Lüge oder Lücke?

Wilfred von Oven

Als ich im Sommer 1978 Deutschland besuchte - mein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg[1] war gerade erschienen - wurde mir von einem befreundeten Buchhändler eine wenig später herausgebrachte Neuerscheinung[2] empfohlen. Die schmale, anspruchslos aufgemachte Broschüre behandelte einen Teilaspekt meines Buches: Hitlers historische Entscheidung vom 25. Juli 1936, dem Gesuch Francos um Waffenhilfe für die nationalen Rebellen zu entsprechen. Als ich das erworbene Druckerzeugnis in der Hand hielt, zuckte ich zusammen. Das Titelbild war ein Archiv-Foto, mit dem ich die letzte Ausgabe meiner in Buenos Aires in deutscher Sprache herausgegebenen Monatsschrift »La Plata Ruf« (Jan./Febr. 1977) illustriert hatte. Die dazugehörige Titelgeschichte hieß »Juan Bernhardt, der Mann zwischen Hitler und Franco / Die Lüge von der deutschen Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg«. Mich frappierte nicht nur die Ähnlichkeit zwischen diesem Titel und dem der Abendroth-Broschüre und das gleichfalls »nachempfundene« Titelbild, sondern vor allem die Tatsache, daß dieses eine eindeutige Fälschung war. Das von mir originalgetreu reproduzierte historische Foto zeigt Hitler und Franco bei ihrer ersten und einzigen persönlichen Begegnung in Hendaye am 23.10.1940. Zwischen ihnen steht der Dolmetscher. Auf dem Abendroth-Titelbild aber taucht an Stelle des Dolmetschers der Parteigenosse Juan Bernhardt in der Uniform eines SS-Standartenführers auf. Dabei durfte Bernhardt, wie er selbst zugibt (»infolge von Intrigen des Auswärtigen Amtes«), der historischen Begegnung von Hendaye nicht beiwohnen, und schon gar nicht im trauten Tête-à-tête mit den beiden Großen, welchen Eindruck doch die Titelbild-Fälschung des Abendroth-Opus zu erwecken versucht. Man hatte zu diesem Zweck ganz einfach Bernhardts Konterfei aus einem in meinem Spanien-Buch (auf Seite 495) veröffentlichten Foto herausgeschnitten und in das La Plata Ruf-Titelbild (an Stelle des Dolmetschers) hineinkopiert. So macht man heute »Zeitgeschichte«.

Dr. Hans-Henning Abendroth ist - im Gegensatz zu mir - Berufshistoriker. Er lebt und wirkt in England (92 Station Lane, Scraptoft/Leics., Großbritannien). Er hat, wie die »Deutsche Wochen-Zeitung« hervorhebt, »keine braunen Flecken«. Trotzdem und obwohl er schon einige recht ordentliche Arbeiten (auch über den Spanischen Bürgerkrieg) veröffentlichte, blieb er bisher unter der Legion deutschschreibender Zeitgeschichtler ziemlich unbekannt. Seine Bernhardt-Broschüre schien mir daher keiner sofortigen Erwiderung wert. Er hatte Juan Bernhardts Aufzeichnungen, die dieser 1976 über seine Rolle als Überbringer des Franco-Bittbriefes an Hitler vor 40 Jahren zu machen begann, wiedergegeben und kommentiert.

Juan Bernhardt hatte mir seine Aufzeichnungen unaufgefordert zur Verfügung gestellt, als er seinem 80. Geburtstag (am 1.1.1977) entgegenging. Ich selbst hatte ihm schon vor 20 Jahren in Buenos Aires empfohlen, seine Erinnerungen an seine Beteiligung an dem historischen Geschehen von 1936 schriftlich niederzulegen. Es war damals zwischen uns sogar die Rede von einem Buch, das ich über den »Mann der Franco machte« (so hatte ihn eine USA-Zeitschrift genannt), schreiben sollte, weshalb ich mir Notizen über unsere vielen Unterhaltungen zu dem Thema machte. Das Buch kam dann aus sehr persönlichen Gründen nicht zustande. Bernhardt kehrte in die alte Heimat zurück und regte zu seinem 80. Geburtstag den erwähnten Artikel an, den ich aufgrund der mir übermittelten Unterlagen schrieb und veröffentlichte. Er fand die begeistert dankbare Zustimmung des Jubilars (per Übersee-Telegramm!). Er hatte auch nichts dagegen, daß ich seine Aufzeichnungen (fotokopiert und Seite für Seite vom Verfasser abgezeichnet in meinem Besitz) für mein gerade in Arbeit befindliches Spanien-Buch verwendete. Im Gegenteil. Er überwand, nachdem ihm die Druckfahnen meines Buches lokalerweise zur Kenntnisnahme zugeleitet worden waren, alle Bedenken gegen meine Darstellung der Rolle Francos im weltpolitischen Spiel (die er im Gegensatz zu mir durchaus positiv beurteilt, was in unserem Buch - wiederum lokalerweise und auf sein Ansuchen- ausdrücklich festgestellt wurde). Er machte eine Reihe Änderungs- und Ergänzungsvorschläge, von denen einige in ausführlichem Briefwechsel und in langen Gesprächen angenommen wurden, und hatte schließlich nichts gegen die Verwendung seiner Aufzeichnungen in dieser Form (auch wenn Abendroth jetzt das Gegenteil behauptet). Ja, er stellte dem Verlag sogar sein umfangreiches Bildmaterial unentgeltlich zur Verfügung.

Soweit die Vorgeschichte bis zu dem Augenblick, da ich das Abendroth-Elaborat in die Hand bekam. Trotz seiner groben Geschichtsfälschung durch die unzulässige Photomontage zweier meiner vorhergehenden Bildveröffentlichungen schien es mir keiner Widerlegung wert, bis am 26.10.1979 in der »Deutschen Wochen-Zeitung« eine Besprechung desselben unter der zweispaltigen Oberschrift »Der Mut zur historischen Lücke« erschien.

Darin wird mit Recht auf die Lügen der Umerziehung in bezug auf Hitlers Entscheidung zugunsten Francos vom 25. Juli 1936 (nicht »August 1936«, wie es in der DWZ fälschlich hieß) in Bayreuth hingewiesen und Abendroths Wiedergabe der bereits von mir erschöpfend ausgewerteten Bernhardt-Aufzeichnungen (ebenso fälschlich) als »Der Mut zur historischen Lücke« qualifiziert. Lücke - wieso? Die »Deutsche Wochen-Zeitung« erklärt: »Im vorigen Jahr veröffentlichte Wilfred v. Oven in seinem Buch über den Spanischen Bürgerkrieg Bernhardts Aufzeichnungen… Da Ovens Buch natürlich nicht als »seriöse« Quelle gilt, ist es gut, daß nunmehr ein Mann sich des Themas angenommen hat, dem keine braunen Flecke verpaßt werden können...«

Der so zum zeitgeschichtlichen Lückenbüßer promovierte Hans-Henning Abendroth schließt sich in einem Brief (vom 11.11.79) an einen erstaunten und verwirrten DWZ-Leser (der uns in Fotokopie vorliegt) »der Meinung des Rezensenten an, daß das Oven-Buch als historische Quelle nicht brauchbar ist«. Und er streicht seine so dürftig ausgefallene Arbeit mit der Behauptung heraus, es gehe darum, »Bernhardts Äußerungen akkurat wiederzugeben, und nicht ein auf Massenkonsum und Gelderwerb gerichtetes Sensationsprodukt hervorzubringen«. Wie »akkurat« und »seriös« dieser »Zeitgeschichtler« arbeitet, zeigt allein schon der hier entlarvte Schwindel mit dem Titelbild seines Traktates, dessen Fälschung jetzt ihm, dem Verlag und der DWZ vorgehalten und der Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben werden muß. Ihr »Mut zur historischen Lücke« war nichts anderes als einer zu einer neuen historischen Lüge. Sie hat uns bestätigt, wie wichtig es ist, auf unserem Weg »Im Dienst der Wahrheit« fortzuschreiten.


Anmerkungen

  1. Wilfred von Oven: Hitler und der Spanische Bürgerkrieg/Mission und Schicksal der Legion Condor, Grabert, Tübingen 1978.
  2. Hans-Henning Abendroth: Mittelsmann zwischen Franco und Hitler/Johannes Bernhardt erinnert 1936, Willy-Schleunung-Verlags-KG, Marktheidenfeld 1978.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(1) (1980), S. 17f.

Zurück zum DGG-Menü