GUERNICA - und kein Ende

Siegfried Kappe-Hardenberg

Teil 1

Ich war in Guernica. In einer farbenfrohen, lebendigen Kleinstadt. Ich habe die historischen Stätten gesehen. Die Eiche, das Regierungsgebäude. Ich war wie einer der ihren unter den vielen Hunderten, die am Sonntagmorgen bei herrlichem Sonnenschein durch die Anlagen spazierten, Zeitung lasen oder einen Aperitif tranken, sich mit Freunden unterhielten oder still auf einer Bank saßen. Guernica heute ist eine Stadt von über 17 000 Einwohnern, mit einem bunten baskischen Fahnenmeer an den Hauswänden. Eine Stadt, in der äußerlich nichts mehr an den Bürgerkrieg erinnert. In der nicht nur Basken leben, sondern auch Spanier aus anderen Regionen. Eine Stadt, die schöner wieder aufgebaut worden ist, als sie vorher war. Dieses Versprechen gab Franco nach ihrer Zerstörung. Er hat es gehalten.

Der Name Guernica ist verbunden mit einer der größten Agitationskampagnen, die die Welt bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges erlebt hat. »Bomben und Lügen über Guernica« hat der Spanier Uriarte deshalb auch sein Buch genannt. Es waren viel mehr Lügen als Bomben. In meinem Bericht ist deshalb weniger von den militärischen Dingen die Rede als von der Propaganda. Denn Guernica war militärisch eine Nebensache, propagandistisch aber war Guernica für die Roten ein unerschöpfliches Thema. Gestern, heute und morgen. Guernica - und kein Ende?

Am 26. April 1979 beschloß der Gemeinderat von Guernica in Erinnerung an den Tag, an dem die Stadt vor 42 Jahren in Flammen aufging, dem früheren Staatschef Generalissimo Francisco Franco »die Medaille in Gold mit Brillanten und alle Ehrungen und Auszeichnungen abzuerkennen, weil er ihrer als unwürdig angesehen wird. Dieser Gemeinderat betrachtet die Ehrungen, die Franco durch Personen erhalten hat, die die wirklichen Vertreter des Volkes verdrängt haben, als eine Beleidigung der Bürger von Guernica.« Von der spanischen Regierung wurde Aufschluß über die Ereignisse während des Bürgerkrieges, von der deutschen Regierung Haftung für die Schäden des Bombenangriffs gefordert.

Was der Gemeinderat - bestehend aus zehn Abgeordneten der baskischen Nationalisten, fünf Mitgliedern von Herri Batasuna (die mit den ETA-Terroristen sympathisiert), einem Sozialisten (PSOE) und einem linken Unabhängigen - beschloß, erinnert an eine Geschichte, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Als Großbritannien dem deutschen Kaiser Wilhelm II. den Hosenbandorden entzog, verkündete am 14. Mai 1915 der Leitartikler des »Daily Telegraph«: »Auf Befehl dieses gekrönten Verbrechers sind Städte in Asche gelegt, Greise und Kinder ermordet, Frauen und junge Mädchen geschändet, harmlose Fischer ertrankt worden.« Franco kann dem Schicksal danken, daß er tot und begraben ist. Nicht nur die Basken konnten - und wurden wahrscheinlich sogar - auf den Gedanken kommen, ihn »wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes… unter öffentliche Anklage« zu stellen, wie es in der Sonderklausel des Versailler Vertrages hinsichtlich des vormaligen deutschen Kaisers hieß.

Der Gedanke, Franco alle Ehrungen zu entziehen, stammt von einer insgeheim 1976 gegründeten Untersuchungskommission. Der einstimmige Beschluß zeigt, daß die baskischen Nationalisten weder vergessen noch vergeben haben, was sie als großes Unrecht in ihrer Geschichte betrachten: Die Behauptung der Nationalisten, republikanische Truppen hätten die Stadt zerstört und in Brand gesteckt, während in Wirklichkeit die im Dienste Francos stehenden deutschen Flieger Guernica in Schutt und Asche gelegt hätten. Solange Franco lebte, wurde diese Version in Spanien offiziell aufrechterhalten. Franco selbst hat sie nie widerrufen. Er adoptierte Guernica, befahl den bevorzugten Wiederaufbau, gewährte den Bürgern der Stadt erhebliche steuerliche Vorteile und wurde in den Augen der Frankisten zum »Schutzherrn«, weshalb der Gemeinderat am 13. Februar 1946 beschloß, Franco zum Ehrenbürger zu ernennen, eine Goldmedaille zur Erinnerung an den Wiederaufbau zu stiften und Franco als tiefempfundene Huldigung zu verleihen. Zwei Jahrzehnte später wurde Franco die Medaille in Sonderausführung - Gold mit Brillanten - unter dem 1977 von der ETA ermordeten Alkalden Augusto Unceta verliehen.

In dem Madrider Wochenmagazin »Blanco y Negro« (Nr. 3498 vom 16. Mai 1979) äußerte der jetzige Alkalde Dionisio Abaitua (PNV - baskische Nationalisten), er habe den Luftangriff erlebt und wisse, wie es gewesen sei. »Es waren harte Augenblicke, nicht der Bombenangriff an sich, sondern was nach dem Angriff kam. Das Schmerzliche ist, daß sie uns nachher die Schuld zuschoben. Ich meine, es ist nicht vergessen, aber vergeben.« Im Gegensatz dazu sagte ein Mitglied des früheren Gemeinderates, man solle die Toten ruhen lassen. Die Maßnahmen des neuen Gemeinderates seien unangebracht und zeigten nur, welcher Groll und Haß vor allem unter den Nationalisten in Guernica lebendig sei.

Die nach so vielen Jahren erstaunlich große Publizität, die der Fall Guernica gefunden hat, läßt sich nicht allein mit dem Wunsch erklären, der »historischen Wahrheit« auf die Spur zu kommen, auch nicht mit der Forderung auf Rückgabe des Picasso-Gemäldes, das 1937 für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung gemalt wurde und lange im Museum für zeitgenössische Kunst in New York zu sehen war; der entscheidende Grund ist die Nachwirkung und Auffrischung der Kriegspropaganda, die aus Guernica ein Symbol deutscher Barbarei und Unmenschlichkeit machte; sie ist darüber hinaus der Versuch, spanische Vergangenheit auf deutsche Kosten zu bewältigen. Da die Deutschen nun schon einmal die Sündenböcke der Weltgeschichte sind, warum sollten sie nicht auch für Guernica verantwortlich gemacht werden können? In unzähligen Zeitungsartikeln und Büchern ist diese Behauptung immer wieder aufgestellt worden. Salvador de Madariaga hat sie in seiner spanischen Geschichte (Espana - Ensayo de historia contemporanea, Madrid 1979, Seite 442) in wenigen Worten zusammengefaßt: »Am 26. April 1937 flogen deutsche Flieger einen brutalen und planmäßigen Bombenangriff auf das historische Guernica.«

Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lugen

Guernica ist ein Musterbeispiel für die außerordentlich große, ja entscheidende Bedeutung der Propaganda im Kriege. Der Einsatz der deutschen »Legion Condor« auf der Seite der Nationalen ließ Francos Feinde im Westen wie in der Sowjetunion geradezu auf einen Anlaß warten, sich als Verteidiger der Menschlichkeit gegenüber der faschistischen Unmenschlichkeit aufspielen zu können. Guernica verschaffte diese Möglichkeit, obwohl die Ereignisse im Gesamtbild der Schrecknisse des spanischen Bürgerkrieges nie die ihnen zudiktierte Rolle gespielt haben. Zusammenhang und Hintergrund werden sichtbar in einem Leitartikel der Londoner Zeitung »News Chronicle« vom 19. Januar 1937, also ein Vierteljahr vor Guernica:

»Die moralischen, politischen und strategischen Überlegungen sind unverändert geblieben; nichts hat sich seit dem Juli 1936 geändert als der Frontverlauf… Ist die britische Regierung überhaupt darauf vorbereitet, der Herausforderung der faschistischen Internationale entgegenzutreten? Und wenn sie nicht an der Zukunft der Demokratie interessiert ist - ist sie dann wenigstens an der Erhaltung der Verbindungswege des britischen Empire interessiert?

Das ist kein Kampf allein für Spanien, es ist ein Kampf um Seele und Leib der menschlichen Freiheit überall in der Welt geworden. Ein Teil dieses Landes ist sich der höchsten Bedeutung der spanischen Frage voll bewußt. Wenn auch der Rest im Augenblick indifferent sein mag, selbst unter diesen Menschen wächst unter der Oberfläche der besorgte Verdacht, daß vitale britische Interessen verplempert und wichtige Prinzipien aufgegeben werden.« Unter einer Europa-Karte mit einkopiertem Hitlerbild lautet der Text: »Stellen Sie sich eine Regierung vor, die Hitler und Mussolini wohlgesonnen ist in Spanien, auf den Balearen, in Spanisch-Marokko, auf den Kanarischen Inseln, in der spanischen Sahara…«

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die spanischen Nordprovinzen, in denen britische Wirtschaftsinteressen besonders ausgeprägt waren, noch in den Händen der Republikaner. Aber bereits jetzt zeigte sich deutlich, was geschehen würde, wenn Franco die baskischen Provinzen und Asturien angreifen wurde: Der »indifferente Rest« mußte mit der erforderlichen Agitation gegen die »faschistische Internationale« eingestimmt werden. Das Stichwort hieß: »Der italienisch-deutsche Angriff gegen Spanien«. Daß an dem Fall Guernica außer den Basken vor allem die Engländer interessiert waren, lag auf der Hand.

Eine Woche später, am 25. Januar 1937, bereitete »News Chronicle« den Boden weiter vor für die Agitationsschlacht. Der fünfspaltig groß aufgemachte Artikel von Henry Brinton »Christians and Spain« (Christen und Spanien) ist ein so typisches Beispiel für die das Gemüt - nicht den Verstand - ansprechende Propaganda mit dem offenen Eingeständnis von Lügen im 1. Weltkrieg und ihrer Verbindung mit furchterregenden Zukunftsvisionen, daß er hier auszugsweise wiedergegeben werden soll:

»Welche Seite sollen Christen in Spanien unterstützen? Die objektiven Tatsachen über die Kirche sind leidlich bekannt. Kirchen sind in großer Zahl von Anhängern der Regierung niedergebrannt worden. Viele Priester wurden in den ersten Tagen des Aufstandes ermordet, und noch mehr sind aus dem Land geflohen. Die große Mehrheit der kirchlichen Würdenträger steht auf der Seite des Generals Franco, und in vielen Teilen der Welt betet die Römisch-Katholische Kirche für den Erfolg Francos.

Um sich auf dieser Grundlage ein Urteil bilden zu können, muß man sich jedoch andere Tatsachen ins Gedächtnis rufen.

Ein Priester, der die Waffen gegen die legale Regierung ergreift, hört ad hoc (zu diesem Zweck) auf, ein Priester zu sein und wird ein Rebell, der nicht anders betrachtet werden darf und soll wie jeder andere Rebell.

Eine Kirche, die unter diesen Umständen als Waffenlager benutzt wird, ist gleicherweise keine Kirche mehr und kann rechtmäßig (legitimately) zerstört werden.

Die meisten Kirchen wurden in den ersten Tagen des Aufstandes niedergebrannt, als die Regierung infolge der Desertion vieler Offiziere von Armee und Polizei zeitweise der Macht beraubt war, Ordnung zu halten. Minister und Funktionäre haben ihre Stellungen riskiert, um die Sicherheit der Priester zu garantieren. In Katalonien wurden zum Beispiel sieben der acht Bischöfe gerettet. Beachtet werden muß ferner die Tatsache, daß zahlreiche der achtungsvollsten katholischen Führer einschließlich einiger Konservativer die Regierung leidenschaftlich unterstützen und daß die katholischen Laien insgesamt loyal geblieben sind - jeder, mit dem ich in Spanien gesprochen habe, war praktisch Katholik - und daß schließlich in den baskischen Provinzen die Kirche, Priester und Laien, geschlossen loyal geblieben sind.

Welche Partei sollte ein Christ ergreifen? Das kann wenig zweifelhaft sein. Eine Kirche, die sagenhaft reich ist inmitten quälender Armut, eine Kirche, die mit den Feinden der Demokratie paktiert, eine Kirche, die Flugzeuge segnet, mit denen Kinder massakriert werden, ist eine Lästerung (blasphemy) des Namens Christi.

Das sind Tatsachen, die man feststellen kann, ohne Spanien zu besuchen. Sie werden jedoch hier und dort mit der Behauptung beantwortet, wie schlecht auch die alte Ordnung gewesen sein möge, die neue sei schlimmer, da die Regierung keine Ordnung schaffen könne und im Falle ihres Sieges das Ergebnis ein ›bolschewistisches‹ Regime (›Bolshevist‹ regime) sein werde.

Dieser Ansicht kann jeder nur ein paar Stunden sein, wenn er das Land besucht. Es gab in den ersten Tagen einiges Durcheinander und Unordnung, wenn auch bemerkenswert wenig, aber an jedem Tag werden Ordnung und Disziplin besser.

›Angesehene‹ Zeitungen (›Reputable‹ Papers) in England berichten noch immer von massenhaften Massakern des ›bewaffneten Mobs‹. Das sind kalte und bewußte Lügen, erfunden von jener Sorte von Köpfen, die uns 1916 sagten, daß die Deutschen ihre Toten kochen würden, um Fett daraus zu gewinnen.

Ich habe mit Kommunisten, ›Anarchisten‹, Sozialisten, Liberalen und Konservativen gesprochen, mit Ministern, loyalen Funktionären, Beamten, Journalisten und einer großen Menge anderer Leute. Ihr Zeugnis war so einhellig und so frei, daß es unmöglich ist, daran zu zweifeln. Sie kämpfen nicht für ihre Parteien, sondern für die Republik, für das Recht eines freien Volkes, seine Regierung zu wahren.

Es ist schwer, an Tatsachen zu kommen, und leicht, sie zu mißdeuten. Die Atmosphäre, die ich im loyalen Spanien angetroffen habe, ist die überzeugendste, die ich je erlebt habe. In einem in Blut gebadeten Land mag man verständlicherweise Anspannung, Angst und Sorge erwarten, man findet stattdessen Gelassenheit und entschiedene Entschlossenheit.

Das Verhalten der katholischen Kirche in Spanien kann nur ein schlechtes Licht auf sie werfen und die Kirche selbst als Institution überall in der Welt in Mißkredit bringen, und wenn die Christen in England ihrer Überzeugung treu bleiben, werden sie jede Achtung vor ihr, die sie jetzt noch haben, verlieren.

Es ist gesagt worden, wenn der Faschismus triumphieren wurde, könnte das unheilvoll für das britische Empire sein. Das ist nicht das Schlimmste. Der Faschismus ist zwangsläufig verkettet mit dem Heidentum. Wenn er triumphiert, geht das Christentum unter.«

Die berüchtigte Greuelnachricht, daß die Deutschen Leichen zu Fett verarbeiteten, hat während des ganzen 1. Weltkrieges herhalten müssen. Am 6. Dezember 1925 schrieb die »Times Dispatch« von Richmond-USA:

Nicht der geringste der Schrecken der modernen Kriegführung ist das Propagandabüro, das ein wichtiger Bestandteil der militärischen Einrichtungen jeder Nation ist… Die berühmte Kadavergeschichte, die während des Krieges bei diesem und anderen alliierten Völkern den Haß gegen die Deutschen bis zum Siedepunkt gesteigert hat, ist nun im britischen Unterhaus als eine Lüge erklärt worden. Vor einigen Monaten erfuhr die Welt, wie diese Lüge von einem tüchtigen Offizier im britischen Nachrichtendienst geplant und vorbereitet wurde… Vor einigen Jahren hat die Schilderung, wie der deutsche Kaiser aus den menschlichen Leichnamen Fett gewinnt, die Bürger dieses Landes und anderer aufgeklärter Länder zu wütendem Haß entflammt. Geistig normale Männer ballten die Faust und stürzten zu dem nächsten Werbebüro. Jetzt sagt man ihnen tatsächlich, daß sie betrogen und genarrt wurden; daß ihre eigenen Offiziere sie absichtlich auf den gewünschten Siedepunkt brachten, indem sie sich einer schändlichen Lüge bedienten, um ihre Leidenschaften aufzupeitschen.

Im nächsten Krieg, schreibt der Amerikaner weiter, muß die Propaganda noch schlauer und geschickter werden als die beste, die dieser Krieg erzeugt hat. Diese offenen Eingeständnisse vom Lügen im großen seitens der Regierungen, in die man Vertrauen setzte während des letzten Krieges, werden nicht so bald vergessen sein. (Heinrich Dietz »Agitation und Massenhysterie in England«, Essen 1941, Seite 142/143).

Im Kriege ist alles Propaganda. Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge werden zu einem für den Uneingeweihten nicht mehr durchschaubaren Gewebe. Behauptungen werden aufgestellt und »Beweise« für sie zurechtgebogen, Tatsachen negiert oder durch Aufbauschung so verfälscht, daß schließlich auch die Wahrheit nicht mehr geglaubt wird. Es ist aufschlußreich, unter diesem Gesichtswinkel die zeitgenössische Berichterstattung über Guernica zu betrachten. Als besonders ergiebig zeigen sich hier die beiden verschiedenen Ausgaben der Tageszeitung ABC, deren »rote Ausgabe« in Madrid und deren »nationale Ausgabe« in Sevilla erschien. »ABC Madrid« veröffentlichte die ersten Berichte über den Luftangriff auf Guernica in der Ausgabe vom 28. April 1937. Unter der Orts- und Zeitangabe Valencia, 27. April, 12 Uhr nachts, heißt es in einem Bericht der »Delegacion general de Euzkadi en Valencia«:

»Gestern nachmittag wurde Guernica in Schutt und Trümmer geschlagen: die Casa de Juntas (Regierungsgebäude), der traditionelle Baum, die Häuser der einzigartigen und vornehmen Straßen fielen zusammen unter den Bomben der Luftwaffe der Rebellen… Unter den Trümmern liegt eine grolle Anzahl Toter. Wer flüchtete, Männer, Frauen und Kinder, Priester und Bürger, wurde mit Maschinengewehren beschossen. Guernica, sein Archiv, die Bibliothek, das Museum und die Tradition sind Geschichte geworden.

Drei Städte sind jetzt zerstört: Guernica, Durango und Elgueta. In ihren Trümmern haben Tausende Frauen und Kinder den Tod gefunden. Der Befehl zur Bombardierung wurde vom deutschen Hauptquartier in Deva gegeben. [In Deva lag das italienische Stabsquartier, SKH]

Wir Basken haben das Verbrechen begangen, alles in den Dienst der Republik und der Demokratie zu stellen: unsere Tradition, unsere freiheitliche Haltung, unseren bürgerlichen Geist…, unser jahrhundertealtes Ansehen, das seine Bestätigung im Weltkrieg fand, als trotz der spanischen Neutralität 35 der 150 von den Basken in den Dienst der britischen Admiralität gestellten Schiffe (um die deutsche Blockade zu durchbrechen) ihr Grab mit der ganzen Besatzung auf dem Meeresboden fanden. Um zu verhindern, daß die baskische Flagge für die Republik und ihre Sache die Sympathie der Welt findet - eines nicht fernen Tages könnte es die Sache der Demokratie sein -, haben die Führer der Rebellen und die Befehlshaber der Deutschen beschlossen, die Bauern und alles, was baskischen Geist versinnbildlicht, auszurotten.«

In der gleichen Ausgabe wird eine Bekanntmachung des Präsidenten der baskischen Regierung, Aguirre, veröffentlicht, in der »die deutschen Flugzeuge im Dienst der faschistischen Rebellen« für die Bombardierung verantwortlich gemacht werden, während im offiziellen Kriegsbericht nur ein kurzer Hinweis enthalten ist: »Die verbrecherische faschistische Luftwaffe griff mehrere Dörfer in der Etappe an, vor allem Guernica.« Der »Secretario general de Gobernación« bestätigte nach einer am gleichen Tag veröffenlichten Meldung, daß die Wirkung des Bombenangriffs furchtbar gewesen sei, die Stadt sei nur noch ein Aschenhaufen, die Flugzeuge der Rebellen hätten auf Guernica einzig Brandbomben geworfen, er beklagte den Verlust des Archivs der Gemeinde, einer der reichsten und sehenswertesten des Landes. Er schloß mit den Worten, daß er in der nächsten Umgebung Guernicas gewesen sei und sehr beeindruckt dorthin zurückkehrte, aber nur um zu sehen, was einmal dieser Ort gewesen war. Im Kommentar von ABC Madrid wird der heilige Zorn aller Basken gegen die »verbrecherische Heldentat ausländischer Flieger, die den heiligen Baum der baskischen Freiheit und die historische Casa de Juntas vernichtet haben«, beschworen. Nachdrücklich wird Großbritannien aufgefordert, »Opfermut, Selbstlosigkeit und Tapferkeit« der baskischen Seeleute nicht zu vergessen, die England während des Weltkrieges geholfen hatten. Karlisten und Deutschen aber wird vorgeworfen, sie wollten sich jetzt für die tausend Demütigungen rächen, weil die Basken ihrer »unersättlichen Begierde der Hegemonie« immer eine Niederlage bereitet hätten. Da der Luftangriff auf Guernica am 26. April stattfand, kann man davon ausgehen, daß »ABC Madrid« am 28. April alle den Feind belastenden Meldungen veröffentlichte. Dabei ist auffallend, daß zwar im Zusammenhang mit den Luftangriffen auf andere Orte von »tausenden Todesopfern« gesprochen wird, aber keine Angaben über Opfer des Angriffs auf Guernica gemacht werden. Dagegen wird der Verlust des Stadtarchivs beklagt und die Falschmeldung verbreitet, die Casa de Juntas und der Heilige Baum der Basken seien vernichtet worden. Beide blieben unversehrt.

Gleichzeitig setzte eine internationale Pressekampagne ein. Die Londoner »Times« berichtete am 28. April, daß Guernica »von der deutschen Luftwaffe des Generals Mola« zerstört worden sei. Nun ging die Propaganda der Nationalen zum Gegenangriff über. Am 29. April veröffentlichte »ABC Sevilla« das »Boletín de Información« vom 28. April, 20 Uhr: Guernica sei von den Roten zerstört und in Brand gesteckt worden, als die nationalen Truppen sich nur 15 km entfernt befunden hätten. In keinem Augenblick sei Guernica ein militärisches Objekt für die nationale Luftwaffe gewesen. Nachdem die Nationalen Guernica am 29. April besetzt hatten, berichtete »ABC Sevilla« am 30. April, daß Guernica ebenso wie Irun und Lequeitio auf Befehl Moskaus von »den Roten im Dienst der baskischen Separatisten« zerstört worden sei. Am 27. April sei kein einziges Flugzeug der nationalen Luftwaffe am baskischen Himmel gewesen. Die Casa de Juntas und der Baum, Symbol der baskischen Freiheiten, seien unversehrt. Unverzüglich seien Wachen aufgezogen, eskortiert von baskischen Karlisten, um die kostbaren Heiligtümer zu schützen.

Der Versuch der Nationalen, den Luftangriff zu leugnen, mußte scheitern. Es gab zu viele Zeugen. Und nicht der 27. April, sondern der 26. April war der Tag, an dem die Bomben fielen. Zweifellos hatten die Roten auf Rückzügen bereits mehrfach die Methode der verbrannten Erde angewandt, so daß die Guernica-Version der Nationalen auf den ersten Blick nicht abwegig erschien. Sie büßte jedoch an Glaubwürdigkeit gerade deshalb ein, weil die Tatsache des Luftangriffs abgestritten wurde. Beide Seiten hatten sich nun auf die These »Helden und Schurken« festgelegt, so daß von niemandem ein Eingeständnis eigener Schuld zu erwarten war. Das Ergebnis konnte nur eine ständig sich steigernde Greuelpropaganda sein, wobei die Republikaner und die Roten die größere Durchschlagskraft und Reichweite besaßen. Das zeigt sich von Tag zu Tag mehr in den Berichten von »ABC Madrid« und »ABC Sevilla«.

In Paris, London, New York und Moskau protestierten Politiker und Intellektuelle gegen den Luftangriff auf Guernica, aber erst am 12. Mai 1937 schien man auf roter Seite erkannt zu haben, welche Propagandawaffe man in der Hand hatte. Am nächsten veröffentlichte »ABC Madrid« den ersten »Augenzeugenbericht«: Maria Goitia, die »zufällig dem Bombenangriff auf Guernica entkommen ist, berichtete über die verbrecherische Tat:

»Montag war Markt. Fast alle Bewohner der Umgebung waren nach Guernica gekommen. Ungefähr um 16 Uhr, als der größte Betrieb herrschte, erschien das erste Flugzeug und warf einige Bomben, die die ersten Opfer kosteten. Die Menschen flüchteten vom Markt und suchten Schutz in den nächsten Hausern. Dann kamen andere Flugzeuge und begannen damit, Wohnhäuser und Kirchen zu bombardieren. Die Menschen starben unter den Trümmern der zerstörten Häuser. Der Krach war ohrenbetäubend. Als die Explosionen aufhörten, hörte man schauriges Schreien, Wehklagen vor Schmerzen, Rufe des Entsetzens…

Die Häuser standen in Flammen; die Brandbomben steckten die Dächer in Brand, und man mußte die Häuser verlassen. Die Flugzeuge kamen dann herunter und schossen mit Maschinengewehren auf die Flüchtenden. Um vor den Kugeln zu fliehen, gingen die Menschen wieder zurück in die Häuser, aber das Feuer zwang sie, erneut nach draußen zu gehen.

Ich sah das alles von dem Haus aus, in das ich geflüchtet war. Auf der Straße lagen viele Tote und Verwundete. Man horte die Schreie der Verwundeten. Viele der Opfer verbrannten unter den Trümmern.

Als das Haus zu brennen begann, in dem ich mich aufhielt, bin ich wie verrückt davongelaufen. Die Kugeln der Maschinengewehre zischten um mich herum. Ich mußte mich auf den Boden legen und verbarg mich im Gestrüpp und habe mir dabei Gesicht und Hände abgeschürft. Die Menschen liefen auf der Flucht vor den Bomben und Maschinengewehren, die sie verfolgten, querfeldein. Ich blieb in meinem Versteck bis 20 Uhr, dem Zeitpunkt, in dem die Flugzeuge verschwanden.

Guernica war nur noch ein riesiger Scheiterhaufen. Ich ging auf der Straße weiter, bis irgend jemand - ich weiß nicht wer - mich mitnahm.

Auf die Frage eines Redakteurs der Agentur Havas, wie viele Opfer der Bombenangriff gekostet habe, antwortete Maria Goitia:

Das weiß ich nicht. Niemand weiß das. Tausende und Abertausende; ich übertreibe nicht.

Ich weiß nichts über meine Familie; ich weiß nicht, ob meine Angehörigen tot oder geflohen sind. Alle, die nicht von Bomben oder Maschinengewehren getroffen wurden, sind geflohen. Guernica hatte 13 000 Einwohner. Ich schätze, daß sich zwei Drittel haben retten können.«

Die Beziehung zwischen Richthofen und dem Oberbefehlshaber der nationalspanischen Luftstreitkräfte (Jefatura del Aire), General Kindelán, waren wohl gerade aus diesem Grunde recht gespannt. Gut entwickelte sich dagegen die Zusammenarbeit der Legion Condor mit dem Stabschef der Navarra-Brigaden, Oberst Vigón, der wiederum in einem engen persönlichen Verhältnis zu General Franco stand. Verbindungsoffizier der Jefatura del Aire beim Stab der Legion Condor war Comandante (Major) Siera. Es darf angenommen werden, daß General Franco zumindest von diesen Personen über die Absichten und Einsätze der Legion Condor unterrichtet wurde.

Klaus A. Meier: »Guernica«, S. 47

Der Bericht enthält alle Merkmale der nun verstärkt einsetzenden antideutschen Propaganda, obwohl die deutschen Flieger der Legion Condor bewußt nicht genannt werden. Wie sollte Maria Goitia das auch wissen können? Die Flugzeuge trugen das Kennzeichen der Nationalen. (Oberst Dr. Freiherr von Richthofen, Chef des Stabes der Legion Condor, in einem Brief vom 25. 5. 1937: »Die Aufregung über deutsche Bomber ist natürlich insofern völlig unberechtigt, als es hier nur spanische Verbände gibt!!« - Maier, Guernica, Freiburg 1975, Seite 112.) Aber wer war Maria Goitia? Wie alt war sie, welchen Beruf hatte sie? Ihre Person blieb im Dunkel. Sie wurde nach der Zahl der Opfer gefragt: Tausende und Abertausende, behauptete sie. Gefragt wurde sie von einem Havas-Vertreter der französischen Nachrichtenagentur. Wo? Wahrscheinlich in Paris. Und in Paris saß auch die kommunistische Propagandazentrale, deren Chef der deutsche Kommunist Willy Münzenberg war. Guernica habe 13 000 Einwohner gezählt. Tatsächlich waren es 5000. Daß die Welt erfuhr, wer diese Greuel begangen haben sollte, dafür sorgten die ausländischen Korrespondenten, vor allem die Engländer. »Times« und »Manchester Guardian« ließen keinen Tag vergehen, ohne darauf hinzuweisen, daß es alle Gründe gebe, um zu glauben, daß Guernica von Deutschen bombardiert worden sei.

Welchen Umfang die Hetzkampagne in kurzer Zeit angenommen hatte, zeigt die Berichterstattung der Londoner Zeitung »News Chronicle«, die sich keine Gelegenheit entgehen ließ, ihren Lesern neue Lügen aufzutischen. »ABC Madrid« berichtete am 29. Juni 1937:

»›News Chronicle‹ meldet, daß Mussolini erklärt habe, Franco müsse den Krieg gewinnen und Italien könne nicht neutral bleiben. Die Zeitung bezeichnet das Geständnis Mussolinis als zynisch, daß die Zerstörung von Guernica zum faschistischen Plan gehört habe, um sich Bilbaos zu bemächtigen, was unerläßlich gewesen sei, weil Deutschland das Eisenerz benötige.«

Am 24. Juni hatte ABC Madrid behauptet, der Hitlersmus habe die Invasion Spaniens mit konkreten Zielen vorbereitet: Bodenschätze und Rohstoffe Spaniens zu kontrollieren und ihre Lieferung um jeden Preis sicherzustellen. Das Zusammenspiel zwischen Rotspanien und einem großen Teil der englischen Presse funktionierte ausgezeichnet.

Die Propagandawelle rollte. Sie hätte - aus heutiger Sicht - wahrscheinlich aufgefangen werden können, wenn die Nationalen den Luftangriff zugegeben und so dargestellt hätten, wie er sich tatsächlich zugetragen hatte. So fehlte dem propagandistischen Gegenangriff der Nationalen, so sehr er sich auch auf beweiskräftige Argumente stützte - Angriffe der republikanischen Luftwaffe auf die Zivilbevölkerung - für die Millionen Leser und Hörer der Zeitungen und des Rundfunks in den Demokratien des Westens und im kommunistischen Machtbereich des Ostens die Überzeugungskraft.

Unter der Überschrift »Bilbao in schwerer Gefahr« griff »ABC Sevilla« in der Ausgabe vom 11. Mai 1937 die Gegner der Nationalen an. »Es ist zynisch«, heißt es in dem umfangreichen Artikel, »daß die Roten und ihre Sympathisanten ihre Gewänder zerreiben angesichts der Luftangriffe auf Städte und Dörfer, die sie als »offene« bezeichnen. Gerade sie, die es vorziehen, ihre Bomben immer auf friedliche und, wie sie wissen, wehrlose Städte zu werfen! Welche militärischen Objekte haben sie in Zaragoza, in Oropesa, in Merida, in Simancas oder in Trujillo gesucht? Welche dringenden militärischen Gründe sprachen für die Bombenangriffe auf die Hospitäler von Burgos, Valladolid, Ceuta, Cordoba, Granada etc., auf die Alhambra und die Mezquita von Cordoba… auf das Schiff, mit dem mohammedanische Pilger nach Mekka fuhren?

Alle diese Bombenangriffe sind in den englischen und französischen Zeitungen der Linken mit Schweigen übergangen oder sogar gebilligt worden. Sie verlieren damit jede moralische Macht und jedes Recht, unsere Luftangriffe auf offene Städte ohne militärische Objekte zu rügen, falls wir einen solchen Angriff bestätigen. Das ist bis heute nicht der Fall gewesen. Weder unsere Artillerie noch unsere Flugzeuge haben ein einziges Ziel beschossen oder bombardiert, das nicht von militärischer Bedeutung war. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Militärische Objekte waren seinerzeit Badajoz, Toledo, Malaga, Talavera und andere Ortschaften… Ein bedeutendes militärisches Objekt ist Madrid… Und trotzdem haben wir Madrid nicht mutwillig zerstört… Militärische Objekte waren ebenfalls die baskischen Städte auf dem Kriegsschauplatz bei unserem Vormarsch auf Bilbao: Ochandiano, Elorrio, Elgueta und Durango. Nur weil sie sich im Kampfgebiet befanden, mußten diese Orte die Härte des Krieges erleiden, aber außerdem waren in ihnen bedeutende Truppenteile zusammengezogen worden. In Elgueta: die Bataillone Munatones und Castilla Kirikino, in Elorrio: Zabaldibi, C.N.T Nummer 2, U.H.P; in Ochandiano: Azana Vizcaya, A.N.V-. Nummer 1, Meabe Nummer 2, Rebelión de la Sal, Dragoner; in Guernica: Bataillon Loyola, Ingenieur-Bataillon, zwei Batterien Artillerie. Was die Bedeutung als Zentrum der Rüstungsindustrie anbetrifft, so besaß Guernica - um nur diese Stadt zu nennen -, das friedliche Guernica, wie die rote Presse sagt, Fabriken für die Herstellung von Bomben, Munition, Waffen…«

Es wird deutlich, wohin die Propaganda der Nationalen zielt: Guernica war keine »offene Stadt«, Guernica war ein »militärisches Objekt«. Das widersprach den Ausführungen von General Queipo de Llano, dessen Rundfunkansprachen an die Bevölkerung über Radio Sevilla offiziösen Charakter trugen. Am 30. April veröffentlichte ,,ABC Sevilla« die Ansprache, in der Queipo de Llano die Fragen der Londoner Zeitung Daily Express und seine Antworten bekanntgab. Der General erklärte u. a.:

»Guernica ist kein militärisches Objekt, und deshalb sagte ich auch, daß die Stadt für uns eine wertvolle Tradition besitzt und wir diese achten. Das Feuer wurde nicht durch von Flugzeugen abgeworfene Bomben verursacht, sondern durch Sprengkörper, wie wir zu gegebener Zeit beweisen werden.

Wenn wir Guernica wirklich bombardiert hätten, warum sollten wir es leugnen? Wo das Recht vollkommen auf unserer Seite ist, denn die Roten haben Oviedo, Toledo und so viele andere Orte bombardiert, ohne daß diejenigen protestierten, die es heute tun.«

Das zu Beginn der Offensive im Norden von der deutschen Führung gegenüber den Spaniern durchgesetzte Einsatzführungskonzept ihrer Luftstreitkräfte… belastet die Legion Condor mit einem hohen Maße an Verantwortung für die Zerstörung Guernicas… Die Gesamtverantwortung der obersten nationalspanischen Führung in Salamanca, die dem Einsatz der Legion Condor im Norden auch unter diesen Umständen zugestimmt hat, bleibt davon unberührt.

Klaus A. Meier: »Guernica« S. 67

Es war für die baskische Regierung in Bilbao und die spanische Regierung in Valencia nicht schwer, die Widersprüche in den Behauptungen der Nationalen aufzudecken, denn ehe Guernica am 29. April von den nationalen Truppen besetzt wurde, hatten die Republikaner Zeit genug, wichtige Zeugen zu präsentieren - die Korrespondenten der großen ausländischen Zeitungen.

Der Augenzeuge, der keiner war

Eine entscheidende, wahrscheinlich sogar die wichtigste Rolle in der Propagandakampagne um den Luftangriff auf Guernica spielte der Times-Korrespondent G. L. Steer. Seine Berichte, die auf Angaben von Einwohnern von Guernica beruhten, in der Öffentlichkeit als Berichte eines Augenzeugen aufgefaßt, denn sie entsprachen genau der Aufmachung des englischen sogenannten Tatsachenberichts.

Der englische Leser und Hörer hat ein Bedürfnis nach »Hintergründen« und geheimen Zusammenhängen. Zu jeder Mitteilung will er die »Story«, die ausmalende Geschichte. Vieles, was wir von der englischen Detektivgeschichte als Literaturgattung wissen, gilt auch für die Aufmachung des politischen Geschehens durch den Agitator. (K. Kurth u. W. Hollmann, Die Wirkungsgesetze der Presse. Zeitungswissenschaft, Heft 3/1940, S. 70.)

Die Schwarzweißtechnik beherrschte Steer perfekt. Dem Feind ist jedes Maß an Scheußlichkeiten zuzutrauen, während die Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nur auf der eigenen Seite zu finden ist. Selbstverständlich wird der Anschein der Objektivität gewahrt. Natürlich gibt Steer zu, daß er kein Augenzeuge des Luftangriffs gewesen, sondern erst spät in der Nacht von Bilbao nach Guernica gefahren ist und sich dort nur wenige Stunden aufgehalten hat. Seine »Storys aber - veröffentlicht in dem 1938 erschienenen Buch »The Tree of Guernica« (Der Baum von Guernica) beginnt so:

»Die Uhr in unserem Auto zeigte 4.30 Uhr nachmittags an. Es war Montag, der 26. April 1937.

Es war Markttag in Guernica, und gerade um diese Zeit war die Stadt gedrängt voll…«

Und nun beginnt die Schilderung des friedlichen Lebens in einer friedlichen Stadt, wo man nur ein paar Faschisten eingesperrt hat, aber nur »ganz wenige«. Die Einwohner lebten wie immer, die Priester gingen in ihrer Sountane durch die Straßen, und in den Kirchen wurde zu jeder Tageszeit die Messe gelesen. Zwei Bataillone baskischer Nationalisten waren im Norden in einem grünen Wäldchen stationiert, an der Straße, die nach Bermeo führte. In Guernica selbst gab es nur einen Posten der motorisierten baskischen Polizei und keine Truppen. Die Front verlief viele Kilometer entfernt, und niemand dachte - laut Steer - wahrscheinlich überhaupt an den Krieg, als die Kirchenglocken zu läuten begannen - Fliegeralarm! Seitenlang schildert Steer nun den Angriff, der mit der gleichen Methode wie in Durango am 31. März durchgeführt worden sei. Seine Darstellung ist - manchmal in leicht abgewandelter Form - in fast allen Berichten über Guernica wiederzufinden. Zuerst kam demnach eine Heinkel 111 und warf »sechs Bomben und einen Haufen Granaten in die Nahe des Bahnhofs.« Ein Angestellter der Eisenbahn informierte Bilbao telefonisch über diesen Angriff. Kurz darauf erschien eine weitere Heinkel 111, die das gleiche Ziel bombardierte und die Telefonleitung nach Bilbao unterbrach. Es vergingen 15 Minuten, die Menschen verließen die Schutzräume, doch Motorengeräusch trieb sie wieder in die Unterstände zurück. Ju 52 kamen und warfen Bomben. Immer mehr Bombenflugzeuge erschienen. Sie warfen nicht nur Bomben von 50 und 100 (engl.) Pfund, sondern auch Torpedos von 1000 (engl.) Pfund. Die Bomben schlugen in die Schutzräume, unter der Bevölkerung brach Panik aus. Auf diesen Augenblick hatten die Jagdflieger gewartet, sie stürzten sich auf die Menschen und schossen auf sie mit Maschinengewehren. Gruppen von 3 bis 12 Flugzeugen He 111 und Ju 52 warfen Bomben, alle 20 Minuten kam eine neue Welle. »Gegen 19.30 Uhr hatte sich das Feuer so ausgebreitet, daß es drohte, die kleine und dicht bevölkerte Stadt völlig zu vernichten mit Ausnahme der Casa de Juntas und der Hauser der faschistischen Familien, die, weil sie reicher waren als die anderen, in aus Stein gebauten Häusern wohnten, die abgelegen von der Stadt standen. Das gefräßige Feuer ergriff sie nicht, obwohl es unter dem Einfluß des Windes in einigen Fällen seine Klauen nach ihnen ausstreckte. Um 19.45 Uhr erschien das letzte Flugzeug. Die Nacht kam. Guernica existierte nicht mehr.« Steers Schlußfolgerung lautet: »Guernica wurde wie Durango angegriffen, um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und dadurch auch die Miliz; und um die Verbindungen zur Nachhut der sich zurückziehenden Armee zu unterbrechen, wie ich es am Nachmittag des 26. April bei Arbacegui-Guerricaiz sah.«

Tapfer erfolgreich und korrekt

Franco am 5. Juli 1965:

Ich glaube nicht, daß sich jemand über das Verhalten der deutschen Freiwilligen in Spanien beschweren kann. Sie waren immer tapfer, erfolgreich und korrekt. Sie haben einen anderen Charakter als wir, aber unsere Beziehungen zueinander waren immer herzlich. Ich habe eine dankbare Erinnerung an alle ausländischen Generale, die so erfolgreich und heroisch in Spanien kämpften, um uns vor dem Kommunismus zu retten.

Francisco Franco Salgado-Araujo: »Mis conversaciones privadas con Franco«, Barcelona 1976, S. 454

Der entscheidende Begriff lautet »Terrorangriff«. Alle künftigen Darstellungen, alle Proteste der Regierungen in Bilbao und Valencia laufen darauf hinaus, die »faschistischen Barbaren«, die »menschlichen Bestien« vor aller Welt zu brandmarken. Der baskische Minister Irujo wandte sich am 16. Juni an die »freien Völker Amerikas«. In seiner Erklärung, die er einem Vertreter von United Press übergab, erklärte Irujo, daß Buskadi 1937 unter der Invasion der gleichen tyrannischen Mächte Europas, die verbrennen, zerstören, vergewaltigen und töten, zu leiden habe wie Belgien 1914. Das kleine baskische Volk habe drei Monate lang heroischen Widerstand gegenüber den Eindringlingen, Deutschen, Italienern, Mauren und spanischen Faschisten geleistet. »Eibar, Elgueta, Durango, Amorebieta, Munguia, Galdacano, Guernica… die Städte der Industrie, der Tradition und der Kunst Buskadis sind durch deutsches Blei zerstört worden… Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Belgien von 1917 und dem Buskadi von 1937. Die Invasion Belgiens bewegte die ganze Welt und rief die Demokratien der Welt gegen die Tyrannen zu den Waffen, die sie besiegten und dem Land die legale Regierung wiedergaben.

Aber für Buskadi, die baskische Demokratie, die älteste Demokratie Europas, hat man bisher nur Worte übrig gehabt, Erklärungen großer Wertschätzung und wertvoller indirekter Hilfe, aber nichts angebahnt, um den ausländischen Invasoren den Zutritt zu verwehren, die beabsichtigen, die baskische Rasse auf dem Boden ihres Vaterlandes auszurotten.« (ABC Madrid 17. Juni 1937).

Schon am 13. Juni 1937 hatte der Präsident der baskischen Regierung, Jose Aguirre, eine Botschaft an die Regierungshäupter folgender Länder geschickt: Frankreich, Belgien, Holland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Sowjetunion, USA, Mexiko, Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Rumänien, Ägypten, Irland, Argentinien, Chile, Peru, Bolivien, Paraguay, Ecuador, Venezuela und die Schweiz, in der er erklärte, daß seit 75 Tagen über hundert deutsche und italienische Flugzeuge gemeinsam mit maurischen Söldnern und regulären Truppen ihrer Länder wütend bemüht sind, Städte und Dörfer zu zerstören und die Bevölkerung auszulöschen. Aguirre rief das »Weltgewissen« auf, zu verhindern, daß die furchtbarste Ungerechtigkeit, deren die Weltgeschichte je Zeuge war, geschehen konnte.

Der zweite entscheidende Begriff ist geprägt: Völkermord. Die Kugel rollt. Nichts hält sie mehr auf.

(wird fortgesetzt)


Literatur

Castor Uriarte Aguirreamalloa, Bombas y mentiras sohre Guernica, Bilbao 1976 - Heinrich Dietz, Agitation und Massenhysterie in England, Essen 1941 - Adolf Galland, Die Ersten und die Letzten, München 1953 - Klaus A. Maier, Guernica 26. 4. 1937. Die deutsche Intervention in Spanien und der »Fall Guernica«, Freiburg 1975 -Herbert Molloy Mason, Die Luftwaffe, dt. Ausgabe, Wien/Berlin 1973 - Wilfred von Oven, Hitler und der Spanische Bürgerkrieg, Mission und Schicksal der Legion Condor, Tübingen 1978 - Francisco Franco Salgado-Araujo, Mis conversaciones privadas con Franco, Barcelona 1976 - ders., Mi vida junto a Franco, Barcelona 1977 – George Lowter Steer, El arbol de Guernica, Editorial Gudari 1963 - Gordon Thomas y Max Morgan- Witts, El die en que murió Guernica, Barcelona 1976 - Hugh Thomas, Der Spanische Bürgerkrieg, dt. Ausgabe, Frankfurt/M. u. Berlin 1961 - Zeitungen und Zeitschriften: ABC Madrid - ABC Sevilla Blanco y Negro Madrid - Die Welt, Hamburg - El Pais, Madrid - El Alcazar, Madrid - Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt - Informacion, Alicante - News Chronicle, London.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(3) (1979), S. 26-33

Zurück zum DGG-Menü
Zu Teil 2 dieses Beitrages