Kriegsschuld und Falschzitate

Zur Methodik Fritz Fischers

Dr. Rolf Kosiek

Im Versailler Diktat wurde 1919 im Artikel 231 die Alleinschuld Deutschlands und seiner Verbündeten am Ersten Weltkrieg von den Siegern verkündet, und die Reichregierung hat unter dem Druck der Hungerblockade - wenn auch unter Protest - diese Lüge unterschrieben. Wenige Jahre später war von deutschen und ausländischen Historikern bewiesen und allgemein anerkannt, daß dieser Vorwurf gegen das deutsche Reich nicht zutraf.

Mit seinem Buch »Griff nach derWeltmacht« (1961) sowie der späteren Zusammenfassung »Bündnis der Eliten« (1979) versuchte der Hamburger Historiker Fritz Fischer den Nachweis zu führen, daß die führenden Kreise in Deutschland vor 1914 doch sehr stark auf den Weltkrieg hingedrängt hätten und damit das Reich entgegen der herrschenden Lehre die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg trage. In der anschließenden »Fischer-Kontroverse« wurde darüber viel gestritten. Niemand machte sich jedoch die Mühe, Fischers Zitate einmal nachzuprüfen.

Das hat nun Gunter Spraul in bezug auf die von Fischer für den Zeitraum von 1903 bis 1909 herangezogenen Textstellen getan (Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 5, 1987, S. 296-303). Er hat dabei an einer Reihe von Beispielen aufgezeigt, daß Fischer nicht richtig zitiert hat, und zwar jeweils in der Weise, daß er die Zitate in dem von ihm gewünschten - nämlich Deutschland belastenden - Sinne veränderte. So führe Fischer ein schwerwiegendes Zitat des »damaligen preußischen Innenministers« v. Bethmann Hollweg aus dem Jahre 1903 an, obwohl dieser damals nur Oberpräsident war und erst im März 1905 Innenminister wurde. Zudem habe Bethmann die von Fischer zitierten Worte gar nicht selbst gesprochen, sondern eine Baronin habe sie in ihrem Tagebuch aus einem Gespräch mit einem Dritten wiedergegeben. Ferner habe Fischer in das »Zitat«, ohne das kenntlich zu machen, den Einschub »Das ist des Kaisers feste Überzeugung« eingefügt, sowie das Wort »soll« durch »muß« ersetzt, was alles den Sinn sehr verschärft. In einem anderen »Zitat« des Kaisers, bei dem es um die Ausschaltung der Sozialisten ging, habe Fischer ein »wenn nötig« in »wenn möglich« verändert sowie aus »Sozialisten« dabei »Sozialdemokraten« gemacht.

Mit Spraul kann man nur bedauern, daß im Hinblick auf Fischers-Thesen »eine Diskussion über die Erkenntnisvoraussetzungen, Quellenbasis und -auswahl, Interpretationsmethode, Korrektheit im Umgang mit Belegen … kaum geführt« wurde. Sonst wäre die Fragwürdigkeit von Fischers Behauptung der deutschen Hauptschuld am Ersten Weltkrieg wohl schon früher und deutlicher herausgekommen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 5

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