Erfahrungen mit dem Institut für Zeitgeschichte

Aus einem Brief an die Bundesprüfstelle

Kurt Martens

Als im April 1987 das Stadtjugendamt Gelsenkirchen und später der Senator für Jugend und Familie in Berlin bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn den Antrag stellten, die Jugendzeitschrift »Sieg« zu verbieten, und die Bundesprüfstelle daraufhin vom Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ein Gutachten anforderte, schrieb der Verfasser einen ausführlichen Brief an das Bonner Gremium und legte darin höchstpersönliche Erfahrungen mit dem IfZ dar. Die folgenden Auszüge aus diesem Brief dürften allgemeines Interesse beanspruchen.


Meine ersten Eindrücke von diesem Institut empfing ich 1964, als ich vertrauensvoll nach Quellen fragte, »auf denen sich die Zahlen der im Dritten Reich vernichteten Juden und Ostvölker aufbauen«. Ich erhielt darauf ein Verzeichnis, das »zuverlässige Nachrichten der Judenverfolgung im Dritten Reich« nennen sollte, aber Bücher höchst unterschiedlichen Wertes aufführte. Offenbar sollten die zuverlässigen die Unzuverlässigkeit anderer decken.

Ich bat also nochmals um Angabe von Zeugnissen, denen dadurch Beweiskraft zukommt, daß die Zeugen die gesuchten Zahlen wissen konnten, sie weder im Dritten Reich noch jetzt übertrieben, »um sich den herrschenden Gewalten genehm zu machen«, und nicht »nach dem Krieg erpreßt wurden«. Ich fügte ein Flugblatt eines mir als vertrauenswürdig bekannten Herausgebers einer Zeitschrift bei.

Die mehrseitige Auskunft des Instituts belehrte mich hochfahrend über »Quellenkritik«, behauptete, meine Bedingungen seien »bei den benutzten Dokumenten berücksichtigt«, und nannte das Flugblatt »ein polemisches und oberflächliches Pamphlet«. Die darin genannten Verbrechen der Russen »an Juden oder Staatsgegnern« seien deren Sache.

Der Auskunft lagen Ablichtungen bei eines Berichtes des »Inspekteurs für Statistik beim Reichsführer SS, Dr. Korherr«, betreffend die Verminderung der Juden in Europa, der »ganz sicher nicht erpreßt« sei. Aus zwei weiteren Abschriften von Schreiben des »Reichsführers SS« wurde geschlossen, daß »die darunter fallende Zahl … getötet worden sein muß«. Aber diese Belege bewiesen derartiges nicht.

Das Institut fügte außerdem eine 16seitige »Dokumentation zur Massenvergasung« aus dem Jahre 1962 hinzu, die eine vom Leiter des Instituts, Herrn Dr. Helmut Krausnick, verfaßte Abhandlung enthielt, die schon 1954 veröffentlicht worden war. Da er sich darin wiederholt auf Aussagen usw. stützte, die gelegentlich der sogenannten »Kriegsverbrecherprozesse« in Nürnberg gemacht worden waren, erwartete ich davon keine Aufklärung. Endlich stellte das Institut mir für seine Auskunft DM 111,25 in Rechnung.

Von meinem ursprünglichen Vertrauen geheilt, beanstandete ich an der Auskunft »Mangel an Folgerichtigkeit, die Willkürlichkeit und Leichtfertigkeit«. Ich stellte die Frage, ob mit ihr ein »wirklich sehr übler Fehler« unterlaufen sei oder ob man den Eindruck gewonnen habe, »daß ich ein Dummkopf sei, dem man derartiges vorsetzen kann?« Daraufhin unterstellte mir das Institut »mangelnde Vertrautheit mit dem zugrundeliegenden Sachverhalt« und mahnte die Bezahlung der Rechnung an.

Darauf antwortete ich, daß ich als »zugrunde liegenden Sachverhalt« nur folgendes ansehen könne: »Während im Erfolg manche Deutsche sich als ›Herrenmenschen‹ fühlten, sind heute noch mehr bestrebt, den Mächtigen die Stiefel zu lecken - wie Churchill sagt«. Ich hätte mich aber »nicht mit den Entartungen des Nationalsozialismus herumgeschlagen, um erneut derartiges hinzunehmen«. Ich wolle wissen, »was wirklich war«. An der »Dokumentation zur Massenvergasung« beanstandete ich, daß Gerstein »in französischer Gefangenschaft auf ungeklärte und unerklärliche Weise um das Leben kam«. Es gebe »genug Beispiele dafür, daß die Sieger des Zweiten Weltkrieges Aussagen erpreßten und dann die Aussagenden ermordeten«. In der Unterstellung des Instituts, Korherr habe während der Nürnberger Prozesse kein Interesse daran gehabt, seine Zahlen »als zu hoch hinzustellen«, sah ich erneut die Auffassung, »daß ich ein Idiot bin«.

Auf eine erneute Mahnung hin lehnte ich eine Bezahlung der Rechnung ab, weil das Institut auf meine Frage »kaum eingegangen« sei, das angebotene Material »minderwertig« war und es »den ausdrücklichen Bedingungen meiner Frage« nicht entsprach. Darauf hörte ich von dem Institut nichts mehr.

Vom IfZ als »zuverlässig« empfohlen

Um meine Vertrautheit mit dem zugrunde liegenden Sachverhalt zu verbessern, wählte ich aus den als »zuverlässig« angepriesenen Büchern das auch sonst weit verbreitete von Eugen Kogon »Der SS-Staat«. Dieser hatte in den von ihm herausgegebenen »Frankfurter Heften« im November 1947 zu den nach Kriegsende betriebenen Morden und Verfolgungen von Menschen, die in der Zeit unserer Siege mit uns zusammengearbeitet hatten, folgendes geschrieben: »Wer die Lebensinteressen seiner Landsleute verkauft, eine berechtigte und anständige Gesinnung oder Handlung an irgendwelche Machthaber denunziert, seinen Privatgelüsten unbekümmert um das Wohlergehen seines Volkes, ja, auf dessen Kosten frönt, ist ein Halunke.« Vermochte ich das zu bejahen, so doch nicht den weiteren Versuch Kogons, für sein eigenes Tun andere Maßstäbe heranzuziehen.

Zwar lehnte er den Vorwurf ab, daß sein Buch »dem Deutschtum schade«. Wie sehr es aber gerade in dieser Weise wirkte, ging daraus hervor, daß 1947 die Militärregierung der USA unter den Gesichtspunkten des Morgenthauplanes den Druck einer zweiten Auflage von 100.000 Stück genehmigte. Unter den erregten Verhältnissen jener Zeit konnte das Buch uns Deutschen auch dann nur schaden, wenn es die Wahrheit gesagt hätte. Aber obwohl Kogon das beteuerte, durfte »Der Spiegel« 1966 urteilen: Kogon habe eine seltsame Unsicherheit in »Daten, Zahlen und Personalien« gezeigt, die über seinen »unmittelbaren Erlebnisbereich« im Konzentrationslager Buchenwald hinausgingen. Er habe sich bei jeder Neuauflage verbessern müssen. Seine »historiografische Großzügigkeit« kenne »keine Grenzen«.

Der französische Professor Paul Rassinier, selbst vordem in den KZs Buchenwald und Dora, deckte in hoch zu achtender Wahrheitsliebe in seinen Büchern »Die Lüge des Odysseus« und »Was nun, Odysseus?«, die in deutscher Übersetzung 1959 und 1960 erschienen, die Unwahrheiten Kogons so gründlich und ausführlich auf, daß ich nur empfehlen kann, dort nachzulesen.

Ein zweites Buch, daß ich mir auf Grund der Auskünfte des Instituts vornahm, hatte den Schweizer Professor Walther Hofer zum Verfasser und hieß »Der Nationalsozialismus«. Es war gleichfalls seit 1957 in Hunderttausenden unter die Leute gebracht worden.

Schon auf Seite 14 fühlte ich mich durch folgende Erklärung Hofers zu Belegen, die er ausgewählt hatte, veralbert: »Hitler ist letztlich nicht auf dem Rücken einer unwiderstehlichen Bewegung in die Macht getragen worden, sondern … Drahtzieher um Hindenburg haben ihn regelrecht in die Macht geschoben.« Da ich diese Machtübernahme als Neunzehnjähriger in Berlin miterlebt habe, beruhigte es mich ein wenig, als sich Hofer an anderer Stelle selbst widerlegte: Hitlers Ansehen blieb »trotz aller Fehlschläge an den breiten Massen des Volkes bis zuletzt unangetastet«.

Als Hauptzug des Buches von Hofer fand ich beflissene Parteilichkeit, durch die er sich auch weiterhin und nicht eben geistvoll in Widersprüche verwickelte. So behauptete er, Deutschland habe »während der Jahre der Weimarer Republik eine kulturelle Hochblüte erlebt«. Dies, was ich aus eigenem Erleben gleichfalls als Unsinn erkennen konnte, widerlegte er, indem er danach von einer »allgemeinen geistigen Verwirrung « der Zeit »vor und nach 1933« sprach.

Gleiches galt für die Behauptung Hofers, Hitler habe bei der Verfolgung seines Zieles einer »Beherrschung Europas« notfalls einen »umfassenden Weltkrieg in Kauf genommen«. Dem stand seine andere entgegen: »Es erwies sich, daß die Präzisionsmaschine des nationalsozialistischen Militarismus weder nach einer planenden Gesamtstrategie noch nach einer weit vorausschauenden Rüstungsplanung arbeitete. «

Als eine unerfreuliche Wiederholung der Beflissenheit, die Hitler in seiner engeren Umgebung bevorzugt habe, erschien mir der folgende Vorwurf Hofers: Hitler habe »das Lebensrecht anderer Völker« nicht ebenso geachtet, wie die des eigenen. Als ob z.B. England je das Lebensrecht der Iren und anderer Völker, als ob die weißen Einwanderer Nordamerikas das der Indianer, als ob die Sieger des Ersten Weltkrieges dasjenige Deutschlands geachtet hätten. Versailles als eine Ursache des Aufstieges von Hitler schien Hofer unwesentlich.

Wenn dieser gegen Hitler den Vorwurf erhob, »die Demokratie von Weimar unentwegt mit allen Mitteln der Demagogie und der Verleumdung« bekämpft und jedem versprochen zu haben, was er hören wollte, so hätte er das als Überlieferung vor allem der Parteien erklären müssen, die Bismarck »reichsfeindlich« nannte. Denn dieses Übel trug zur inneren Schwäche der Weimarer Republik bei.

Und wenn sich Hofer gelegentlich auf Hermann Rauschnings »Gespräche mit Hitler« berief, so ließ ihn wohl sein Übereifer deren Fragwürdigkeit übersehen, die wir heute daraus erklären können, daß diese Gespräche nicht geführt, sondern erdacht worden sind.

Das Gesagte mag genügen, um zu zeigen, daß es wohl ein starkes Stück war, als das Institut mir auch dieses Buch als »zuverlässig« empfahl.

Die Glaubwürdigkeit Gersteins

In dem eben behandelten Buch über den Nationalsozialismus verzichtete Hofer nicht darauf, Teile aus dem Bericht Gersteins als »Dokument« vorzulegen, den ich schon in der »Dokumentation zur Massenvergasung« gefunden hatte. Gleich auf seiner ersten Seite war ich über etwas gestolpert, was ich aus eigener Kenntnis als groben Schwindel ansehen durfte: Erklärte doch Gerstein, er habe 1937 und 1938 »230.000 religiöse und nazifeindliche Broschüren drucken lassen« und auf eigene Kosten »an Interessenten versandt«. Zunächst dürften die von Gerstein dafür angeblich aufgewandten 6.000 Reichsmark jährlich nicht gereicht haben. Weiter bedeutete »religiös« noch nicht »nazifeindlich«. Vor allem aber hätten ihn, falls er wirklich 230. 000 »nazifeindliche« Broschüren hätte drucken lassen und versenden können, die Arbeiter tot geschlagen. Hatte der Nationalsozialismus doch gerade höchst erfolgreich Versumpfungen der Weimarer Republik beseitigt, an sieben Millionen Arbeitslose in Arbeit und Brot gebracht usw.

Diese, wie auch weitere Unglaubwürdigkeiten, auf die Rassinier 1963 in seinem Buch »Was ist Wahrheit« aufmerksam macht, ließen mich annehmen, Gerstein sei in französischer Gefangenschaft von Menschen erpreßt worden, denen die Kenntnis deutscher - nach Rassinier auch französischer - Verhältnisse fehlte, und die außerdem abenteuerlichen Vorstellungen in Medizin und Technik huldigten. Daß Gerstein den Gefallen tat zu sterben, wertete ich als Bestätigung meiner Annahme.

Inzwischen hat der französische Wissenschaftler Henri Roques mit seiner 1986 in Deutsch erschienenen Arbeit »Die ›Geständnisse‹ des Kurt Gerstein« einwandfrei dargetan, daß sie keinen sachlichen Wert besitzen außer dem, über die Verfahren der Sieger aufzuklären. Da die Arbeit von Roques noch im Buchhandel käuflich ist, kann ich mir weiteres ersparen.

Meinem Urteil nach fiel auch von dieser Entwertung ein Schatten auf den Leiter des Instituts, Herrn Dr. Krausnick, unter dessen Verantwortung mir die »Dokumentation zur Massenvergasung« zugeschickt wurde, die er durch seinen Beitrag bereicherte. Das fügte sich lückenlos in mein Bild von ihm als einem Mann, der im Dritten Reich offenbar durch herausragende Beweise politischer Zuverlässigkeit in der damaligen Geschichtsschreibung mitbestimmen durfte, und sich dann in gleicher Willigkeit den neuen Machthabern zur Verfügung stellte. Für diese Art habe ich damals wie heute nur Verachtung übrig gehabt und ihr 1971 in der beigefügten Schrift »Über Streberhaftigkeit« ein Denkmal gesetzt.

Neuer Geist im Institut für Zeitgeschichte?

Im Jahre 1972 trat Herr Professor Martin Broszat an die Stelle von Herrn Dr. Krausnick. Die Frage heißt nun, ob jener das Institut auf einen besseren Weg zu führen vermag?

Um das zu beantworten, werfen wir zunächst einen Blick in die Einleitung, die Broszat 1958 den Aufzeichnungen des ehemaligen Kommandanten des KZs Auschwitz, Rudolf Höß, mitgab. Nach diesen Aufzeichnungen geriet Höß 1946 in die Gefangenschaft von Engländern, die ihn viehisch mißhandelten. Gemäß Broszat verwandte man ihn bei den sogenannten »Kriegsverbrecherprozessen« in Nürnberg als Zeugen und lieferte ihn dann an Polen aus, wo er zum Tod verurteilt wurde.

Broszat unterließ es, den Hintergrund dieses Geschehens wenigstens anzudeuten: Daß die Polen ihre Verbrechen an Deutschen fortsetzten, mit denen sie nach dem Ersten Weltkrieg deutsche Ostgebiete polonisierten. Statt dessen suchte er, Höß als »historischen Kronzeugen« erscheinen zu lassen, der in polnischer Gefangenschaft »in unerwarteter Gewissenhaftigkeit und unterstützt durch ein gutes Gedächtnis die an ihn gestellten Fragen meist sehr genau und treffend beantwortete«.

Trotzdem fügte Broszat den Aufzeichnungen von Höß eine große Zahl von Ergänzungen, Berichtigungen usw. an. Vor allem aber erwartete er von den - offenbar für grenzenlos dumm gehaltenen - Lesern die Hinnahme gröbster Widersprüche, die vielleicht die letzten Mittel gewesen waren, mit denen Höß sich hatte wehren können. Da las man kurz hintereinander: »Nach dem Willen des RFSS (Reichsführers SS) waren die KZ (Konzentrationslager) zur Rüstungsfertigung eingesetzt«, und kurz danach: »Nach dem Willen des RFSS wurde Auschwitz die größte Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten«. Diese beiden Gedanken, die sich gegenseitig ausschlossen, traten wiederholt auf.

Ein anderer Widerspruch lag darin, das zur Ungeziefervertilgung in Lagern verwandte Gas »Cyklon B« sei so gefährlich gewesen, daß bei der Tötung von Menschen einmal »das ganze Gebäude mindestens zwei Tage gelüftet werden mußte«. Ein anderes Mal aber konnte schon eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases in die Gaskammern und nach Einschaltung der Entlüftungsanlage »sofort mit dem Herausziehen der Leichen begonnen« werden.

1970 fand es Emil Aretz in seinem Buch »Hexen-Einmal-Eins der Lüge« merkwürdig, daß Broszat dem Buch eine Seite der Höß-Niederschrift beifügte, die mit Tinte geschrieben war, während in der französischen Ausgabe zu lesen sei, er habe mit Bleistift geschrieben. Aretz meinte: »So werden also ›Dokumentationen‹ gemacht«. Nach diesem und ähnlichem konnte ich die von Broszat so warm empfohlenen Aufzeichnungen von Höß nur zu dem rechnen, was Rassinier »KZ-Schundliteratur« nannte.

Broszat 1960 über den Nationalsozialismus

Da das Bücherverzeichnis des Instituts auch eine kurze Schrift von Broszat als »zuverlässig« empfohlen hatte, die »Der Nationalsozialismus - Weltanschauung, Programmatik und Wirklichkeit« hieß und 1960 von einer staatlichen Stelle herausgegeben worden war, las ich auch diese. Aber obwohl Broszat einleitend erklärte, 15 Jahre nach dem Ende der Hitlerzeit sei es »vergleichsweise einfach, über den Charakter und die Qualität des Nationalsozialismus verläßliche Aussagen zu machen«, gewann ich bald den Eindruck größter Unzuverlässigkeit, der vielleicht durch eine Ausdrucksweise verstärkt wurde, die mir weitschweifig und schwülstig erschien.

Für die Unzuverlässigkeit, vor allem durch die Parteilichkeit des Broszat, einige Beispiele: Er behauptete, die »sogenannte nationalsozialistische Weltanschauung« sei von »prinzipiell logischer Unstimmigkeit« gewesen und unterscheide sich dadurch »grundsätzlich vom Marxismus und seiner inneren Systematik«. Das erweist sich schnell als falsch, wenn wir an die marxistische »Diktatur des Proletariats« denken, die den »Übergang zur Aufhebung aller Klassen« bilden sollte. Sie konnte lediglich zu einer Diktatur eines oder einiger Proletarier und zu einer Umschichtung führen, in der neue Klassen alte ablösten.

Ebenso unsinnig behauptete Broszat, die gelegentlich der Olympiade 1936 gezeigte Mischung von »Monumentalität mit volkstümlicher Buntheit, sportlicher Schaustellung mit militärischer Exaktheit, sentimentaler Opernhaftigkeit mit staatlichem Prunk« habe »haargenau die Klaviatur der charakteristischen deutschen Gefühle« getroffen. Das galt für uns Deutsche nur teilweise und keineswegs weniger für Ausländer, die in großer Zahl diese Olympiade besuchten.

Eine »Genesis des nationalsozialistischen Ideenkonglomerates« sah Broszat höchstens in den »Vorstellungen, Leitbildern, Sentiments und Ressentiments, welche seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Massengeschmack und die geistige Welt des deutschen nationalen Bürgertums zu prägen begannen«. Ein anderes Mal hieß es: Das »ideologische Halbdunkel« völkischer Gruppen, in dem sich »Rassenmystik und Biologismus, nordisch-germanische Geschichtslegende, neuheidnisches Religionsstiftertum, Heimatkunstbestrebungen und Agrarideologie mit antijüdischer Unduldsamkeit und ressentimentserfülltem alldeutsch-nationalistischem Aktivismus vermischten, ist nachweislich die historische Keimzelle der NSDAP und ihrer Weltanschauung gewesen«.

Broszat offenbarte sich in seinen unaufhörlichen Herabsetzungen: die »Weltanschauung des Nationalsozialismus« ein »Mischkessel«, ein »Konglomerat«, ein »Ideenbrei«; »antisemitisch-völkisch-alldeutsches Sektierertum«; »erschreckende Niveaulosigkeit« der »nationalsozialistischen Weltanschauung«; »völkische Sektierer«; Hitlers »Fanatismus purer Agressivität« usw. Nur ausnahmsweise und undeutlich billigte er einmal anderes zu.

Diese beständigen Herabsetzungen beleidigten jede Denkfähigkeit, die sich fragen mußte, wie sich Deutschland fünf Jahre im Krieg gegen eine Welt behaupten konnte und seine Niederlage schließlich der Unfähigkeit Hitlers verdankte, in den Maßen des Staates zu denken. Ich selbst empfand Broszats Herabsetzungen als eine dummdreiste Unverschämtheit, weil ich mich fragen mußte, warum es mir so schwer gewesen war, seit 1933 »dagegen« gewesen zu sein?

Die Antwort hierauf gab ein Buch von Helmut Heiber, das wie dasjenige von Broszat 1960 erschien. Bei aller sachlichen und unsachlichen Gegnerschaft gegen Hitler bewies Heiber doch soviel Verstand anzuerkennen, daß nach 1933 »eine nicht geringe Zahl von Parteifunktionären bis herauf selbst zum Gauleiter« mit Feuereifer und sauber taten, »was sie für ihre Pflicht hielten«; daß zahlreiche hervorragende Leistungen es sinnlos machten, »darüber mit Stillschweigen oder ausschließlich abfälligen Bemerkungen hinwegzugehen«, weil daraus nur ein »Zerrbild eines lediglich von Terror und Furcht beherrschten Polizeistaates« entstünde. Heiber erkannte Hitler zu: Hätte ihn 1938 der Tod ereilt, dürfte er wie folgt erscheinen: Als »der Befreier von den Schrecken der Arbeitslosigkeit, der Schöpfer der Volksgemeinschaft, der Zertrümmerer der Ketten von Versailles, der Architekt Großdeutschlands und so weiter, - kurz: Adolf Hitler der Große, eine der bedeutendsten Gestalten der deutschen Geschichte«. Dies also machte es seinerzeit so schwer, berechtigt den Nationalsozialismus - besonders in seiner Hitlerschen Prägung - abzulehnen. Es bedurfte erheblicher Aufmerksamkeit und unbeirrbar gesunder Maßstäbe, um das zu erkennen, was die Erfolge schließlich aufheben mußte.

Brozat 1984 über den Nationalsozialismus

Es wirkte sich für Herrn Professor Broszat offenbar schlecht aus, daß bei dem herrschenden Meinungstenor höchstens kleine Zeitschriften seine Fehler anprangerten, auf die er keine Rücksicht zu nehmen brauchte. So litt denn 1984 seine »Machtergreifung«, die in einer Taschenbuchreihe erschien, unter der gleichen Beflissenheit gegen die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die vermutlich die Ursache der groben Fehler in seinen bisherigen Schriften gewesen war.

Auch hier überging er den Liberalismus als wesentlichste und unumgängliche Voraussetzung für einen Hitler. Dafür erklärte er in bewährter Weise zu »autoritären oder faschistischen Bewegungen« nach dem Ersten Weltkrieg in Italien, Rußland und Deutschland, nirgends seien sie so »massiv« durchgesetzt worden wie bei uns. Aber schon die Millionen von Toten in der russischen Revolution beweisen das Gegenteil. Immerhin wies Broszat nun auf das »harte Versailler ›Diktat‹« als Ursache vielfachen Aufbegehrens hin.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(3) (1988), S. 14-17

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