Zur Masurenfrage

Dr. Ulrich Müller

Im masurischen Museum zu Allenstein ist zu lesen, daß das Museum u. a. Museumsstücke aus diesem Gebiet zeige … »angefangen vom Mittelalter bis hin zur Befreiung 1945«. Ferner sei das Musum in Allenstein - 1945 gegründet - »das erste Museum in den wiedereroberten Gebieten.« Aus diesen Formulierungen ist zu entnehmen, daß die Polen das südliche Ostpreußen und besonders Masuren als urpolnisches Gebiet betrachten. Wie läßt sich nun dieser Anspruch mit der historischen Wirklichkeit vereinbaren?

Es ist allgemein bekannt, daß der Deutsche Ritterorden seine Burgen und Siedlungen ab 1231 (Thorn) die Weichsel abwärts anlegte und von der Ostseeküste her ins Landesinnere vordrang. Eine große Wildnis im Süden und Osten Ostpreußens blieb weitgehend unbesiedelt. Nach der Niederlage des Ordens bei Tannenberg 1410 stockte die weitere Ansiedelung von Deutschen, und seit 1424 werden in der Wildnis Kleinadelige und Bauern aus dem polnischen Masowien angesiedelt, besonders an der Südgrenze des Landes von Johannisburg und Lyck. »Die so eingeleitete Wanderbewegung blieb über ein Jahrhundert in Gang und füllte nicht nur die Wildniszone an der Grenze, sondern auch Wüstungslücken in den älteren deutschen und preußischen Dörfern im südlichen Oberland bis Osterode und im südlichen Ermland um Allenstein.« Ein Jahrhundert später, nämlich ab 1525 wurde von den Nachkommen dieser Masowier auch noch das nordöstlich davon gelegene Gebiet um Treuburg bis nach Goldap hin kolonisiert.

Auch der Name Masuren ist auf die Einwanderer aus Masowien zurückzuführen. In den Dorfnamen und Dorfformen ist der masowische Anteil an der Besiedlung des südlichen Ostpreußens noch gut nachzuweisen. Während die deutschen Siedler das Angerdorf oder Reihendorf bevorzugten, fehlt in den masowischen Dörfern der Anger.

In der deutschen Geschichtsschreibung wird nun übereinstimmend erklärt, daß sich die Masuren im Laufe der Jahrhunderte immer mehr als Preußen oder Deutsche fühlen lernten, obwohl sie noch lange ihre masurische Sprache beibehalten haben.

Für ihre Assimilierung spielte auch die Konfession eine große Rolle. Die eingewanderten Masowier übernahmen 1525 mit dem Ordensstaat die protestantische Lehre und wurden dadurch natürlich von ihren katholischen Landsleuten jenseits der Grenze entscheidend getrennt. Daneben trug sicher die preußische Verwaltung und im 19. Jahrhundert auch der Militärdienst dazu bei, der die Soldaten oft in binnendeutsche Gebiete des preußischen Staates führte, daß das Masurische zum bloßen Dialekt herabsank.

Dessen ungeachtet erhoben die Polen um die Mitte des 19. Jahrhunderts Ansprüche auf Masuren mit der Begründung, daß die Masuren ein bodenständiger polnischer Volksstamm wären.

Der Ausgang des Ersten Weltkrieges gab ihnen dann die lange ersehnte Gelegenheit, ihre Forderungen anzumelden. Während die preußischen Provinzen Posen und Westpreußen ohne Abstimmung vom Deutschen Reich abgetreten werden mußten, mit der Begründung, daß sie erst 1772 preußisch geworden seien, argumentierte die polnische Delegation in Versailles damit, daß die Masuren sich einer polnischen Umgangs- oder Heimatsprache bedienten. Die Polen übersahen dabei aber, daß gerade in Masuren Muttersprache und Nationalbekenntnis nicht identisch waren. Auch die interalliierte Kommission, die Anfang 1920 in Marienwerder und Allenstein ihren Sitz nahm, um die Abstimmung zu überwachen, war erstaunt, daß sie überall deutsche Menschen traf, so daß sie die Dienste ihrer mitgebrachten polnischen Dolmetscher entbehren konnte.

Das Abstimmungsergebnis brachte dann bekanntlich für die Polen eine verheerende Niederlage. Im Bezirk Allenstein (also im masurischen Gebiet) stimmten 97,8% für Deutschland, im Bezirk Marienwerder 92,2% für Deutschland. Zu erwähnen ist noch, daß alle Männer und Frauen abstimmungsberechtigt waren, die bis zum 10. 1. 1920 das 20. Lebensjahr vollendet hatten und hier wohnten oder geboren waren. Etwa 160 000 gebürtige Südostpreußen sind aus dem Reich in ihre Heimat gefahren, um von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Von den Polen wird gerne behauptet, daß diese aus dem Reich kommenden Stimmen den Ausschlag für den deutschen Abstimmungssieg gegeben hätten, was natürlich angesichts der Zahlenverhältnisse unsinnig ist. Man kann den Abstimmungssieg nicht anders deuten, als daß die Bewohner des südlichen Ostpreußens sich als Deutsche gefühlt haben und auch dem geschlagenen Reich mit all den zu erwartenden wirt1

schaftlichen Belastungen die Treue zu halten bereit waren.

Trotz der Absage, die die Polen 1920 erhalten haben und die der Weltöffentlichkeit nicht verborgen bleiben konnte, beharrten die Polen auch 1945 genauso wie auch noch heute auf der Zugehörigkeit der Bewohner Masurens zum polnischen Volk. Während nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Deutschen aus den Provinzen Östlich von Oder und Neiße vertrieben worden sind, haben sich die Polen in Masuren anders verhalten. Weil die Masuren nach polnischem Verständnis als »Autochthone« aufzufassen sind, sollten sie durch Versprechungen, Drohungen, aber auch durch ausgesprochene Gewaltmaßnahmen für Polen gewonnen werden. Besonders diejenigen, die polnisch klingende Namen hatten, wurden zwangsweise zurückgehalten und von der Ausweisung ausgeschlossen.

Die Vorgänge sind im einzelnen recht gut in der sehr lesenswerten und erschütternden Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa von 1953 belegt, die der dtv-Verlag in einer Reprint-Ausgabe wieder aufgelegt hat.

So bemühten sich bereits Ende Mai 1945 die neuen polnischen Behörden darum, daß möglichst viele Deutsche in Masuren den sogenannten »Masuren-Schein« unterschrieben. Dies war ein Formular, auf dem die persönlichen Daten des Betreffenden festgehalten wurden und auf dem er durch Unterschrift zu bestätigen hatte, daß er »aus dem polnischen Volk hervorgegangen sei«. Man erkennt unschwer, daß mit derartigen Maßnahmen die Polonisierung der Deutschen in Masuren erzwungen werden sollte. Daß die polnischen Behörden nicht zimperlich waren, um die Unterschriften unter den Schein zu bekommen, kann man sich leicht vorstellen. So konnte man z. B. nur einen Arbeitsplatz bekommen, wenn man den unterschriebenen Masurenschein vorlegte.

Noch im Februar 1949 kam es zu zahlreichen erzwungenen Optionen der Deutschen für den polnischen Staat, die besonders aus dem Raum Sensburg belegt sind. Viele Zeugen berichten, daß sie eingesperrt, geprügelt und drangsaliert wurden, bis sie dann endlich unterschrieben haben. Die Formel lautete damals: »ich bitte um die polnische Staatsangehörigkeit und verspreche, dem polnischen Staat Treue und Gehorsam zu leisten«.

In späteren Zeugenaussagen taucht dann häufig sogar der Begriff »Februarfolter von 1949« auf, mit diesem Begriff wollten die Deutschen in Masuren auch vor der Weltöffentlichkeit klar machen, daß es sich bei Option für Polen um eine erzwungene Option gehandelt hatte, die damit rechtlich nichtig war.

Außerdem blieb die deutsche Bevölkerung unabhängig davon, ob sie als »autochton« erklärt wurde, nahezu völlig rechtlos. Sie wurde weiterhin aus ihrem Eigentum und ihren Wohnungen verdrängt, ihrer beweglichen Habe beraubt, nur zu untergeordneten Dienstleistungen zugelassen, ihren Kindern war jede gehobene Ausbildung verwehrt. Selbst von polnischer Seite wurde dieses Vorgehen später kritisiert. So wurde zum Beispiel in einer Zeitschrift 1956 der Terror gegen die »Autochtonen« als »Allensteiner Katastrophe« bezeichnet.


Literatur:

  1. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten Östlich der Oder-Neiße. dtv reprint, 3. Bde. München,1984
  2. Gauß, Paul (Hrsg.): Das Buch vom deutschen Volkstum, Leipzig 1935
  3. . Göttinger Arbeitskreis (Hrsg.): Das Östliche Deutschland, 1959
  4. Roos, Hans: Geschichte der polnischen Nation, Stuttgart 1979
  5. Schumacher, Bruno: Geschichte Ost- und Westpreußens, Würzburg 1977 (6. Aufl.)
  6. Weise, Erich (Hrsg.): Ost- und Westpreußen. Handbuch der historischen Stätten, Stuttgart 1966

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 29f.

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