Der Ostpakt

Eine gescheiterte Zielsetzung der russischen Deutschlandpolitik 1933 - 1935

Ingo Lachnit

Im Osten, insbesondere in Rußland, hat sich in den letzten Jahrhunderten immer ein bedeutender Teil des deutschen Schicksals entschieden. Das berücksichtigte Bismarck, und das wurde auch von den deutschen Verantwortlichen in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts in Rechnung gesetzt. Die Entwicklung führte dann bekanntlich zum deutsch-sowjetischen Pakt vom August 1939 und zum Ostfeldzug, bei dem, wie mehrere westliche Fachleute im vergangenen Jahr erneut unterstrichen, Hitler dem Angriff Stalins auf Deutschland nur knapp zuvorkam. Die europäischen Voraussetzungen und Interessenlagen, insbesondere aus russischer Sicht, die dazu führten, sind zum Verständnis notwendig. Dazu nimmt der folgende Beitrag Stellung.


Die frühe Außenpolitik des jungen Sowjetstaates folgt nach der Eruption des Jahres 1920, die erst vor Warschau ausglüht, nur noch dem Gebot des Überlebens. Die Russen schließen 1925 - 1927 reihum Neutralitätsabkommen. Die vitale Schutzbedürftigkeit, die sich in der defensiven Vertragspolitik Moskaus äußert, ist von Anfang an mit einer konkurrierenden Komponente versehen: die Territorialverluste aus dem verlorenen Krieg, die Moskau 1920 zwangsanerkennt, machen aus Rußland, das die Verluste niemals verschmerzt, eine revisionistische Macht, die den Status quo in Europa bedroht.

Den Hauptgewinn aus der verfügbaren Ländermasse des zerfallenen Zarenreiches hat Polen eingestrichen, das damit zum ersten Ziel der russischen Revisionspolitik werden muß. Versailles und Warschau sind es auch, die den Russen den ersten Bundesgenossen liefern: das von den Siegermächten aus der Gemeinschaft der ›zivilisierten Nationen‹ ausgeschlossene Deutsche Reich, aus dessen Ostbesitz sich die wiedererstandene polnische Republik ebenfalls weite Gebiete angeeignet hat.

Der Wert Deutschlands erweist sich für die Überlebensstrategie Moskaus noch in einem anderen, weit grundlegenderen Gehalt. Für die Russen steht der nächste Krieg bereits fest; die Widersprüche zwischen den großen ›kapitalistischen‹ Staaten werden sich aufgrund der Gesetzlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung in einem neuen ›imperialistischen‹ Krieg entladen, aus dem Rußland nur dann Gewinn ziehen kann, wenn es sich heraushält und erst spätestmöglich als Schiedsmacht eingreift. Dies ist im ganzen eine beruhigende Aussicht, deren Unwägbarkeit allerdings darin besteht, daß Rußland zu früh in den Krieg hineingezogen wird und, von den Ereignissen gedrängt, den Zeitpunkt des Kriegseintritts nicht selber bestimmen kann.

Die wirkliche Gefahr liegt indes nicht so sehr in einem verfrühten Eintritt Rußlands in den imperialistisehen Krieg. Die Gegensätze der ›Imperialisten‹ untereinander ändern nichts daran, daß ein gemeinsames Interesse sie eint: die Feindschaft gegen die Sowjetunion.

Das imperialistische Zusammenspiel kann in unterschiedlichen Kombinationen Gestalt annehmen: als Block sämtlicher oder der wichtigsten imperialistischen Staaten - die konstante russische Hauptsorge -; als carte blanche der Westmächte für das Deutsche Reich - diese Annahme sieht Stalin 1935/36 und in den Folgejahren bestätigt -; oder in der furchtbarsten aller denkbaren Konstellationen, die Moskau 1931 aufschreckt: in der Form einer deutsch-japanischen Aggression.

Es ist für die Russen daher eine Lebensfrage, die ›imperialistischem Mächte durch die Schürung ihrer Gegensätze gegeneinanderzukehren und sie am Kriegsbündnis gegen die UdSSR zu hindern.

Die Hauptfigur bei der Zerschlagung der ›imperialistischen‹ Komplotte ist Deutschland. Seine Haltung stellt Moskau vor die Überlebensfrage. Ein dem Westen gewonnenes Deutschland birgt schwerste Gefahren. Jede Feindkoalition erhält die höchste Alarmstufe erst, wenn Deutschland an ihr beteiligt ist. Das erste Gebot der russischen Westpolitik, die langfristig eine Politik der Vorbereitung auf den Krieg ist, muß daher lauten, das Deutsche Reich in eine Interessengemeinschaft mit Rußland zu bringen oder, negativ gewendet, es aus allen antirussischen Kombinationen herauszuhalten.

Die europäische Manövriermasse

Die russische Politik Anfang der dreißiger Jahre steht im Zeichen der Spannungen mit Japan und der Gefahr ›imperialistischer‹ Blockbildungen in Europa. Beide Faktoren veranlassen die Sowjetregierung zum Abschluß von Nichtangriffsverträgen mit möglichst zahlreichen Staaten (›Paktomanie‹).

Die neue Linienführung gibt Frankreich und Polen besondere Bedeutung. Die Annäherung an die Vertreter der Versailler Ordnung geht zu Lasten der revisionistischen Linie der russischen Außenpolitik und ist der Ausfluß einer Neutaxierung der diplomatischen Mittel, das Deutsche Reich im Kräfteparallelogramm Europas zum Nutzen Rußlands in seiner bisherigen Stellung festzuklammern. Den Russen kommt es hierbei darauf an, das Sonderverhältnis mit Deutschland beizubehalten, durch die Beimischung Frankreichs und Polens in das diplomatische Spiel aber einen Sicherheitsgewinn zu erzielen oder, sollte das Deutsche Reich für die Pläne Moskaus ausfallen, wenigstens eine Sicherheitskompensation im Westen zu gewinnen, die sich um so dringlicher ankündigt, je problematischer sich die Beziehungen mit Deutschland gestalten.

Das deutsch-russische Sonderverhältnis schwindet in dem Maße dahin, als sich das europäische Mächteverhältnis aus seiner Versailler Erstarrung löst. Bereits unter Brüning werden die ersten Anzeichen einer Verselbständigung Deutschlands sichtbar. Doch erst die Kanzlerschaft Papens wirft in Moskau sorgenvolle Fragen auf. Papen steht im Verdacht, für eine Koalition mit den katholischen Mächten Frankreich und Polen anfällig zu sein. Sein Verständigungsangebot an die Franzosen vom Juni 1932 läßt in Moskau die Furcht vor einem deutsch-französischen Militärbündnis auf Kosten Rußlands aufkommen, die durch das Nein Tardieus zur Stimsondoktrin eine ostasiatische Tangente erhalten könnte.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, daß die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler von der Sowjetregierung keineswegs als situationsumstürzend gedeutet wird. Im Gegenteil: Stalin begünstigt die Machtübernahme der Nationalsozialisten, da sie die deutschen Interessen nicht für die Solidarität der westlichen Staatengemeinschaft hingeben. Der Sowjetunion liegt der Gedanke einer Umorientierung ihrer auswärtigen Politik aus Anlaß der nationalsozialistischen Machtergreifung völlig fern. Moskau ist über Hitler sehr viel weniger beunruhigt als über Papen oder Hugenberg.

Die Vizekanzlerschaft des frankreichfreundlichen Papen ist anscheinend auch die Ursache dafür, daß in Moskau die Unruhe über einen deutsch-französischeu Block wieder anwächst. Für den Fall, daß sich Deutschland als nicht länger beeinflußbar erweist und nach Westen driftet, beabsichtigt Moskau, sich selbst mit den Franzosen zu verständigen und sie von Deutschland zurückzuhalten. Hiermit klingt ein Grundmotiv der russischen Außenpolitik der nächsten Jahre an: Sollten alle Mittel versagen, wird Moskau dem Deutschen Reich die Partner wegnehmen und es auf diese Weise wieder an Rußland heranbringen. Die Leitlinie führt insofern ins Leere, als die Freiheit von einschränkenden Westverträgen im Grunde das ist, was Hitler anstrebt.

Moskau verschiebt aus seiner reaktiven Grundhaltung die Gewichte im Dreieck Deutschland-Frankreich-Polen nur äußerst zögernd. Das Deutsche Reich spielt auch gerade in den Jahren nach 1933 die Hauptrolle in der russischen Westpolitik und ist für die Sowjetregierung der bevorzugte Partner. Die Verträge mit Frankreich und Polen sind nur Druckmittel, im günstigsten Fall Überbrückungshilfen.

Es liegt nicht im freien Willen Moskaus, unbeschwert in den Westen überzuwechseln, sollte es sich mit Deutschland überwerfen. Ein derartiger Wink der Russen an die Reichsregierung darf nur taktisch gewertet werden. Die Unterschiede der russischen Gesamtinteressen zu den westlichen Mächten sind bei weitem größer als zu dem Deutschen Reich.

Zwar kann die deutsche Revisionspolitik auch nach der Machtübernahme Hitlers auf den russischen Beistand gegen Versailles zählen, aber weder die Deutschen noch die übrigen Großmächte wenden sich an Moskau, um die Durchsetzbarkeit ihrer Ziele anzuheben. Die europäischen Mächte schlagen durchweg die russische Hilfe aus. Die Deutschen meinen, der russischen Unterstützung zur Sprengung der Ordnung von Versailles entraten zu können. Die Briten halten an ihrem Programm eines ›general settlement‹ für Europa unter Ausschluß der Sowjetunion fest. Allein die Franzosen bekunden eine gewisse Bereitschaft, zur Festigung ihrer künstlichen Vorherrschaft in Europa die Vorkriegsbeziehungen mit Rußland in den Grenzen zu erneuern, die einer französisch-russischen Entente durch die Existenz Polens gezogen sind. Für Moskau ist dies eine äußerst mißliche Lage, die sich nicht länger berechnen läßt, sollte Deutschland verloren gehen, bevor neue Verbündete gewonnen sind.

Der Bündnisvertrag mit einem Weststaat ist nun keineswegs ein vollwertiger Ausgleich für den Verlust Deutschlands. In der Berechnung Moskaus ist ein Westbündnis nur ein Aushilfsmittel, das die entstandene Leere ausfüllen oder, und das ist sein eigentlicher Zweck, wieder an ein isoliertes Deutschland heranführen soll.

Die Umstellung der russischen Politik auf Paris und Warschau ist ein methodischer Gegenzug, der sich aus dem Entwicklungshintergrund des Sommers 1933 ergibt, auf dem sich die Konturen der deutschpolnischen Verständigung sowie der Einflußschwund der rußlandorientierten Kräfte im Auswärtigen Amt und in der Reichswehr abheben.

Im Spätsommer 1933 stellt sich Moskau darauf ein, seine Revisions- und Expansionsziele in Ostmitteleuropa auf Umwegen anzusteuern, da sich der Idealpartner Deutschland vorübergehend versagt. Stalin ist der festen Überzeugung, daß das Deutsche Reich aufgrund seiner Interessenlage wieder nach Moskau finden muß. Er setzt weiterhin auf die deutsche Karte, sieht sich aber wegen der Unsicherheit in der Haltung Deutschlands zu Übergangslösungen im Westen genötigt, die er nach der Rückgewinnung des exklusiven deutsch-russischen Verhältnisses gefahrlos wieder aufkündigen kann.

Daß sich die Alternativen einer positiven Deutschlandpolitik als höchst problematische Notmaßnahmen herausstellen, sollen die 1933 anhebenden Ostpaktverhandlungen zeigen. Es lohnt sich, das überaus verwickelte Vertragsgeflecht eingehender zu besprechen, da sich Stalins Grundabsichten hier bündeln.

Deutschland im Fadenkreuz

Im Juli 1932 trägt Japan den Franzosen ein Bündnis gegen Rußland an. Abgesehen davon, daß der japanische Alleingang 1931 in der Mandschurei, dessen diplomatischer Flankensicherung des Angebot dient, dem auf die Kollektive Sicherheit eingeschworenen Quai d'Orsay die Annahme der Offerte nur schwer ermöglicht, ist der Zeitpunkt für eine derartige Kombination ungünstig, da die französische Regierung bereits Kurs auf Moskau genommen hat.

Die Franzosen fühlen sich bei der Wahrnehmung ihrer lebenswichtigen Interessen von London allein gelassen. Die dem Deutschen Reich im Dezember 1932 zugestandene formelle Gleichberechtigung auf der Genfer Abrüstungskonferenz neutralisiert das französische Außenministerium durch einen nach langwierigen Verhandlungen 1931 paraphierten und in Voraussicht der kommenden Ereignisse nunmehr in Kraft gesetzten Nichtangriffsvertrag mit der Sowjetunion und verstärkt auf der Suche nach Unterstützung gegen den deutschen Revisionismus die Annäherung an Moskau, das im Sommer 1933 seine weitergehende Verhandlungsbereitschaft andeutet.

Als Deutschland im Oktober 1933 Genf verläßt, sucht das Quai d'Orsay den dadurch eingetretenen Sicherheitsverlust durch die Erweiterung des französisch-russischen Nichtangriffspaktes vom 29.11.1932 auszugleichen. In Aussprachen mit dem russischen Botschafter Dovgalevskij vom 29.10.1933 und am 31.10.1933 mit Litvinov regt Außenminister Boncour den Abschluß eines französisch-russischen Bündnisses an. Allerdings könnte Paris ohne die Zwischenschaltung des Völkerbundes die Garantien aus den Locarnoverträgen dann nicht mehr zur Geltung bringen. Boncour besteht daher auf den Beitritt der Sowjetunion in den Völkerbund. Auf Wunsch der Franzosen soll das russisch-französische durch ein russisch-polnisches Bündnis flankiert werden, da die Russen keine Grenze mit Deutschland haben.

Dovgalevskij bespricht die russischen Gegenvorstellungen am 28.12.1933 mit Boncour und am 4.1.1934 mit Alexis Léger, dem Generalsekretär des Quai. An die aktive Teilnahme am System der Kollektiven Sicherheit knüpft Moskau einige Bedingungen, die es später fallen läßt: die diplomatische Anerkennung durch alle in Genf versammelten Staaten und die Freistellung von der Schiedsgerichtsbarkeit des Bundes. Im Fernen Osten wollen die Russen Frankreich gegen Japan festlegen, was für Paris nicht in Betracht kommen kann. Bei der Erörterung der Bündnisvoraussetzungen in Europa bekunden die Russen ihr Interesse an einer Überführung der von Paris vorgebrachten französisch-russisch-polnischen Kombination in einen Regionalpakt, bestehend aus der Sowjetunion, den Baltischen Staaten, Finnland, Polen, der Tschechei und Frankreich. Damit ist das Vorhaben des Ostpaktes in Gang gebracht. Auf der Liste der Paktstaaten fehlt Rumänien, das Moskau anfangs einbeziehen wollte. Als Signatar Locarnos ist auch Belgien im Gespräch gewesen.

Am 18.5.1934 treffen sich der neue französische Außenminister Barthou und Litvinov in Genf. Barthou verringert die Teilnehmerstaaten auf die Sowjetunion, Polen und die Tschechei, klammert Frankreich aus dem Pakt aus und bringt seinerstatt das Deutsche Reich ins Spiel. Frankreich soll, im Sonderbündnis mit Rußland, den Pakt nur garantieren. Rußland seinerseits garantiert Locarno. Litvinov geht auf den französischen Entwurf ohne weitere Erhebungen ein.

Die Sympathie der Russen für eine Vertragsgemeinschaft mit Frankreich und Polen ohne die von Moskau in den Vorgesprächen aufgeführten Staaten Zwischeneuropas oder auch nur ohne Deutschland kann von Hause aus nicht sehr groß sein. Die Tatsache, daß Barthou Frankreich aus dem Pakt ausnimmt und dafür die Deutschen einschiebt, kann den Nachteil, den der ›Ostlocarno‹-Plan insgesamt darstellt, nicht aufheben. Dennoch erteilen die Russen überraschend schnell ihr Einverständnis. Für Moskau hat die Vertragsfassung geringere Bedeutung als für die Franzosen ; sie ist für die Russen mehr ein Problem der methodischen Eleganz als des Inhalts, denn in jedem Fall ist ihr Ziel die Gewinnung Deutschlands.

Die Franzosen wollen den Pakt mittels Garantieabsprachen an Locarno anlehnen und ihm nur als stille Teilhaber angehören. Ihr Verhandlungsziel liegt klar zutage: Sie beteiligen die Russen an den Pflichten der Locarnoverträge und legen den Deutschen zusätzliche Vertragsfesseln an, indem sie den Locarnopaktpartner Deutschland auch als Ostpaktunterzeichner einbinden.

Das beiderseitige Interesse an der verschachtelten Vertragskonstruktion beruht darauf, daß Paris einen starken Vertragspartner gewinnen möchte, den es gegen das Deutsche Reich vorschieben kann, während sich Moskau die Chance ausrechnet, daß ein im Westen unter Vertragsdruck gebrachtes Deutschland wieder Anlehnung an Rußland suchen wird. Daß Frankreich seine Hilfeleistung, die Völkerbundbeitritt Rußlands voraussetzt, von der schwerfälligen Sicherheitsmechanik Genfs abhängig macht, ist für die Russen nicht lebenswichtig, Eine echte Gefahr hingegen birgt die Garantie Locarnos. Mit ihr macht sich Moskau zum Schuldner der Franzosen. Wenn die Russen dennoch in die zerbrechliche Konstruktion einhaken, muß der Grund in den russischen Endvorstellungen jenseits der Verträge gesucht werden.

Paris möchte den Bündnisfall nur bei Angriffen durch benachbarte Staaten eintreten lassen. Dadurch würde das Vertragsvorhaben für die baltischen Pläne Moskaus anodyn. Die Baltischen Staaten haben auf dem Annexionsprogramm Moskaus Priorität. Eine Festsetzung Deutschlands im Baltikum würde Frankreich nicht auf den Plan rufen. Weder die Franzosen noch die Briten wollen sich auf eine Erklärung über die Unversehrtheit der Baltischen Staaten in den Ausdrucksweisen der russischen Entwürfe verstehen. Gerade daran wäre den Russen aber sehr gelegen; ein russisches Eingreifen im Baltikum in Abwehr einer deutschen ›Provokation‹ wäre nicht isoliert und fände das Einverständnis der westlichen Mächte oder bräuchte zumindest nicht mit ernsthaften Gegenmaßnahmen ihrerseits zu rechnen.

Die russischen Zielvorstellungen

Die russischen Zielvorstellungen, deren Endpunkte sich dem ersten Blick entziehen und Schicht um Schicht freigelegt werden müssen, sind planvoller angelegt als das aus einer Defensivhaltung heraustretende und daher begrenzte französische Vertragsinteresse. Sie veranschaulichen, wie weit im voraus Moskau plant.

Moskau legt seinen Plänen eine Situation zugrunde, in der ein wiedererstarktes Deutschland vorherrscht. Die Entstehung gerade einer solchen Lage wollen die Franzosen blockieren. Die Russen rechnen fest damit, daß das Deutsche Reich seine alte Machtstellung wieder erklimmen wird und bezweifeln die Entschlossenheit und Fähigkeit der westlichen Mächte, den deutschen Wiederaufstieg zu verhindern. Die Verhandlungspartner sind also weder in der Beurteilung der Ausgangslage noch im Ziel einig. Die Voraussetzungen für die Tragfähigkeit des Vertragswerkes sind somit äußerst brüchig.

Inmitten des Kranzes der voraussehbaren Vertragswirkungen weist das lebhafte Interesse Moskaus am Schicksal der Baltischen Staaten auf die alten russischen Ostseeprovinzen als ein erstrangiges Ziel der sowjetischen Erwerbspolitik und auf die damit einhergehende Absicht, die baltische Grenzregion für jede Drittmacht zu sperren, sei es, daß jene selber Garantiemacht wird, oder erst durch den russisch-französischen Gegendruck vom Baltikum ferngehalten werden muß. Daß Moskau während der Unterhandlungen mit den Franzosen auch Schritte in Berlin unternimmt, um die Deutschen an der baltischen Frage im russischen Sinn zu interessieren, läuft den Zielen der Russen in Ostmitteleuropa keineswegs entgegen. Die Sowjetregierung ist mit Recht überzeugt, daß sie in die ostmitteleuropäische Staatenlandschaft im Verein mit Deutschland leichter und gründlicher eingreifen kann als in einer westmachtlichen Kombination.

Die russischen Bemühungen um eine Ausdehnung der französischen Beistandspflicht auch auf die Baltischen Staaten sind vergebens. Für das sicherheitsbedürftige Frankreich wäre eine über die Verträge mit Polen und den Ländern der Kleinen Entente hinausgreifende Festlegung in Ostmitteleuropa im Sinne des russischen Paktentwurf eine riskante und auch unnötige Überforderung. Ein Mehr an Sicherheit gegen Deutschland würde eine überzogene Beteiligung nicht einbringen. Nur ein russisches Sonderbündnis mit festvereinbarter Beistandspflicht könnte den Sicherheitsgewinn Frankreichs erhöhen. Barthous betont die französische Verhandlungsführung wieder in diese Richtung. Er setzt wenig Vertrauen in die Automatik der Kollektiven Sicherheit, die den Hauptfeind, das Deutsche Reich, nicht wirklich niederhalten kann, dies um so weniger, als eine Politik der Isolierung Deutschlands in das Grundmuster der britischen Diplomatie: jeden Rückfall in das System der Allianzen von 1914 zu verhindern, nicht eingefaßt werden kann. Baldwins Auffassung: ›Westeuropa ist für uns lebenswichtig, Osteuropa nicht‹, ist herrschende Meinung im Foreign Office, dessen Beamte bereits in den Bündnissen Frankreichs mit den revisionsfeindlichen Ländern Ostmitteleuropas die Gefahr eines Krieges erblicken. Ein französisch-russischer Abschluß werde nach britischer Auffassung die Lage in Europa nur noch verschlimmern und einen deutsch-japanischen Gegenbund zur Folge haben. Als Alternative zum Ostpakt bietet London bilaterale Nichtangriffspakte an, die von Drittstaaten garantiert werden: Deutschland garantiert einen russisch-polnischen Nichtangriffsvertrag, Rußland ähnliche Verträge Deutschlands mit seinen Östlichen und südöstlichen Nachbarn. Frankreich übernimmt die Gesamtgarantie für alle Ostverträge. Moskau zeichnet die Garantien Locarnos.

Indem Frankreich den Ostpakt mit Locarno verbindet, erhöht es seine Sicherheit, ohne sich über Gebühr zu exponieren. Zwar bietet der Sicherheitsmechanismus des Völkerbundes auch den Russen die Möglichkeit einer hinhaltenden Behandlung ihrer Hilfeleistung, doch ist dies nur in einer Defensivstellung von Nutzen. Für eine aktive Diplomatie ist der Handlungsspielraum, den Genf gewährt, minimal. Moskau nimmt schließlich die Beschränkung des Ostpaktplanes auf die recht engen Grenzen der französischen Sicherheit, da das Vertragsinstrument auch in seiner entkräfteten französischen Fassung zwar nicht mehr zur Umgestaltung Ostmitteleuropas, wohl aber noch für die russischen Absichten auf Deutschland brauchbar ist.

Die Zweistufigkeit der russischen Zielplanung ist leicht erkennbar: Moskau möchte 1. über Frankreich/Polen das Deutsche Reich dahin bringen, daß es den Wert der russischen Karte wiederentdeckt und anschließend 2. gemeinsam mit den Deutschen Ostmitteleuropa neu ordnen. Daß die Franzosen das Deutsche Reich ins Vertragswerk einbringen, kommt den russischen Plänen nur entgegen. Je stärker der Druck im Westen wird, desto leichter werden die Deutschen nach Moskau finden. Erreicht der Pakt nicht die erste Stufe, wird er deswegen nicht wertlos. Auch als Ersatz für eine Übereinkunft mit dem Deutschen Reich kann er noch Gewinn abwerfen.

Moskaus erstes großes Etappenziel ist die Auflösung Ostmitteleuropas. Das bestgeeignete Verfahren besteht in der Anlegung eines vertraglichen Terrains, auf dem die deutschen und russischen Interessen in Übereinstimmung gebracht werden können. Wie der Ostpakt ist auch der Vertrag mit Frankreich, neben seinem Eigenwert als Defensivinstrument, ein Mittel der offensiven Sicherheitspolitik Moskaus. Er soll -ob nun als eigenständiger Bündnisvertrag oder in einen Regionalpakt eingefaßt - den Boden bereiten für die Herstellung einer tragfähigen politischen Grundlage mit jener Macht, deren Gewinnung die Verwirklichung der russischen Expansionsziele überhaupt erst ermöglicht: das Deutsche Reich.

Die Bemühungen Moskaus und Frankreichs

Im Juni 1934 treten Paris und Moskau an die Regierungen der vorgesehenen Unterzeichnerstaaten heran. Die Ostpaktpartner sollen sich gegenseitige Hilfe gegen die Aggression seitens eines der Paktteilhaber versprechen und Neutralität beim Angriff einer dritten Macht. Frankreich ist dem Regionalpakt über eine Beistandsvereinbarung mit Moskau angeschlossen, die eine russische Garantie Locarnos und eine französische Garantie des Ostpaktes enthält.

Der russische Paktentwurf, daß die Sowjetunion und Frankreich den Kern einer um die Staaten Zwischeneuropas angereicherten Vertragsgemeinschaft bilden, besitzt zwar nur einen geringen, aber noch erkennbaren Wirklichkeitsgehalt. Hingegen ist die französische Paktvorstellung einer Vierergruppierung der Sowjetunion, Polens, des Deutschen Reiches und der Tschechei mit Frankreich als Garantiemacht eine blanke Illusion. Die im September 1934 in Berlin und Warschau erklärte Nichtbereitschaft zur Unterzeichnung kann daher nicht überraschen.

Die Weigerung der Reichsregierung ist für die Russen dennoch ein schwerer Schlag, da damit vorerst die letzte Möglichkeit schwindet, mit den Deutschen ins Gespräch zu kommen. Auf die erfolgslose Initiative fällt das fahle Licht der Niederlage, nachdem auch ein zweiter Verhandlungsfaden, den Moskau in die Ostpaktverhandlungen eingewebt hat, gerissen ist: das Angebot einer Garantieübernahme für die Baltischen Staaten. Bevor die Sowjetregierung es dem deutschen Botschafter am 28.3.1934 unterbreitet, hat sie in Warschau sondiert. Wie jede russische Bemühung hat auch der baltische diplomatische Vorstoß Nebenwirkungen. Moskau kann die Festigkeit der deutsch-polnischen Entente testen. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß sich Polen auf eine Garantie einläßt. Sollte sich Warschau sträuben, verlieren die Russen nichts.

Polen lebt nicht nur vom deutsch-russischen Gegensatz. Warschau liegt auch in Grenzstreitigkeiten mit Litauen und der Tschechei. Wie sich Moskau die Einfügung Polens in ein funktionsfähiges Paktsystem vorstellt, bleibt unerfindlich und kann nur ein weiterer Hinweis dafür sein, daß es der Sowjetregierung weder auf den Ostpakt noch auf die Baltengarantie in erster Linie ankommt; sie legt es vielmehr darauf an, über das Deutsche Reich ein Vertragsnetz auszuwerfen und es wieder einzufangen.

Die russischen Pläne gehen in der Tat erheblich über das Minimalziel eines baltischen Reservates hinaus. Sie erstreben nichts weniger als die allmähliche Lockerung und anschließende Ausklammerung des Baltikums aus dem europäischen Staatengefüge durch die Herstellung einer Vertragslage, die den tagespolitisch-kurzfristigen Etappenzielen ebenso gerecht wird wie den auf lange Sicht angelegten russischen Kernabsichten.

Die Erteilung einer Garantie bedeutet in der Praxis der russischen Diplomatie die Einleitung einer endgültigen Besitznahme. Die Einladung an die deutsche Regierung, mit den Russen eine Garantie zu übernehmen, ist in ihrem beabsichtigten Ergebnis ein Teilungsangebot. Sind das Deutsche Reich und Sowjetrußland erst einmal auf einer gemeinsamen Grundlage vereint, ist die Aufteilung Ostmitteleuropas nur noch eine Frage der Festsetzung des geeigneten Termins. Die deutsche Ablehnung der Garantie beeinflußt die russische Politik dahingehend, daß Moskau die seit dem Sommer 1933 gleitende Uniorientierung nach Frankreich fortsetzt. Gleichwohl behält die Sowjetregierung Deutschland im Visier. Seine Unzugänglichkeit zwingt sie nur zu einem Wechsel im Gebrauch ihrer Mittel, keineswegs zur Revision ihrer Ziele.

Die russische Anregung in den Gesprächen vom 28.12.1933 und 4.1.1934 im Quai d'Orsay, Frankreich und Polen ›unbedingt‹ in den Ostpakt aufzunehmen, wird aus der Absicht Moskaus verständlich, die widerspenstigste Gegnermacht in Ostmitteleuropa, Polen, mit Hilfe des Regionalpaktes lahmzulegen und den Garanten Ostmitteleuropas, Frankreich, gegen das übrige großmachtliche Europa auszuspielen.

Der Gleichklang mit Frankreich, wo die wichtigsten Verstrebungen der ostmitteleuropäischen Staatenordnung zusammenlaufen, würde eine gewisse Neutralisierungswirkung auf Deutschland und Großbritannien ausüben. Die Einschaltung Frankreichs in das russiche Vertrags-circuit könnte nicht nur die Gefahr einer Handlungseinheit der europäischen Großmächte gegen Rußland mindern helfen, sie würde auch die russische Lage in Fernost in dem Maße erleichtern, als die Bedrohung durch eine deutsch-polnische Zange mit Japan abnimmt, die Moskau um die Jahreswende 1933/34 mehr als alles andere fürchtet. Die Konstellation Japans mit einer europäischen Macht hat Moskau bereits im Oktober 1932 beschworen und Frankreich als den Hauptkriegstreiber in Europa angeklagt.

Die russische Vertragsskizze löst im Bündnisfall, der sich mit Leichtigkeit herstellen ließe, den Zweifrontenkrieg gegen Deutschland aus, dem die Sowjetunion, die nicht an das Deutsche Reich grenzt, nach Sicherstellung ihrer baltischen Ziele und ungeachtet nomineller Verpflichtungen, je nach Lage fernbleiben oder sich anschließen kann. Die Sowjetregierung könnte Frankreich und Polen ins Treffen führen und die Deutschen an den Verhandlungstisch nach Moskau zwingen. Die Russen erhielten Gelegenheit, aus der Stellung der Hinterhand ihre ostmitteleuropäischen, insonderheit baltischen Ziele zu verfolgen und in die Lagengestaltung Europas regelnd einzugreifen. Der Ostpakt in seiner russischen Fassung könnte damit annähernd dieselbe Funktion übernehmen, die Moskau einer Vereinbarung mit Deutschland zuerkennt: die Umgestaltung der Staatenordnung in Ostmitteleuropa.

Als im Sommer 1934 deutlich wird, daß auch der Ostpakt das russische Ziel der Auflösung des Staatengürtels von Finnland bis Rumänien nicht näherrückt, das Aushilfsmittel für die verlorene Partnerschaft mit den Deutschen also nicht greift - von dessen geringen Verwirklichungsaussichten in Anbetracht des Übermaßes an Gegensätzlichkeiten im ostmitteleuropäischen Interessenchaos Moskau von Anbeginn weiß -, sinkt der Ostpakt über eine Zwischenstufe in Form der französischen Fassung, die immerhin noch die Chance für sich hat, über die Fäden des Vertragsnetzes die Bande mit Deutschland erneut anzuknüpfen, auf die Ebene einer Notlösung, die nur noch auf ein Einzelabkommen mit Paris hinauslaufen kann. Der Franzosenpakt erweist sich in der gegebenen Lage als letzter Fluchtweg aus der Isolierung.

Moskau wirbt weiter um Deutschland

In unzähligen gelenkten Äußerungen seiner Diplomaten und Militärs wirbt Moskau weiterhin um die deutsche Beteiligung, die indes auch für eine entschärfte Vertragsfassung, in der die Beistandspflicht entfällt, nicht zu haben ist. Moskau ist sogar bereit, Deutschland an den französisch-russischen Pakt anzuschließen, falls der Regionalpakt nicht zustande kommt.

Kein Zweifel, daß eine deutsch-russisch-französische Verbindung, auch im Hinblick auf Großbritannien und Polen, für Moskau die nächstbeste Lösung wäre. Die Idee des Kontinentalbundes zwischen Deutschland, Rußland und Frankreich ist bereits nach Abschluß des Berliner Vertrages 1926 aufgetaucht. Vom französischen Botschafter in Moskau, Berthelot, ist sie noch im gleichen Jahr angeregt worden. Litvinov hat sie 1931 den Deutschen vorgeschlagen.

Daß Moskau sehr viel lieber die Politik der freien Hand auf der Grundlage des deutsch-russischen Sonderverhältnisses fortsetzen würde, als sich Frankreich zu verpflichten, erhellt daraus, daß der in das Paktsystem eingeklammerte Völkerbundbeitritt Rußlands, und erst recht das französische Bündnis, nicht ungefährlich sind: lösen sie nicht das russische Kardinalproblem, wieder an Deutschland heranzukommen, kann Moskau in europäische Händel hineingezogen werden. Die entgegengesetzte Gefahr, ein dauerhafter Frieden in Europa, ist für die Erreichung der russischen Endziele nicht minder hemmend: über die Vertragsfäden würde Rußland an den Garantien Locarnos beteiligt und müßte mitverhindern helfen, worauf es ihm wesentlich ankommt: einen Krieg der europäischen Großmächte untereinander. Weder der Ostpakt in seiner mit Paris vereinbarten Fassung noch das französische Ergänzungs- oder Sonderbündnis und schon gar nicht ein Sitz im Völkerbund bringen Moskau seiner eigentlichen Zielsetzung näher; über hinfälligen Prestige-Gewinn kommen sie nicht hinaus. Der einzige Sinn, den ein Pakt mit Frankreich jetzt noch haben kann, liegt darin, auf Deutschland Druck auszuüben und es doch noch an Rußland heranzuzwingen.

Moskau gebraucht die kollektive Sicherheit als Mittel zur Beendigung der Vertragslosigkeit mit dem Deutschen Reich. Die deutschlandpolitische Linie als der Hauptstrang der russischen Außenpolitik schimmert durch alle Überschichtungen deutlich wahrnehmbar hindurch. Die russische Vertragspolitik in Paris und Genf bestätigt sich im Blick auf die letzten Ziele Moskaus als eine Aushilfe mit begrenztem Ziel.

Stellt die starre Haltung Berlins und Warschaus die russische Zielvorstellung bereits erheblich in Frage, erhalten die Beziehungen mit Frankreich seit der Übernahme des Außenamtes durch Laval im Oktober 1934 eine kaum noch berechenbare Komponente. Die russische Diplomatie sieht nun die Verhinderung einer deutsch-französischen Vereinbarung, derzufolge die Reichsregierung gegen eine Nichtangriffsverpflichtung nach Westen Handlungsfreiheit im Osten erhält, als ihre nächste dringende Aufgabe an. In Moskau erscheint auch wieder das Gespenst eines Bündnisses zwischen Frankreich, Polen und Deutschland, das zur Zeit Papens schon einmal umgegangen ist.

Die Nützlichkeit des Ostpaktes erweist sich in diesem Zusammenhang auch darin, daß er eine gewisse Sicherheit gegen sowjetfeindliche Abmachungen bietet. Litvinov gelingt mit dem Genfer Protokoll vom 5.12.1934 eine vorübergehende Immobilisierung der französischen Politik: Rußland und Frankreich verpflichten sich, keine Vereinbarungen mit Drittländern zu treffen, die den Abschluß des Ostpaktes gefährden könnten. Der am 2.5.1935 schließlich zustande gebrachte Beistandspakt, dessen Unterzeichnung Paris hinausgezögert hat, besitzt nicht die nötige Tiefenwirkung, um Frankreich von seiner außenpolitischen Grundlinie der Rückversicherung bei Großbritannien abzubringen oder die Ausgleichspolitik Lavals gegenüber dem Deutschen Reich und Italien zu dämpfen. Für Moskau bedeutet er in seiner von französischen Vorbehalten aufgeschwemmten Fassung noch nicht einmal die Verwirklichung eines Ausweichzieles. Überdies verfehlt er seine Wirkung auf Deutschland, soweit er als Teilstrecke auf dem Weg der Wiederannäherung an das Reich berührt ist. Stalin ist jederzeit bereit, den Pakt ›verblassen‹ zu lassen, sollte sich die deutsche Politik wieder nach Osten Öffnen. Die auf dieser Linie von Moskau auch nach dem 2. Mai noch eingeleiteten Wiederbelebungsversuche des Ostpaktes scheitern indes ebenso wie die Ausweitung des französisch-russischen Vertrages auf die Dreierkombination Rußland-Frankreich-Deutschland.

Beide Parteien argwöhnen, daß der Vertragspartner sie hintergehen wird. Ihre Ziele liegen so weit auseinander, daß eine Vertragsgrundlage, die frei ist von inneren Vorbehalten, nicht geschaffen werden kann. Im engeren Wirkungsbereich der Verträge befindet sich Frankreich in einer vorteilhafteren Stellung. Die sich daraus ergebenden Unwägbarkeiten geht Moskaus im Interesse seines Fernzieles ein: So ist das Vertrauen darauf, daß Frankreich die Polen in die Paktgemeinschaft nachziehen werden, in nichts gerechtfertigt. Jeder Schritt der Franzosen in Richtung Moskau rückt die Polen näher an Berlin heran. Moskau muß den Ausgleich mit Frankreich daher so vorsichtig dosieren, daß aus der deutsch-polnischen Entente kein fester Block wird.

Während die Franzosen ein expandierendes Deutschland eindämmen wollen und mit dem russischen Bündnis ihr Allianzsystem aufs schwerste gefährden, sucht Moskau den Anschluß an die Deutschen: nur mit ihnen kann es die europäische Landkarte zerschneiden. Moskau spielt mit verdeckten Karten; dafür trägt es das größere Risiko. Wäre der Ostpakt in seiner französischen Fassung rechtsgültig geworden, hätte Rußland bei der Besetzung des Rheinlandes 1936 marschieren müssen. Ein Krieg mit Deutschland ist das letzte, was sich Stalin wünscht.

Ein Krieg hingegen, der die Deutschen an Rußland heranführt, fände durchaus sein Interesse. Die Ergänzung des Beistandspaktes vom 2.5.1935 durch ein Militärabkommen macht Moskau von der Kündigung des französisch-polnischen Bündnisvertrages abhängig. Es fällt auf, daß die Bedingung bezüglich Polens und nicht der Tschechei gestellt wird, die für die deutschen Pläne Moskaus unbrauchbar ist. Ein deutsch-französischer Krieg der Tschechei wegen eignet sich indessen vorzüglich für einen Angriff auf Polen, um eben auf diese Weise die Verständigung mit dem Reich herbeizuführen, das sich den russischen Wünschen dann kaum noch wird entziehen können.

Im Februar 1935 rücken die Russen mit ihrem zentralen Anliegen heraus: sie bieten Deutschland einen Nichtangriffspakt an, was darauf hinausläuft, daß die Verträge Moskaus mit Paris und Prag disponibel werden. Das Angebot verhallt ungehört. Die Sowjetregierung setzt ihre diplomatischen Bemühungen indes unbeirrt fort. Im Dezember 1935 erneuert sie ihr Paktangebot. Es bleibt auch diesmal ohne Widerhall. Die letzte und wiederum vergebliche Sondierung erfolgt am 29.1.1937. Danach resigniert Stalin.

Erst im März 1939 setzen erneute Versuche einer (Wieder-)Annäherung ein. Die britische Polengarantie steigert Stalins Manövrierfähigkeit erheblich; sie zwingt Hitler zum Krieg nach Westen und bringt die russische Politik der Verständigung mit dem Reich merklich voran, indem sie durch die Einengung des deutschen Handlungsspielraums Hitler nur noch die Wahl zwischen dem Verzicht auf seine polnischen Ziele und einer Vereinbarung mit Moskau offenläßt. Die Garantie legt die Westmächte gegen Deutschland fest; mithin entfällt für die Russen die Notwendigkeit der Rückversicherung in London oder Paris.

Am 23.8.39 ist Moskau am Ziel. Der Pakt mit den Deutschen ist nicht nur ein Coup gegen die Westmächte; das bliebe noch im Rahmen hergebrachter Diplomatie. Die Jahre der deutsch-russischen Freundschaft kennzeichnen eine weltpolitische Ausnahmelage, die bei ihrer Fortdauer das Mächtesystem umgestürzt hätte. Die Bedeutung des Paktes liegt daher weniger in dem, was er hervorgebracht hat, als in seinen unausdenkbaren Langzeitwirkungen, sollte er eingehalten werden. Davon am nachteiligsten betroffen wäre die Politik Roosevelts. Die amerikanischen Schreckensvisionen reichen von deutsch-russischen Welteroberungsplänen bis zur Einnahme Alaskas durch die Russen mit deutscher Schützenhilfe. Die USA bereiten sich darauf vor, den Kampf gegen den deutsch-russischen Kontinentalblock notfalls allein aufzunehmen. Nichstdestoweniger schlägt die US-Diplomatie eine Linie ein, die den Ausbruch eines deutsch-russischen Zerwürfnisses fördert und Moskau die freie Entscheidung auf einen Bündniswechsel offenhält.

Als der Krieg am 1.9.1939 ausbricht, haben sich die Westmächte und in ihrem Schlepptau unfreiwillig auch das Deutsche Reich in die Stellungen einweisen lassen, die Moskau für sie vorgesehen hat. Mit der Aufwertung der Sowjetunion zu einer bündnisfähigen Macht haben die westlichen Regierungen eine Lage geschaffen, in der Deutschland nicht mehr agieren, nur noch reagieren kann. Die außenpolitische Leitlinie Stalins aus dem Jahr 1925, im künftigen Krieg möglichst spät aufzutreten, kann nunmehr zur Wirkung kommen. Der spätestmögliche und günstigste Zeitpunkt ist der, in dem das Deutsche Reich nicht mehr stark genug ist, der Sowjetunion gefährlich zu werden, aber noch genügend Kampfkraft besitzt, den Krieg gegen die westlichen Mächte mit russischer Hilfe fortzuführen. Daß Moskau am Krieg teilnehmen wird, ist sicher. Die Formel, Rußland hält sich so lange aus dem Konflikt heraus, bis eine der kriegführenden Parteien vernichtet ist, und erledigt

im Anschluß den geschwächten Sieger, trifft in ihrer bestechenden Klarheit nicht die wirkliche Lage. Das Deutsche Reich kann die USA nicht ›vernichten‹. Die Wahrscheinlichkeit eines deutschen Totalsieges im Westen ist gering. Das Risiko der Niederlage liegt bei Deutschland. Die Amerikaner können jederzeit und überall Ansatzpunkte finden, den deutschen Machtbereich zu bedrohen. Siegen die USA, wächst

ihre Macht ins Unermeßliche. Eine Vernichtung Deutschlands durch die Angelsachsen liegt folglich nicht im russischen Interesse. Ein übermächtiges Deutschland ist den russischen Plänen indes auch nicht förderlich. Das beste wäre daher, daß Deutschland eine Niederlage erleidet und Rußland die deutsche Restkraft in eigene Dienste nehmen kann.

Es bleibt noch die Überlegung, ob es aus der Beurteilungssicht Moskaus nicht vorteilhafter ist, daß die Sowjetunion erst Deutschland niederwirft und sich sodann den Westen vornimmt. Dafür reichen die Kräfte Rußlands indes bei weitem nicht aus. Das Deutsche Reich kann nur mit Hilfe der Westmächte und der USA überwunden werden. Ein Krieg gegen Deutschland, den die Sowjetunion allein führen müßte, würde die Spannkraft der Roten Armee übersteigen. Aus einem Koalitionskrieg gegen Deutschland aber, fürchtet Stalin, werde Rußland geschwächt und der imperialistische Staatenblock gestärkt hervorgehen. Außerdem glaubt er, daß Deutschland auch nach einer Niederlage ein konstanter Faktor der europäischen Politik bleiben wird. Die deutsche Masse läßt sich nicht einfach hinwegfegen. Wenn Deutschland den Krieg nicht gewinnen kann, muß es sich nach Westen oder Osten festlegen. Eine deutsche Festlegung nach Westen wäre das schlimmste, was den Russen geschehen könnte. Aus den Gesprächen Stalins mit dem britischen Botschafter Cripps geht hervor, daß ihm ein siegreiches Deutschland erträglicher ist als ein Sieg des Westens über Deutschland. Der von Großbritannien angeregte Bündnisumsturz kann für ihn daher nicht in Frage kommen.,

Je stärker Deutschland ist, desto ungünstiger wird die russische Verhandlungslage. Deswegen kann Moskau einen deutschen Endsieg nicht wünschen, eine deutsche Niederlage hingegen noch viel weniger. Rußland stünde den Angelsachsen dann allein gegenüber. In dieser Lage kann es nur eine Lösung geben: die Herbeiführung einer Situation, in der das Deutsche Reich auf russische Hilfe angewiesen wird.

Stalins Zielsetzung geht demnach dahin, durch eine schrittweise Westverschiebung der russischen Grenzen gegen einen Sieg Deutschlands als auch der Angelsachsen vorzubeugen. Sie mitbeinhaltet die Absicht, die deutsche Karte gegen die Seemächte auszuspielen. Der deutsche Angriff 1941 durchkreuzt Stalins Plan, dem Krieg zwischen Deutschland und den westlichen Mächten vorerst fernzubleiben und erst bei geringstem Risiko weitere territoriale Ausgangsbasen in Besitz zu nehmen. Ähnlich 1939 Deutschland, gerät Moskau in ein frontenverkehrtes Bündnis: statt mit dem (geschwächten) Deutschen Reich gegen die angelsächsischen Seemächte, ficht es nun mit seinen Erzfeinden gegen den noch immer erwünschten Idealpartner.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 14-22

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