Um Wahrheit und Gerechtigkeit

Prof. Barnes - Vorkämpfer des modernen historischen Revisionismus

Dankwart Kluge

Im August 1968 verstarb in den Vereinigten Staaten der vielfach geehrte Historiker Prof. Dr. Harry Elmer Barnes[1]. Er lehrte an unzähligen Hochschulen Amerikas, an der Columbia, Syracuse- und Clark-Universität, am Barnard- und Smith-College, an den Universitäten von Colorado und Indiana und vielen anderen. Er war hochgeachtetes Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Vereinigungen, u. a. der American Historical Association, der Academy of Political Science, der Societe de Sociologie Masaryk, der Society of American History und der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Er traf mit den führenden Politikern des 1. Weltkrieges zusammen, mit Kaiser Wilhelm II., mit Tirpitz, mit den Botschaftern Schön, Pourtales, Bogitschewitsch, Jules Cambon, mit dem österreichischen Außenminister Graf Berchthold, mit Joseph Caillaux aus Frankreich, mit Bens in England, mit Freiherrn von Schilling, dem Kanzleichef des russischen Auswärtigen Amtes usw. Bei seiner Europareise 1926 erregte er mehr Aufsehen als Präsident Th. Roosevelt 1910. Allein in München sprach er zu fast 20.000 Zuhörern. Prof. Barnes hat über 70 Bücher und Hunderte von Aufsätzen veröffentlicht[2]. Sein geistiges Schaffen umfaßt die Gebiete der Kultur und Geistesgeschichte, der Soziologie, der Kriminologie, der Historiographie, vor allem aber das der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Barnes gilt noch heute als einer der hervorragendsten Sachkenner auf dem Gebiet der Kriegsursachenforschung. Seine Werke sind nach wie vor grundlegend. Wer war dieser Prof. Barnes? Unser Mitarbeiter Dankwart Kluge, der sich - zuletzt durch seine blendende Untersuchung über die Authentizität des sog. »Hoßbach-Protokolls« (Druffel-Verlag, 168 S. 19,S0 DM) - unter der jüngsten Generation deutscher Historiker einen angesehenen Namen gemacht hat, gibt die Antwort.


Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war auch die Geschichtswissenschaft ins Wanken geraten. Die politische Propaganda hatte sich tonangebend durchgesetzt. Eigenständige Forschung war kaum mehr gefragt. Aufgabe des Historikers sollte von nun an sein, die »richtige«, d. h. die gerade opportune Auffassung fachlich zu untermauern. Also galt es, wie in Versailles festgelegt, die alleinige Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges nachzuweisen. Die Qualität des Argumentes war dabei weniger wichtig, wenn nur das Ergebnis stimmte. Die Gründe dafür hatte Lloyd George so dargelegt: »Für die Alliierten ist die deutsche Verantwortlichkeit grundlegend. Sie ist die Basis, auf der das Gebäude des Vertrages errichtet worden ist.«[3]

Gegen diese Art von Geschichtsbetrachtung schlossen sich zunächst in den USA Anfang der 20er Jahre einige aufrechte Historiker zusammen, die seither als Revisionisten bekanntgeworden sind[4]. Ihnen ging es darum, die bisherigen Grundlagen wissenschaftlicher Geschichtsforschung zu erhalten. Gewissenhaftes Quellenstudium und unbestechlicher Wille zur Wahrheit lauteten ihre Parolen. Neben Sidney Bradshaw Fay, Walter Millis Gratton und dem berühmten Charles Beard war Harry Barnes einer ihrer profiliertesten Vertreter. Unerbittlich entlarvte er Lüge und Fälschung, zunächst:

Die Kronratslegende vom 5. Juli 1914

An diesem Tage soll Kaiser Wilhelm II. mit seinen Getreuen beschlossen haben, Europa in einen Krieg zu stürzen. Barnes wies nach, daß die meisten der angeblichen Teilnehmer sich damals gar nicht in Berlin befanden[5] und zitierte den französischen Ministerpräsidenten Poincaré, der seinerseits dazu feststellte: »Ich behaupte nicht, daß Deutschland und Österreich während dieser ersten Phase die bewußte Absicht hatten, einen allgemeinen Krieg zu provozieren. Es existiert kein Dokument, welches uns das Recht zu der Vermutung geben könnte, daß sie zu jener Zeit einen so systematisch durchdachten Plan gehabt hätten.«[6]

Zur russischen Mitwisserschaft am Mord in Sarajewo ermittelte Barnes das folgende:

»Daß die Russen dem ganzen Verschwörerwesen ihre Unterstützung angedeihen ließen, steht absolut fest. Der russische Gesandte in Belgrad, Hartwig, wußte von dem Komplott lange vor seiner Ausführung. Oberst Bozin Simitsch, Bogitschewitsch und Leopold Mandel haben nachgewiesen, daß Dimitrijewitsch in heimlichem Einverständnis mit Artamanow, dem russischen Militärattaché in Belgrad, handelte. Iswolski erzählt, unmittelbar nach dem Mord habe ein Bote des Königs von Serbien ihm die Meldung überbracht: »Wir haben soeben ein gutes Stück Arbeit verrichtet.«[7]

Die französische Politik charakterisierte Barnes als auf völlige Vernichtung Deutschlands gerichtet[8]. Zwei Belegstellen mögen insoweit genügen:

1. Der belgische Botschafter in Frankreich, Baron Guillaume, im Januar 1914: »Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die Herren Poincaré, Delcassé, Millerand und deren Freunde es sind, welche die nationalistische, militaristische und chauvinistische Politik ausgesonnen und betrieben haben, deren Wiedererwachen wir miterleben. Sie ist eine Gefahr für Europa und für Belgien. Ich sehe darin die schwerste Gefahr, die heute Europas Frieden bedroht.«[9]

2. Poincaré am 29. Juli 1914 auf die Frage: »Glauben Sie, Herr Präsident, daß man den Krieg abwenden kann?«

»Dies zu tun, wäre sehr bedauerlich, denn wir werden niemals günstigere Umstände finden.«[10]

Barnes legte dar, daß England keineswegs nur wegen der Verletzung der belgischen Neutralität in den Krieg eingetreten war. Als Kronzeugen dafür berief er sich auf den englischen Außenminister. Grey »selbst sagt uns in seinen Memoiren, daß er auch ohne Belgien den Versuch gemacht haben würde, England in den Krieg hineinzuziehen, und daß er zurückgetreten wäre, wenn ihm dies mißlungen wäre.«[11]

Unterstreichend führte Barnes den englischen Gelehrten Conybeare an, der nach dem Kriege zugeben mußte:

»Grey war zweifellos in der Woche vor dem Krieg genauso ein Heuchler, wie er es in den 8 Jahren vorher gewesen war. Wir griffen Deutschland aus drei Gründen an. Erstens, um seine Flotte zu demütigen, ehe sie noch größer geworden war, zweitens, um seinen Handel in unsere Hand zu bekommen, drittens, um ihm seine Kolonien wegzunehmen.«[12]

Besonders scharf ging Barnes mit der amerikanischen Politik ins Gericht. Nicht der uneingeschränkte U-Bootkrieg der Deutschen war der eigentliche Kriegsgrund. Die Finanzwelt witterte Geschäfte.

»Von den Aussichten dieser Mächte auf Kriegserfolge und von ihrer Fähigkeit, den Krieg in die Länge zu ziehen, hing das relative Ausmaß der amerikanischen Profite und die Wahrscheinlichkeit ab, die diesen Ententemächten verkauften Waren bezahlt zu bekommen.«[13]

Wilson ließ daher seinen Vertrauten House an Lord Grey die Botschaft übermitteln:

»Die Vereinigten Staaten hätten den Wunsch, daß Großbritannien alles tue, was den Vereinigten Staaten dazu behilflich sein könne, den Verbündeten Beistand zu leisten.«[14]

Schon im April 1916 hatte der amerikanische Präsident seine Absicht angekündigt, »die Vereinigten Staaten in Kriegszustand zu versetzen, und dies sofort ... Wilson drohte nun und sagte, jeder, der ihm in den Weg trete, würde, wenn er einmal seinen Vorsatz durchzuführen begänne, politisch vernichtet werden«.[15]

In der Reihenfolge der Verantwortlichkeiten faßt Barnes den revisionistischen Standpunkt für die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges wie folgt zusammen: In erster Linie Serbien, Frankreich und Rußland. Sodann Österreich, »obschon dieses niemals einen allgemeinen europäischen Krieg gewünscht hat«. Endlich Deutschland und England, »wobei der deutsche Kaiser viel eifrigere Anstrengungen zur Erhaltung des europäischen Friedens (machte, d. V.) als Sir Edward Grey«.[16]

Man kann dieser Bewertung nun zustimmen oder nicht, Tatsache bleibt, daß Barnes wesentlich dazu beigetragen hat, die Versailler Kriegsschuldlüge ad absurdum zu führen. Die von ihm angeführten Beweise sind ja nicht zu bestreiten und können von jedermann nachgeprüft werden. Wenn also Poincare, Wilson u. a. sich für den Krieg ausgesprochen haben, so sind sie zweifellos mitschuldig an der Katastrophe von 1914-1918. Da mögen die Herren Fischer und Geiß noch so viele »neue Erkenntnisse« anbieten, an diesen Feststellungen der Revisionisten kommen sie nicht vorbei, wobei obige Zeugnisse natürlich nur eine ganz geringe Auswahl aus dem umfangreichen Dokumentmaterial darstellen.

Ebenso klar und überzeugend wandte sich Barnes gegen die Greuelpropaganda der Aliierten. Die Behauptungen im Bryce-Bericht widerlegte er durch Äußerungen Lloyd Georges und Nittis, die beide einräumten: »... daß niemals jemand ein belgisches Kind gesehen hat, dem die Deutschen die Hände abgeschnitten gehabt hätten.«[17] Die angeblichen »Leichenfabriken« führte er auf entstellte Fotografien und erfundene Tagebucheintragungen zurück. Schließlich erbrachte er den Nachweis der systematischen Fälschung sogenannter deutscher Kriegsverbrechen. Sein Gewährsmann war ein prominenter Vertreter der französischen Presse, der nach dem Krieg in seinen Erinnerungen über die Propagandazentrale in Paris offen bekannte:

»In den Kellerräumen standen die für den Druck der Presseerzeugnisse notwendigen Maschinen, unter dem Glasdach hauste die fotochemigraphische Abteilung. Ihre Hauptarbeit bestand darin, von Holzfiguren mit abgeschnittenen Händen, herausgerissenen Zungen, ausgestochenen Augen, zertrümmerten Schädeln, mit bloßgelegten Gehirnen Lichtbildaufnahmen und Druckstöcke anzufertigen. Die so gewonnenen Bilder wurden als untrügliche Dokumente, sozusagen als Augenzeugen deutscher Greueltaten, in alle Welt gesandt, wo sie die von ihnen erwartete Wirkung ausübten. Im gleichen Raum wurden auch Aufnahmen von zerschossenen belgischen und französischen Kirchen, geschändeten Gräbern und Denkmälern und grauenhaften Ruinen hergestellt. Die Kulissen für die Aufnahmen wurden von den ersten Dekorationsmalern der Pariser Großen Oper geliefert.«[18]

Mitte der 30er Jahre hatten sich die Erkenntnisse der Revisionisten fast überall durchgesetzt. In Frankreich folgten George Demartial und Fabre-Luce, in England E. D. Morel, Robinson und Durham, in Deutschland Montgelas, Draeger, Brandenburg, Alfred von Wegerer, Friedrich Stieve u. v. a. Kein Werk, das die Forschungen von Prof. Barnes übergangen hätte. George Peabody Gooch, Herausgeber des englischen amtlichen Aktenwerkes über die Ursachen des 1. Weltkrieges und unangefochtene Autorität auf dem Gebiet der Diplomatiegeschichte, würdigte schon damals den großen Wahrheitsforscher mit den Worten: »No other American has done so much as Prof. Barnes to familiarize his countrymen with the new evidence which has been rapidly accumulated during the last few years, and to compel them to revise their war-time judgements in the light of this new material.«[19] Barnes größte Zeit sollte jedoch erst noch kommen.

Der Großmonarch der Lügengegner[20]

Der 2. Weltkrieg hatte die Grundlage der Geschichtswissenschaft vollends zerschlagen. Das, was die Revisionisten in den Zwischenkriegsjahren mühsam erarbeitet hatten, lag in Trümmern. Unter dem Motto ›der Sieger hat immer Recht‹ begann eine wahre Hexenjagd auf diejenigen, die zu widersprechen wagten. Entlassungen, Berufsverbote, ja sogar Gefängnis waren nichts Außergewöhnliches. Die Umerziehung feierte entsetzliche Triumphe. Und wieder war es Barnes, der ohne Rücksicht auf persönliche Belange dem Zeitgeist mutig entgegentrat. Nachdem Beard und Tansill Roosovelt auf das schwerste belastet hatten, wagte Barnes im Hinblick auf die europäische Politik die damals geradezu ketzerische Feststellung, daß die Katastrophe von 1939 fast ausschließlich von den Engländern verschuldet worden sei.

»Während 1914 die britische Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zur Hauptsache auf der schwächlichen und doppelzüngigen Haltung Sir Edward Greys beruhte, also mehr eine negative als eine positive Verantwortung war, trugen die Engländer sowohl für den Ausbruch des deutsch-polnischen als auch des europäischen Krieges Anfang September 1939 nahezu die Alleinverantwortung. Lord Halifax, der britische Außenminister, und Sir Howard Kennard, der britische Botschafter in Warschau, waren weit verantwortlicher für den europäischen Krieg von 1939 als Sasonow, Iswolski und Poincaré für den von 1914.«[21]

Die deutsche Politik am Vorabend des Krieges bewertete er dementsprechend so:

»Hitler war weit davon entfernt, etwa mit brutalen und unbilligen Forderungen überstürzt einen Angriffskrieg gegen Polen einzuleiten, er bemühte sich während der Augustkrise 1939 weit mehr, den Krieg abzuwenden, als der Kaiser während der Krise im Juli 1914.«[22]

Die etablierte Historikerschaft wagte die Auseinandersetzung nicht. Statt Barnes zu widerlegen, hüllte sie sich in eisiges Schweigen. Die Taktik hatte sich geändert, das Ziel aber war dasselbe geblieben. Barnes nannte es »Geschichtsverdunklung« und kennzeichnete jene tonangebenden Forscher zutreffend als »Hofhistoriker«[23], Historiker, die unter der Geißel seelenloser Finanzmagnaten schreiben, was man von ihnen verlangt, nicht aber, was sie selbst für richtig halten. Der Vorwurf ist durchaus nicht übertrieben, denn andernfalls bleibt völlig unverständlich, warum sie entscheidendes Quellenmaterial - meist solches, das zugunsten Deutschlands spricht - einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Es handelt sich u. a. um die Forrestal Diaries, das Szembeck Journal, die Berichte Sven Hedins, die Telegramme der deutschen Konsuln in Polen, vor allem aber um die sogenannten Potocki-Dokumente. Weder Langer noch Gleason, deren Veröffentlichung »The Challenge to Isolation«[24] weithin als Standardwerk angesehen wird, scheinen jemals etwas von diesen Beweisunterlagen gehört zu haben. Prof. Hofer, ihr deutscher Fachkollege, führt zwar einiges davon in seinem Literaturverzeichnis an, läßt aber bei der Wiedergabe das Entscheidende weg[25]. Diese Berichte polnischer Diplomaten, deren Echtheit heute zweifelsfrei feststeht[26], besagen aber nichts anderes, als daß Roosevelt einen Krieg mit Deutschland ganz bewußt ansteuerte. Bereits am 12. Januar 1939 berichtete Graf Potocki, Botschafter in den USA, seinem Außenminister:

»Der Präsident Roosevelt war der erste, der den Haß auf den Faschismus zum Ausdruck brachte. Er verfolgte dabei einen doppelten Zweck. 1. Er wollte die Aufmerksamkeit des amerikanischen Volkes von den innerpolitischen Problemen ablenken, vor allem vom Problem des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit. 2. Durch die Schaffung einer Kriegsstimmung und die Gerüchte einer Europa drohenden Gefahr wollte er das amerikanische Volk dazu veranlassen, das enorme Aufrüstungsprogramm Amerikas anzunehmen, denn es geht weit über die Verteidigungsbedürfnisse der Vereinigten Staaten hinaus ... Der Weg war ganz einfach, man mußte nur von der einen Seite die Kriegsgefahr richtig inszenieren, die wegen des Kanzlers Hitler über der Welt hängt, andererseits mußte man ein Gespenst schaffen, das von einem Angriff der totalen Staaten auf die Vereinigten Staaten faselt.«[27] Barnes verwies auf diese Dokumente ausdrücklich. Als zusätzlichen Beleg für die alliierte Verantwortlichkeit führte er Chamberlain selbst an, der nach Ausbruch der Feindseligkeiten in Europa geäußert hatte: »Amerika und das Weltjudentum haben England in den Krieg getrieben«[28] (America and the World Jews had forced England into the war). Schließlich berief er sich auf den US-Botschafter in England, Joseph Kennedy. Kennedy hatte unzweideutig festgestellt:

»Weder die Franzosen noch die Briten hätten Polen zum Kriegsgrund gemacht, wären nicht die ständigen Sticheleien aus Washington gewesen.«[29]

Der Leser mag diese Zeugnisse für zutreffend oder für unzutreffend erachten. Er mag die Verantwortung der Engländer stärker hervorheben, die der Amerikaner geringer einschätzen. Es ist jedoch absolut unwissenschaftlich, den Standpunkt führender Diplomaten, insbesondere den des britischen Premierministers, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. Haben sich doch auch andere Politiker, unter ihnen der polnische Botschafter in Paris, Lukasiewicz, der französische Außenminister George Bonnet und der ehemalige südafrikanische Verteidigungsminister Oswald Pirow, in diesem Sinne geäußert.

Obwohl Barnes unermüdlich seine Stimme erhob, gelang der Durchbruch zunächst nicht. Erst als Prof. Hoggan Anfang 1961 sein Werk »Der erzwungene Krieg«[30], das in der Zwischenzeit elf Auflagen erlebte, herausbrachte, riß der Schleier mit einem Mal auf. Die Kriegsschuldfrage war nicht mehr tabu, sie wurde wieder diskutiert. Hoggan hatte die Bresche geschlagen. Barnes stützte ihn, wo er nur konnte. Seine ganze Autorität bot er auf, um dem »Erzwungenen Krieg« zum Durchbruch zu verhelfen[31]. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Stimme der Revisionisten ist unüberhörbar geworden, die Hofhistoriker sind auf dem Rückzug. Eine neue Forschergeneration scheint sich durchzusetzen. Aigner, Fabry und Henke in Deutschland; Lukas, Zayas, Bartlett in den USA; Faurisson in Frankreich u. v. a. Man beginnt langsam wieder die Geschichte als Wissenschaft zu verstehen. Der Blickwinkel »Anklage oder Verteidigung« ist im Ergebnis viel zu emotional, viel zu kurzlebig, als daß sich daraus etwas Wirkliches lernen ließe. Grundlagenforschung tut not, wenn wir nicht zu Fehlschlüssen kommen wollen. Es ist das große Verdienst von Prof. Barnes, in einer Zeit, in der die Propaganda gnadenlos das Zepter führte, hier den richtigen Weg gewiesen zu haben. Das gilt um so mehr, als heute im Unterschied zur Weimarer Zeit zumindest die deutsche Regierung fast durchweg Schwierigkeiten bereitet und jegliche Unterstützung verweigert. Dabei ging es Barnes niemals um die Rechtfertigung Hitlers oder des Nationalsozialismus. Schon die Problemstellung lehnte er als unhistorisch ab. Andererseits wandte er sich gegen jeglichen Versuch, die Tatsachen zurechtzustutzen, nur um den im Krieg unterlegenen Parteien, sei es Deutschland, Japan oder Italien, noch zusätzlichen Schaden zuzufügen. Das danken wir Deutsche ihm besonders.

Barnes stellte seine Forschungen stets auf eine breite dokumentarische Grundlage. Seine Erkenntnisse mögen im Detail durch neueres Schrifttum ergänzt werden, in den großen Linien halten sie jedweder Kritik stand. Das gilt insbesondere im Hinblick auf seine Pearl-Harbor-Forschungen, die er noch kurz vor seinem Tod zum Abschluß bringen konnte[32]. Barnes bestätigte darin anhand neuer Quellen die Erkenntnisse Tansills, daß Roosevelt die Japaner zum Überfall auf Pearl Harbor provozierte, um so durch die »Hintertür« in den europäischen Krieg einzutreten. Zusammenfassend führte er aus: »Es steht einwandfrei fest, daß Roosevelt sein Land in den 2. Weltkrieg gegen den Willen von 80 % des amerikanischen Volkes hineingelogen hat.

Dieser Krieg kostete die Vereinigten Staaten etwa 1 Mill. Verluste ... Die unmittelbaren Kosten an Geld beliefen sich für die Vereinigten Staaten auf etwa 350 Milliarden Dollar, die Gesamtkosten auf mindestens 11/2 Billionen Dollar ... Roosevelts salbungsvolle moralische Verheißungen und Hulls fromme Wünsche sind vom Winde verweht; sie ließen die Schrecken des Massenmordes, entsetzliche physische Verheerungen, Verschleppungen im großen, rachsüchtige Metzeleien, legalisierte Lynchjustiz an geschlagenen Heerführern, eine Welt im Chaos und nur noch die Erinnerung an internationale Zusammenarbeit zurück.«[33]

Man hat Barnes wegen seiner Ausführungen auf das heftigste angegriffen, man hat ihn geschmäht, einen Nazi geschimpft und so weiter. Doch er ist nicht zu Kreuze gekrochen. Unbestechlich und kompromißlos blieb er der Sache verpflichtet und wahrheitsliebend.

Das war Harry Elmer Barnes.


Anmerkungen

  1. Biographisches in der Festschrift: Learned Crusader: The new History in action. hrsg. von Goddard. Colorado Springs 1968 und Cohen: The American Revisionists. Chicago/London 1967.
  2. Seine wichtigsten Arbeiten sind: Zum 1. Weltkrieg a) The Genesis of the World War. 3. Aufl. New York 1929; deutsche Ubersetzung: Die Entstehung des Weltkrieges. Stuttgart 1928 (gekürzt). b) In Quest of Truth and Justice. Chicago 1928. c) World Politics in modern Civilisation. New York 1930. d) Kriegsschuld und Deutschlands Zukunft. Berlin 1930. - Zum 2. Weltkrieg: a) Perpetual War for perpetual Peace. Caldwell 1953; deutsche Ubersetzung: Entlarvte Heuchelei. Wiesbaden 1961 (gekürzt). b) Die deutsche Kriegsschuldfrage. Tübingen 1964 (Grabert). c) Selected Revisionist Pamphlets. New York 1972. d) Pearl Harbor after a Quarter of a Century. New York 1972. Sonstiges: a) A History of historical Writing. 2. Aufl. New York 1962. b) An intellectual and cultural History of the western World. 3 Bde. 3. Aufl. New York 1965. c) History of western Civilisation. 2 Bde, New York 1935.
  3. Jagow: Unter dem Joch von Versailles. Berlin 1923, S. 98;
  4. Cohen, aaO.
  5. Barnes: Die Entstehung des Weltkrieges, aaO., S. 179;
  6. Barnes, aaO., S. 182;
  7. Barnes, aaO., S. 128/129;
  8. Barnes, aaO., S. 316;
  9. Barnes, aaO., S. 293;
  10. Barnes, aaO., S. 302;
  11. Barnes, aaO., S. 400;
  12. Barnes, aaO., S. 425;
  13. Barnes, aaO., S. 445;
  14. Barnes, aaO., S. 458/459;
  15. Bames, aaO., S. 460;
  16. Barnes, aaO., S. 482;
  17. Barnes, aaO., S. 225;
  18. Barnes, aaO., S. 227;
  19. Barnes: In Quest of Truth and Justice, aaO., S. 421;
  20. Connors in: Richthofen: Kriegsschuld 1939-1941, Vaterstetten 1975, S. 11;
  21. Barnes: Entlarvte Heuchelei, Wiesbaden 1961, S. 16;
  22. Barnes: Heuchelei, S. 15;
  23. Barnes: Die deutsche Kriegsschuldfrage, aaO., S.14 f und 71 ff;
  24. 2 Bde, New York 1952;
  25. Die Entfesselung des 2. Weltkrieges. Frankfurt/Main 1964;
  26. Der Verfasser wird in einem seiner nächsten Aufsätze dieses Thema erneut aufgreifen.
  27. Polnische Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges. Basel 1940, S. 49;
  28. Das Originalzitat in: Forrestal Diaries, New York 1951, S. 122;
  29. Forrestal Diaries, ebenda;
  30. Grabert Verlag;
  31. Trotz der engen Verbindung stimmten Hoggan und Barnes durchaus nicht in allem überein. Leider haben sich beide Historiker später überworfen;
  32. Barnes: Pearl Harbor after a Quarter of a Century, aaO.;
  33. Barnes: Entlarvte Heuchelei, aaO., S. 220, 222.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(1) (1981), S. 22-25

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