Gespaltener Revisionismus?

Gedanken zu einem neuen Hitler-Buch

Dankwart Kluge

Erfreulicherweise handelt es sich bei vorliegender Arbeit um keine Hitler-Biographie im üblichen Sinne. Der Verfasser hat klar erkannt, daß die Zeit für ein solches Unterfangen noch nicht reif ist und auch der bloße Versuch nur Stückwerk bleiben müßte. Pemsel beginnt seine Arbeit mit einer ausführlichen Analyse des Nürnberger Prozesses, wobei Anklage und Verteidigung der einzelnen Beschuldigten überzeugend herausgearbeitet sind. Eine grundlegende Kritik der alliierten Statuten und Rechtspraktiken ist übersichtlich vorangestellt. Der Verfasser, von Hause aus Jurist und als Rechtsanwalt ein Mann der Praxis, erscheint dafür als besonders berufen. Überaus wissenswert sind die dargestellten Hintergründe der gerichtlichen Entscheidungen, die m. E. bisher viel zu wenig Beachtung gefunden haben. Kernstück der Studie ist die Außenpolitik des Dritten Reiches, die Hitler bekanntlich im wesentlichen allein bestimmte. Abgewendet von rechts- oder linksorientierten Betrachtungsweisen, vermittelt uns Pemsel eine in vieler Hinsicht neuartige Perspektive. So gliedert er beispielsweise in die Zeiträume friedlicher Revision bis 1938 und imperialistischer Politik in der Zeit von 1939-1941. Pemsel bewertet die Maßnahmen Hitlers ebenso als Machtpolitik wie diejenigen der USA, der Sowjetunion u. a. Er versteht das Spiel der Kräfte dadurch weit besser als die meisten anderen, die sich vor ihm an diesem Thema versucht haben. Die These vom erzwungenen Krieg ist für ihn ebensowenig überzeugend, wie die des vom Zaun gebrochenen Krieges Hitlers. So gelingt ihm eine historische Bewertung der Ereignisse 1933 - 1945, die immer wieder zum Überdenken des eigenen Standpunktes zwingt. Die Ursachen des Krieges sind nicht nur aus Schuldvorwürfen, sondern anhand der verschiedenartigen Interessenslagen der Beteiligten herzuleiten. Daß auch England, die USA und Rußland gewichtige Marksteine zum Kriege beigetragen haben, hält Pemsel dokumentarisch fest. Auch läßt er es sich nicht nehmen, auf die eigenartigen Auswüchse unserer Zeitgeschichtsschreiber hinzuweisen. Im Ton gelegentlich sarkastisch, legt er ihre Schwächen schonungslos offen, wobei er Bezeichnungen wie »Apologeten« und »Bewältiger« von vornherein als unzureichend ablehnt.

Schließlich behandelt Pemsel auch das deutsch-jüdische Verhältnis. Er unterstellt anhand gewichtiger Belege eine systematische Massenvernichtung großen Stils, relativiert jedoch durch ein gesondertes Kapitel über die Verbrechen auf alliierter Seite. Besondere Aufmerksamkeit in diesem Zusammenhang verdienen seine Ausführungen zur Frage »Was hat das deutsche Volk gewußt?«. Ein umfangreicher Dokumententeil sowie ein Zeitungsspiegel der Jahre 1932/1933 sind beigegeben.

Dr. Richard Pemsel

HITLER Revolutionär - Staatsmann - Verbrecher?

650 Seiten, umfangreicher Dokumentenanhang, Literatur-, Personen- u. Sachverzeichnis, Ln., DM 58,-

So manchem Leser dieser Zeitschrift mögen die Schlußfolgerungen Pemsels in diesem oder jenem Punkt wenig behagen. Auch der Unterzeichnete ist der Meinung, daß verschiedentlich eine ausführlichere Auseinandersetzung mit den Quellen, beispielsweise mit den Eichmann-Memoiren oder dem Wannsee-Protokoll wünschenswert gewesen wäre. Oberflächlichkeit wird man Pemsel jedoch in keinem Falle vorwerfen können. Die gelegentlich läßlichen Sünden mindern den Wert des Buches jedoch keineswegs. Durch seine souveräne Betrachtungsweise und durch immer wieder neuartige Fragestellung und nicht zuletzt durch die gründliche Beherrschung des Stoffes ist Pemsel ein großartiger Wurf zur Zeitgeschichte gelungen. Pemsel führt aus den eingefahrenen Gleisen der leider noch auf allen Seiten stark gefärbten Geschichtsbetrachtung heraus. Stets führt er die gegenteiligen Meinungen an, ohne die eine oder andere Seite in Grund und Boden zu verdammen. Er überwindet dadurch einen gelegentlich sturen Revisionismus ebenso wie eine vielfach einseitig verdammende Vergangenheitsbewältigung. Er verschreckt den politisch anders Denkenden nicht und hält die eigene Position in vertretbaren Grenzen. Er bricht damit die Front der Nürnberger Nachbeter auf, ohne sich selbst ins Abseits zu stellen. Gewiß sind die Thesen Pemsels noch nicht als abschließend zu betrachten. Sie sind aber ein Meilenstein nach vorn. Auf diesem Wege gilt es fortzufahren.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(1) (1987), S. 18

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