Sauer auf Saur

Die Goebbels- Tagebücher - alter Schwindel, neu aufgelegt

Wilfred von Oven (Buenos Aires)

Mit großem propagandistischen Aufwand hat der Saur-Verlag die ersten Bände der angeblichen Goebbels-Tagebücher herausgebracht. Es ist wohl ein neuer Anlauf, Fälschungen aus dem Ostblock an die Öffentlichkeit zu bringen, nachdem ein früherer Versuch mißlang. Bedenklich ist, daß das Münchner Institut für Zeitgeschichte nun für die Echtheit eintritt, obwohl schon früher gewichtige Zweifel geäußert waren. Da, wie Dr. Goebbels letzter Pressereferent Wilfred von Oven als Augenzeuge bestätigen kann, die Originalblätter auf Dr. Goebbels Befehl gegen Ende des Krieges nach Mikrokopierung bis auf Reste vernichtet wurden, können gar nicht mehr alle Originalseiten vorhanden sein, die angeblich vorliegen sollen. Der Augenzeuge, Autor der gerade erschienenen Goebbels-Biographie (Herbig) nimmt dazu Stellung.


Die Goebbels-Tagebücher, die der K.G. Saur-Verlag (München, London, New York, Oxford, Paris) unter dem Reklamegetöse der internationalen Massenmedien (zum Spottpreis von DM 348,-- für die ersten vier Bände, sechs weitere sollen folgen) an den Mann zu bringen versucht, sind bereits die fünfte Edition von Tagebüchern des ehemaligen Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels (1897-1945). Der fleißige Schreiber wollte die rund 20.000 Tagebuchblätter, die in den Jahren 1924-1945 entstanden, eines Tages - »in ruhigeren Zeiten«, wie er mir Ende des Krieges mehrfach versicherte - gründlich auswerten. Er wollte das selbst besorgen, nicht irgendwelchen Heibers, Hochhuths und anderen zeitgeschichtlichen Leichenfledderern überlassen. Ihm schwebte dabei etwas Ähnliches vor wie sein 1934 in München erschienenes Erfolgsbuch »Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«, das die Ereignisse unmittelbar vor der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 an Hand seiner (sehr sorgfältig und immer wieder redigierten und korrigierten) Tagebuchaufzeichnungen schildert. Es wurde mit einer Auflage von 460. 000 bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges ein einzigartiger Erfolg, den keine der - von anderen vorgenommenen - Bearbeitungen seiner Tagebücher erreichte.

Die einzige derselben, der ich nach bestem Wissen und Gewissen ihre Echtheit bestätigen konnte, war die von Louis R Lochner. Die ihm auf abenteuerliche Weise in die Hände gefallenen Fragmente aus den Jahren 1942/43 wurden von diesem USA-Kollegen, der zwar ein politischer und weltanschaulicher Gegner war, aber dabei stets ein sauberer und sorgfältiger Journalist blieb, schon 1948 korrekt und unverfälscht wiedergegeben, wie ich ihm auf Grund meiner eingehenden Kenntnis des Tagebuchverfassers und der behandelten Ereignisse im »Spiegel«, dessen Mitarbeiter als »Untergetauchter« ich damals war, bestätigte.

Das konnte ich nicht, als mich dann 1975 Dr. Albrecht Knaus, damals Leiter des Verlages Hoffmann & Campe in Hamburg, um eine ähnliche Bestätigung der Authentizität der Goebbels-Tagebücher bat, die zu veröffentlichen er beabsichtigte. Mehr Glück hatte er bei den persönlichen Stenographen des Ministers, Regierungsrat Richard Otte und Otto Jacobs. Beide - damals noch als offizielle Parlamentsstenographen im Dienst der BRD - bestätigten auf Grund der ihnen vorgelegten Fotokopien und nach rein schreibtechnischen Kriterien die Echtheit des Materials, das dann 1977 mit einem Vorwort von Rolf Hochhuth veröffentlicht wurde, das der Nachlaßverwalter von Goebbels, François Genoud - sehr schonend - »als nicht objektiv und wenig elegant« bezeichnete. Auf mich wirkte es wie eine infame Leichenschändung. Das Buch wurde kein Erfolg, sondern Knaus »scheiterte« mit seinem Projekt, wie der Saur-Verlag heute mit Recht in seinem Verlagsprospekt feststellt. Knaus, der im Dritten Reich Lektor bei Piper war, legte die Leitung des angesehenen Hamburger Verlages nieder und gründete 1978 seinen eigenen (heute mit dem Bertelsmann-Konzern liiert) Albrecht-Knaus-Verlag.

Knaus' »Scheitern«, wie es der Saur-Verlag heute nachsichtig nennt, war nichts anderes als ein Hereinfallen auf einen Propagandatrick des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Der hatte ihm die »authentischen« Goebbels-Tagebücher durch einen obskuren DDR-Journalisten andrehen lassen. Es waren nicht die Original-Schreibmaschinen-Manuskripte derselben (auf der unverkennbaren Continental-Maschine mit den großen Typen geschrieben) und nicht die davon angefertigten Mikrokopien, die sich beide, wie wir nach dem Stand der zeitgeschichtlichen Forschung heute annehmen müssen, in sowjetischem Besitz befinden, sondern angebliche Fotokopien der fraglichen Mikrokopien. Mit solchen Fotokopien -das weiß jeder Fachmann - läßt sich jede beliebige Fälschung mühelos durchführen, ohne daß sie als solche stichhaltig nachzuweisen wäre. Gerade in diesem Handwerk verfügt Moskau über die hervorragendsten Spezialisten. Es wurden mit Hilfe der Fotokopien meines Erachtens einige ganz wenige, aber entscheidende Veränderungen des Originaltextes vorgenommen. Sie betreffen vor allem die Einstellung des Verfassers (Dr. Goebbels) zur Judenfrage. Ich führe konkret hier nur das an, was er (auf Seite 228 der Lübbe-Linzenzausgabe) am 14. März 1945 in sein Tagebuch eingetragen haben soll. Man müsse die Juden - steht dort in der sehr wahrscheinlich vom KGB gefälschten Version - »wie die Ratten totschlagen«. Dieser Ausdruck gehörte, wie ich als intimer Kenner der Goebbels-Diktion (ich verfaßte rund 100 seiner Redeentwürfe) sehr genau weiß, nicht in sein Vokabularium. Totschlagen wie die Wanzen, Flöhe, tollen Hunde - das alles hätte er sagen oder schreiben oder diktieren können. Aber wie die Ratten - nein. Das habe ich, der ich in den beiden letzten Kriegsjahren täglich oft stundenlang mit Goebbels zusammen war, von ihm nie gehört oder geschrieben gesehen.

Auch das Totschlagen von Juden ganz allgemein gehörte nicht ins Programm des Tagebuchschreibers. Seit er ein solches hatte, stand er den Juden freilich nicht mehr freundschaftlich oder auch nur gleichgültig wie in jüngeren Jahren gegenüber. Im Gegenteil war er zu ihrem erbitterten Feind geworden, und er bekämpfte sie, vor allem als Gauleiter Berlins, mit allen Möglichkeiten eines freien Bürgers einer freiheitlichen Demokratie, wie es die Weimarer Republik - im Gegensatz zur BRD mit ihren undemokratischen Sondergesetzen - war. Aber als er 1935 mit den auf dem Reichsparteitag der Freiheit in Nürnberg verkündeten Gesetzen sein Ziel erreicht hatte, die jüdische Vorherrschaft in Deutschland einzudämmen, wollte er - im wohlverstandenen Interesse seines deutschen Volkes - nicht mehr. Von einer »Endlösung« - was auch immer man darunter verstehen mag - war überhaupt erst während des Krieges die Rede.

Darum war es absurd, wie wir in dem Buch von Ingrid Weckert »Feuerzeichen« (Grabert-Verlag, Tübingen) nachgewiesen haben, ihm die »Reichskristallnacht« vom November 1938 anzulasten. Nicht er hatte dem Weltjudentum, sondern dieses hatte dem Dritten Reich den Krieg erklärt (am 24. März 1933 im »Daily Express«). Aber all dies darf heute nicht mehr wahr sein. Die alten Lügen müssen immer weiter wiederholt werden. Darum die plumpe Fälschung des KGB, die von Knaus als Vertreter des zeitgeschichtlichen Establishments der BRD trotz meiner Warnung bedenkenlos übernommen wurde.

Hat die neue Dr. Goebbels-Tagebuchausgabe der Elke Fröhlich vom Münchner Institut für Zeitgeschichte im Saur-Verlag andere, glaubwürdigere Unterlagen? Nein. Es sind zwar wesentlich mehr, aber unter ihnen genau diesselben, die der KGB in der Mache hatte und die schon Knaus vergeblich als »echt« zu verkaufen versuchte. Die einzigen Originale der maschinengeschriebenen Goebbels-Tagebücher - außer den zum Teil verkohlten, die über einen Berliner Lumpensammler 1945 in den Besitz Lochners gerieten - haben die Sowjets in einer Offizierskiste im Bunker der Reichskanzlei ebenso erobert wie einen ganzen Satz der Mikrofilme, die der Regierungsrat Otte von den Originalen anfertigte und in der Nähe Berlins unter den prekären Verhältnissen der letzten Kriegstage nur einen Meter unter der Erde vergrub. Nur die Sowjets wissen - auch heute noch -, was an den Goebbels-Tagebüchern echt oder gefälscht ist. Darüber kann keine Reklame hinwegtäuschen. Und ehe nicht die Sowjets ihre Originalquellen preisgeben - was wohl nie der Fall sein wird -, haben alle im Westen noch so bombastisch propagierten angeblichen Aussagen des ehemaligen Reichspropagandaministers insbesondere zur Judenfrage keine Beweiskraft.

Zusammengefaßt gilt noch, was ich vor zwölf Jahren bereits feststellte:

1. Aus meiner zweijährigen Tätigkeit als persönlicher Pressereferent des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels (1943-1945) sind mir die technischen Einzelheiten der Erstellung seiner Tagebücher (jedenfalls in der fraglichen Zeit) genauestens bekannt.

2. Ich weiß von dem Minister und auch von Otte, daß in der letzten Phase des Krieges die Anordnung gegeben wurde, die mit der »Führermaschine« geschriebenen Originale zu mikrokopieren und sodann zu vernichten.

3. Ich habe Otte bei dieser Arbeit persönlich beobachtet und muß bei seiner mir bekannten Sorgfältigkeit und hohen Pflichtauffassung annehmen, daß er den Auftrag des Ministers erfüllte.

4. Daß ein kleiner Rest der Originale unverbrannt blieb, hat der Lochner-Fund erwiesen. Ich habe seiner Veröffentlichung aufgrund meiner technischen Detailkenntnisse des Vorgangs sowie der Diktion und Gedankenführung des Ministers aus voller Überzeugung ihre Authentizität bestätigt.

5. Das Vorhandensein von 68 kg bzw. 16.000 Seiten Goebbels-Tagebücher aus der DDR hielt und halte ich für »aufgelegten Schwindel«. Herr Knaus hat den Irrtum aufgeklärt, daß es sich nicht um Originale, sondern um Fotokopien (freilich ohne Authentizitätsnachweis) handelt.

6. Selbst wenn sich unter den - bisher nicht nachgewiesenen - Originalen vielleicht einige echte befinden sollten, was analog dem Fall Lochner nicht ausgeschlossen wäre, müßte ich nach meiner Kenntnis kommunistischer Propagandamethoden annehmen, daß gefälschtes Material dazwischen gemogelt wurde.

Der alte Kempner (88), der im Februar 1933 als Sohn seiner nichtarischen Mutter Rabinowitsch aus dem preußischen Staatsdienst entlassen wurde und der dann nach 1945 den alliierten Siegern als stellvertretender US-Chefankläger im Nürnberger Prozeß ganz besonders schändliche Schergendienste leistete, ließ zur Saur-Tagebuchveröffentlichung die Katze aus dem Sack, als er, dem - im Gegensatz zu uns - die Veröffentlichung vor Erscheinen zur Kenntnis gegeben worden war, gegenüber dem Bonner PPP erklärte, wenn diese Tagebücher schon damals bekannt gewesen wären, hätte der Nürnberger Gerichtshof viel härtere Strafen verhängen müssen, weil die Veröffentlichung beweise, »daß die große Mehrheit der NS-Machthaber beinahe von Anfang an gewußt hat, daß der Abtransport der Juden aus Deutschland nach Osten ganz eindeutig ihre Ermordung bedeutete.« Quod erat demonstrandum - was zu beweisen war. Der KGB hat's getan. Der Saur-Verlag, vom letzten Rüstungsminister Hitlers gegründet und von seinem ebenso - nur in entgegengesetzter Richtung - tüchtigen Sohn geführt, hat's übernommen, und die ganze demokratische Schickeria posaunt es heute aus: Goebbels war der intellektuelle Urheber der Judenmorde! Er kann sich nicht mehr wehren. Ich tu's für ihn.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(4) (1987), S. 17ff.

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