Englands Politik 1939-1945 aus der Sicht eines Schriftstellers

Ulrich Kriehn

Der Norweger Knut Hamsun gilt heute als Wegbereiter der literarischen Moderne. Weitgehend unbekannt ist dagegen, daß sich Hamsun in hohem Alter auf Deutschlands Seite stellte und deswegen nach 1945 in einem entwürdigenden Prozeß als Vaterlandsverräter persönlich und wirtschaftlich ruiniert wurde.

Hamsun hatte bereits in seinen früheren Büchern - vor allem im dritten Teil der Wanderertrilogie Die letzte Freude (1912) - spöttisch-ironische Bemerkungen über das Wesen der englischen Touristen in Norwegen gemacht, die mit einer Mischung aus Kolonialstil und Herablassung sich den norwegischen Eingeborenen näherten. Im Ersten Weltkrieg war Hamsun empört über die Hungerblockade Englands gegen Deutschland- ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung - und sandte anonym große Summen nach Deutschland für die hungernden Kinder. Deutschland war neben Rußland Hamsuns große Lesernation, und Hamsun, der in seiner Jugend eine Zeitlang in München gewohnt hatte, fühlte sich mit der deutschen und russischen Kultur stets verbunden - in seinem Schlafzimmer hingen Bilder von Goethe und Dostojewski. Als Hamsun 1934 den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main erhielt, weigerte er sich, die 10 000 RM Preisgeld anzunehmen. »Man kann doch von einem Land, in dem solche Verhältnisse herrschen wie derzeit in Deutschland, kein Geld annehmen - das wäre ja Blutgeld«, sagte er zu seiner Frau Marie und bezog sich damit ohne Zweifel auf die Schwierigkeiten, die Deutschland im Gefolge der Weltwirtschaftskrise bewältigen mußte.

Hamsun, der als junger Mann zweimal in Amerika gelebt hatte, war von dem dort herrschenden Materialismus zutiefst abgestoßen. Seine Distanz zu einer immer mehr überhandnehmenden Technisierung und Verkünstlichung des Lebens brachte Hamsun zu romantischen und vitalistischen Ideen, und in seinem Spätwerk Landstreicher (1927) schrieb er Sätze, die sich wie eine Vorwegnahme grün-ökologischer Gedanken anhören: »Der Mensch lebt nicht von den Banken und von der Industrie... ich habe darüber nachgedacht. Der Mensch lebt von der Erde, die ihn nährt, von der Luft, die er atmet, und von dem Wasser, in dem Fische schwimmen.« Ähnliches schrieb in den 20er Jahren Hermann Hesse, und Hamsun war für die ›Alternativszene‹ der damaligen Zeit ein Kultautor.

Seine Zuneigung gehörte aber nicht nur den erdverbundenen und in einem klaren Auftrag verwurzelten Menschen, sondern auch den Außenseitern, denen, die an der Entfremdung und Zerrissenheit ihrer Umwelt zugrunde gehen. Die zerstörerischen Folgen einer materialistisch-technischen Zivilisation sah er in der äußeren - heute würde man sagen Ökologischen - Zerstörung der Natur und in der Zerstörung des menschlichen Seins, und aus diesem Grund äußerte sich Hamsun erfreut über den Nationalsozialismus in Deutschland, den er als eine Gegenbewegung zum Amerikanismus sah.

Hamsuns Sympathien für Deutschland hingen sicher nicht nur mit der vergleichsweise großen Aufnahme seiner Bücher in den zwanziger und dreißiger Jahren zusammen. Schon im Ersten Weltkrieg, als sich Hamsun mit hohen Geldbeträgen für hungernde Kinder in Deutschland einsetzte, wies er empört Unterstellungen zurück, er täte dies aus Gründen der Verkaufsförderung für seine Bücher. Hamsun, der eine harte und entbehrungsrungsreiche Kindheit und Jugend erlebt hatte, wußte, wie einem hungrigen Kind zumute ist, und war aus humanitären Gründen gegen die Blockadepolitik Englands, da diese in erster Linie die Zivilbevölkerung treffen würde - was zwischen 1914 und 1918 dann auch zutraf.

Irgendwelche nationalistischen Ideen Hamsun unterstellen zu wollen, ist mehr als hergeholt - über die preußische Art von deutschen Ingenieuren, die Hamsun 1899 in Baka erlebte, macht er sich genauso lustig wie über die arrogante Art, in der englische Touristen sich in Norwegen aufhielten. In dem künstlerisch wertvollen und von jeglicher Political Correctness freien Film Hamsun gibt es eine beeindruckende Szene: Irgendwann in den vierziger Jahren sitzt der zu dieser Zeit bereits faktisch taube Hamsun in seinem Zimmer im Obergeschoß von Nörholm, und seine Tochter Ellinor (im Film eine hervorragende Charakterstudie) geht zu ihm hin und fragt: »Papa, was hast Du eigentlich gegen England?« Der von Max von Sydow großartig dargestellte Hamsun wendet sich ihr zu, und dann sprudeln Worte und Sätze: »Indien, der Kolonialismus, die Ausbeutung der Arbeiter, der Opiumkrieg, das Elend der Kinder in den Bergwerken in der Frühzeit des Kapitalismus, die viktorianische Prüderie, der Burenkrieg ... « Ellinor unterbricht den sichtlich erregten älteren Herrn: »Papa, sag es mit einem Wort! « Hamsun stutzt und sagt dann, sich zurücklehnend: »Arroganz«.

Hamsun hatte sich immer schon in die Öffentliche Meinung und die Auseinandersetzung um die innenpolitischen Fragen Norwegens eingemischt - so mit Stellungnahmen gegen die Abtreibung, zur Sprachenfrage usw., aber erst in der Zeit des Zweiten Weltkrieges veröffentlichte Hamsun eine Reihe von Zeitungsartikeln, in denen er sich zu den Kriegsursachen äußerte und die auch weithin das belastende Material darstellten, mit dem ihm nach 1945 der Prozeß als Landesverräter gemacht wurde.

Hamsun, der sich weigerte, seinen Mantel nach dem Wind zu hängen, machte sich keine Illusionen über sein Schicksal, und es gehört wohl zu den ergreifendsten Tatsachen, daß Hamsun nach der deutschen Kapitulation einen Nachruf auf Hitler schrieb, obwohl er Hitler persönlich gar nicht schätzte und bei einem Besuch im Berghof 1943 eine solch heftige Kritik an der deutschen Besatzungspolitik äußerte, daß das Gespräch mit einem Eklat endete und Hitler verstimmt den Raum verließ. Nichtsdestotrotz schrieb Hamsun seinen Nachruf und sagte zu seinem Sohn Tore später, »es war eine Ritterlichkeit für eine gefallene Größe, weiter nichts«.

Wie sah der Schriftsteller Hamsun die Auseinandersetzung zwischen Deutschland und England? Die dezidiert linke Historikerin (und Ziehmutter Ulrike Meinhofs) Renate Riemeck schreibt in ihrem bereits 1965 in einem anthroposophischen Verlag veröffentlichten Buch Mitteleuropa - Bilanz eines Jahrhunderts folgende Sätze: »Wenn das Angelsachsentum Lehrmeisterin der Slawen werden wollte, mußte die europäische Mitte - als Brücke zwischen Ost und West - funktionsunfähig gemacht werden, noch bevor sie in ein produktives Verhältnis zum Osten treten konnte. Im äußeren Geschehen spiegelt sich diese Konzeption für das 20. Jahrhundert in den Intentionen wieder, die zur Ententebildung führten. Es ist dabei nicht ausschlaggebend, ob Eduard VII. und seine Freunde sich bewußt in den Dienst einer solchen Hintergrundprogrammatik stellten oder nur vordergründig aus wirtschafts- und machtpolitischen Erwägungen handelten. So oder so setzten sie ins Werk, was bestimmte Kreise der angelsächsischen Welt als Zukunftsnotwendigkeit erachteten,« (Riemeck, S. 30 ff.)

Hamsun schrieb am 14. 4. 1940: »Norwegen ist in langen Jahren gegen Deutschland aufgehetzt worden - zuletzt, weil dieses Schiffe mit norwegischen Seeleuten torpediert hat. Was sollte Deutschland anderes tun, hat sich schon einmal jemand selbst danach gefragt? Der Grund zu alledem ist ja der, daß England nicht von seiner Terrorgewalt zur See ablassen will und Deutschlands Frauen und Kinder auszuhungern versucht, indem es den Weg für die deutschen Zufuhren sperrt, [...] Der Torpedo ist Deutschlands Gegenwehr auf die englische Blockade. Das ist die reine Wahrheit. Wieviel Schuld am Tode unserer Seeleute draußen auf dem Meer fällt so auf Deutschland? Und wie groß ist Englands Schuld? Die Briten kamen vor einiger Zeit mit einer Verteidigung des Hungertodes an. Das sei ein müder Tod, meinten sie. Und die Kinder - was sagt eine Mutter oder ein Vater dazu, der mitansehen muß, wie die Kinder Hungers sterben? Britische Mütter lächeln, daß deutsche Kinder nationenweise durch Hunger umkommen sollen. Hier sind wir am Rande des Menschenwahnsinns angelangt! [...] Die Westmächte sind es, die sich im Krieg mit Deutschland befinden, wir sind ein neutrales Land und wollen es bleiben.« (Sten Sparre Nilsson, Knut Hamsun und die Politik, Villingen 1964, S. 244 ff.)

»Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, und sein
Ziel ist die Vernichtung Deutschlands.«

Diesen bereits im November 1939 vertretenen
Standpunkt äußerte Churchill nicht etwa im privaten Kreis,
sondern, an die englische Bevölkerung gerichtet,
über den Rundfunk.

Ende April 1940 schrieb Hamsun, nachdem Norwegen von Deutschland bereits besetzt war, einen Aufruf, der später am stärksten zum Vorwurf des Landesverrates beitrug:

»Norweger! Werft eure Flinten fort und geht heim. Die Deutschen kämpfen für uns alle und zerbrechen jetzt Englands Tyrannei gegen uns und alle Neutralen.« Im Herbst 1941 schrieb Hamsun: »Deutschland hat uns das Versprechen gegeben, unsere nationale Freiheit und Selbständigkeit ungeschmälert zu respektieren. [...] Wir machen Schluß mit England, wir erkennen, was unsere eigene Rettung ist, und geben es künftig auf, von den langzahnigen Briten ausgebeutet und ausgenutzt zu werden. [...] Während es bisher für England galt, jedes Land in Europa in einem Zustand der Schwäche zu halten, schlägt Deutschland nun die entgegengesetzte Richtung ein. [...] Aber ebenso einleuchtend ist es, daß wir unser Leben nicht allein der negativen Aufgabe widmen können, England uns vom Leibe zu halten. [...] Wir sollten mit allen Völkern in friedlicher Gemeinschaft leben, mit ihnen zusammenarbeiten, unsere Waren, unsere Kunst und unsere intellektuellen Ideen mit ihnen austauschen, zur gegenseitigen Entfaltung beitragen, uns in ein System von Hilfsaktionen einarbeiten, [...] Dieses System wird jedermann offenstehen, niemand ist davon ausgeschlossen. Selbst die noch zurückgebliebenen Völker Europas können sich anschließen, ja selbst Amerika kann sich anschließen, wenn es einmal aufwacht. Dies alles zusammen sollte dann den Weltsozialismus verwirklichen, aber jedes Land auf seiner nationalen Grundlage,« (Nilsson, S. 216 f.)

Im Februar 1942 schrieb Hamsun einen längeren Artikel über Rußland, der heute, nach dem völligen Zusammenbruch des kommunistischen Terrors geradezu prophetisch wirkt. Er unterscheidet strikt zwischen Russen und Bolschewisten, lobt die Lebensfreude und Kultur des alten Rußlands und beklagt, daß der Bolschewismus »das ganze Volk entseelt und zugrunde gerichtet habe«, und kommt dann zu der Allianz zwischen kapitalistischem England und kommunistischem Rußland gegen Deutschland. »Es ging wohl nicht so vornehm zu, wie die alten Russen mit Bildung und Kultur getan haben würden. Die Bolschewisten sind ja eine Nummer für sich. Aber für England waren sie fein genug. England hatte bereits früher erklärt, daß es sich mit dem Teufel verbünden würde, wenn sich die Gelegenheit dazu böte. Die beiden Kumpane hatten einander nichts vorzuwerfen. Aber trotzdem - gemeinsame Sache machen mit England, mit diesem Land, das selbst seinem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilt! [...] Die Engländer waren einmal ein ausgesprochenes Räubervolk, aber ihre Taktik, sich Jahrhunderte hindurch von fremden Völkern verteidigen zu lassen, scheint ihnen zur zweiten Natur geworden zu sein und hat sie zum feigsten Pack in Europa gemacht. Sie ziehen sich ständig vor der Gefahr zurück und lassen andere für sich kämpfen. [...] Wenn es den Bolschewisten in diesen 24 Jahren gelungen ist, neun Millionen Menschen zu liquidieren, so haben sie wahrscheinlich in unmittelbarem Massenmord die Engländer übertroffen. Es fehlt daher auf englischer Seite auch nicht an scharfen Verurteilungen der bolschewistischen Schandtaten. Von niemand in der Welt aber sind die Bolschewisten so beschimpft und mit stärksten Ausdrücken heruntergemacht worden wie von dem englischen Ministerpräsidenten Churchill. [...] Und trotzdem - trotzdem ging er hin und schloß mit diesen Bolschewisten ein Bündnis. Und jetzt ist Churchill entzückt von ihnen, und der Erzbischof von Canterbury verspricht ihnen Vergebung ihrer Sünden und segnet sie [...] Als die Engländer sich mit den Bolschewisten verbündeten, hatten sie ihren dritten Teilhaber, Amerika, im Hintergrunde [...] Deutschland sollte vernichtet werden, und wenn ganz Europa darüber zugrunde ging. Daß sie dabei Millionen gefallener Soldaten opfern würden, daß sie Europas gesamtes Kulturleben auslöschen würden und ganze Länder in die Barbarei zurückführen würden, fiel weder für diese beiden Teilhaber - noch für den dritten - in die Waagschale.«

Honoré Daumier, 1865 (15KB)

Besonders im 19. Jahrhundert hat sich England als übler Raubstaat betätigt. Beispiel Jamaika: Da die Besiedlung Jamaikas mit Weißen nicht gelang, wurde die Insel zu einer Negersklavenkolonie gemacht. (Zeichnung von Honoré Daumier, 1865)

1943 sprach Hamsun auf einem internationalen Journalistenkongreß in Wien ein Grußwort: »... es liegt gar nichts Rätselhaftes darin, daß die Völker es sich zur Gewohnheit gemacht haben, sich an England zu halten - es ist das Resultat der englischen Politik und der englischen Praxis. England hat die Seelen der Völker abgestumpft und verblendet, [...] das ist das unheimliche Geheimnis der Politik Albions. Es war dieses verräterische Miteinander von Versprechen und Zwang, von heuchlerischer Gottesfurcht, von Unterdrückung, von secret service und Terror und Mord. Ein einziges Land widerstand dem Gift der englischen Politik, ein großes und mächtiges Land, Deutschland.

Doch weil Deutschland groß und mächtig war, war es der Gegenstand des tödlichen Mißfallens Albions. Im Ersten Weltkrieg hatte Deutschland vier Erdteile gegen sich, es wehrte sich tapfer, wie üblich, aber es verlor. England verlor nicht. England erntet immer aus den Niederlagen anderer seine Vorteile, [...] Deutschland sollte geschwächt werden, [...] es waren düstere Jahre für Deutschland, dem eine märchenhafte Milliardenbürde als Kriegsentschädigung auferlegt worden war, [...] das in Arbeitslosigkeit und Not steckte, [...] Denn jetzt setzte in Deutschland die Zeit des Nationalsozialismus ein mit Leben und Wirken und Aufstieg an allen Enden, [...] Doch um beim Thema zu bleiben: England konnte Deutschland diesen Aufstieg nicht gestatten, und es mußte erneut zum Krieg kommen. Hitler gab bis zum äußersten nach, er verlangte nichts als eine Tür, einen Verkehrsweg zu einem abseits gelegenen Teil des Landes. Aber England wollte ihm nicht entgegenkommen, England wollte Krieg [...] Selbst diesen gegenwärtigen Krieg mit all seinem Unglück für die ganze Welt verdanken wir England,« (Nilsson, S, 228 ff,)

Hamsun war kein Politiker - aber es wäre ein Akt von Fairneß, wenn man seine damaligen Äußerungen nicht einfach mit der Faschismuskeule erledigen würde, sondern sie einmal vorurteilslos und gelassen anhand der inzwischen reichlich vorhandenen Quellen in ihrem historischen Zusammenhang untersucht. Dabei käme jedenfalls deutlich heraus, daß Hamsuns Sätze einigen Wahrheitsgehalt haben, und vor allem, daß Hamsun eine in hohem Maße unabhängige Person war - auch seine Beziehung zu dem Deutschland der damaligen Zeit war keine untertänig-ergebene Haltung, im Gegenteil.

Der deutsche Reichskommissar Terboven, bei dem sich sowohl Hamsun wie auch seine Frau Marie mehrfach für verhaftete Norweger einsetzten, konnte den selbstbewußten und zielsicher auftretenden alten Herrn nicht ausstehen. Wenn Hamsun eher fühlte als analysierend darlegte, so muß man das einem Dichter zugestehen, der mit den Worten umzugehen verstand. Aber daß es im Zweiten Weltkrieg nicht um die Bekämpfung des Nationalsozialismus ging, sondern um die Zerstörung Mitteleuropas und daß deswegen dieser Krieg keinen Halt machte vor der Zerstörung von Kulturdenkmälern (Bombenkrieg gegen Deutschland) und vor der Zerstörung der seelischen Verfassung eines Volkes (Kriegspropaganda, Re-education), sondern in einem ganz anderen Sinne ein totaler Krieg war, das liegt inzwischen offen zutage.

Es bleibt ein bitteres Kapitel der Zeitgeschichte, daß ein integrer und aufrechter Mann wie Hamsun nach 1945 zerrieben wurde, während andere, die in ihren literarischen Werken Aufrufe zu Mord, Terror, Vergewaltigung usw. verfaßt hatten, selbst heute noch nach 1989 literarisch hochgeehrte Personen sind.

Literatur

Zu speziellen literarischen Fragen bei Hamsun:


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 46(2) (1998), S. 15ff.

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