Böhmen und Mähren im frühen Mittelalter

Zur deutschen Siedlungsgeschichte und zur Slawenfrage

Dr. Werner Koeppen

Am 6. April 1985 waren elfhundert Jahre seit dem Tode des heiligen Methodius vergangen. Katholische Kreise, vor allem in der Tschechoslowakei, haben dieses Datums ausführlich gedacht, während die kommunistische Regierung in Prag ihren Funktionären die strikte Anweisung gab, daß bei den Feierlichkeiten nur kulturelle, keinesfalls aber religiöse oder historisch-nationale Betrachtungen zum Tragen kommen dürften. Wegen der in diesem Zusammenhang erschienenen sehr einseitigen westdeutschen Presseberichte sei im folgenden die Rolle Methods und Cyrills im Rahmen der deutschen Siedlungsgeschichte des Südostens dargestellt.


Für die deutsche Siedlungsgeschichte im Südosten sind das »Großmährische Reich« und die Jahrhunderte, die ihm seit der Völkerwanderung vorausgingen, von erheblicher Bedeutung, die ihre Ausstrahlung unvermindert bis in die heutige Zeit und ihre Probleme hat. Dabei sind zwei Tatsachen grundsätzlich zu beachten, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen:

1) Nationalpolitische Erwägungen, wie sie seit Beginn des vorigen Jahrhunderts die europäische Geschichte weitgehend bestimmen, spielen für diese frühen Jahrhunderte vor der Jahrtausendwende keinerlei Rolle. Sehr viel wichtiger war für die Menschen dieser Zeit bis weit in das Mittelalter hinein die religiöse Zugehörigkeit zum Christentum oder dessen Ablehnung.

2) Es ist ein weitverbreiteter, aber längst wissenschaftlich widerlegter Irrtum, daß nach Abschluß der Völkerwanderung, also um die Mitte des 6. Jahrhunderts, die Gebiete Östlich des Böhmerwaldes und der Elbe so gut wie restlos von ihrer germanischen Bevölkerung geräumt worden wären, daß somit die Volksteile, die man später als Slawen bezeichnet hat, ein völlig menschenleeres Gebiet besiedelt, und damit einen Rechtsanspruch auf dieses Land erworben hätten.

Bei dem leider fast völligen Fehlen zeitgenössischer schriftlicher Quellen, besonders für die Zeit von 570 bis 750, sind wir weitgehend auf archäologische Funde angewiesen, die in vielen Fällen Zufallsfunde sind. Vorsicht ist daher am Platze. Trotzdem steht durch die oft recht erfolgreichen Ausgrabungen und die wissenschaftliche Bearbeitung derselben in den letzten Jahrzehnten die geschichtliche Entwicklung in großen Zügen als gesichert fest.

Den endgültigen Zusammenbruch der römischen Herrschaft in den Donauprovinzen Rhätien und Norikum, kann man mit dem Ende der Tätigkeit des Heiligen Severin (482) in diesen Gebieten gleichsetzen. Severin übernahm die letzten verwaltungstechnischen Aufgaben zum Schutze der romanisch-keltischen Bevölkerung gegenüber den andrängenden Germanen. Über sein Wirken sind wir durch die Vita seines Schülers Eugippius, die dieser knapp 30 Jahre nach dem Tode Severins schrieb, einigermaßen im Bilde. Als die Thüringer 475 Passau zerstörten, organisierte Severin im Einvernehmen mit den Germanen den Rückzug der Reste der römischkeltischen, meist christlichen Bevölkerung nach Italien, der wenige Jahre nach seinem Tode (488) erfolgreich durchgeführt wurde. Zur gleichen Zeit besetzten die von der unteren Elbe kommenden Langobarden Südmähren und das nördliche Niederösterreich.

Böhmen-Mähren war seit vier Jahrhunderten, seit König Marbod, das Stammland der Markomannen, eines mächtigen germanischen Volkes. Ihr Name wird zum letzten Male 451 im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern genannt. Sie sind dann in den vielen durchziehenden germanischen Stämmen der Völkerwanderungszeit aufgegangen und haben sicher auch zu einem nicht unwesentlichen Teil an der Ausbildung des bayrischen Neu-Stammes nach 500 beigetragen.

Mit der Ausschaltung Odoakers durch Theoderich den Großen 493 kam das ganze Gebiet südlich der Donau unter ostgotische Herrschaft. Nördlich der Donau schloß sich das Thüringerreich an, zu dem Theoderich enge und gute Beziehungen unterhielt. In diesen so für Jahrzehnte konsolidierten Gebieten trat aber mit dem Tode des großen Ostgotenkönigs 526 eine äußerst ungünstige Entwicklung ein. Sofort nach Theoderichs Tode überschritten die Langobarden von Mähren aus die Donau und setzten sich in Norikum fest (527). Sie waren nicht in das große Konzept Theoderichs eingebaut worden. Ihr König Wakcho heiratete aber 512 die Tochter des Gepidenkönigs, des erbittertsten Gegners der Ostgoten. Dadurch traten auch die Langobarden zwangsläufig in Gegensatz zu Theoderich.

Von größter Wichtigkeit aber war das Eingreifen des erstarkten Frankenreiches, das Theoderich bisher durch seine geschickte Bündnispolitik mit den anderen germanischen Stämmen im Zaum gehalten hatte. Der fränkische König Chlodwig 1. (481-511) aus dem Geschlecht der Merowinger, war 496 auf Veranlassung der weitschauenden Politik der gallischen Bischöfe, die sehr stark römische Tradition vertraten, mit seinem Volk zum Katholizismus übergetreten, im Gegensatz zu allen anderen germanischen Königreichen dieser Zeit, die dem Arianismus anhingen, der vom Papsttum als die größte Ketzerei bekämpft wurde. An diesem Streit sind letztlich die Königreiche der Goten und Vandalen zugrunde gegangen.

Der Chlodwigsohn Theuderich (511-553) zerschlug 531/32 in mehreren blutigen Schlachten das Thüringerreich und tötete König Herminafried, den Schwiegersohn Theoderichs. Damit wurde der große geschlossene Herrschaftsbereich der Thüringer und die Verbindung zu den Ostgoten vernichtet. Die Ostgoten mußten sich gegen den byzanthinischen Angriff wehren, und schon 536 verzichtete der Ostgotenkönig Witiges auf alles Gebiet nördlich der Alpen zugunsten der Franken, um deren aktive Unterstützung gegen die Heere Belisars zu gewinnen.

Die Zerschlagung des Thüringerreiches und die dadurch ungeschützte Ostflanke Germaniens wirkte sich sehr ungünstig aus, da in der Folgezeit die schwächer werdenden Merowinger-Könige keinerlei reale Möglichkeit mehr hatten, dem lautlosen Einsickern von Einzelsippen und kleineren Stammesverbänden von Völkerschaften, die später als Slawen bezeichnet wurden, erfolgreich entgegenzutreten.

Ansturm der Awaren

Schon um 560 war es in Schlesien zu schweren Kämpfen mit den Awaren gekommen. Anstelle der Hunnen, die bald nach Attilas Tod (453) völlig aus der europäischen Geschichte verschwanden, trat damals eine neue große Bedrohung aus den Steppen Asiens, die Awaren. Dieses mongolisch-türkische Reitervolk tauchte 558 zum ersten Male im Donauraum auf und sollte bis in die Tage Karls des Großen die Geißel Osteuropas werden. Sie ritten auf Bocksätteln mit Steigbügeln, die es ihnen ermöglichten, während des Reiterangriffs ihre Fernwaffe, einen besonders konstruierten Bogen, erfolgreich einzusetzen, ehe der Gegner zum Nahkampf übergehen konnte. Durch ihre Schnelligkeit waren sie allen anderen Heeresverbänden der damaligen Zeit weit überlegen.

Als die Langobarden, die erstaunlicherweise stets ein recht gutes Verhältnis zu den Awaren hatten, 568 unter ihrem König Alboin nach Italien zogen - sie waren erst drei Jahre zuvor arianische Christen geworden - räumten sie den ganzen mittleren Donauraum, der damit verhängnisvoller Weise einer geschlossenen germanischen Besiedlung verloren ging. Die Awaren fühlten sich von da ab als Erben der Langobarden. Schon 582 eroberten sie die oströmische Festung Sirmium an der Save, Erzbistumssitz und wichtige Schlüsselstellung für den ganzen Balkan. Das eigentliche awarische Herrschaftsgebiet lag Östlich des Wiener Waldes, während das Land bis zur Enns als unbewohnte Pufferzone, als sogenannte »awarische Wüste«, gegenüber dem bayrischen Herzogtum und einer deutschen Kolonisation bestehen blieb. Auf ihren Verwüstungs- und Eroberungszügen trieben die Awaren viele Völkerschaften aus der Ukraine nach Westen, darunter auch verschiedene Stämme, die zuvor in dem Gebiet zwischen dem Dnjeprknie und den Pripetsümpfen gehaust hatten und die sehr viel später einmal als Slawen bezeichnet werden sollten. So kam es ab 580 zum Einsickern einzelner dieser Bevölkerungsteile ohne jede feste Bindung in Böhmen und Mähren. Es sei hier nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, daß das Land damals keineswegs unbewohnt und menschenleer war, sondern nur nach dem Abzug der Langobarden dünner besiedelt war als zuvor. Man muß dabei berücksichtigen, daß die Bevölkerungsdichte bei der allgemein extensiven Bewirtschaftungsmethode überall sehr gering war.

Das Einsickern dieser osteuropäischen Bevölkerungsteile in Böhmen und Mähren erfolgte in kleinen Sippenverbänden, die sich kampflos durch die Siedlungsgebiete der vorhandenen germanischen Grundbevölkerung schoben. Nirgends sind Nachrichten über Kämpfe in Sage oder Geschichte aufgezeichnet worden. Die archäologischen Funde der wenigen bisher aufgefundenen Siedlungen, die man einwandfrei diesen Östlichen Einwanderern zuschreiben kann, zeichnen sich durch fast völliges Fehlen von Waffen aus. Diese Siedlungen unterscheiden sich neben anderen Keramikformen deutlich von den germanischen durch ihre Bestattungsriten. Die Germanen wandten damals ausschließlich die Erdbestattung an, während die fremden Einwanderer ihre Toten verbrannten. Sieht man von den wiederholten Einfällen der Awaren ab, die diese verdrängten Stämme ausdrücklich als ihre »Sklaven« bezeichneten und unter deren Botmäßigkeit diese standen, so waren das späte 6. und das frühe 7. Jahrhundert eine relativ friedliche Zeit in Böhmen und Mähren.

Wesentlich anders sah es bei jenen Völkerstämmen aus, die kriegerisch mit den Awaren in Kärnten und Osttirol eingefallen waren, und die man dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Süd- oder Alpenslawen bezeichnen sollte. Schon 593 und 595 kam es mit den Karantanen, den heutigen Slowenen, im Pustertal zu den ersten kriegerischen, wechselhaften Zusammenstößen mit den Bayern unter Herzog Tassilo 1. (595-610). Diese Kämpfe zogen sich bis in die Zeit Tassilo 111. (748-788) hin, und die deutsche Abwehr fand in der Anlage des Benediktiner-Klosters Kremsmünster (777) und des Ausbaus des Klosters Innichen im Pustertal ihren Ausdruck, die die Voraussetzung für eine planmäßige deutsche Besiedlung waren.

Die »Slawen-Frage«

An dieser Stelle seien einige kurze Bemerkungen zum Begriff der sogenannten »Slawenlegende« gemacht. Daran, daß neben der germanischen und romanischen auch eine große Sprachgruppe besteht, die man heute allgemein die slawische nennt, zweifelt niemand. Ebensowenig an der allerdings meist stark überbewerteten Tatsache, daß infolge der Verschiebungen durch die Awareneinfälle fremdvölkische Sippen vom Ende des 6. Jahrhunderts an kampflos in loser Form in Böhmen und Mähren eingesickert sind. Teile von ihnen sind dann, wohl dem Lauf der Elbe folgend, in Norddeutschland eingewandert. Ihre Spitzen werden inmitten der ortsansässigen germanischen Bevölkerung kaum lange vor dem Beginn der karolingischen Zeit Mecklenburg erreicht haben. Ober ihre wirtschaftliche Struktur wissen wir kaum etwas; sie dürfte der ganz lose Zusammenhalt einer dünnen, ackerbautreibenden Bevölkerung in räumlich sehr kleinen Bezirken gewesen sein. Wo es in diesem Raum gelegentlich zur Bildung größerer staatlicher Formen für vorübergehende Zeit kam, ist stets die Führung durch germanische Kräfte nachzuweisen. Größere sprachliche Schwierigkeiten mit den germanischen Bevölkerungsteilen scheint es nicht gegeben zu haben. Die Sprache der damaligen, später slawischen Völkerschaften, war jedenfalls noch keineswegs differenziert und überall untereinander verständlich. Einhard (770-840), der Biograph Karls des Großen, schrieb in seiner »Vita Caroli Magni« ausdrücklich: »Es ist auch das Gebiet Germaniens, das von Barbaren bewohnt wird, die fast alle dieselbe Sprache sprechen.« Hier wird deutlich auf die sprachliche Einheit zwischen den westlichen und den Östlichen Germanen Bezug genommen. Die Übernahme einer großen Anzahl von germanischen Wörtern in spätere slawische Idiome ist jederzeit belegbar.

Jedenfalls sind Cyrillus und Methodius, wie so oft fälschlich behauptet wird, keineswegs die »Schöpfer der slawischen Sprachen«, denn schon in den »Freisinger slawischen Denkmälern« und in den »St. Emmeraner Glossen« des späten 8. Jahrhunderts, der ältesten originalen Überlieferung von Worten, die man später als slawisch bezeichnete, sind derartige Vokabeln zum Zweck der Missionierung längst vor den beiden griechischen Mönchen aufgezeichnet worden.

Was aber die »Slawenlegende« zu einem politischen Kampfmittel gegen die deutsche Siedlungsgeschichte macht, dem von deutscher Seite aus klar widersprochen werden muß, sind zwei Behauptungen:

1) Die Slawen hätten seit eh und je in den deutschen Gebieten ostwärts der Elbe gesessen. Sie seien auch während der Völkerwanderungszeit kurzfristig von durchziehenden germanischen Völkerschaften »überrollt« worden, oder sie seien spätestens schon im 6. Jahrhundert in ein völlig menschenleeres Gebiet in großer Zahl eingewandert, das ihnen nun mit Fug und Recht gehöre.

2) Die Deutschen, die sich später in diesen Gebieten befunden haben, so vor allem in Böhmen und Mähren, seien widerrechtlich als Eroberer und Unterdrücker eingedrungen, niemals aber von dort gerufen worden, so daß ein legitimes Recht bestehe, sie mit allen Mitteln wieder zu vertreiben. Das ist zum Beispiel die tschechische Auffassung, die schon in der Hussitenzeit des 15. Jahrhunderts ausgesprochen und dann, ins Extreme gesteigert, 1945 in die Tat umgesetzt wurde.

Es ist ja allgemein bekannt, daß die Bezeichnung »Slawen« für diese Völkergruppen erst sehr spät, erst im ausgehenden 18. Jahrhundert in Gebrauch kommt. Kein mittelalterlicher Historiker, zum Beispiel der keineswegs deutschfreundliche Hajek von Lobitschau, ein böhmischer Chronist aus Prag, wo er 1553 starb, in seiner in tschechischer Sprache erschienenen »Böhmischen Chronik«, erwähnt die Bezeichnung »Slawen«.

Der Ostpreuße Johann Gottfried Herder (1744-1803) verfaßte in seinen »Ideen zur Geschichte der Menschheit« einen Abschnitt über »Slawische Völker«, und führte den Ausdruck so erstmals in die Literatur ein. Gegen den Namen »Slawen«, der sich sowieso allgemein eingebürgert hat, wäre nichts einzuwenden, wenn er nicht sehr bald zu einer geschickten, politisch äußerst verhängnisvollen Fälschung benutzt worden wäre. Die mittelalterlichen Chronisten verwandten allgemein für Angehörige von Völkerschaften, die nicht christlich getauft waren, den Ausdruck »sclavi«, wobei jeglicher Bezug auf eine national-völkische Zugehörigkeit entfiel. Der Ausdruck »Sclavi« bezeichnete für diese mönchischen Geschichtsschreiber einfach »Sklaven, Götzen- und Teufelsdiener«.

Adam von Bremen nennt einen zwischen Havel und Oder ansässigen germanischen Stamm die »Vinuler«, worunter sich der alte Name »Vandalen« verbirgt. Im gleichen Zusammenhang sprach man auch von »Wenden« = Vandalen. Noch im 14. Jahrhundert nennen sich die norddeutschen Städte der Hanse unter Lübecks Führung das »wendische Quartier«! Der Markgraf von Brandenburg führte bis in die Tage des preußischen Königtums stets den offiziellen Titel »Herzog der Vandalen«.

Man machte die Fälschung komplett, als man im 19. Jahrhundert aus den alten Chroniken bei dem Worte »Sclavi« einfach das »c« wegließ und kühn behauptete, daß »slavi«, also ohne »c«, eben die alte Bezeichnung für »Slawen« gesesen sei! Als die »Chronica Sclavorum« des Helmold von Bosau (gestorben 1177), die natürlich nie eine Slawenchronik, sondern eine Geschichte der Bekehrung der noch heidnischen Stämme zwischen Elbe und Oder war, im Jahr 1910 auch ins Deutsche übersetzt wurde, war der Herausgeber aus wissenschaftlicher Genauigkeit so ehrlich, in der Einleitung folgendes zu bemerken: An bezug auf die Ubersetzung ist noch zu bemerken, daß die alten Namensformen meistens beibehalten sind, jedoch die Schreibung ›Sclaven‹ als zu störend aufgegeben ist. «

Deutlicher geht es wohl nicht mehr! So wurde der mittelalterliche Begriff »Sclavi« dem modernen Wort »Slawen« gleichgesetzt in jenem 19. Jahrhundert, welches sich sowieso durch die vielen geschichtlichen Fälschungen der sogenannten tschechischen Historiker auszeichnete. Es sei hier nur ganz kurz an die »Auffindung« der angeblichen »Königinhofer Handschrift« erinnert, die Wenzel Hanka (1791-1861) im Jahre 1817 fälschte.

Das Reich des Samo

Solange die fränkischen Könige die tatsächliche Macht dazu besaßen, waren ihnen die Ereignisse jenseits des Böhmerwaldes keineswegs gleichgültig. So besonders während der Regierungszeit Dagobert 1. (623-639). Er sandte im Jahre 623 den Franken Samo, der aus Sens in der Champagne stammte, also nie ein sogenannter »alter Slawe« gewesen sein kann, angeblich als Händler nach Böhmen. Wahrscheinlich war die Bezeichnung »Händler« eine Tarnung, oder man hat darunter »Unterhändler« verstanden. Jedenfalls verstand Samo sein Handwerk und machte sich unter Ausnützung der allgemeinen Ablehnung der Awarenherrschaft seitens der gesamten Bevölkerung von Böhmen und Mähren zu deren Führer. Der Zeitpunkt war günstig gewählt, denn die Awaren befanden sich durch die erfolglose und verlustreiche Belagerung von Kontantinopel im Jahre 626 in einer Krise, die auch die Bulgaren zum Befreiungsaufstand benutzten.

Sehr bald kam aber Samo auch mit König Dagobert in Konflikt, da der erhebliche germanische Bevölkerungsteil Böhmen-Mährens eine fränkische Botmäßigkeit strikt ablehnte. In einem längeren Kriege konnte Samo seine Selbständigkeit gegenüber dem fränkischen Reiche bewahren. Durch ein Bündnis mit den slowenischen Karantanen konnte Samo seine Herrschaft festigen. Fredegar, ein burgundischer Historiker aus Genf, hat diese Ereignisse, bei denen er teilweise Augenzeuge war, in seiner fränkischen Chronik »Historia Francorum«, einer der seltenen schriftlichen Quellen dieser Zeit, um 660 ausführlich geschildert. Das Reich des Samo bestand bis zu seinem Tode im Jahre 658. Es zerfiel sehr schnell, wie alle politischen Schöpfungen, die nur auf der Tatkraft eines einzelnen beruhen. Eine endgültige Abschüttelung der Awarenherrschaft wurde nicht erreicht. Dies gelang erst 125 Jahre später Karl dem Großen.

Bei der Herrschaft Samos zeigte sich mit aller Deutlichkeit, daß die in ganz losen Sippenverbänden lebenden späteren Slawen nicht in der Lage waren, aus ihren Reihen militärisch und vor allem organisatorisch begabte Männer zu stellen, die ohne aktive germanische Hilfe die Führung übernehmen konnten. Dies sollte auch nicht nur bei der Gründung des »Großmährischen Reiches« der Fall sein, sondern sich auch mit entscheidenden Folgen bis auf unsere Tage bei der Bildung des späteren polnischen Staates durch den Dänen Dago um 960 zeigen. Schon hundert Jahre früher bei der Entstehung des Kiewer Reiches, der Keimzelle des heutigen Rußlands, durch den schwedischen Warägerfürsten Rurik und seine germanische Gefolgschaft war dies der Fall gewesen.

Die karolingische Zeit

Das achte Jahrhundert begann mit einem großen Awareneinfall im Jahre 700 über die Enns, der sich höchst nachteilig für die deutsche Besiedlung erwies und bei dem auch die Bevölkerung Böhmen und Mährens spätestens wieder unter awarische Herrschaft kam. Der alte römische Bischofssitz Lauriacum oder Lorch an der Enns, der die unruhigen Zeiten bisher überstanden hatte, wurde nun völlig zerstört. Ein ähnlicher Awareneinfall, allerdings im südlichen Kärnten, wiederholte sich noch 740. Der bayrische Herzog Odilo wehrte den Angriff zwar ab, aber auch die Stämme der späteren Alpenslawen blieben unruhig. Erst Tassilo 111. (748-788) konnte sie im Jahre 772 endgültig unterwerfen. Mit den Awaren hatte der letzte Bayernherzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger ein fast freundschaftliches Verhältnis, was später einer der Hauptanklagepunkte seitens der Franken gegen ihn sein sollte. Jedenfalls unterstützen die Awaren die späteren Alpenslawen bei ihrem Kampf mit den Bayern nicht, so daß eine deutsche Besiedlung in Kärnten und Osttirol weitergeführt werden konnte.

Geprägt wurde das 8. Jahrhundert in Bayern, das damals im Gegensatz zu heute viel weiter Östlich reichte und im Westen erst ostwärts des Lechs begann, in erster Linie durch die planmäßige Christianisierung, die von Bonifacius mit aktiver Unterstützung der bayrischen Herzöge durchgeführt wurde. Die fünf großen Bistümer Regensburg, Eichstätt, Passau, Salzburg und Freising wurden damals gegründet, wobei Regensburg und Passau vor allem die Mission und Besiedlung im noch weitgehend heidnischen Böhmen-Mähren zufiel. In den beiden letzten Jahrzehnten dieses achten Jahrhunderts wurde die große Politik im Osten durch Karl den Großen und sein Eingreifen in Bayern bestimmt. Karl machte Bayern endgültig zur fränkischen Reichsprovinz durch die Absetzung Tassilos Ill. 788. Karl ging sofort gegen die Awaren vor. Sein Sohn Pippin (755-810) schlug sie 796 vernichtend und eroberte ihren »Hauptring« an der Theiß, wobei den Franken ungeheuere Schätze in die Hand fielen. Bis 802 war das Awarenreich vollkommen zerstört, das asiatische Nomaden- und Reitervolk verschwand aus der Geschichte. Karl gründete die »windische Mark«, die mit Bayern vereinigt und von dort aus besiedelt wurde. Bis zur Raab stand das Land jetzt der deutschen Kolonisation und Missionierung offen. Die Verschiebung der Machtverhältnisse durch die Vernichtung der Awaren mußte zwangsläufig auch zu Veränderungen im böhmisch-mährischen Raum führen. Der karolingische Statthalter in Bayern, Graf Audolf (gest. 819) unternahm 805 einen Feldzug nach Böhmen bis an die Mündung der Eger in die Elbe, wodurch das Land von diesem Zeitpunkt an in immer größere Abhängigkeit von Bayern geriet. Doch darf man den politischen Einfluß in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts nicht zu sehr überschätzen, wenn auch erstmals 822 mährische Abgesandte auf dem Reichstag zu Frankfurt erschienen.

Trotz der vielen gebietsmäßigen Veränderungen bei den dauernden Erbstreitigkeiten unter den Enkeln des großen Karl, die 25 Jahre dauerten und erst im Vertrag von Verdun 843 ihr vorläufiges Ende fanden, blieb Böhmen-Mähren stets bei Bayern. Die lange Regierungszeit Ludwig des Deutschen bildete trotz der vielen Empörungen und Treubrüche seiner Söhne und seiner Vasallen doch die Grundlage für eine Erschließung, Besiedlung und Missionierung, vor allem des benachbarten Mährens. In erster Linie widmeten sich unter der Leitung des Erzbischofs von Salzburg, dem Karl der Große die Mission der nichtgermanischen Stämme, die man später als Slawen bezeichnete, 798 offiziell übertragen hatte, die beiden Bistümer Regensburg und Passau dieser Aufgabe. Eine ganze Reihe von Kirchenbauten sind aus dieser Zeit nachweisbar. Gleichzeitig wurde die Drau als Grenze zwischen den beiden großen Kirchenprovinzen Salzburg und Aquileja festgelegt.

Im Jahre 842 zeigte sich ein erster Missionserfolg, als sich in Regensburg 14 böhmische »duces« taufen ließen. Unter einem »dux« verstand man in damaliger Zeit einen militärischen Befehlshaber, keinen Fürsten. Die Fuldaer Annalen berichten leider nicht, ob es sich bei diesen Täuflingen um Germanen oder um Fremdvölkische gehandelt hat. Für sie war ja nur wichtig, daß 14 Ungläubige, also sclavi, den Krallen des Teufels entrissen worden waren.

Im böhmisch-mährischen Raum bestanden um 840 noch keine größeren staatlichen Gebilde. Ein Jahr nach der Taufe der 14 duces zog Ludwig der Deutsche mit Heeresmacht nach Mähren und setzte den dortigen Herzog Mojmir zugunsten seines Neffen Rastislav (gest. 890) ab. Es war dies ein schwerwiegender Fehler, den Ludwig für über 20 Jahre bitter büßen mußte. Schon den Rückweg nach Bayern mußte sein Heer sich gegen eine heidnische Opposition mühsam erkämpfen. Ein verlustreicher Grenzkrieg mit wechselndem Erfolg begann für die nächsten zehn Jahre. Rastislav wurde mehr und mehr zur Zentralfigur des Widerstandes gegen Bayern und damit gegen die Deutschen überhaupt.

Das »Großmährische Reich«

Herzog Rastislav hatte ein sehr weitgestecktes Ziel. Er wollte sein Herzogtum, das sogenannte »Großmährische Reich«, wie es später genannt wurde, ganz aus dem Verband nicht nur des fränkischen Reiches, sondern auch der fränkischen Reichskirche lösen. Dazu wollte er je nach Gelegenheit den Kaiser in Byzanz und den Papst in Rom einschalten. Die kirchliche Unterstellung unter den Erzbischof von Salzburg bedeutete in damaliger Zeit auch die staatliche Unterstellung unter den fränkischen König. Man hatte zwar meist weniger etwas gegen den christlichen Glauben allein, wohl aber sehr viel gegen den Verlust der Freiheit und der Einbeziehung in ein fremdes Rechts- und Steuersystem.

Rastislav dürfte sich zunächst an Byzanz gewandt haben. Das oströmische Kaiserreich hatte damals, wie so oft in seiner tausendjährigen Geschichte, eine gefährliche religiöse Krise überstanden, den sogenannten »Bilderstreit«.

Dieser Bilderstreit förderte die Entfremdung zwischen Rom und Konstantinopel. Papst Gregor 111. (731-741) schleuderte gegen die oströmischen Bilderstürmer und ihren Patriarchen den Bannstrahl. Allen späteren Einigungsversuchen zum Trotz beginnt hier die tiefe Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel, der Streit zwischen dem römisch-katholischen und dem griechischorthodoxen Christentum, der bis in unsere Tage gedauert hat.

Rastislav wollte den ständigen Streit der beiden christlichen Oberhirten in Rom und Byzanz dazu benutzen, sein »großmährisches Reich« kirchlich selbständig zu machen, also in erster Linie die Botmäßigkeit der fränkischen Reichskirche abzuschütteln und damit auch den Herrschaftsanspruch König Ludwigs des Deutschen. Byzanz dagegen war weit und durch einen dauernden Zweifrontenkrieg gegen die Araber im Süden und gegen die Bulgaren und Slowenen im Norden vollauf beschäftigt. Wie Rastislav erwartet hatte, ging der oströmische Kaiser Michael 111. auf seine Bitte, geeignete orthodoxe Priester zur Bekehrung nach Mähren zu schicken, bereitwillig ein. Mit einem neuzugründenden Erzbistum in Mähren und Pannonien hoffte Byzanz seinen verlorengegangenen Einfluß auf dem Balkan und im Donaugebiet wieder herstellen zu können.

Michaels Wahl für diese Missionstätigkeit fiel auf die Brüder Konstantin (826-869) und Methodius (815-885), zwei aus Saloniki gebürtige griechische Priester, die der damals noch ziemlich einheitlichen slawischen Dialekte mächtig waren, die auf dem Balkan gesprochen wurden. Den Mönchsnamen Cyrillus, unter dem Konstantin in die Geschichte eingegangen ist, nahm er erst später in Rom an. Cyrillus war ein sprachenkundiger Gelehrter, Methodius war zunächst Offizier und trat erst später in das Kloster seines Bruders ein.

Mit einem Empfehlungsschreiben Kaiser Michaels ausgerüstet, begaben sich Cyrillus und Methodius 863 nach Mähren, um sofort mit Erfolg ihr Werk zu beginnen. Da seit Karl dem Großen ja die Dran die kirchliche Grenze zwischen den Erzdiözesen Salzburg und Aquileja war, beide römisch-katholisch, gehörte Mähren einwandfrei unter die Jurisdiktion der ersteren. Außerdem hatte Salzburg mit seinen Bistümern Regensburg und Passau seit über 60 Jahren nicht ohne Erfolg an der Mission und Besiedlung in Mähren gearbeitet. Die beiden griechischen Brüder waren sich klar darüber, daß sie ohne Einverständnis des Papstes keine selbständige Kirche würden errichten können. Sie begaben sich daher im Jahre 868 nach Rom, wo Cyrillus bereits im folgenden Jahre verstorben ist.

Die Päpste der damaligen Zeit waren in unmittelbarer Nachfolge drei bedeutende Männer, alles vornehme Römer aus alten Patriziergeschlechtern. Nach einer längeren Zeit völliger Bedeutungslosigkeit verschafften sie dem Stuhl Petri wieder allgemeine geistige Anerkennung in Europa. Unter geschickter Ausnutzung der gefälschten sogenannten Asidorischen Dekretalien«, verstanden sie, die Forderung des päpstlichen Primats durchzusetzen.

Die Päpste hätten rechtlich in jedem Fall ein durch die Missionstätigkeit von Cyrillus und Methodius neu einzurichtendes Bistum kirchlich dem Salzburger Metropoliten und damit staatlich dem fränkischen König unterstellen müssen. Kaum 60 Jahre waren vergangen, daß Karl der Große das Papsttum vor der absoluten Vernichtung gerettet hatte, doch schon jetzt begann dort eine gegen das gerade entstehende deutsche Reich gerichtete päpstliche Politik. Rom dachte natürlich nicht daran, die Missionserfolge der beiden griechischen Mönche Byzanz zugute kommen zu lassen, mit dessen Patriarchen es ja in einem erbitterten, religiös-weltanschaulichem Kampfe mit gegenseitigem Bannfluch lag. Man verfolgte viel-

mehr einen ähnlichen Plan wie Byzanz. Rom wollte anstelle des 582 durch den großen Awareneinfall zugrundegegangenen alten Erzbistums Sirmium an der Save ein neu zu gründendes Erzbistum schaffen, das auch die mährischen und bulgarischen Gebiete umfassen und Rom direkt unterstehen sollte. Zur Erreichung dieses Fernzieles war der Papst bereit, gegen die offizielle Reichspolitik die kirchlichen Selbständigkeitsbestrebungen Rastislavs über die Bekehrungsversuche des Methodius zunächst pro forma zu unterstützen.

Die große Gefahr, die Ludwig dem Deutschen durch die Politik Rastislavs drohte, versuchte der König durch ein Bündnis mit dem Bulgarenkhan Boris (852-89) auszuschalten. Dieses Bündnis konnte sich natürlich nur gegen Byzanz richten, mit dem die Bulgaren seit Jahrzehnten in heftige Kämpfe verwickelt waren. Boris hatte damals wohl auch gehofft, daß dadurch, daß die Bekehrung seines Volkes über die katholische fränkische Reichskirche erfolgen würde, er sich dem Einfluß von Byzanz würde völlig entziehen können. Dieser durchsichtige Versuch alarmierte aber Byzanz sofort, und in einem kurzen Kriegszug im Jahre 864 mußte sich Boris unter Annahme des christlichen Taufnamens Michael mit seinem Volk griechisch-orthodox taufen lassen. Aber Ludwig hatte inzwischen so viel Bewegungsfreiheit erlangt, daß Rastislav sich wenigstens offiziell unterwerfen mußte. Rastislavs Plan schien indessen endgültig zu glücken, als es ihm 869 gelang, ein großes ostfränkisches Heeresaufgebot vernichtend zu schlagen.

In dieser für Ludwig fast hoffnungslosen Situation brachte das Jahr 870, einen völlig unerwarteten Umschwung. Swatopluk, oder germanisch Zwentibald, ein Neffe des Rastislav, bisher Teilfürst im mährischen Neutra, nahm seinen Onkel gefangen und lieferte ihn an Ludwig aus. Dieser ließ seinen Hauptgegner sofort blenden.

Wir wissen bei der spärlichen Quellenlage und dem allgemeinen Desinteresse der damaligen Zeit an allen völkischen Gegebenheiten leider nicht einwandfrei, ob Rastislav und Swatopluk dem germanischen oder dem fremdvölkischen Teil der Bewohner Böhmens und Mährens zuzurechnen sind. Es ist durchaus denkbar, daß Rastiz oder Rastislav Verbalhornisierungen des germanischen Vornamens Reinlieb sind, ebenso wie Swatopluk dem germanischen Zwentibald entsprechen wird. Wir wissen aber, daß germanische Namen oft sehr schnell slawisiert wurden, so zum Beispiel bei dem Dänen Dago, dem Gründer des späteren polnischen Staates, der über all als »Miesko« in die Geschichte eingegangen ist, oder bei den Herrschern des Kiewer Reiches, wo schon 100 Jahre nach der Gründung slawisierte Namen wie Swätoslav oder Jaroslav statt der germanischen wie Rurik, Oleg oder Igor auftauchen.

Bei dem Sturz Rastislavs wurde auch Methodius, der inzwischen von Papst Hadrian 11. zum sirmischen Erzbischof, also für die Kirchenprovinz Pannonien, ernannt worden war, mitgefangen und mußte sich vor einer bayrisecen Bischofssynode unter Vorsitz des Salzburger Erzbischofs Adalwin wegen seiner Amtshandlungen in Mähren verantworten. Aus Anlaß der Vernehmung des Methodius wurde in Salzburg 871 eine sehr umfangreiche Denkschrift erstellt, die sowohl König Ludwig als auch dem Papst den Standpunkt der bayrisch-fränkischen Kirche deutlich machen sollte. Die durch die erfolgreiche Siedlungs- und Missionsarbeit erworbenen Rechte der Salzburger Kirche nicht nur in Mähren, sondern auch im Donaugebiet, wurden in informativer Sachlichkeit herausgearbeitet. Diese Denkschrift bildet ein wichtiges Quellenwerk für die Verhältnisse im ganzen südöstlichen Raum im 9. Jahrhundert.

Doch die politischen Entwicklungen der letzten 25 Jahre des 9. Jahrhunderts nahmen einen Verlauf, der keinem der an diesem großen Wettlauf um die Macht in Mähren und im Donauraum beteiligten Kräften den erhofften Erfolg beschied. Ludwigs des Deutschen Sohn Karlmann war so ungeschickt, durch eine völlig unbegründete Verhaftung des neuen Herzogs Swatopluk diesen und das gesamte großmährische Reich wieder wie zur Zeit Rastislavs zu erbitterten Gegnern der Deutschen werden zu lassen. Im Frieden von Forchheim 874 wurde Mähren sogar praktisch unabhängig von Bayern. Methodius mußte aus seiner Gefangenschaft im schwäbischen Kloster Ellwangen auf Einspruch des Papstes entlassen werden und konnte seine Missionstätigkeit in Mähren fortsetzen. Ludwig der Deutsche starb, 71 Jahre alt, schon 876, und auch der tatkräftige Karlmann folgte ihm im Jahre 880. Swatopluk konnte sich gegen die stets uneinigen und sich bekämpfenden Nachfolger Ludwigs des Deutschen machtmäßig bis zu seinem Tode 894 behaupten, was natürlich auch einen Rückschlag für die

deutsche Siedlungstätigkeit bedeutete. Mit dem Tode des Methodius im Jahre 885 aber hatte Swatopluk seine Absicht, sich auch kirchlich von der fränkischen Reichskirche zu trennen, aufgeben müssen. Er ließ die glagolitischen Missionare aus Mähren ausweisen (888), verbot deren Liturgie und setzte den Bischof von Passau wieder als Oberhaupt der mährischen Kirche ein. Ein religiöser Erfolg , mit Ausnahme von Bulgarien, war dem Werk des Methodius somit nicht beschieden. Der Papst hatte sich inzwischen Byzanz wieder genähert unter Aufhebung des Bannfluchs gegen den oströmischen Patriarchen, weil er dringend militärische Hilfe gegen die Sarazenen brauchte, die den Kirchenstaat von zwei Seiten bedrohten.

Papst Johannes VII. hatte zwar Methodius noch einmal offiziell als sirmischen Erzbischof anerkannt, aber er verfolgte mit Rücksicht auf Byzanz die Politik seiner Vorgänger nicht weiter, das neuzubildende Erzbistum Mähren-Pannonien sich direkt zu unterstellen.

Der sehr energische Swatopluk, dessen Name auf germanische Abstammung schließen läßt, starb im Jahre 894, und mit seinem Tode zerfiel das vor kurzem noch so mächtige großmährische Reich. Seine Söhne schlossen sofort mit den bayrischen Karolingern Frieden. Schon drei Jahre nach Swatopluks Tod konnte sich auch Böhmen endgültig von der mährischen Oberhoheit befreien. Nach den Fuldaer Annalen waren 895 »alle Herzöge der Bremannen = Böhmen aus den Sclavilande« in Regensburg vor König Arnulf erschienen, um dem König nach der Trennung von Mähren Tribut und Waffenhilfe zu versprechen. Jedoch den Nachfolgern Ludwigs des Deutschen und der deutschen Siedlungstätigkeit sollte diese scheinbar so günstige politische Entwicklung nicht mehr den geringsten Nutzen bringen. Nicht nur, daß die letzten ostfränkischen Karolinger alle kurz nacheinander in den Jahren zwischen 880 und 899 meist sehr jung verstarben und das Geschlecht Karls des Großen im ostfränkischen Reich wenige Jahre später (911) mit Ludwig dem Kind ruhmlos zu Ende ging, es entstand auch dem ganzen Abendland ein neuer furchtbarer Feind, der alles bisher Erreichte in Frage zu stellen drohte, die Ungarn.

Einfälle der Ungarn

Aus dem Jahre 882 datiert die erste Erwähnung von einem Zusammenstoß mit diesem asiatischen Steppenreitervolk, das sehr schnell die Rolle der Hunnen und Awaren übernehmen sollte. Der ostfränkische König Arnulf von Kärnten (887-899) hatte in seinem Endkampf gegen Swatopluk 893 erstmals ungarische Söldner eingesetzt, was ihm aus religiösen Gründen die größten Vorwürfe im ganzen Abendland eintrug. Schon 894 kamen sie wieder, aber da man ihre Söldnerdienste nach dem Tode Swatopluks nicht mehr brauchte, plünderten sie nun ganz Pannonien. Bedrängt von den Petschenegen an der mittleren Wolga, erschienen sie 900 zum ersten Male auch in Bayern. Nun ging es Jahr für Jahr Schlag auf Schlag, 901 Einfall in Kärnten, 903 eine Schlacht mit unbekanntem Ausgang gegen die Bayern, 906 völlige Zerschlagung der letzten Reste des großmährischen Reiches und 907 schließlich die vernichtende Niederlage des bayrischen Heerbanns bei Preßburg. Hier fielen nicht nur der Markgraf Luitpold, sondern auch der Erzbischof Thietmar von Salzburg (873-907) und die Bischöfe Udo von Freising (906-907) und Zacharias von Säben. Deutschland stand den Einfällen der Ungarn für viele Jahre völlig schutzlos offen.

Das ganze christliche Europa schien dem vollkommenen Untergang geweiht zu sein. Die Ungarn im Osten bis zum Bodensee, die Wikinger im Norden bis nach Italien, und die Sarazenen im Süden bis über die Alpenpässe hinaus brandschatzten alle Provinzen des Reiches Karls des Großen, die Wikinger zerstörten so wichtige Städte wie Paris, Köln, Mainz oder Trier. Auch Byzanz wurde 907 von den Warägern von Kiew aus und zehn Jahre später erneut von den Bulgaren belagert, verheert und zu laufenden Tributzahlungen gezwungen. Von dem »Großmährischen Reich« blieb keine Spur, das Missionswerk der Brüder Cyrillus und Methodius war auf das äußerste gefährdet und konnte nur sehr mühsam, nun wieder auf dem Boden der lateinischen Liturgie, unter salzburgischer Leitung fortgesetzt werden. Der Traum des Methodius, der Päpste und der byzantinischen Kaiser, ein nur von jedem einzelnen von ihnen abhängiges Erzbistum Mähren-Pannonien zu gründen, verschwand endgültig aus der Geschichte. Die politische Macht im böhmischen Raum ging sehr bald von Mähren auf das geschütztere Prag über, wo das Geschlecht der Premysliden seit dem Heiligen Wenzel (gest. 929) mit deutscher Hilfe und unter deutscher Lehenshoheit einen Staat aufzubauen versuchte, während Mähren selbst als Anhängsel Böhmens mehr und mehr bedeutungslos wurde.

Es ist erklärlich, daß durch die furchtbaren, jahrzehntelangen Verwüstungen durch die Ungarneinfälle die so erfolgreich begonnene Siedlungstätigkeit der karolingischen Zeit im Südosten stark zurückgedrängt wurde. Viele damals zerstörte Siedlungen, Kirchen und Klöster sind niemals wieder aufgebaut worden. Selbst so große und befestigte Klöster wie Tegernsee, Schlehdorf, Schäftlarn oder Freising-Weihenstephan fielen der Zerstörung anheim. Die Pannonische und die Karantanische Mark wurde von den Ungarn angegriffen und zu Anfang des 10. Jahrhunderts völlig überflutet. Mit größter Mühe hat man die Grenze in Anlehnung an die Alpen etwa an der unteren Enns, am Dachstein, bei den Hohen Tauern und am Toblacher Feld gehalten; alles, was Östlich davon lag, war zunächst verloren. Erst die siegreiche Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 brachte hier den entscheidenden Umschwung. Insbesondere der sehr rührige Bischof Pilgrim von Passau (971-91), bekannt aus dem Nibelungenlied, kümmerte sich energisch um die deutsche Wiederbesiedlung des Donautales bis in die Gegend von Preßburg.

Doch schon 976 wurden große Gebiete durch die Abtretung des Herzogtums Kärnten und der Mark Verona von Bayern getrennt, eine Entwicklung, die sich durch die Schaffung eines selbständigen Herzogtums Osterreich 1156 fortsetzte. Für die Geschlossenheit der deutschen Siedlungen wirkte sich diese Schwächung Bayerns nicht günstig aus.

Kurz sei noch die künstliche Schaffung der cyrillischen Schrift und Literatur gestreift. Die Schrift, keine Sprache, die Cyrillus erfand und kurz vor seinem Tode 868 in Rom dem Papst vorlegte, die »Glagolica« genannt, war nicht die spätere, noch heute gebräuchliche cyrillische Schrift. Diese entstand erst um 893 nach der Vertreibung der glagolitischen Mönchen aus Mähren im Jahre 888 in Bulgarien, wo diese unter Zar Symeon (893-927) Aufnahme gefunden hatten. Die damalige cyrillische Schrift bestand aus 24 aus dem griechischen Alphabet entlehnten Buchstaben und 14 Zeichen aus anderen Sprachen. Schon im 10. Jahrhundert wurde die Glagolica von der späteren cyrillischen Schrift verdrängt, die heute noch, natürlich mit gewissen Abänderungen, Ergänzungen und phonetischen Besonderheiten in der Schriftsprache der Russen, Serben und Bulgaren weiterlebt. Eine politische Bedeutung erlangte die cyrillische Schrift jedoch erst, als man zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann, mit ihr das Vorhandensein von »Slawen« in den frühen Zeiträumen vor der Jahrtausendwende durch Verfälschung von Namen in seit altersher vorwiegend germanisch bestimmten Räumen, vor allem westlich der Weichsel und des Böhmerwaldes, im antideutschen, panslawistischen Sinne beweisen zu wollen.

Widerlegung einer Legende

Franz Wolff
OST-GERMANIEN
Waren die Ostvölker Slawen?
348 Seiten, Gln. DM 32, -

In diesem ebenso sachkundigen wie kämpferischen Werk geht es um Begriff und Wirklichkeit dessen, was gemeinhin als Slawentum der Ostvölker bezeichnet wird. Mit einem solchen Begriff pflegen sich Vor- und Fehlurteile zu verbinden die geschichtlich ungerechtfertigt und sachlich nicht vertretbar sind. Eine solche Darstellung der historischen und sprach lieben Grundlagen des Slawenbegriffs muß man geradezu als eine Enthüllung bezeichnen. Ein Werk also, das Vorurteile ausräumt und Tatsachen an ihre Stelle treten läßt.

GRABERT-VERLAG-TÜBINGEN

Wie so häufig, zeigt sich auch hier wieder, daß es kaum größere geschichtliche Ereignisse gibt, die nicht eine mehr oder weniger große Ausstrahlung und Bedeutung auch für spätere Jahrhunderte haben. Ihre Kenntnis wird daher immer der Schlüssel für ein tieferes Verständnis auch der Probleme der Gegenwart sein. Die uns oft als verworren erscheinenden Verhältnisse des ganzen Balkans, die schon mehr als einmal der Anlaß zu großen Kriegen gewesen sind, haben in der geschilderten Entwicklung ihre tieferen Wurzeln. Der schwere, durch die Langobarden verursachte Fehler, im Jahre 568 den ganzen pannonischen Raum von germanischen Völkerschaften zu entblößen und kampflos dem asiatischen Reitervolk der Awaren zu überlassen, in deren Gefolge dann auf breiter Front von Saloniki bis Prag nach und nach Völkerschaften einsickerten, die man später als slawisch bezeichnete, rächt sich bis heute! Der Versuch Rastislaws und Swatopluks, eine von der fränkisch-deutschen Reichskirche unabhängige Kirchenorganisation zu schaffen, rief griechisch-orthodoxe Mönche bis nach Mähren, spaltete religiös den Balkan neben der volksmäßigen Zerrissenheit weiter auf und schuf für die Östlichen Völker Europas eine neue Schrift, die sich für viele Jahrhunderte bis heute als ein erhebliches Hindernis für die Verständigung mit dem Westen auswirkte, ganz abgesehen davon, daß man diese cyrillische Schrift in den letzten 150 Jahren auch zu einem politischen Werkzeug im panslawistischen Sinne gegen das deutsche Volk benutzt hat. Wir haben daher auch durchaus Veranlassung die 1100. Wiederkehr des Todestages des Slawenapostels Methodius zur Kenntnis zu nehmen und unsere Erkenntnisse daraus zu ziehen.


Literatur


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(3) (1986), S. 24-31.

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