Die ganze Wahrheit

Dankwart Kluge

Im Oktober 1981 wurde im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme eine Dokumentationsstätte eröffnet. Der ein Berlin erscheinende "Tagesspiegel" berichtete über den Todesmarsch der dort Inhaftierten am Ende des Krieges zur Lübecker Bucht u. a.: "Die SS wollte den nachrückenden Engländern möglichst wenige Hinweise auf das Lager überlassen. In der Lübecker Bucht wurden die Häftlinge auf die drei dort liegenden Schiffe "Cap Arcona", "Thielbek" und "Athen" getrieben. Am 3. Mai…griffen britische Flugzeuge die Schiffe an und bombardierten sie. Die Cap Arcona und die Thielbek sanken, 7000 Häftlinge starben. "

Wer war verantwortlich? Für die Evakuierung die Deutschen. Für die Bomben die Engländer. Die Deutschen wurden zur Rechenschaft gezogen. Die Engländer nicht. Und warum nicht? Weil die Alliierten gar nicht daran dachten, eigene Kriegsverbrechen zu bestrafen. Das Schicksal jüdischer Menschen kümmerte sie nur wenig. Gab es für antideutsche Propaganda nichts her, zeigten sie sich uninteressiert. Hat sich je eine Proteststimme erhoben, als die Sowjets die "Struma" und "Mefkure" mit weit über 1000 jüdischen Passagieren im Schwarzen Meer versenkten? Wo blieb die Empörung über die polnischen und russischen Judenpogrome im Sommer und Herbst 1945? Wer zog die Verantwortlichen für die Irrfahrten der "St. Louis" und nicht zuletzt die Weigerung vieler Länder, die flüchtenden Juden aufzunehmen, zur Rechenschaft? Es ist leicht, Schuld und Verantwortung einseitig dem Besiegten anzulasten. Es ist schwer, die Gewichte gerecht zu verteilen. Doch die Toten verlangen die ganze Wahrheit. Das sind wir ihnen schuldig.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 30(2) (1982), S. 23.

Zurück zum DGG-Menü