Hoggan und die Kriegsschuldfrage

Wilfred von Oven

In der Kriegsursachenforschung stellt das Jahr 1961 einen Wendepunkt dar. In diesem Jahr erschienen fast gleichzeitig drei grundlegende Werke namhafter angelsächsischer Historiker zu der Frage, die damals in Deutschland noch ein unantastbares Tabu war, nachdem der Keulenschlag des Nürnberger Urteils die Deutschen der politischen Denkfähigkeit weitgehend beraubt und Prof. Theodor Eschenburg apodiktisch verkündet hatte, wer die Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg bezweifle, entziehe der Nachkriegspolitik ihr Fundament. Diese Nachkriegspolitik lief damals wie am Schnürchen. Aus den drei westlichen Besatzungszonen war die Bundesrepublik Deutschland geworden, deren Wirtschaftswunder ihre Bewohner aus dem Wohlstandsfüllhorn mit langentbehrten Annehmlichkeiten verschwenderisch überschüttete. Das Bekenntnis zur Alleinschuld der Deutschen gehörte mit der Amputierung und Zweiteilung ihres Landes zu dem Preis, den sie für ihre satte Ruhe im Schoß der siegreichen Westmächte zu zahlen hatten. In diese Situation platzten die erwähnten drei Veröffentlichungen. Die eine war der Versuch eines nordamerikanischen Historikers, die Lügen der Siegerpropaganda durch pseudowissenschaftliche Kunstgriffe in der Geschichtsschreibung zu verankern. William C. Shirers »Aufstieg und Verfall des Dritten Reiches« (Korn 1961) hat dieses Ziel nicht erreicht. Es wird heute »bestenfalls als die Geschichtsdarstellung eines Studenten im zweiten Semester gewertet«, wie Prof. David L. Hoggan mit Recht feststellte, nachdem er seine »Tausende von faktischen Fehlern« nur in ihren wichtigsten Punkten berichtigt hatte (»Deutsche Hochschullehrer-Zeitung«, Tübingen, Nr.4/1961). Hoggan bekannte: »Der vernünftige amerikanische Leser schämt sich am Ende des Buches, in Shirer einen Landsmann zu wissen.« Wenn Shirers Buch trotzdem noch heute in sämtlichen west- (und mittel-)deutschen Bibliotheken und Katalogen der Zeitgeschichte geführt wird, so muß man darin nicht nur - wie Hoggan - »ein schändliches Monument«, sondern gleichzeitig ein Denkmal der Gehässigkeit, Verbohrtheit und Dummheit sehen.

Ein anderer »unentwegter und hartnäckiger Deutschenhasser«, wie Prof. Harry E. Barnes (»Die deutsche Kriegsschuldfrage«, Beiheft Nr. 5 zur »Deutschen Hochschullehrer-Zeitung«, Tübingen 1964) seinen britischen Kollegen A. J. P. Taylor nennt, legte im gleichen Jahr sein Werk »The Origins of the Second World War« (London 1961) vor, dessen deutsche Übersetzung ein Jahr später in Gütersloh erschien. Aber dieser »bekannteste britische Historiker der Gegenwart« besitzt, wie Barnes in seiner zitierten Arbeit ebenso zutreffend feststellt, »glücklicherweise die Tugend der intellektuellen Redlichkeit und rechtschaffenen Gelehrsamkeit«. Mit diesen Eigenschaften ausgestattet, hielt er sich an den im vorigen Jahrhundert von Leopold von Ranke formulierten Grundsatz jeder Geschichtswissenschaft, »daß nämlich der Historiker zu fragen habe, wie es denn eigentlich gewesen sei. Damit ist eine eigene Stellungnahme nicht ausgeschlossen, der Geschichtsschreiber kann immer seiner Bewunderung oder seinem Abscheu Ausdruck geben. Darunter aber darf die sachliche Erforschung der Tatsachen nicht leiden, ob diese ihm nun gefallen oder nicht« (Walther Reitenhart: »Kriegsschuldforschung entlastet Deutschland«, Beiheft Nr. 2 zur »Deutschen Hochschullehrer-Zeitung«, Tübingen 1964). So gelangt Taylor in seinem Werk zu einer Bestätigung der meisten Schlußfolgerungen, die der Verfasser des dritten wichtigen Kriegsschuldbuches dieses Jahres 1961, Prof. Dr. David L. Hoggan, fast gleichzeitig und unabhängig von ihm zog. Es ist »Der erzwungene Krieg«, den der Tübinger Grabert-Verlag nun schon in der 11. (stets dem neuesten Stand der Kriegsursachenforschung angepaßten) Auflage herausgebracht hat. Das erstmalige Erscheinen dieses Werkes stellt - nach Prof. Barnes - »ein epochales Ereignis der Geschichtsschreibung der Nachkriegsjahre dar«.

»Niemand kann die Deutschen zwingen«, schreibt Barnes, »sich auf diesem Gebiet zu unterrichten und nachzudenken, aber es ist von nun an wenigstens die Möglichkeit dazu gegeben«. Es sei »der eine große und bleibende Gewinn dieses Buches«, daß »von nun an die Diskussion der Kriegsschuldfrage hinsichtlich 1939 in Westdeutschland niemals mehr unterdrückt werden kann«. Hoggan habe »für alle Zeit die Fiktion von der alleinigen Verantwortlichkeit Deutschlands für den Kriegsausbruch im Jahre 1939 zerstört. Diese Fiktion, auf die sich die Politik der Bonner Regierung stützt, wird im Bereich der Wissenschaft nie mehr erfolgreich zum Leben erweckt werden können, wie lange auch die westdeutsche Politik den Konsequenzen noch weiterhin ausweichen mag.« Man mußte heute hinzufügen: und wie sehr sie sich auch durch die massive Propaganda der ewigen Feinde Deutschlands unter Druck setzen läßt. Prof. Barnes, behauptet sogar, Prof. Hoggans Buch sei »der einzige gründliche Nachweis für die Unrichtigkeit des Dogmas von der Alleinschuld Deutschlands an der Entstehung des europäischen Krieges im Jahre 1939«.

Barnes stand seit 1955 in engstem wissenschaftlichem Kontakt und Gedankenaustausch mit dem jungen und damals noch völlig unbekannten Historiker David L. Hoggan, nachdem er dessen Dissertation an der Harvard-Universitat gelesen hatte. Sie behandelte das Thema der deutsch-polnischen Verhandlungen während der Jahre 1938/39 und ließ die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in völlig neuem Lichte erscheinen. Hoggan hatte sie 1948 unter dem berühmten Prof. William L. Langer an einer historischen Fakultät erarbeitet, die Barnes die »bei weitem maßgeblichste« und gleichzeitig die »leidenschaftlichst probritische und antideutsche« der USA nennt. Hätte Hoggan in seiner Doktorarbeit auch nur den geringsten Anlaß gegeben, an seiner wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit und Genauigkeit zu zweifeln, ganz zu schweigen von offensichtlichen groben Fehlern und Irrtümern, wie sie später der etablierte Historiker Shirer beging, dann wäre sie von diesem Professor und an dieser Fakultät ohne Frage in tausend Fetzen zerrissen und niemals zur Verleihung der Doktorwürde akzeptiert worden. Hoggans Dissertation war jedoch so glasklar und überzeugend, daß seine zugunsten Deutschlands sprechenden Schlußfolgerungen nicht widerlegt werden konnten. Sie schienen selbst dem Revisionisten Barnes, wie er gesteht, »fast unglaubliche. So stark er sich für die Exkulpierung Deutschlands und des Kaisers in Bezug auf den Ersten Weltkrieg eingesetzt hatte, so fest war er überzeugt, daß die Schuld für den tatsächlichen Ausbruch des Krieges von 1939 fast ausschließlich bei Hitler liege. Und bis Hoggan ihm die Augen öffnete, war er davon überzeugt, daß eine Ermordung Hitlers das beste gewesen wäre, »was Deutschland und der Welt in den Vorkriegsjahren hatte widerfahren können«. Diese Ansicht mußte Barnes nunmehr revidieren.

Nach seiner Promotion in Harvard (die dem deutschen Dr. habil. entspricht) lehrte Hoggan lange Jahre an den Universitäten München und Berkeley und danach zwei Jahre am College in Carthago, ehe er sich, von seiner Doktorarbeit ausgehend, der Erstellung seines Werkes »Der erzwungene Krieg« widmete, das mit dem Untertitel »Die Ursachen und Urheber des Zweiten Weltkrieges« mit einem Umfang von 929 Druckseiten als Band I der Veröffentlichungen des von Dr. habil. Herbert Grabert gegründeten Instituts für deutsche Nachkriegsgeschichte in Tübingen erschien. Während in den USA ein erbarmungsloser Krieg der Intrigen und Druckausübung das Erscheinen der englischen Originalausgabe bis heute verhindern konnte, hatte der im vergangenen Jahr verstorbene Gründer des Verlags der »Deutschen Hochschullehrer-Zeitung« den Mut, mit der Herausgabe der deutschen Version des Hoggan-Werkes der geschichtlichen Wahrheit und damit der Freiheit der Forschung auf dem Gebiet der Zeitgeschichte eine Bresche zu schlagen. Der Kampf gegen die Feinde Deutschlands und ihre in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung etablierten Mitläufer und Erfüllungsgehilfen erreichte 1964 mit Hoggans Deutschland-Besuch seinen Höhepunkt. Die probate Totschweigetaktik der westdeutschen Massenmedien erwies sich im Fall Hoggan als ebenso undurchführbar wie der versteckte Terror der Verwaltungs-Burokratie, den so viele historische Revisionisten inzwischen zu spüren bekamen. Der Versuch, Hoggan als »lästiger Ausländer« (wie später Rassinier beim Auschwitz-Prozeß) auszuweisen, schlug fehl. Man konnte seine Veranstaltungen zwar boykottieren und behindern, aber nicht verbieten. »Der Spiegel« brachte ein achtseitiges Interview mit ihm. »Die Welt« veröffentlichte eine anerkennend positive Rezension seines Buches von Walter Görlitz. Hunderte von Besprechungen, wenn auch vorwiegend negative wie in »Christ und Welt«, erschienen. Der Durchbruch war gelungen. Daran änderte auch die schandbare Behandlung nichts, die die westdeutsche Öffentlichkeit dem amerikanischen Gelehrten widerfahren ließ. Barnes stellte voller Empörung fest: »Das Nachkriegsdeutschland nach 1945 muß selbst vielen wohlwollenden Außenstehenden so erscheinen, als wetteifere es beinahe mit seinen früheren Feinden im Widerstand gegen die Forschung nach der Wahrheit über die Ursachen und Urheber des Zweiten Weltkrieges und in der Weigerung, Tatsachen anzuerkennen, die von der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung bereits bewiesen worden sind.« Und er drückte die Hoffnung auf den Tag aus, »an dem dies tapfere und dynamische Land von der Schande befreit wird, daß seine Feinde ihm die Geschichtslügen aufgezwungen haben«.

Prof. Harry E. Barnes gelangte zu diesen erschütternden Feststellungen bei einem Vergleich zwischen dem triumphalen Empfang, der ihm 1926/27 in Deutschland bereitet wurde, und demjenigen, der Hoggan 1964 im gleichen Land erwartete. Ja, war das noch das gleiche Land? Barnes war mit Ehrungen überhäuft worden. Hindenburg schickte ihm seinen Adjutanten zum Empfang. Das Auditorium Maximum der Universität Berlin war bei seiner Gastvorlesung überfüllt. In der Münchner Universität fanden 15-20 000 Menschen keinen Einlaß, zu denen er vom Balkon aus sprechen mußte. Kronprinz Rupprecht empfing ihn. Wien jubelte ihm zu. Die namhaftesten deutschen Historiker drängten sich, ihn zu sprechen. Volk und Staat waren, wie Barnes schreibt, nach 1919 von der Nichtschuld Deutschlands und der Nichtigkeit der Versailler Kriegsschuldklausel überzeugt und taten alles in ihrer Macht Stehende, um die historische Wahrheitsforschung zu unterstützen. Nach der gründlichen Gehirnwäsche der Sieger von 1945 ist heute das Gegenteil der Fall. Dem Volk wurde »im eigenen Land das falsche Dogma eingeprägt, es sei am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges allein schuldig, und es habe alle Deutschland ungerechterweise aufgebürdeten Lasten als eine Folge dieses Krieges somit nur sich selbst zuzuschreiben«. Und in Bezug auf den bereits zitierten Prof. Eschenburg: »Diese unterwürfige Selbstbezichtigung fand bezeichnenden Ausdruck in der in aller Öffentlichkeit wiedergegebenenen Auffassung, wer die Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg bezweifle, entziehe der Nachkriegspolitik das Fundament.«

Prof. Dr. Harry Elmer Barnes gelangt in seiner Rechtfertigungsschrift für Hoggan zu dem auch heute noch gültigen beschämenden Resümee: »Die Situation von 1964 stellt zusammen mit dem deutschen Kriegsschuldbewußtsein einen Fall von geradezu unbegreiflicher Selbstbezichtigungssucht ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit dar. Ich kenne jedenfalls kein anderes Beispiel in der Geschichte dafür, daß ein Volk diese nahezu wahnwitzige Sucht zeigt, die dunklen Schatten der Schuld auf sich zu nehmen an einem politischen Verbrechen, das es nicht beging, es sei denn jenes Verbrechen, sich selbst die Schuld am Zweiten Weltkrieg aufzubürden.«

So einmalig dies Phänomen auch ist, so recht hatte doch Herbert Grabert, als er (in Nr. 2/1965 der »Deutschen Hochschullehrer-Zeitung«) Deutschland an die Zeit seiner tiefsten Erniedrigung erinnerte, indem er aus Fichtes Reden an die deutsche Nation zitierte: »Man hat durch

lügenhafte Erdichtung und durch künstliche Verwirrung der Begriffe und der Sprache die Fürsten vor den Völkern und diese vor jenen verleumdet, um die Entzweiten sicherer zu beherrschen. Man hat alle Antriebe der Eitelkeit und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die Unterworfenen verächtlich zu machen und so mit einer Art guten Gewissens zu zertreten.« Wenn sich jetzt die Anzeichen dafür mehren, daß dies der deutschen Stirn eingebrannte Zeichen der Schmach und Schande trotz aller gegenteiligen Bemühungen zu vernarben und vielleicht sogar zu verschwinden beginnt, so haben Männer wie Barnes, Grabert und Hoggan ein ganz wesentliches Verdienst daran. Nach seinem grundlegenden »Der erzwungene Krieg«, dem er im gleichen Verlag zwei weitere Werke der Kriegsursachenforschung folgen ließ (»Frankreichs Widerstand gegen den Zweiten Weltkrieg«, 1963, und »Der unnötige Krieg«, 1976) erscheint jetzt in wenigen Wochen sein neuestes Buch »Das blinde Jahrhundert«. Es ist noch umfassender, noch brisanter, noch aufrüttelnder, weil es nach der Demolierung des falschen Kriegsschuld-Mythos die wahren Schuldigen am Unglück der Menschheit unseres Jahrhunderts mit der schonungslosen Offenheit aufzeigt, die diesen ebenso furcht- wie kompromißlosen Kämpfer in den Reihen des historischen Revisionismus auszeichnet.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(3) (1979), S. 5ff.

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