Rotfront und Reaktion

Erst wurde Horst Wessel und dann die SA beseitigt

Wilfred von Oven

»Denn die SA - das ist Horst Wessel.« Selten ist Goebbels eine prägnantere Formulierung als diese gelungen. Er gebrauchte sie, als der von Kommunisten ermordete Führer des SA-Sturms 5 im Berliner Friedrichshain an einem grauen Februartag des Jahres 1930 auf dem Nikolai-Friedhof von Berlin unter dem Gejohle und dem Steinhagel einer von der Polizei kaum in Schach zu haltenden Masse von Kommunisten beigesetzt wurde. Die verhetzte Menge betrachtete den Einbruch der Nationalsozialisten in ein bisher von ihr beherrschtes Arbeiterviertel der Reichshauptstadt als Provokation. Schon während des Trauerzuges von der elterlichen Wohnung in der Jüdenstraße zum Friedhof war es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Rote Rollkommandos, die die Leidtragenden mit Steinwürfen und Schmährufen wie »Nazi verrecke!« und »Haut den Sarg in Stücke!« eindeckten, konnten den dichten Kordon begleitender Polizisten durchbrechen. Fast wäre es ihnen gelungen, den Leichenwagen umzustürzen, von dem sie jedenfalls die Kränze herunterrissen und auf die Straße warfen. Erst unter Einsatz von Panzerwagen konnte die Ordnung einigermaßen wiederhergestellt werden. Als man den ehrwürdigen Friedhof erreichte, glaubte die Mutter des Ermordeten, die Pastorenwitwe Wessel, ihren Augen nicht zu trauen. Die geweihte Stätte war mit riesigen Buchstaben in roter Farbe beschmiert: »Dem Zuhälter Horst Wessel ein letztes Heil Hitler!«

Das war Willi Münzenbergs Regie. Er sah Vernichtendes auf die von ihm propagandistisch betreute KPD zukommen. Nicht nur, daß dieser Pastorensohn und Korpsstudent es gewagt hatte, mitten im roten Friedrichshain einen SA-Sturm aufzubauen und ihm so einen proletarischen Kämpfer nach dem anderen abspenstig zu machen, war Albert Höhler (32), ein in der Unterwelt als »Ali« bekannter, 16mal (vornehmlich wegen Kuppelei) vorbestrafter Verbrecher, Fahnenträger im Roten Frontkämpfer-Bund und bewährter Schläger der kommunistischen »Sturmabteilung Mitte«, dumm genug gewesen, nachdem er Horst Wessel am 14. Januar 1930 an der Spitze eines Rollkommandos über den Haufen geschossen hatte, aus der sicheren Tschechei, wohin ihn die »Rote Hilfe« unter vorsorglicher Abnahme seines KPD-Mitgliedsbuches geschafft hatte, nach Deutschland zurückzukehren und sich hier von der Polizei verhaften zu lassen, vor der er, offenbar im Vertrauen auf die marxistische Solidarität der roten Behörden in Preußen, sogleich ein umfassendes Geständnis ablegte. Den damit aufgedeckten organisierten politischen Mord mußte man nun versuchen, in ein Eifersuchts- und Konkurrenzdrama im Zuhälter und Huren-Milieu des Berliner Alexanderplatzes umzufunktionieren. Erwünschter Anlaß dazu war, daß der SA-Sturmführer Horst Wessel, der sein Jurastudium zeitweilig aufgegeben hatte, um sich an der Seite seiner SA-Männer sein Brot mit Handarbeit - u.a. als Hilfsarbeiter beim U-Bahnbau - zu verdienen, tatsächlich eine der damals in Berlin amtlich nicht registrierten 50000 Gelegenheits-Prostituierten, Erna Jänicke, den Mißhandlungen ihres Zuhälters »Ali« Höhler entzogen, sie zu sich in seine Kochstube in der Großen Frankfurter Straße 62 genommen und sich sogar mit ihr verlobt hatte, bis er sich, von seiner Mutter und Schwester flehentlich darum gebeten, entschloß, sein bisheriges wildes Leben und damit auch das Mädchen aufzugeben, das zu einem ordentlichen Leben zurückgefunden hatte, wie sogar die Zimmerwirtin vor Gericht bezeugte. Genau in diesem Augenblick - Horst Wessel war noch einmal in seine Bude zurückgekehrt, um seine Sachen zu packen und sich zu verabschieden - trat »Ali« Höhlers Rollkommando in Aktion. Es sollte - wie aus den Gerichtsakten hervorgeht - nur eine »proletarische Abreibung« werden, bei der - wie einer der Täter bei der Vernehmung mit größter Selbstverständlichkeit erläuterte - das jeweilige Opfer »nur krankenhausreif« geschlagen zu werden pflegte. Mordabsicht habe nicht bestanden. Horst Wessel kam ins Krankenhaus. Höhler hatte ihm die Pistole vors Gesicht gehalten und abgedrückt. Das Geschoß riß Horst Wessel Kiefer und Zunge weg. Fünf Wochen später starb er am 23. Februar 1930 einen qualvollen Tod.

Wer war dieser Horst Wessel wirklich, dessen Lied einst 100 Millionen Deutsche in aller Welt sangen und das auch heute noch, obwohl in der Bundesrepublik Deutschland als Bestandteil der Nationalhymne des Dritten Reiches verboten, Millionen Älterer - und viele Junge und ganz Junge - kennen? Den ungarischen Filmregisseur Imre Lazar, der noch in den Windeln lag, als Horst Wessel ermordet wurde, ließ die Frage nicht los. Er hatte 1956 mit seinem Film »Zuhause« in Cannes Erfolg gehabt, mußte aber nach der Volkserhebung des gleichen Jahres seine Heimat verlassen. Über Österreich gelangte er 1977 in die USA, wo er als Regisseur und Drehbuchautor für die CBS arbeitet. Für sie wollte er einen Horst Wessel-Film drehen. Aus der umfangreichen Quellenarbeit, bei der er vom Hoover-Institut der Universität Stanford und anderen Stellen nachhaltig unterstützt wurde, während ihm sowohl das staatliche Archiv der DDR in Potsdam als auch das Koblenzer Bundesarchiv jede Zusammenarbeit verweigerte, entstand zunächst ein Buch: »Der Fall Horst Wessel« (Belser Verlag, Stuttgart und Zürich 1980, 240 S., 86 Abb., Ln., DM 28,-). Auf den Film werden wir wohl noch lange warten müssen. Denn obwohl Lazars Buch von den üblichen Umerziehungs-Schlagwörtern und zeitgeschichtlichen Irrtümern nicht frei ist (so läßt er die entscheidenden Reichstagswahlen vom 5. März 1933 schon am 30. Januar und jedenfalls vor dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 stattfinden), besteht kein Zweifel daran, daß im »Fall Horst Wessel« seine Sympathien nicht auf seiten der Mörder, sondern des Ermordeten stehen.

Auch das einzige vorhergehende Projekt eines Horst-Wessel-Films scheiterte. Der Film sollte am 9. Oktober 1933, dem 26. Geburtstag des mehr als drei Jahre zuvor ermordeten SA-Führers, öffentlich uraufgeführt werden. Wenige Tage vorher war er bereits einem geladenen Publikum, den Spitzen der Partei, darunter auch Goebbels, und der Presse gezeigt worden. Selbst die gewiß nicht deutschfreundliche »New York Times« brachte eine freundliche Kritik. Aber Goebbels verbot den Film als künstlerisch minderwertig und der »heroischen Figur Horst Wessels« unangemessen. Das Drehbuch hatte der Erfolgsschriftsteller Hanns Heinz Ewers nach seinem Buch »Horst Wessel, ein deutsches Schicksal« geschrieben. Ewers (1871-1943), der sich durch verschiedene Gruselromane vor und nach dem Ersten Weltkrieg (Alraune, Vampir, Nachtmar usw.) einen Namen gemacht hatte, war der erste, der die romanhaften Züge im Leben Horst Wessels nicht nur entdeckte, sondern auch mit sicherem Gespür für die politische Entwicklung rechtzeitig zu vermarkten wußte. Er will die Anregung von Hitler selbst bekommen und sein Buch mit dessen und des Stabschefs Röhm Unterstützung geschrieben haben. Unter dem anderthalb Dutzend damaliger Horst-Wessel-Biographen machte er das Rennen. Sein Buch war schon 1932 fertig und erreichte im nächsten Jahr, dem der nationalsozialistischen Machtergreifung, bei Cotta eine Auflage von 70000. Der Film, den eine obskure »Volksdeutsche Filmgesellschaft« mit mehr Geschäftssinn als künstlerischem Können daraus machte, wurde ihm zum Verhängnis. Ewers fiel in Ungnade und starb 1943 in Berlin, ohne noch Wesentliches produziert zu haben. Der Film wurde zwar umgearbeitet und unter dem Titel »Hans Westmar, einer von vielen« ohne jede direkte Bezugnahme auf Horst Wessel zur Vorführung zugelassen, verschwand aber bald sang- und klanglos vom Spielplan.

Lazar, der - im Gegensatz zu Ewers - nicht mit der Konjunktur, sondern gegen sie schwimmt, hat bei allen Mängeln, die den zeitgeschichtlichen Wert seiner Arbeit beeinträchtigen, das unbestreitbare Verdienst, bei seiner umfassenden Quellenforschung manch bisher unbekannte Einzelheiten aus dem kurzen, aber erregenden Leben Horst Wessels aufgedeckt zu haben. So war es mir, dem Inge Wessel (wir studierten eine Zeitlang gemeinsam in Rostock) ausführlich gerade über die schaurige Beerdigung ihres Bruders berichtete, z.B. bisher unbekannt, daß der spätere Reichsmarschall Hermann Göring damals als schlichter Reichstagsabgeordneter und SA-Führer am Grab des gefallenen jungen Kameraden stand und ihm seine Sturmmütze in die Grube nachwarf. Wenig mehr als vier Jahre später, am 30. Juni 1934, sollte der gleiche Göring zusammen mit Himmler der SA, die - nach Goebbels' Worten - mit Horst Wessel identisch war, das Rückgrat brechen und sie - wie diesen an seiner tödlichen Verwundung langsam hinsiechen lassen. Erst damit bekam der Refrain des Liedes, das Horst Wessel einst gedichtet hatte, seinen besonderen, makabren Sinn: »Kam'raden, die Rotfront und Reaktion erschossen . . .«


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(4) (1980), S. 9ff.

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