 Wörter. Sein Inhalt war schreckenerregend, ja für viele geradezu unglaublich: Neben der Abtretung aller Kolonien bestimmten seine Artikel die gebietsmäßige Verstümmelung auch der deutschen Heimat selbst und eine Reparationsverpflichtung in astronomischen Zahlen, die Deutschland auf Jahrzehnte - wenn nicht auf Jahrhunderte - wirtschaftlich versklaven mußte.

Mit dem Artikel 231 sollte Deutschland zu dem Geständnis gezwungen werden, sich vor aller Welt als der verbrecherische Urheber aller im Kriege entstandenen Schäden reuevoll zu bekennen. Er lautete: »Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.«

Ein Schrei der Empörung ging durch das gequälte Deutschland. Alle bisher gehegten Hoffnungen, alle bisher geträumten Illusionen stürzten zusammen angesichts dieses Kaufpreises, den das deutsche Volk für seinen »Frieden« bezahlen sollte.

Die 440 Artikel des Vertrages sprachen unverkennbar die Sprache der Unversöhnlichkeit, des abgrundtiefen Hasses und der Rache. Der Friede, der in ihnen umrissen wurde, war die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Das deutsche Volk fühlte sich in seiner nationalen Ehre gekränkt und böswillig beleidigt. Es fühlte sich - nachdem es an die gleisnerischen Worte des USA-Präsidenten wie an ein Evangelium geglaubt hatte heimtückisch verraten und betrogen. Es erkannte, daß die unmenschlichen Bedingungen des Gewaltfriedens die Deutschen auf Generationen hinaus - also auch Kinder und Kindeskinder - zu Sklaven der unbarmherzigen Sieger degradieren müßten.

Versailles war der Alarmruf, der die Friedenssehnsüchte des deutschen Volkes grell zerriß und das gemeinsame Schicksal erkennen ließ, das für jeden einzelnen nun auch zum eigenen persönlichen Schicksal zu werden drohte.

Versailles war es, das damals in immer wachsender Masse die Deutschen - auch wenn sie bisher nur unpolitische Zeitgenossen gewesen waren - aus der bürgerlichen Resignation aufscheuchte und in die politische Kampfarena zwang.

Asiens Grenze an den Rhein gerückt

Ich selbst (als damals 17jähriger) empfand die alarmierende Proklamation von Paris als einen gemeinen, heimtückischen Verrat an einem Volk, das nach all den unseligen Opfern des Krieges willens war, wenn auch wehrlos, so doch ehrlich, fleißig und selbstlos einen neuen Staat aufzubauen, in dem Friede, Freiheit und Brot für alle gesichert sein sollten, als den unter dem Namen »Frieden« getarnten Überfall der Mächtigen auf den Wehrlosen und hilflos Besiegten, als ein Diktat der Versklavung, an dessen Paragraphen nicht nur die Staatsmänner und Generale, sondern auch die Vampire der internationalen Hochfinanz mitgebastelt hatten. Er erschien mir als das teuflische Meisterstück einer kapitalistischen, imperialistischen Allianz, um aus dem fleißigen und erfinderischen Deutschland eine Kolonie von Wallstreet werden zu lassen. Und das für lange Zeit - wenn nicht für immer.

Die Diskussion der damaligen Tage wurde von dem Schicksalsthema Versailles beherrscht. Auch in der Schule gaben die Lehrer an Hand anschaulicher Darstellungen des geforderten »Friedens« ihrer nationalen Empörung deutlichen Ausdruck.

Es gab 1919 keine deutsche Partei, die es hätte wagen können, sich zum Verteidiger des verlangten Schmach-Diktats aufzuschwingen. Nicht nur das nationale, auch das soziale Gewissen des deutschen schaffenden Menschen begann ahnungsvoll zu vibrieren, wenn der drohende »Frieden« und seine Folgen zur Debatte standen. Walter Rathenau schrieb damals das prophetische Wort »Dennoch, wenn die Furchtsamen, die Neidischen und die Rachsüchtigen in einer einzigen Stunde, in der Stunde der Entscheidung siegen und die drei großen Staatsmänner ihre Nationen mit sich reißen, ist das Schicksal erfüllt« … »Dann ist aus dem Gewölbe Europa der einstmals stärkste Stein zermalmt, dann ist die Grenze Asiens an den Rhein gerückt, dann reicht der Balkan bis zur Nordsee. Dann wird eine Horde von Verzweifelten einen europäischen Wirtschaftsgeist vor den Toren der westlichen Zivilisation lagern, der nicht mit Waffen, sondern mit Ansteckung die gesicherten Bastionen bedroht.« Welch seherische Schau liegt in diesen wenigen Worten des Staatsmannes, der sicher nicht als Rechtsradikaler gebrandmarkt werden kann!

Selbst Scheidemann …

Es wird heute in historisch-politischen Betrachtungen die These verkündet, der Kampf gegen Versailles sei nur Propaganda im Kampf der nationalen Opposition gegen die junge Republik von Weimar gewesen, während die demokratischen Politiker, frei von Emotionen nationaler Art, die Politik als die »Kunst des Möglichen« zu realisieren getrachtet hätten. Doch das ist eine Verfälschung der damaligen Wirklichkeit.

Wer dies geschichtsnotorisch nachprüfen will, braucht nur die Protokolle der langwährenden Sitzungen der Weimarer National-Versammlung zu studieren, des Parlaments, in dem bekanntlich keine Nationalsozialisten vertreten waren. Es war Philipp Scheidemann höchstpersönlich, also ein führender Sozialdemokrat, derselbe, der 1918 in Berlin die deutsche Republik ausgerufen hatte, der die damals einmütige Stimmung des deutschen Volkes in der 39. Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 12. Mai 1919 unter sich immer wiederholendem Beifall des ganzen Hauses zum Ausdruck gebracht hatte, als er sagte:

»Lassen Sie mich ganz ohne taktische Erwägungen reden: Was unseren Beratungen zugrunde liegt, dieses dicke Buch (auf die Friedensbedingungen weisend), in dem hundert Absätze beginnen ›Deutschland verzichtet - verzichtet - verzichtet‹, dieser schauerlichste und mörderische Hexenhammer, in dem einem Volke das Bekenntnis der eigenen Unterwürfigkeit, die Zustimmung zur erbarmungslosen Zerstückelung, das Einverständnis zur Versklavung und zum Helotentum abgepreßt und erpreßt werden soll, dieses Buch darf nie zum Gesetzesbuch der Zukunft werden. Ich habe die zuerst uns übermittelten Bedingungen unserer Gegner vor ein paar Tagen in Vergleich gesetzt mit den entsprechenden Programmpunkten des Präsidenten Wilson. Darauf will ich heute verzichten. Seit ich die Forderungen in ihrer Gesamtheit kenne, käme es mir wie eine Lästerung vor, das Wilson-Programm, diese Grundlage des ersten Waffenstillstandes, mit ihnen auch nur vergleichen zu wollen. Aber eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken. Die Welt ist wieder einmal um eine Illusion ärmer geworden. Das ist das Kerkerbild nach der einen Seite, dem Auslande zu: - Ohne Schiffe - denn unsere Handelsflotte geht an die Entente über, - ohne Kabel, ohne Kolonien, ohne ausländische Niederlassungen, ohne Gegenseitigkeit und Rechtsschutz, ja selbst ohne das Recht, mitzuwirken bei den Preisen für die von uns als Tribut zu liefernden Waren, für Kohle, pharmazeutische Artikel usw. Ich frage Sie, wer kann als ehrlicher Mann, ich will gar nicht sagen, als Deutscher, nur als ehrlicher vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müßte nicht verdorren, die uns in diese Fesseln legt?«

Zum Knechtsvolk erniedrigt

Im Anschluß an diese Rede des Sozialdemokraten Philipp Scheidemann am 12. Mai 1919 gab dann der preußische Ministerpräsident - ebenfalls ein Sozialdemokrat - im Namen der Regierungen sämtlicher deutscher Länder die folgende Erklärung ab:

»In allen Gauen Deutschlands lodert in diesen dunkelsten Tagen unseres Volkes die Erbitterung über den Friedensvorschlag unserer Feinde. Sie haben uns im Herbst vorigen Jahres feierlich einen Rechtsfrieden versprochen. Auf dieses Versprechen hin legten wir die Waffen nieder. Nun bieten sie dem Wehrlosen einen Frieden der Gewalt. Nie war Zorn berechtigter als heute. - Heute ist klar, was die Feinde mit uns vorhaben: Sie wollen uns für alle Zeiten aus der Reihe der Kulturstaaten der Welt streichen und wieder zu völliger Ohnmacht herabdrücken. Sie wollen das arbeitsfreudige deutsche Volk zu einem Knechtsvolke erniedrigen. Demgegenüber erklären wir, die Vertreter aller deutschen Länder, vor aller Welt: Lieber tot als Sklave! Die Bedingungen, die dieser Friede uns auferlegen will, sind selbst von dem entsagungsbereitesten Volke nicht zu ertragen. Ihre Ausführung ist eine Unmöglichkeit. Darum ist dieser Friedensvertrag unannehmbar.«

Jungen Sozialdemokraten von heute, denen diese Bekundungen unglaubhaft, gespenstisch, ja geradezu faschistoid erscheinen, sei versichert, daß es die Worte einstiger sozialdemokratischer Führer in amtlicher Eigenschaft sind, gesprochen in einem demokratischen Parlament, der Deutschen Nationalversammlung, dem Plenum, von dem die Weimarer Republik wenig später ihre (bis heute nicht außer Kraft gesetzte) Verfassung erhielt. Sie sind die dokumentarische Antwort auf die eingangs erwähnte Frage, ob es nicht nur eine sektiererische Minderheit gewesen sei, die den Kampf gegen das Diktat von Versailles aufnahm.

Doch die beiden zitierten Redner waren zwar Marxisten, aber keine Linksradikalen. Lassen wir jetzt einen solchen, den Vertreter der Unabhängigen Sozialistischen Partei, des Vorläufers der späteren KPD, den Berliner Rechtsanwalt Hugo Haase, ehemaliges Mitglied des sechsköpfigen Rates der Volksbeauftragten, zu Worte kommen! Auch er erhob in dieser Sitzung schärfsten Protest gegen die Friedensbedingungen, als er sagte:

»Für uns ist das Selbstbestimmungsrecht niemals ein tönernes Wort, sondern eine aus tiefster innerster Überzeugung fließende Forderung. Wir verurteilen deshalb auf das entschiedenste, daß die Entente das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das sie feierlich proklamiert hat, in geradezu schnöder Weise zum Nachteil des deutschen Volkes verletzt. Schon die politische Vernunft hätte sie davon abhalten müssen, die territorialen Grenzen willkürlich festzusetzen, ohne in freier, unbeeinflußbarer Abstimmung den Willen der betroffenen Bevölkerung zu erforschen, denn die Folge dieser Willkür ist die Erzeugung dauernder Unruhe, welche die Schaffung einer Irredenta und die Gefahr neuer blutiger Konflikte in sich trägt.«

So redeten Linksextremisten - damals.

Sklavenketten zerbrechen

In einem Schlußwort der Sitzung der Nationalversammlung am 18. Mai 1919 bezeichnete der dem Zentrum angehörende Präsident Fehrenbach (1852-1926) die Ablehnung des Versailler Friedensvertrages als eine einheitliche Meinung des gesamten deutschen Volkes. Er sagte:

»Wo bleiben die einflußreichen Kreise in den fremden Ländern? Wo bleiben die Vertreter der Religion, die heiligen Gedanken des Christentums? Gibt es in den feindlichen Landen keinen Bischof mehr, keinen Prediger, keinen gotterleuchteten Mann, keine fromme Frau, die hinausrufen aus gepreßten Herzen in die feindliche Welt: das ist kein Friede der christlichen Ära - so schlimm haben die heidnischen Römer den unterlegenen Völkern keinen Frieden diktiert, wie ihr in der christlichen Zeit es tun wollt?

Es war ein hartes Wort im alten Rom, das ›Ceterum censeo Carthaginem esse delendam‹, aber es war barmherzig gegenüber dem hinhaltenden Morden dieses Friedensvertrages…. Die Schuld für die Ursachen des Krieges lastet auf den Schultern unserer Feinde… Aber auch in Zukunft werden deutsche Frauen Kinder gebären, und die Kinder, die in harter Fron aufwachsen, werden mit dem Willen erzogen werden, die Sklavenketten zu zerbrechen.«

Die Sklavenketten zu zerbrechen und in diesem politischen Willen die Kinder zu erziehen, das war nach dem katholischen Christen Fehrenbach der Wille des deutschen Volkes, wie er es in der Nationalversammlung so leidenschaftlich kundgetan hatte.

In dieser einhelligen Meinung der Nationalversammlung als dem Forum des gesamten Volkes war der Wille zu einer Revision des Versailler Vertrages als der Wille

des deutschen Volkes manifestiert, schon ehe Adolf Hitler die politische Arena betrat.

Die Fesseln des Versailler Vertrages zu sprengen war also aus der realistischen Sicht des Jahres 1919 keine demagogische Forderung engstirniger nationaler Katastrophenpolitiker, sondern das legitime Anliegen der Demokratie von Weimar. Alle Proteste der vom ganzen Volke gewählten Nationalversammlung gegen Versailles hatten jedoch kein milderndes Ergebnis. Auf die zuletzt erhobene Forderung der Nationalversammlung, dem deutschen Volk die Unterzeichnung des ehrverletzenden § 231, der Anerkennung der deutschen Alleinschuld am Kriege, zu erlassen, erfolgte als Antwort ein kaltes »Nein«. Die Sieger forderten - schon damals - die bedingungslose Kapitulation.

Als bei Ablauf der gestellten Frist die Bereitschaftserklärung zur Leistung der deutschen Unterschrift nicht eingegangen war, schickten sich die Alliierten an, das gesamte Reichsgebiet militärisch zu besetzen.

Am 22. Juni 1919 gaben dann die Vertreter des deutschen Volkes in der Nationalversammlung unter dem Druck der Feinde mit Mehrheit die Zustimmung zur Unterzeichnung des Gewaltfriedens von Versailles.

Trotzdem: Deutschland, Deutschland über alles…

Fehrenbach schloß die eindrucksvolle Sitzung, die in der Aula der Berliner Universität stattfand, mit einem erhebenden Bekenntnis zur deutschen Nationalhymne, als er feierlich sagte: »Wie in glücklichen Tagen - so jetzt in dieser ernsten Stunde - bekennen wir uns zu unserem vaterländischen Hymnus. Er ist mißdeutet worden. Man hat gesagt, er sei eine Überhebung gegenüber anderen Völkern. Nein, das ist er nicht. Er ist nur der Ausdruck der Verehrung für das Land unserer Väter. Wie in glücklichen Tagen, so auch heute - und für immer in schwerer Not und bedrängter Stunde rufen wir hinaus: ›Deutschland, Deutschland über alles - über alles in der Welt‹.«

Im Spiegelsaal zu Versailles, in demselben Saal, in dem einst am 18. Jan. 1871 die Reichsgründung und die Kaiser-Proklamation stattgefunden hatten, wurde am 28. Juni 1919 das Schanddokument durch die beiden deutschen Vertreter Bell und Müller unterzeichnet.

Dieser Akt und der Kampf um Für und Wider in der Folgezeit sollten für die Entwicklung des neuen Staates von entscheidender Bedeutung sein. In einer Note des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Dr. Solf, gesandt im Namen der Deutschen Regierung an den Staatssekretär Lansing in Washington, hieß es nach der Unterzeichnung des Diktates:

»Wir mußten diese Bedingungen annehmen. Wir machen aber den Präsidenten Wilson feierlich und ernst darauf aufmerksam, daß die Durchführung der Bedingungen im deutschen Volke das Gegenteilige der Gesinnung erzeugen muß, die eine Voraussetzung für den Neubau der Völkergemeinschaft bildet und einen dauerhaften Frieden verbürgt.«

Erst am 12. Juli 1919 - also erst zwei Wochen nach der Unterzeichnung des Versailler Diktates - wurde die über Deutschland verhängte Hungerblockade der Alliierten aufgehoben.

Am 6. Nov. 1919 überreichten die Siegermächte der deutschen Regierung die Auslieferungs-Listen sogenannter »Kriegsverbrecher«. Die deutsche Regierung lehnte unter entrüstetem Protest jede Auslieferung eines Deutschen ab und wies dieses entehrende Ansinnen schärfstens zurück.

An der Spitze der angeblichen ››Kriegsverbrecher« - 893 an der Zahl - standen die Namen des Kaisers Wilhelm II., des Groß-Admirals von Tirpitz und des Generals Ludendorff. Auch Holland wies als Asylland des ehemaligen Kaisers jede Auslieferungsforderung strikt ab.

Lenin: Ungeheuerlicher Raubfrieden

Selbst von der Kommandobrücke der bolschewistischen Weltrevolution - und zwar von Lenin höchstpersöulich - wurde das Verdammungs-Urteil gegen den Versailler Vertrag unmißverständlich verkündet. Auf der Konferenz der Vorsitzenden der Exekutiv-Komitees der Kreis-, Amtsbezirks- und Dorfsowjets am 13. Okt. 1920 erklärte der kommunistische Führer der Sowjetunion und darüber hinaus des Weltbolschewismus, Wladimir Iljitsch Lenin: »Der Versailler Vertrag ist ein Vertrag von Räubern und Wegelagerern. Als Deutschland besiegt war, da schrie der Völkerbund, der Bund der Nationen, die gegen Deutschland gekämpft hatten, das sei ein Befreiungskrieg, ein demokratischer Krieg gewesen. Deutschland wurde ein Frieden aufgezwungen. Aber das war ein Frieden von Wucherern, von Würgern, ein Frieden von Schlächtern, denn Deutschland und Österreich wurden ausgeplündert und zerstückelt. Man nahm ihnen alle Existenzmittel, ließ die Kinder hungern und Hungers sterben. Das ist ein ungeheuerlicher Raubfrieden. Das ist kein Frieden - das sind vielleicht Bedingungen, die einem wehrlosen Opfer von Räubern mit dem Messer in der Hand diktiert worden sind.« (Band 31 der Lenin-Werke, Moskau).

Hitler befand sich also bei seinem Kampf gegen Versailles in (wenn auch vielleicht nicht bester, so doch) politisch vielfach schillernder Gesellschaft. Als später einmal der linksgerichtete Pazifist Professor Ludwig Quidde (1858-1941) sich beim britischen Premierminister Ramsay Macdonald (1866-1937) über die Deutschen beschwerte, die Versailles nicht anerkennen wollten, antwortete der Engländer: »Versailles war Unrecht, Gegen Versailles anzukämpfen - ist Pflicht!«

Es begann nicht erst 1933

Der britische Premier war einer der sozialistischen Staatsmänner des Westens, die in Versailles die Wurzel des nächsten Weltkrieges sahen. Daß der Erste Weltkrieg mit seinem Friedensdiktat von Versailles - früher oder später - einen zweiten auslösen werde, erkannte auch der französische Marschall Foch, der kurz vor seinem Tod, am 20. März 1929, sagte: »Der Korridor ist die Wurzel des nächsten Krieges.«

Jacques Bainville, namhafter französischer Historiker und ehem. Präsident der französischen Akademie der Wissenschaften, sprach es bereits im Jahre 1920 in einem Buch unvergleichlich deutlich aus: »In Versailles hat man den ewigen Krieg organisiert.« Und derselbe Historiker wird in demselben Buch noch deutlicher: »Danzig und der Korridor sind der Keim für den nächsten Krieg.« - Der weltbekannte englische Militär-Historiker J. W. Fuller schließlich gab in seinem Buch »Der Zweite Weltkrieg« (London 1948) unerschrocken einer wichtigen Erkenntnis Ausdruck, als er schrieb: »So wurde unter dem Donner der Geschütze der 1. Weltkrieg begraben und der zweite erzeugt … der Vertrag von Versailles ist die unmittelbare Ursache des zweiten Weltkrieges gewesen.«

Es ist Zeit, daß wir Deutsche unser Schicksal historisch erklären und erkennen. Unsere Geschichte begann nicht mit Hitler, und sie endet nicht mit ihm. Das Versailler Diktat hat in der geschichtlichen Diskussion nicht mehr den ihm zukommenden Rang. Alles soll erst 1933 begonnen haben …

Als sich in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkriege die Diskussion um das Diktat von Versailles erhob, kamen aus Bayern Zeitungen und Flugblätter mit den mitreißenden Reden eines Mannes, der in großen Massenversammlungen immer wieder den »Verrat an Deutschland durch Versailles« an den Pranger stellte. Er war bis dahin ein unbekannter Soldat aus dem großen Krieg gewesen. Aber man nannte ihn bereits den »Trommler eines nationalen Deutschlands«. Die Massen drängten sich zu seinen Kundgebungen und dankten ihm mit frenetischem Beifall. Der Mann hieß Adolf Hitler.

Es war der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, der 1932 in seinem Buch »Adolf Hitlers Weg« schrieb: »Die Geburtsstadt des Nationalsozialismus ist nicht München, sondern Versailles.«

Er hatte recht.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 30(1) (1982), S. 5-10

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