Der westdeutsche Historikerstreit

Ein Schritt zum Revisionismus

Dr. Rolf Kosiek

Nachdem in Westdeutschland die offizielle Zeitgeschichtsforschung jahrzehntelang im wesentlichen das Geschichtsbild der Umerziehung vertreten hatte und nur wenige Abweichler an den Hohen Schulen aufgetreten waren, hat der im vorigen Jahr ausgebrochene »Historikerstreit« nun einen größeren Einbruch in die Front der einseitigen und ausschließlich Deutschland belastenden Geschichtsschreibung gebracht, bisher tabuisierte Fragen aufgeworfen und die Forderung nach Revision unüberhörbar erhoben. Inzwischen haben sich viele Fachleute und Politiker dazu geäußert. Nach kürzeren Berichten (s. DGG 86/3 S. 1. und DGG 86/4 S. 12) wird nachfolgend eine Übersicht zum derzeitigen Stand des Historikerstreits gegeben.


Der eigentliche Historikerstreit begann, als am 6. Juni 1986 der kurz vor der Emeritierung stehende Berliner Historiker Ernst Nolte, bekannt geworden durch sein Werk »Der Faschismus in seiner Epoche« (1963) und in den letzten Jahren durch mehrere aufmüpfige Äußerungen zur Zeitgeschichte[1], in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« einen langen Artikel unter der Überschrift »Vergangenheit, die nicht vergehen will« veröffentlichte mit dem Inhalt eines Vortrages, den er bei den Frankfurter Römerberggesprächen 1986, erst dazu ein-, dann wieder ausgeladen, bezeichnenderweise nicht halten durfte. In diesem Beitrag rührt Nolte an Fragen, die für beamtete westdeutsche Historiker bisher tabu waren, so unter anderem: »War nicht der ›Archipel Gulag‹ ursprünglicher als Ausschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten?«

Angesichts des historischen Klimas und der politischen Kultur in unserem Lande wagt Nolte noch keine Antworten, sondern stellt zunächst nur Fragen, zu denen er jedoch feststellt: »Aber man scheut sich, sie aufzuwerfen, und auch ich habe mich lange Zeit gescheut, sie zu stellen.«

Diese schon massive Kritik an der Praxis seiner Fachkollegen verschärft Nolte noch, wenn er mit Recht fordert, das ganze Geschehen der Vorkriegs- und Kriegszeit in einem größeren Zusammenhang zu sehen und sich von der bisherigen Einseitigkeit in der westdeutschen Zeitgeschichte freizumachen.

Als im Grunde selbstverständliche, in Westdeutschland jedoch seit Jahrzehnten bewußt verdrängte Forderung ist anzusehen, was Nolte als die »einfachsten Regeln, die für jede Vergangenheit gelten«, erwähnt, die heute »außer Kraft gesetzt zu sein scheinen«, »nämlich daß jede Vergangenheit mehr und mehr in ihrer Komplexität erkennbar werden muß, daß der Zusammenhang immer besser sichtbar wird, in den sie verspannt war, daß die Schwarz-Weiß-Bilder der kämpfenden Zeitgenossen korrigiert werden, daß frühere Darstellungen einer Revision unterworfen werden... (es) sollte endlich ein Schlußstrich gezogen werden... und Wahrheit darf jedenfalls nicht von Nützlichkeit abhängig gemacht werden.«

Damit ist ausdrücklich die Revision in der Zeitgeschichte gefordert wie auch ein Schlußstrich, die früher nach großen Auseinandersetzungen Frieden stiftende Tabula rasa. Es ist bezeichnend, daß sich Bundespräsident von Weizsäcker im Januar gerade gegen einen solchen Schlußstrich aussprach.

Hillgrubers Darstellung der Ostverteidigung

Fast gleichzeitig mit Noltes aufsehenerregendem Artikel erschien vom Kölner Ordinarius für Zeitgeschichte Andreas Hillgruber ein kleinformatiges, nur gut 100 Seiten starkes Büchlein »Zweierlei Untergang - Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums« (Siedler, Berlin 1986). Darin befaßt sich im ersten Teil der durch mehrere Standardwerke über den Zweiten Weltkrieg ausgewiesene Historiker mit dem letzten Kriegsjahr im Osten. Einleitend stellt er bedauernd fest, daß dieses Geschichtsfeld bisher kaum bearbeitet sei »aus sehr unterschiedlichen Gründen: solchen politischer Zweckmäßigkeit, ideologischer Scheu oder ganz einfach denen einer schlechten Quellenlage« (13). Er spricht in bezug auf die Zeitgeschichte von einem »fatalen Befund« (16), beklagt »das Versäumte« (16) in ihr und schreibt über sie insbesondere: »Was den Zweiten Weltkrieg angeht, hat sie sich fast ausschließlich auf die Kriegsziele, auf die Politik und Strategie der nationalsozialistischen Führung während der ersten Kriegsjahre konzentriert und - sofern die Darstellungen überhaupt darüber hinausreichen - den weiteren Verlauf bis zur Schlußkatastrophe des Jahres 1945 verkürzt. Die Komplexität des Geschehens wurde auf unzulässige Weise ausschließlich - fast monokausal - als sachlogische Konsequenz der hybriden Ziele der Hitlerschen Expansionspolitik und ihrer rassenideologischen Expansionspolitik interpretiert, ohne daß die davon unabhängigen Ziele der Östlichen und westlichen Gegenmächte viel untersucht wurden. Dabei war das gegnerische Konzept nicht nur eine Reaktion auf die nationalsozialistische Herausforderung; es entsprach vielmehr lange herkommenden Vorstellungen, die im Kriege zum Durchbruch kamen.« (17) Ähnlich wie Nolte kritisiert Hillgruber damit die Einseitigkeit, die »Verkürzung« in der westdeutschen offiziellen Geschichtsschreibung über das Dritte Reich und die Vernachlässigung, um nicht zu sagen die bewußte Verdrängung der Forschung nach den Motiven und der Schuld von Deutschlands Gegnern. Er zerstört das Bild von den friedliebenden Alliierten, die nur den bösen Diktator stürzen wollten, indem er auf ihre »lange herkommenden Vorstellungen« zur Spaltung Deutschlands hinweist und an anderer Stelle noch deutlicher ausführt: »Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und die Zerschlagung des Deutschen Reiches hingegen waren nicht nur eine ›Antwort‹ auf die - ja während des Kriegs noch gar nicht in vollem Maße bekannt gewordenen - Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sondern entsprechen lange erwogenen Zielen der gegnerischen Großmächte, die während des Kriegs zum Durchbruch gelangten« (9/10). Hillgruber wendet sich auch gegen die vor einiger Zeit von Bundesminister Blüm gemachte ungeheuerliche Äußerung, die deutsche Front im Osten habe die KZ verteidigt und das Morden darin verlängert, indem er mit Recht schreibt, daß das dortige Geschehen »damals gewiß nur ein Teil der Soldaten und der deutschen Bevölkerung wußte oder ahnte«. Dagegen »rang das deutsche Ostheer doch... mit seinem verzweifelten Abwehrkampf um die Bewahrung der Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches, das nach dem Willen der Alliierten zertrümmert werden sollte.« (64)

Und dann wird Hillgruber ganz deutlich, wenn er anschließend betont: »Das deutsche Ostheer bot einen Schutzschirm vor einem jahrhundertealten deutschen Siedlungsraum, vor der Heimat von Millionen der Ostdeutschen, die in einem Kernland des Deutschen Reiches, nämlich im Östlichen Preußen, in den Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien, Ostbrandenburg und Pommern wohnten, und das deutsche Ostheer schützte in einem elementaren Sinne die Menschen in eben diesen preußisch-deutsehen Ostprovinzen« (64/65). Er erwähnt dann ausdrücklich das russische Morden in Nemmersdorf in Ostpreußen im Oktober 1944 und im Königsberger Vorort Metgethen im Februar 1945, die von der deutschen Wehrmacht noch einmal zurückerobert werden konnten und dabei das grausige Schicksal der den Russen in die Hände gefallenen Zivilbevölkerung zeigten. Und Hillgruber verteidigt ausdrücklich den Durchhaltewillen der deutschen Offiziere und Mannschaften im Osten, »die die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren und in der allerletzten Phase den Ostdeutschen den Fluchtweg zu Lande und über See nach Westen freizuhalten suchten« (24/25), was bekanntlich Millionen Leben und Freiheit rettete.

Wenn Hillgruber sogar feststellt: »Von den Hoheitsträgern der NSDAP bewährten sich manche in der Not von letzter verzweifelter Verteidigung, von Zusammenbruch und Flucht« (27); wenn er ausführlich Polens Imperialismus zwischen den Weltkriegen kritisiert, weil er »erheblich über die ethnisch begründeten Ansprüche Polens hinausging« (49); wenn er bestätigt, daß Benesch »von Anfang an« im Exil die »Vertreibung der Sudetendeutschen« (51) betrieb; wenn er Churchills Kriegsziel, Deutschland »fett, aber impotent« (52) zu machen, anführt und die britische Zustimmung zur Vertreibung der Ostdeutschen von bereits 1942 erwähnt (52), daneben das russische Verbrechen von Katyn aufführt (45) und die deutsche Frage für völlig offen erklärt, dann sind das zwar für den geschichtlich Bewanderten alles Binsenwahrheiten, die bereits in genügend revisionistischen Büchern von Außenseitern stehen, aber von der offiziellen Zeitgeschichte meist verschwiegen oder sogar bekämpft wurden. Erstaunlicherweise besprach die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« Hillgrubers Buch am 8.7.1986 noch verhältnismäßig sachlich und objektiv.

Der Protest der Gegenseite

Es war klar, daß diese Aussagen im heutigen Westdeutschland nicht unwidersprochen bleiben konnten. Insbesondere die Vertreter der »Frankfurter Schule«, des geistigen Zentrums der Umerziehung, mußten durch solche Äußerungen die Früchte ihrer jahrzehntelangen Bemühungen in Frage gestellt sehen. Und so war es kein Zufall, daß ausgerechnet Jürgen Habermas, der nach dem Tode Horkheimers und Adornos als deren einflußreichster Schüler das Fähnlein der »Kritischen Theorie« noch mühsam aufrecht zu erhalten sucht, in der »Zeit« vom 11. Juli 1986 unter der Überschrift »Eine Art der Schadensabwicklung - Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« mit einem ganzseitigen Artikel den massiven Gegenangriff - besser: die verzweifelten Rückzugsgefechte - einläutete. Als neomarxistischer Philosoph und Nichthistoriker war er dazu fachlich eigentlich gar nicht berufen, doch da die Kernlehren der Umerziehung angezweifelt wurden, fühlte er sich herausgefordert, hatte er doch früher von sich erklärt: »Ich selbst bin ein Produkt der ›reeducation‹, und ich hoffe, kein allzu negatives«[2].

Habermas kann nicht die einzelnen vorgebrachten geschichtlichen Tatsachen bestreiten und geht auch darauf gar nicht ein. Er wittert ein für das linke geistige Klima gefährliches allgemeines System hinter den neuen Tönen der Historiker. Da auch der Erlanger Geschichtsprofessor und Kohl-Berater Michael Stürmer sich in der letzten Zeit für mehr Geschichtsbewußtsein und einen »identitätsstiftenden Sinn« der Geschichte ausgesprochen habe, für eine Art »jener höheren Sinnstiftung, die nach der Religion bisher allein Nation und Patriotismus zu leisten imstande waren«, sei jetzt eine breite Reaktion daran, einen neuen Geschichtssinn einzuführen, Hitler zu verharmlosen, damit statt Wissenschaft erneut Vorurteile zu erzeugen, um als kalte Krieger der NATO zu dienen. Die Historisierung des Dritten Reiches und das Verharmlosen seiner Verbrechen, indem man an deren Einmaligkeit rühre, sei ein »Skandal«. Man könne, so Habermas über Nolte, »die skurrile Hintergrundphilosophie eines bedeutend-exzentrischen Geistes auf sich beruhen lassen, wenn nicht neokonservative Zeithistoriker sich bemüßigt fühlten, sich genau dieser Spielart von Revisionismus zu bedienen«.[3] Es sei gefährlich, wenn etwa Nolte an den polnischen Antisemitismus der Vorkriegszeit erinnere: »Diese unappetitlichen Kostproben zeigen, daß Nolte einen Faßbinder bei weitem in den Schatten stellt.«

Nachdem auf diese Weise die Fronten bezogen waren, erschien in den größeren westdeutschen Zeitungen und Zeitschriften eine Fülle von Leserbriefen, Kommentaren und grundsätzlichen Artikeln[4]. Daraus sei, nach inhaltlichen, nicht nach zeitlichen Gesichtspunkten geordnet, im folgenden einiges dargestellt.

Persönliche Diffamierung statt sachlicher Auseinandersetzung

Wie schon in früheren Fällen, wenn sachlich gerechtfertigte Zweifel an der einseitigen Vergangenheitsbewältigung geäußert waren, die wissenschaftlich nicht zu widerlegen waren, griff man zur moralischen Keule und pauschalen persönlichen Abwertung. Eine regelrechte »Schlammschlacht« entbrannte. Doch während früher, vor allem »in den Zeiten der Geschichtsverdränger vor zehn oder fünfzehn Jahren«[5], der einzelne so Fertiggemachte von seinen Kollegen im Stich gelassen und von der Presse zur Richtigstellung nicht zugelassen wurde, fanden sich jetzt erstmalig genügend Verteidiger, und die großen Zeitungen berichteten aus beiden Lagern.

Von Habermas sind abfällige Bemerkungen über Hillgruber und Nolte schon angeführt worden. Rudolf Augstein wandte sich im »Spiegel«[6] unter der wirklich perversen Überschrift »Die neue AuschwitzLüge« scharf gegen Hillgruber, nannte ihn einen »konstitutionellen Nazi« und meinte gar, er müßte des Schuldienstes verwiesen werden, wenn er ein Lehrer wäre und nicht die akademische Lehrfreiheit genösse. Martin Broszat, als Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte unrühmlich bekannt geworden, wirft Nolte »hochmütige Verachtung« wissenschaftlicher Vorgehensweisen und Michael Stürmer »Perversionen patriotischen Geschichtsverlangens« vor[7]. Für ihn ist also jemand, der sich für Geschichtsbewußtsein einsetzt, ein Perverser! Der Stuttgarter Zeitgeschichtler Eberhard Jäckel, schon früher auf zeitgeschichtliche Fälschungen böse hereingefallen, überschreibt seinen Artikel gegen Nolte und Hillgruber mit »Die elende Praxis der Untersteller - Das Einmalige der nationalsozialistischen Verbrechen läßt sich nicht leugnen«, und versucht dann zu versichern: »Doch sind ihre Argumente nicht nur nicht überzeugend. Sie lassen sich sogar verhältnismäßig sicher widerlegen.«[8] Wie, das sagt er allerdings nicht. Äußerst scharf kontert dann Hillgruber Habermas' Beschuldigungen, nennt sie »die Entfesselung einer politisch motivierten Rufmordkampagne«, spricht von »teils raffiniert, teils Plump manipulierter Montage«, von »törichtem Geschwätz von Habermas«, von »perfiden Unterstellungen«, von »Polemik niedriger Qualität« und meint sicher zu Recht: »Es ist ein Zeichen für die totale Verwahrlosung dessen, was als ›politische Kultur‹ gerade in der sich ›liberal‹ gebenden Wochenzeitung ›Die Zeit‹ immer wieder gefordert wird, wenn sich diese Zeitung als Forum für die Habermasschen Aggressionen gegen vier deutsche Historiker hergibt.«[9] So erfreulich diese Kennzeichnung der westdeutschen Pressepraxis ist, so ist doch zu bedauern, daß solch eine Stellungnahme von solch einem Mann nicht Jahrzehnte eher erfolgte, in denen Anlaß genug geboten war.

Weiterhin Frageverbot und Fesselung der Forschung?

Nolte hatte Fragen gestellt, die bis dahin streng vermieden waren. Die sonst verhältnismäßig liberale »Zürcher Zeitung« meinte den Westdeutschen am 26.9.1986 vorhalten zu müssen: »Die Freiheit des Fragenden ist in Deutschland seit Hitler eingeschränkt«, denn »der Judenmord bleibt als Hinterlassenschaft Hitlers auch für die Deutschen der nächsten Generation ein Brandmal.«

Gegen diese Einstellung erhob sich ein erfreulich breiter Protest. So schrieb der Bonner Historiker Klaus Hildebrand bei einer Verteidigung seines Kollegen Hillgruber und Zustimmung zu Noltes Ausführungen, daß es nicht einzusehen sei, warum wir »uns Frageverbote auferlegen« sollten. In der vom Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann und anderen herausgegebenen Fachzeitschrift der Geschichtslehrer »Geschichte in Wissenschaft und Unterricht«[10], in der eine längere Entgegnung Hillgrubers auf Habermas erschien, wurde in einem Vorwort des Herausgebers gegen Habermas' Versuch der Wissenschaftskneblung deutlich Stellung bezogen: »Man möchte es vorziehen, solche Entgleisungen mit Schweigen zu übergehen und darauf zu vertrauen, daß sie sich selber disqualifizieren. Aber es stände zu fürchten, daß man damit die Situation verharmloste. Augsteins böse Diffamierung ist symptomatisch für einen Umgang mit Andersdenkenden, der in Teilen unserer politischen Öffentlichkeit nicht als anstößig, geschweige denn als skandalös empfunden wird. Dagegen gilt es Farbe zu bekennen: Wer auf dem Felde unseres - gewiß hochsensiblen - Verhältnisses zur NS-Vergangenheit bestimmte Überlegungen von vornherein tabuisieren oder verbieten und Zuwiderhandelnde verleumdet und sie der Öffentlichen Verachtung aussetzen will, begeht damit nicht nur einen fatalen Anschlag auf den Geist der Wissenschaft, sondern schadet auch der politischen Kultur in unserem Lande.«

Der nicht rechtsverdächtige Bremer Zeitgeschichtler Imanuel Geiss hatte Augsteins Meinung zu Hillgruber »mit Bestürzung und Trauer« gelesen, weil der Spiegel-Herausgeber hier »eine historisierende Staatsideologie durch Dämonisierung und Ausschluß Andersdenkender aus dem Konsensus unserer liberalen Republik« betreibe, und meinte: »Mit der Art ihrer Attacken gegen angeblich oder wirklich neokonservative Historiker bedrohen Augstein und Habermas unseren wissenschaftlich-politischen PluralisMus... Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihren Thesen muß möglich sein.«[11]

Revisionismus als Norm der Wissenschaft

Noltes Forderung nach Revision in der Zeitgeschichte wurde bereits erwähnt. Auch Hillgruber bekennt sich ausdrücklich dazu, wenn er in seiner Entgegnung auf Habermas schreibt, es »ist ›Revisionismus‹ der bisherigen Forschungsergebnisse doch das Normale, ja die Norm der Wissenschaft.« Er wendet sich dagegen, daß er und seine Kollegen »von Habermas und Anhängerschaft als ›Revisionisten‹ unter Verdacht gestellt« werden, und fordert: »Mit der diffamierend gemeinten Etikettierung sollte möglichst schnell ebenso Schluß gemacht werden wie mit der Konstruktion einer ›neokonservativen‹ Verschwörung, die im ›Zeit‹-Artikel von Habermas anklingt.«[12]

Daß Wissenschaft nicht auf einem bestimmten Stande festgeschrieben werden kann, daß immer neue Erkenntnisse auftreten, daß »ParadigmenWechsel« vorkommen müssen, gehört zu den allgemein anerkannten Wahrheiten. Das gilt um so mehr für die Zeitgeschichte, für die erst nach und nach die Quellen in den alliierten Archiven frei werden, für die die meisten Östlichen Dokumente immer noch unzugänglich sind,[13] so daß bisher fast nur das einseitig Deutschland belastende Material zur Verfügung stand. Es ist mehr als bezeichnend, daß sich ausgerechnet die sich »Kritische Theorie« nennende Frankfurter Schule mit Habermas so heftig für die dogmatische Beibehaltung des 1945 den Deutschen verordneten Geschichtsbildes der Sieger einsetzt und unter Berufung ausgerechnet auf »Aufklärung« und »Wissenschaftlichkeit« die erste Voraussetzung freier Wissenschaft aufheben will. Wie auch auf anderen Gebieten erweist sie sich hiermit als wissenschaftsfeindlich, als freiheitsfeindlich und menschenunwürdig.

Unter der Zweitüberschrift »Wider die politische Überforderung der Geschichtswissenschaft« geht der Münchener Historiker Thomas Nipperdey auf das ein, »was die Geschichte als Wissenschaft macht«.[14] Er warnt nachdrücklich davor, »die Wissenschaft zu politisieren und die Wissenschaftler in politische Lager einzuteilen«, und meint: »Auf die Gefahr der Aufhebung der Wissenschaft durch Politisierung innerhalb der Wissenschaft hinzuweisen, scheint mir in der gegenwärtigen Diskussion sehr dringlich.« Er schreibt sogar mit einem deutlichen Hieb gegen Habermas, gegen »ein Moralmonopol einer bestimmten Wissenschaftlergruppe muß heute das Postulat der Gerechtigkeit für die Vergangenheit stark gemacht werden. Historiker sind auch Anwälte der Toten, und sie machen deren Sache zuerst einmal stark.«

Es geht um Einfluß statt um Geschichte

Daß der Nichthistoriker Habermas den Gegenangriff startete, weist schon darauf hin, daß es hier weniger um die geschichtliche Wahrheit als um handfesten politischen Einfluß geht. Da dieser auch für sich und sein Münchner Institut für Zeitgeschichte durch die neue Entwicklung auf dem Spiele steht, glaubt Martin Broszat warnend den Zeigefinger erheben zu müssen: »Wer den Bürgern der Bundesrepublik den selbstkritischen Umgang ihrer älteren und jüngeren Geschichte wegschwatzen will, raubt ihnen eines der besten Elemente politischer Gesittung, das seit den späten fünfziger Jahren allmählich in diesem Staatswesen entwickelt worden ist. Am verräterischsten ist dabei die fundamentale Verkennung, als sei die durch die Not erworbene moralische Sensibilität gegenüber der eigenen Geschichte ein kultureller und politischer Nachteil verglichen mit anderen Nationen, und als gelte es, deren aus historischen Gründen oft robusteres oder naiveres und politisch meist schädliches historisches Bewußtsein zu kopieren.«[15] Den Rückfall in eine deutsche Überheblichkeit scheint Broszat dabei gar nicht gemerkt zu haben.

Es geht also nicht um die Geschichte, es geht um politischen Einfluß, um die Beibehaltung der Umerziehung. Der Bonner Neuhistoriker Klaus Hildebrand meint dazu überraschend deutlich: »Denn letztlich scheint es Jürgen Habermas darum zu gehen, eine intellektuelle Vormachtstellung zu behaupten, die auf Differenzierung keinen Wert legt, sondern grob an einem Geschichtsbild festhält, das den langen Schatten des Dritten Reiches als uniforme Folie für die Handhabung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft benutzt... Es scheint also, daß es ihm nicht in erster Linie um Wahrheit, sondern um Einfluß geht. Daß in solchem Fall laut die bedrohte Aufklärung beschworen wird, gehört zum Ritual der verfolgenden Unschuld.«[16]

Auch Hillgruber wirft in seiner Entgegnung Habermas vor, »daß dessen Kampf in erster Linie der Verteidigung seiner das ›linke‹ Spektrum seit 1968 beherrschenden Position gilt. Die ›Vereinheitlichung‹ des ›Geschichtsbildes‹, die Habermas jetzt angeblich heraufziehen sieht, ›ist Reaktion auf die Uniformierung des Geschichtsbildes, die Habermas seit Jahrzehnten betreibt‹. Er und seine Mitläufer klammern sich an ein eindimensionales, als Anklage formuliertes Bild vom Nationalismus und von ›den‹ Deutschen im ›Dritten Reich‹.«[17]

Der Streit um die »Singularität«

Ein Kernpunkt des Historikerstreites ist die Frage der »Einzigartigkeit«, neudeutsch »Singularität«, des Geschehens im Dritten Reich. Nach Monaten des Streits schrieben die »Stuttgarter Nachrichten« in einem Kommentar: »Der Streit deutscher Historiker über die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen steht offenbar erst am Anfang.«[18] Auch Bundeskanzler Kohls massiver Eingriff in den Historikerstreit anläßlich des Besuchs des israelischen Staatspräsidenten Herzog in Westdeutschland, indem er demonstrativ erklärte, die Vernichtung der Juden sei in der Geschichte »einmalig» und dürfe weder vergessen, verdrängt noch verharmlost werden[19], wird wohl nichts daran ändern, daß eine wissenschaftliche Diskussion darüber endlich geführt wird.

Nolte hatte mit dem Hinweis auf die lange vor dem Kriege erfolgten Massenverbrechen Stalins diese Einzigartigkeit bereits in Frage gestellt. Joachim Fest überschrieb seinen ausführlichen Artikel zur Verteidigung von Nolte und Hillgruber in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 29.8.86 mit den Worten »Zur Kontroverse über die Unvergleichlichkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen« und nahm darin massiv gegen die behauptete »Einzigartigkeif« Stellung. In seiner Entgegnung auf Habermas stellte Hillgruber dazu fest: »Die schon früh (1945) aufgestellte, inzwischen fast rituell gewordene These in zeitgeschichtlichen Arbeiten, daß der Mord an den Millionen Juden im nationalsozialistischen Machtbereich ›singulär‹ sei, erschwert, da sie denjenigen, der an der ›Singularitäts‹-These aus wissenschaftlichen Gründen Zweifel anmeldet, unter moralischen Verdacht stellt, die Bemühungen der Historiker, die Vergleichbarkeit zu prüfen.«[20]

Der Münchner Historiker für alte Geschichte Christian Meier, Vorsitzender des Verbandes der Historiker, nahm im Auditorium Maximum der Münchner Universität zur Debatte um die NS-Zeit Stellung und meinte, daß die systematische Ausrottung der Juden auf Staatsbefehl jedenfalls »singulär« sei, und deshalb bleibe es die wesentliche Aufgabe, die »zentrale Wahrheit des Holocaust weiter zu beherzigen und wachzuhalten«.[21]

Ähnlich hatte vorher schon der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel geschrieben: »Ich behaupte..., daß der nationalsozialistische Mord an den Juden deswegen einzigartig war, weil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte.«[22]

Als sich dann Stimmen meldeten, etwa Johann Georg Reißmüller in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 14.11.1986, die zum Vergleich auf Stalins Verbrechen hinwiesen, warnte der letzte Friedensnobelpreisträger Wiesel vor der Aufrechnung von Auschwitz gegen bolschewistische Verbrechen und meinte, »daß es in Deutschland einen Aufruhr gegen muß gegen eine solchen Versuch«.[23] Ähnlich nannte der Leitartikler Dr. Steinbach in der »Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung« vom 16.1.1987, nachdem sich diese Zeitung bereits am 7.11.86 gegen jeden Zweifel an der Einmaligkeit gewandt hatte, die Situation gespenstisch, wenn nun ein Streit um die »Einmaligkeit oder Vergleichbarkeit der ›Endlösung‹« entbrenne. Wer Tatsachen relativiere, begehe einen »Realitätsverlust« und »Realitätsflucht«. Hier wird also auch der Versuch unternommen, die Verdrängung der sich langsam erst abzeichnenden Wirklichkeit als Erhaltung der Realität durchzusetzen.

Der Bielefelder Neugeschichtler Jürgen Kocka meint die Einzigartigkeit dadurch retten zu können, indem er darauf hinweist, es sei eben »ein qualitativer Unterschied zwischen der bürokratisierten, leidenschaftslosen, perfekten Systematik des Massenmordes im durchindustrialisierten, vergleichsweise hochorganisierten Reiche Hitlers, und der brutalen Mischung von Bürgerkriegsexzessen, Massenliquidierungen, Sklavenarbeit und Verhungernlassen im rückständigen Reiche Stalins«[24] .

Kollektivschuld für die nächste Generation

Im Herbst 1987 erschien
Rolf Kosiek
HISTORIKERSTREIT UND GESCHICHTSREVISION
ca. 150 Seiten, ca. 20.- DM
Der bisher wohl folgenreichste Einbruch in die Front der Umerziehung wird dargelegt u. beurteilt. Bestellungen werden vorgemerkt.
GRABERT-VERLAG, Tübingen

Nicht zufällig war der 40. Jahrestag des Kriegsendes so ausgiebig zur Vergangenheitsbewältigung benutzt worden: Die persönlich als Schuldige Möglichen waren nun ziemlich abgetreten, die nächste Generation war an ihre Stelle getreten. Auf sie sollte die Erpreßbarkeit übertragen werden. Das erschien nun durch die neue Entwicklung gefährdet. Nolte hatte bereits gewisse »Interessen« unterstellt und vor Nützlichkeitserwägungen in der Geschichtsschreibung gewarnt. So war es nicht verwunderlich, wenn auch auf diesen Punkt abgehoben wurde, etwa von der »Zürcher Zeitung«, für die, wie schon erwähnt, »der Judenmord... auch für die Deutschen der nächsten Generation ein Brandmal« bleibt.[25] Ebenso trat Habermas dafür ein, daß etwas »von der kollektiven Mithaftung« aller Deutschen »auch noch auf die nächste und übernächste Generation« übertragen werde.[26]


Anmerkungen

  1. So am 4.6.1983 vor dem Studienzentrum Weikersheim, in: Studienzentrum Weikersheim (Hrsg.): Deutsche Identität heute, 1983, S. 25 ff. und in: Historische Zeitschrift 242, 1986, S. 265 ff.
  2. Zitiert von »Critilo« in : Criticon Nr. 97, Sept./Okt., 1986, S. 195
  3. Jürgen Habermas, in: Die Zeit vom 11.7. 1986
  4. Viele Stellungnahmen führt Hans-Christof Kraus an in: Criticon Nr. 99, Januar/Februar 1987, S. 18
  5. Thomas Nipperdey in: Die Welt vom 28.2.1987
  6. Rudolf Augstein in: Spiegel Nr, 41 vom 6.10.1986, S. 62
  7. Martin Broszat in: Die Zeit vom 3.10.1986
  8. Eberhard Jäckel in: Die Zeit vom 12.9.1986
  9. Andreas Hillgruber in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Nr. 12, 1986, S. 725 ff.
  10. Ebenda
  11. Imanuel Geiss in: Spiegel Nr. 43 vom 20.10.1986, S. 10
  12. Andreas Hillgruber in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Nr. 12, 1986, S. 736
  13. Ebenda, S. 735
  14. Thomas Nipperdey in: Die Welt vom 28.2.1987
  15. Martin Broszat in: Die Zeit vom 3.10.1986, zit. auch in: Allgemeine jüdische Wochenzeitung vom 7.11.1986
  16. Klaus Hildebrand in: Die Welt vom 22.11.1986
  17. Andreas Hillgruber in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 12 , 1986, S. 734
  18. Hanns-Jocher Kaffsack in: Stuttgarter Nachrichten vom 30.1.1987
  19. Helmut Kohl, zitiert in: Stuttgarter Nachrichten vom 8.4.1987
  20. Andreas Hillgruber in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 12, 1986, S. 735
  21. Christian Meier zitiert in: Stuttgarter Nachrichten vom 30.1.87, ähnlich in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.11.1986
  22. Eberhard Jäckel in: Die Zeit vom 12.9.1986
  23. Elie Wiesel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.12.1986
  24. Jürgen Kocka, zitiert in: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 7.11.1986
  25. Zürcher Zeitung vom 26.9.1986
  26. Jürgen Habermas in: Die Zeit vom 7.11.1986

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(2) (1987), S. 6-11

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