Keine Antwort ist auch eine Antwort

Warum erhielt das Rote Kreuz kein DDT?

Professor Dr. Reuben Clarence Lang

Keine Antwort ist auch eine Antwort, vielleicht sogar »die« Antwort.

Als die Amerikaner im Sommer 1943 Süditalien eroberten, gab es in Neapel eine gefährliche Flecktyphus-Seuche. Sofort wendeten die Amerikaner ihr neu entwickeltes DDT zu einer massiven Kleiderentlausung der gesamten Bevölkerung an. Weil der Erreger des Flecktyphus, die Rizkettsia provazeki, durch die Kleiderlaus übertragen wird, konnte die Seuche rasch gebremst werden. Die Entlausung war einfach: Die Menschen brauchten sich nicht auszuziehen, man brauchte nur mit den DDT-Gewehren (guns) das DDT-Puder entweder auf den Rücken oder in die Ärmel zu blasen.

Obwohl die Alliierten dieses Puder »in Hülle und Fülle« hatten, da sie schon im März 1944 über 1,25 Millionen Personen entlausten - sogar einmal 73 000 in einem Tag - hätten sie zu irgendeiner Zeit - sagen wir nach dem Sommer 1943 - den ganzen Kontinent von Flecktyphus frei machen können. Warum haben sie dies nicht getan? Es ist anzunehmen, daß einige Kreise starke Versuche machten, schon lange vor dem Einmarsch der Alliierten in Deutschland, Polen und Ungarn das DDT-Puder besonders für die damaligen Konzentrations-, Arbeiter- und Kriegsgefangenenlager zur Verfügung zu stellen. Es waren etwa 8.000.000 Menschen in diesen Lagern. Daß man bis zum bitteren Ende des Krieges dieses Wundermittel dort nicht bekam, ist besonders tragisch, da gerade die meisten Todesfälle erst dann geschahen, als der alliierte Sieg bereits sicher war. Wenn das Internationale Rote Kreuz nicht sein Möglichstes getan hätte, um hier zu helfen, dann wäre es keine neutrale humane internationale Hilfsorganisation gewesen und hätte schweigend großer Not zugesehen.

Warum blieb man hartnäckig bei dem Entschluß, die DDT-Anwendung bis zum bitteren Ende geheim zu halten? Warum war man bereit, durch solche Verweigerung praktisch einen einseitigen biologischen Krieg zu führen? Könnte es sein, daß man schon lange vorhatte, in diesem Krieg eine ewige anti-deutsche Propagandawaffe zu schaffen? Nun sahen die Alliierten in diesem Zustand die Chance. Könnte es sein, daß man alles versuchte, damit die alliierten Befreier dieser Lager, als die gesundheitsbringenden, heilbringenden Erlöser erscheinen konnten und dagegen die Deutschen als die ewigen unbarmherzigen, verdorbenen Barbaren? Wollte man diesmal ein ewiges, nach dem Krieg so wertvolles Anklagebild gegen die Deutschen und ihre ganze Geschichte schmieden, und war man bereit, Hunderttausende von unschuldigen Menschen in diesen Lagern dafür zu opfern? Man kann annehmen, daß auch Anne Frank nicht am Typhus hätte sterben müssen.

Eins scheint sicher: Hätten die Deutschen das DDT-Puder gehabt, besonders im Osten, wo die Flecktyphus-Gefahr schon ab September 1939 ungeheuer groß war - dann wären ihre komplizierten Entlausungsprozesse sowie die riesigen Entlausungsanlagen, das Zyklon B-Reinigungsmittel, das Verbrennen der alten Kleider, die Reinigung von allen Gegenständen, das nötige Zusammenballen von Menschen mit der Notwendigkeit, sich auszuziehen, sich zu baden und die Kleider zu wechseln, nicht nötig gewesen. Dafür hätten aber die Feinde der Deutschen nach dem Krieg nicht die gewaltige anti-deutsche Propagandawaffe gehabt.

Wie man vielleicht damals schon sah, waren die Propagandamöglichkeiten wirklich groß, was man heute noch stark spüren kann. Erstens, konnte man besonders der Welt vormachen, daß diese deutschen Entlausungsanlagen alles andere wären, aber keineswegs das, was die Deutschen dazu sagten. Man konnte auch die wahren Zwecke dieser Anlagen durch allerlei böse Redereien, durch Untergrundzeitungen und Radios sabotieren. Denn diese deutschen Entlausungsprozesse benötigten das Aus- und Umziehen und ein Baden. Dies war nicht leicht durchzuführen, da es die Bereitschaft der Beteiligten dazu benötigte. Wie einfach war das DDT dagegen?

Zweitens konnte man dann sofort nach dem Krieg den Millionen von alliierten Soldaten wie auch den Deutschen, die nie viel von dieser Entlausung mitgemacht hatten, solche Lager wie Dachau, Bergen-Belsen und Buchenwald zeigen. Da diese Menschen nie so etwas gesehen hatten, da sie inzwischen viel von Vernichtung und Ausrottung gehört hatten, da sie eine Entlastung brauchten und da sie darum bereit waren, immer das Schlechteste von den Deutschen zu glauben, konnte man ihnen das Negativste von dem Negativen vormachen. Besonders, da die Krematorien nicht weit entfernt waren. (Für einige streng Religiöse bedeutet bekanntlich die Verbrennung des Leibes auch die ewige Vernichtung der Seele).

Wie wirksam das war, ist heute noch zu sehen, da fast alle, die damals (und auch noch später) Dachau besuchten, heute noch fest überzeugt sind, daß die Deutschen dort lebendige Menschen vergast hätten. Wie oft hört man: »Ich habe es ja doch selbst gesehen«, oder »Haben Sie schon jemals Dachau besucht?«

Warum blieben die Amerikaner und die Engländer hartnäckig bei dem Entschluß, das DDT nur anzuwenden, wo sie die militärischen Befreier waren? Warum weigerten sie sich, dieses wertvolle Wundermittel mit irgendeiner internationalen Hilfsorganisation zu teilen? Ich nehme an, daß ein Teil dieser Antwort in den Archiven des Roten Kreuzes liegt. Will man aber dort nachforschen, dann erfährt man, daß diese wertvollen Quellen geheimgehalten werden und damit für die Forschung blockiert sind.

Mir scheint, daß keine Antwort zuzulassen, auch eine Antwort ist. Ich glaube, man könnte noch weiter gehen und das Wort »eine« mit dem »die« ersetzen, das heißt, es war eben so, wie es hier vermutet wird. Eins scheint sicher, wäre es nicht so gewesen, wie hier vermutet wird, dann wären die Archive sicher schon alle auf- und durchgearbeitet. Es wäre schade und ein großer Verlust für die Menschheit, wenn die Wahrheit vorhanden wäre, aber wir nicht daran kämen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(2) (1987), S. 24f.

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