Die Schwester des Ikarus

Es erging mir wie den meisten: Als ich ihr zum erstenmal begegnete, umrundete ich das zierliche Geschöpf, legte ihre feingliedrigen Hände in die meinen: «Und damit haben Sie schwere Bomber, Raketen- und Düsenflugzeuge gemeistert?« Hanna Reitsch lachte - wie herrlich konnte dieses mädchenhafte Wesen lachen - hob die Arme: »Wenn Sie genau hinschaun, ich hab’ Flügel.« Nach dem Krieg »landete« sie als Gefangene der Amerikaner in Oberursel im Vernehmungslager, als »big fish« mit allen drei Graden verhört: Wie es im Führerhauptquartier in der Reichskanzlei in Berlin bei Kriegsende zugegangen sei? Wohin sie Hitler ausgeflogen habe? Wo Hitler sich verborgen halte? Wohin Hitler sich abgesetzt habe? Sie müsse es wissen, denn sie sei die letzte Person, die mit Hitler vor dessen Selbstmord gesprochen habe.

Als die erhofften und gewünschten »Enthüllungen« ausblieben, die »andere Tour«: Sie könne amerikanischer Staatsbürger und General der Flieger mit unbegrenzten Möglichkeiten werden, das Gefängnis sofort mit einer Villa vertauschen… Kühl kam der Bescheid: »Ich würde mich schämen, sollte es mir besser ergehen als den anderen Deutschen in Ihrer Gewalt.« Frauen - mehr Zivilcourage als viele Männer.

Nach zwanzig Monaten ließ man sie frei - wurde jedoch weiter beschattet. Sie blieb in Oberursel und wer sie dort besuchte, erhielt auch einen »Schatten«. Diese abzuhängen, wenn wir uns in Frankfurt trafen, wurde für uns zum Sport. Der väterliche Freund, E. G. Kolbenheyer, dem ich von ihr erzählte, wollte die berühmte Landsmännin kennenlernen. So brachte ich sie zu ihm nach Schlederloh in die Hütte im Wald, wo er mit Frau Mizzi und Archiv in zwei armseligen Räumen untergekommen war, nachdem ihn die Sieger aus dem 1932 erworbenen Haus vertrieben hatten. Aber auch in der Hütte im Wald blieb er ein Herr: und wie ein Herr empfing der große deutsche Denker die deutsche Tochter des Dädalus, die berühmteste Pilotin der Luftfahrt. Beide aus dem gleichen Raume stammend, aus dem sie mit Millionen anderen Deutschen vertrieben worden waren. Welch ein Nachmittag - diese zwei vornehmen Menschen miteinander zu erleben! Kolbenheyer sprach aus, was viele von uns dachten: »Kein Flieger hätte mehr das Ritterkreuz verdient als Hanna Reitsch!«

Wenn sie ihre Bücher schrieb, ging sie in »Klausur«. Ihre Handschrift- schwingend - schwebend - schwerelos, wie sie selber.

Am 24. August, 67jährig, hat sie uns verlassen und ruht nun an der Seite ihrer Eltern in Salzburg. Die größte Fliegerin aller Zeiten, sie fliegt und fliegt und fliegt und wird immer mit und unter uns sein, Hanna Reitsch, des Ikarus deutsche Schwester.

K. I.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(3) (1979), S. 33

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