Das Wiener Heeresamt 1945

Zur Geschichte der Besatzungszeit in Österreich

Erwin Pitsch

Während heute nach einer 40jährigen Friedenszeit und im Wohlstand lebend, selbst das bürgerliche Lager den Sinn der Landesverteidigung in Frage zu stellen beginnt, wurde 1945, inmitten von Chaos und Trümmern, fast mit Selbstverständlichkeit die Aufstellung eines Österreichischen Heeres geplant und in Angriff genommen. So gab es in Wien und in allen Bundesländern Aktivitäten, die auf eine Aufstellung einer bewaffneten Macht des wiedererrichteten Österreichs hindeuteten. In Deutschland wäre zu diesem Zeitpunkt derartiges undenkbar gewesen. In Ostösterreich hatte das Heeresamt eine ziemlich einheitliche Organisation aufgezogen, in Tirol war die Aufstellung einer Division geplant, in Kärnten und der Steiermark existierten militärische Formationen ähnlich dem Österreichischen Bataillon der Franzosen in Tirol und den fünf in Jugoslawien aufgestellten Österreichischen Freiheitsbataillonen in Österreich, die aber alle nicht dem Heeresamt unterstanden.


Seit dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands und der bedingungslosen Kapitulation war ganz Österreich von Truppen der Alliierten besetzt.

Die am 27. April 1945 in Wien konstituierte »Provisorische Staatsregierung« Dr. Karl Renners wurde von den Westmächten vorerst nicht anerkannt und die Ausdehnung der Regierungsgewalt auf das gesamte Bundesgebiet verhindert. Die Bewahrung der territorialen Integrität Österreichs ist aber ein Verdienst der Alliierten, vor allem der Sowjets. Trotz der »Moskauer Deklaration«, nach der Österreich in den Grenzen von 1937 wiedererstehen sollte, erhoben die Tschechen (am 21. Juli 1945 durch ČSR-Handelsminister Ripka vorgebracht), Jugoslawen und Ungarn Gebietsforderungen. Tschechische Banden drangen immer wieder ins Wald- und Weinviertel ein, Verbände der jugoslawischen Befreiungsarmee besetzten bis Mitte Mai Unterkärnten und Klagenfurt, und bis zum 13. Mai versahen zwei Divisionen der neuen ungarischen Armee Besatzungsaufgaben im Burgenland. Aber auch die Österreicher selbst forderten von sich aus Südtirol, das Berchtesgadener Land, das Kanaltal und den Ödenburger Zipfel, was aber mit dem territorialen »Status quo« nicht vereinbar war. Lediglich das am 20. September 1938 an Bayern angeschlossene Kleine Walsertal kam wieder zu Vorarlberg.

Über den Verlauf der Demarkationslinien in Österreich gab es langwierige Verhandlungen zwischen den vier Alliierten. Eine Einigung scheiterte zunächst an der Zoneneinteilung in Wien und der Frage der Flugplätze für die Westalliierten im Raum Wien. Am 4. Juli 1945 kam es mit dem 1. Kontrollabkommen zu einer einvernehmlichen Lösung über die endgültige Zonenaufteilung und die Bildung des Alliierten Rates. Gemäß dem Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 waren die Gaugrenzen von 1938, ausgenommen Wien und Burgenland, die Grundlage für die Besatzungszonen.

Der Zonentausch begann bei den Westalliierten schon am 7. Juli. Die Franzosen rückten nun in Tirol ein, die US-Truppen zogen sich nach Salzburg zurück, wobei es einige Male zur Handgreiflichkeiten zwischen den Verbündeten kam. Vom 22. Juli bis 10. August 1945 räumten die Sowjets die Steiermark, und die Briten übernahmen ihre Zone. Die US-Truppen zogen vom 27. bis 30. Juli aus dem Mühlviertel ab und übergaben es der sowjetischen Besatzungsmacht. Ende Juni 1945 war die 3. Ukrainische Front (Marschall Tolbuchin) von der aus Schlesien und der ÜSR kommenden 1. Ukrainischen Front (Marschall Konev) als Besatzungstruppe in Ost-Österreich abgelöst worden.

Die Aufteilung Österreichs war damit vollständig geworden - die vierfache Besetzung Wiens wurde im September abgeschlossen -, und am 23. August 1945 nahm die Alliierte Kommission mit einer informellen Sitzung ihre Tätigkeit auf, die vier Militärregierungen in den einzelnen Zonen wurden fest eingerichtet. Die ungleiche Stärke der Besatzungstruppen, der Versuch der Österreichischen Regierung, ein eigenes Heer aufzustellen, und die Aktionen paramilitärischer Verbände sollten zu schweren Differenzen und 1946 schließlich zum ersten Bruch im Alliierten Rat führen.

Österreichische Freiwilligenverbände

Schon bald nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht waren in Wien und in den von Westmächten besetzten Bundesländern zum Teil bewaffnete Österreichische Freiwilligenverbände aufgetreten, auf die die provisorische Staatsregierung kaum Einfluß nehmen konnte. Im britischen Sektor bestand außerdem die sogenannte »Aldrian-Brigade« beziehungsweise »Österreichische Brigade« unter Generalleutnant Eduard Aldrian, die aus den Österreichern des ehemaligen deutschen LXVIII Armeekorps, das sich nach dem 8. Mai 1945 den Briten ergeben hatte, aufgestellt worden war. Sie sollte in der Land- und Forstwirtschaft, beim Straßenbau und bei der Demobilisierung der Wehrmacht eingesetzt werden und war schließlich in neun Regimenter mit rund 13000 Österreichern und 6500 Ausländern gegliedert. Die Deutschen waren im »Korps Noeldechen« zusammengefaßt worden, wurden aber eher wie Kriegsgefangene behandelt.

Rund 1,2 Millionen Österreicher waren zwischen 1938 bis 1945 zur Deutschen Wehrmacht eingezogen worden, aber auch in den Reihen der alliierten Truppen und verschiedener Widerstandsbewegungen kämpften Österreicher, wie zum Beispiel im französischen, belgischen und holländischen Maquis, bei den jugoslawischen Partisanen und in der Roten Armee. Bereits 1940 hätte in Frankreich eine Österreichische Formation im Rahmen des französischen Heeres aufgestellt werden sollen. Erst im Frühjahr 1945 war in Algier ein Österreichisches Bataillon in der französischen Armee aufgestellt worden, das aber erst nach der Kapitulation in Vorarlberg eintraf und Ende 1945 aufgelöst wurde. Der Versuch Ottos von Habsburg, des Sohnes des letzten Österreichischen Kaisers, in den USA ein »Österreichisches Bataillon« zu bilden, war nicht gelungen. Dr. Julius Deutsch und Vertreter der Nachfolgestaaten der Monarchie sowie ein Teil der amerikanischen Presse hatten sich vehement dagegen ausgesprochen. In den Regimentern der britischen Truppen kämpften rund 3000 Österreicher. Auch in der kroatischen Legion, bei den polnischen Partisanen und den Freiheitskämpfern in Griechenland und Oberitalien waren Österreicher zu finden.

Von den im Frühjahr 1945 nach Österreich zurückkehrenden Formationen waren die in Jugoslawien aufgestellten Verbände die stärksten und bedeutendsten. Vom Juni 1944 bis zum Kriegsende 1945 wurden fünf Österreichische Freiheitsbataillone (insgesamt 1200 Mann) in Jugoslawien aufgestellt - wovon nur das erste im Einsatz war -, die nach ihrer Rückkehr nach Wien zum Teil in die Polizei übernommen wurden und im Waldviertel Grenzschutz- und Sicherheitsdienst versahen.

Neben den im Ausland gebildeten militärischen Verbänden entstanden im Frühjahr und Sommer 1945 in Österreich selbst militärische Dienststellen und kleine Formationen. Die Hoffnung der Österreicher auf den baldigen Abschluß eines Friedensvertrages und den Abzug der Alliierten hatte es als unabdingbare Forderung erscheinen lassen, daß die eben erstandene Zweite Republik auch eine bewaffnete Macht benötigen würde. Da ein eigenes Heer eines der wichtigsten Statussymbole eines souveränen Staates ist, versuchte auch die Provisorische Staatsregierung unter Dr. Karl Renner noch 1945, ein kleines Berufsheer demokratischer Prägung aufzustellen. Daher war bereits am 27. April mit Oberstleutnant Franz Winterer ein Unterstaatssekretär für Heerwesen in die Staatskanzlei der Provisorischen Staatsregierung aufgenommen worden. Von der Bildung eines Staatsamtes (Ministerium) für Heerwesen hatte man aus mehreren realpolitischen Gründen abgesehen. So hätte man unter anderem auch, wie in jedem anderen Staatsamt, einen kommunistischen Unterstaatssekretär bestellen müssen. Diese Dienststelle sollte hauptsächlich die personelle und materielle Demobilisierung der Deutschen Wehrmacht durchführen, was von Marschall Tolbuchin gebilligt wurde. Bereits in der im Staatsgesetzblatt Nr. 3 kundgemachten Regierungserklärung vom 27. April 1945 wurde die Aufstellung »einer bescheidenen Wehrmacht« und einer ausreichenden Sicherheitspolizei »zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung wie zur Sicherung aller Wohn-, Betriebs- und Arbeitsstätten« angekündigt. Diese Regierungserklärung wurde von allen Regierungsmitgliedern, also auch von den kommunistischen, unterzeichnet. Die Errichtung eines Heeresamtes deutet auf die Hoffnung der provisorischen Staatsregierung hin, daß die Besetzung Österreichs nur eine vorübergehende Maßnahme wäre.

Das Heeresamt

Am 2. Mai 1945 begann eine Handvoll Österreichischer Offiziere und Beamter das alte Militärkasino auf dem Wiener Schwarzenbergplatz als Amtsgebäude einzurichten, und am 17. Mai erschien im »Neuen Österreich« der erste Aufruf des Heeresamtes an ehemalige Österreichische Offiziere, Ärzte, Unteroffiziere und Beamte der Heeresverwaltung, sich registrieren zu lassen und für den Dienst im Heeresamt zu melden. Schon Anfang des Monats hatten Amtsleitung, Rechtsbüro, Verbindungsdienst zu den Alliierten, Hilfsämterdirektoren und Organisationsgruppen ihre Tätigkeit aufgenommen. Am 15. Mai hielt Winterer eine Ansprache vor dem zweiten Österreichischen Freiheitsbataillon, das zu Grenzschutzzwecken eingesetzt wurde. Teile der anderen Bataillone wurden in die Wiener Hilfspolizei eingegliedert, im Erdölgebiet und zur Bewachung von Versorgungseinrichtungen eingesetzt. Im Juni hatte das Heeresamt bereits vier Abteilungen und mit den Wachen eine Stärke von 1500 Personen. Die meisten Abteilungen befanden sich im Gebäude des Militärkasinos.

Zu den Aufgabengebieten des Heeresamtes zählte die personelle Erfassung ehemaliger Militärpersonen, Liquidierung und Demobilisierung von Einrichtungen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, Betreuung der Österreichischen Heimkehrer (die ausländischen betreute das Rote Kreuz), Befürsorgung von Berufsmilitärpersonen und deren Hinterbliebenen, Vertretung der Forderungen aus Lieferungen und Arbeiten für die ehemalige Deutsche Wehrmacht und der Entminungsdienst.

Im Behörden-Überleitungs-Gesetz vom 20. Juli 1945 (Überleitung der Verwaltungs- und Justizeinrichtungen des Deutschen Reiches in die Rechtsordnung der Republik Österreich) heißt es, daß »die Staatskanzlei bis zur Errichtung eines selbständigen Staatsamtes für Heerwesen auch die Aufgaben des BMfLV übernimmt, besonders die Aufstellung und Organisation von Militär-, Wach- und Bauformationen, die Angelegenheit der Personal- und Sachdemobilisierung der Deutschen Wehrmacht, die Heimführung der Kriegsgefangenen, die Ausforschung der Kriegsvermißten und die Kriegsgräberfürsorge«.

Im Demobilisierungsgesetz vom 12. Juni war die Staatskanzlei ermächtigt worden, im Einvernehmen mit den zuständigen Landeshauptmannschaften und dem Bürgermeister von Wien alle Maßnahmen für die Sicherstellung der in Österreich befindlichen militärischen Einrichtungen und deren Bewachung zu treffen und die Demobilisierung der Österreichischen Staatsbürger in der ehemaligen Deutschen Wehrmacht durchzuführen. Die Aufgaben des Heeresamtes wurden immer umfangreicher, um so mehr, als auch noch die Planungen und Vorbereitungen für die Aufstellung eines Österreichischen Heeres anliefen.

Bis Ende Juli war ein neuer wohldurchdachter Organisationsplan fertig. Demnach hatte das Heeresamt Anfang August 1945 folgende Gliederungen. Leiter: Unterstaatssekretär (Oberstleutnant) Winterer, mit den Hilfsorganen: Inspektor für Kriegsgefangenen- und Heimkehrerwesen (Generalmajor K. Fucik), Inspektor für Transportwesen (Oberstleutnant F. Jiresch), Sanitätschef (Oberstarzt Dr. J. Gratzer), Intendanzehef (Oberstintendant L. Weinrichter), Rechtsbüro (Ministerialrat Dr. K. Gruber) und dem Verbindungsdienst zu den Besatzungsmächten (Oberstleutnant Ing. V. Sailler).

Die Aufgaben des Heeresamtes wurden von nachstehenden Abteilungen wahrgenommen:

Abteilung 1: Führungsabteilung (Major Walther Heydendorff) Präsidialangelegenheiten, Org- und Ausb-Gruppe, Abteilung 2: Personalwesen (Major Anton Steiner), Abteilung 3: Wirtschaft (Intendanzchef), Abteilung 4: Liquidierung und Demobilisierung, Gebühren (unbesetzt).

Die 5. (technische) Abteilung mit der Luft-, Pionier-, Eisenbahn-, Telegraphen- und Waffen-Gruppe war in Aufstellung.

Nun war es auch den Sowjets klar, daß es bei dieser Dienststelle nicht nur um die Übernahme und Entlassungen kriegsgefangener oder die Erfassung gefallener und vermißter Österreicher ging. Trotzdem ließen sie die Dienststelle gewähren. Staatskanzler Renner ersuchte die Alliierten um Zustimmung für die Aufstellung uniformierter und bewaffneter Wachbataillone zum Schutz von lebenswichtigen Einrichtungen und die Aufstellung von Pionierbataillonen für den Entminungsdienst zum Beseitigen von Kriegsrelikten. In den Bundesländern sollten Militärkommandos im Einvernehmen mit den Landesregierungen für die Durchführung dieser Aufgaben sorgen.

Bildung der Militärkommandos

Im Sommer 1945 bildeten sich in den Bundesländern die Militärkommandos, am 9. Juli wurden das Militär-Kommando Wien (Oberst Schlegelhofer) und am 1. August das Militär-Kommando Niederösterreich (Oberstleutnant Knobloch) gebildet. Diese Kommandos richteten sofort neue Dienststellen in ihren Bereichen ein. In Wien entstandem 34 Objektwachen, acht Bahnhofskommandos, und - typisch für Österreich - sogar mit der Aufstellung einer Wachmusik wurde begonnen. Die Militär-Stationskommandos in den Bundesländern wurden als »Liquidierungsstellen« bezeichnet. Noch vor dem Eintreffen der Briten war in Graz ein provisorischer Leiter des Militär-Kommandos Steiermark (Major Rosenwirth) bestellt worden (vorerst Erfassungsstelle in der Grazer Polizeidirektion). Mitte Oktober folgten die Aufstellungen der nun als Heeresamtsstellen bezeichneten Militär-Kommandos Tirol (Generalmajor Zborzil) und Voralberg (Oberstleutnant Kachina). In Kärnten waren Landes-Heimkehrer-Evidenzämter beziehungsweise Wehrmeldeämter tätig, und die Bereiche der Aldrian-Brigade und des Heeresamtes überlappten sich hier. In Tirol hatten nach der deutschen Kapitulation Offiziere Österreichischer Abstammung die Wehrmachts-Hauptkasse übernommen, und Oberstleutnant Zdenko Paumgartten war zunächst militärischer Fachreferent bei Landeshauptmann Dr. Gruber, anschließend Leiter des Referates für Heeresangelegenheiten im Staatssekretariat für bundesunmittelbare Angelegenheiten. Noch am 20. November erfolgte die Aufstellung der Heeresamtsstelle Burgenland (Oberst Schlegelhofer). In Salzburg und Oberösterreich hatte das Heeresamt zunächst keinen Erfolg, da sich die US-Militärbehörden dagegenstellten. Erst am 30. Oktober soll auch in der US-Zone eine Heeresamtstelle ihre Tätigkeit aufgenommen haben. Die Heeresamtsstelle Oberösterreich (Oberstleutnant Henke?) führte ein Schattendasein.

Mit der Organisation der Zentralstelle begannen auch die Überlegungen und Planungen für ein Österreichisches Heer. Im Sommer und Herbst 1945 war man im Heeresamt noch der Meinung, daß Österreich sein Heer freizügig und ohne Einschränkung gestalten könnte. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges wollte man an die bis 1938 bestandene Organisation wieder anschließen und demnach sechs Infanteriedivisionen (je 8750 Mann), eine Panzerdivision und zwei schnelle Brigaden aufstellen. Als Bewaffnung waren Österreichische und deutsche Beutewaffen vorgesehen. Um den defensiven Charakter des neuen Heeres hervorzuheben, sollten die Luftstreitkräfte und die Panzerwaffe schwächer, die Panzerabwehr dafür stärker ausgebaut werden. Bei den Infanterie- und Panzerabwehrwaffen wollte man die Erkenntnisse des Krieges besonders berücksichtigen. Schon für 1947 war die Einberufung der Jahrgänge 1926 und 1927 vorgesehen (60 000 Mann). Mit dem Kader von Berufssoldaten und der Luftstreitkräfte wären dies an die 100000 Mann gewesen.

Nicht nur in der Zentrale in Wien, sondern auch in den Dienststellen in den westlichen Bundesländern entstanden Pläne zur Aufstellung für ein neues Heer mit recht unterschiedlicher Gliederung und Stärke. Bei allen Plänen wurde stets die Möglichkeit des Anschlusses von Südtirol einbezogen. In Tirol hatten französische Militärs den Österreichern vorgeschlagen, unter der Hand eine Division aufzustellen. Ende August war die Planung abgeschlossen, die Franzosen hielten die leichten Infanteriewaffen bereit. Die Planungen sahen, bei 20000 Rekruten jährlich, eine 18monatige Dienstzeit vor, Gesamtstärke 55 000 Mann, und zwei Panzer-, drei Infanterie-, ein bis zwei Gebirgsdivisionen und zusätzlich je eine motorisierte Infanterie- und Gebirgsbrigade sollten den organisatorischen Rahmen bilden.

In der Steiermark, wo insgesamt 16 Wehrmeldeämter bestanden, war die Errichtung von zunächst vier Garnisonen geplant (Leoben, Graz, Judenburg und Straß). Oberst Erich Cliva (stellv. Leiter des Militärkommandos) entwarf ebenfalls einen Plan für ein Heer in der Stärke von 40000 Mann, gegliedert in eine Panzer-, eine Infanterie (mot.)-, eine Infanterie- und eine Gebirgsdivision sowie eine Gebirgsbrigade und starke Heerestruppen. Trotz vieler Schwierigkeiten, die der Aufstellung eines Heeres entgegenstanden, wurde vom Heeresamt auf vielen Sachgebieten eine zielgerichtete Arbeit geleistet, die Planungen waren dabei nur Randerscheinungen.

Das Heeresamt litt von Anfang an unter dem Gegensatz zwischen dem offiziellen Auftrag, dem wirklichen Dienstbetrieb und dem Konzept für den Aufbau. So unterliefen dem Heeresamt Fehler, die bald das Mißtrauen der Alliierten erwecken mußten. Die Verbindungen zwischen dem offiziell der Liquidierung und Demobilisierung dienenden Amt und den militärischen und paramilitärischen Verbänden blieben den alliierten Dienststellen nicht verborgen. Staatskanzler Renner erkärte im August 1945 in einer Denkschrift, daß die Provisorische Staatsregierung die Aufstellung einer Militärformation nicht »ins Auge fasse« und erst der Friedensschluß entscheiden werde, und in welchem Ausmaß Österreich eine bewaffnete Macht zu schaffen berechtigt sein werde.

Alliierte greifen ein

Ab September begannen die Sowjets mit einer verstärkten Kontrolle und Beaufsichtigung des Heeresamtes und seiner Dienststellen. Auch die US-Behörden, die schon die Errichtung der Heeresamtsstellen in Salzburg und in Oberösterreich verzögert hatten, waren mißtrauisch geworden. Auf Anordnung des Alliierten Rates mußten die militärischen Bezeichnungen der Kommandos durch »Leitung« und »Heeresbezirksverwaltung« ersetzt werden. Am 24. September sollten im Bereich der Militärkommandos Wien und Niederösterreich alle Objekts- und Bahnhofswachen aufgelöst werden, die aber unter anderer Bezeichnung zunächst weiter existierten. Im Oktober äußerte die sowjetische Besatzungsmacht erstmals ihre Absicht, die Aufgaben des Heeresamtes auf andere Ressorts aufzuteilen.

Das »Aus« für das Heeresamt und damit auch für die Pläne und Vorbereitung für ein Österreichisches Heer kam am 30. November 1945 mit der Weisung des Alliierten Rates zur Auflassung des Heeresamtes. Zehn Tage später bekräftigte der Alliierte Rat seinen Entschluß und forderte kategorisch die Auflösung jeder militärischen und paramilitärischen Organisation in Österreich bis zum 11. Jänner 1946. Dem nunmehrigen »Liquidierenden Heeresamt« wurden nur wenige Wochen zur Auflösung genehmigt. Generalmajor Winterer schied mit 20. Dezember 1945 aus dem »Liquidierenden Heeresamt« aus und zog als Abgeordneter der SPÖ in den Nationalrat. Sein Nachfolger wurde Generalmajor Mathias Gruber, der 1938 außer Dienst gestellt worden war. In seinem Abschiedsbefehl, offiziell »Amtsanordnung, Abschied vom Heeresamt« dankte Generalmajor Winterer allen seinen Mitarbeitern, insbesonders dem Generalintendanten Weinrichter, den Majoren Barwig und Heydendorff, dem Direktor der Hilfsämter Galgenberger und dem Telegrapheninspektor Jahn und erwähnte nochmals kurz die Aufgaben seiner Dienststelle.

Der Alliierte Rat hatte festgestellt, daß Österreich gemäß den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens vollkommen abzurüsten habe, ehe es die Erlaubnis zum Aufstellen einer eigenen Armee erhalte. Am 8. Jänner 1946 waren das Gebäude des Heeresamtes sowie die Dienststellen in Wien, Niederösterreich und Burgenland geräumt, das gesamte Aktenmaterial von den Alliierten beschlagnahmt worden. Drei Tage später gaben auch die Dienststellen in Linz, Graz, Klagenfurt, Innsbruck und Bregenz die Liquidierung bekannt. Die Demobilisierung war vollkommen.

Das Heeresamt war der erste ernsthafte Versuch gewesen, die Wehrhoheit für das eben wiederentstandene Österreich zu beanspruchen. Daß das Unterstaatssekretariat für Heerwesen mehr als nur Theorie und Planung war und kein Schattendasein geführt hatte, zeigte die in den wenigen Monaten geleistete Arbeit auf dem Gebiet des Entminungsdienstes und des Heimkehrerwesens. Erst nach Abschluß des Staatsvertrages im Mai 1955 sollten wieder Österreichische Soldaten in die Kasernen einziehen. Ab 1952 begann mit der Aufstellung der B-Gendarmerie, die aber dem Innenministerium unterstand, die Heranbildung eines Kaders für ein Österreichisches Bundesheer.


Quellen und Literatur:


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(2) (1986), S. 15-18.

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