Regierende Fürsten im Dritten Reich

Die Herrschergeschlechter des Deutschen Reiches und die NSDAP

Dr. Nikolaus von Preradovich

Für einen »echten Prinzen in ihren Reihen«, schrieb Sefton Delmer in seinem Buch »The Germans and I«, hätten die Nazis fast alles gegeben. Den Universitätsdozenten für allgemeine neuere Geschichte Dr. Nikolaus von Preradovich (Hannover) reizte diese Lüge - eine von zahllosen - des britischen Chef-Umerziehers (vergangenes Jahr 76jährig verstorben) zu der nachfolgenden Untersuchung. Sie ist vernichtender (und eleganter) als die Verbalinjurie, mit der Delmer - im Auftrag des britischen Kabinetts, wie Duff Copper als Staatssekretär für Information bestätigte - Hitlers letztes Friedensangebot vom 19. Juli 1940 mit den Worten ablehnte: »Wir schleudern diese unglaubliche Zumutung mitten in Ihre stinkende Führerschnauze zurück.«


Der Titel ist wohlüberlegt und mit Absicht gewählt worden. Die hier untersuchten Dynastien sind jene Familien, die bis 1918 im Deutschen Reich regierten. Deutsche Herrschergeschlechter gab es anno 1914 darüber hinaus in reicher Zahl. Allerdings übten sie ihre Macht (oder Ohnmacht) nicht innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches aus. Es waren dies: die (Habsburg-) Lothringer in Österreich-Ungarn, die Liechtenstein in den nach ihnen umbenannten Herrschaften Vaduz und Schellenberg, die Wied in Albanien, die Hohenzollern in Rumänien, die Nassau in Luxemburg und den Niederlanden, die Sachsen-Coburg in Belgien, Bulgarien und Großbritannien, endlich die Holstein a. d. H. Oldenburg in Dänemark, Griechenland, Norwegen und Rußland.

Hier seien nur die im Dritten Reich aktiven deutschen Fürsten untersucht. Philipp Prinz und Landgraf von Hessen erblickte als Sohn des Landgrafen Friedrich Karl, kgl. pr. General der Kavallerie, und einer Tochter Friedrichs III., Deutschen Kaisers und Königs von Preußen, das Licht der Welt. Den Ersten Weltkrieg machte er als Leutnant im Leib-Dragoner-Regiment (1. Großherzoglich Hessisches) Nr. 24 mit. 1925 heiratete Philipp von Hessen die Prinzessin Mafalda von Savoyen, eine Tochter König Viktor Emanuels III. Diese Verbindung gab ihm politisches Gewicht. Philipp von Hessen war damit Schwiegersohn des gegenwärtigen und Schwager des zukünftigen Königs von Italien und des Zaren Boris von Bulgarien. Die Landgräfin von Hessen genoß vor und nach dem Sturz Mussolinis eine Sonderstellung, nur eine mit verkehrtem Vorzeichen. Die Königstochter ist am 27. August 1944 im KL Buchenwald bei Weimar einem westalliierten Luftangriff zum Opfer gefallen.

Im Zenit des Dritten Reiches - 1942 - bekleidete Landgraf Philipp folgende Ämter: Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Mitglied des preußischen Staatsrats, SA-Obergruppenführer. Er war Inhaber des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP. Sein Bruder, Prinz Wolfgang, hatte den Rang eines SA-Obersturmführers erreicht, während der jüngste der Brüderschar, Prinz Christoph, als Ministerialdirektor im Reichsluftfahrtministerium wirkte und als SS-Oberführer im Stabe des Reichsführers SS Dienst tat. Prinz und Landgraf Christoph hatte eine Prinzessin von Griechenland a. d. H. Oldenburg geheiratet und war daher ein rechter Onkel des heutigen Herzogs von Edinburgh. Er ist am 17. Oktober 1943 als Major der Luftwaffe in Italien gefallen. Ein weiterer Bruder, Prinz Richard, erreichte den Rang eines NSKK-Obergruppenführers. 1968 wirkte der fast 70jährige Prinz von Hessen als Präsident der »Deutschen Verkehrswacht«. Ein Vetter der eben erwähnten vier Brüder, Prinz und Landgraf Wilhelm von Hessen-Philippsthal, brachte es bis zum SS-Hauptsturmführer. Er blieb als Hauptmann in einem Pz. Grenadier-Regiment 1942 in Rußland vor dem Feinde.

Erbprinz Ernst zur Lippe ist mit den eben erwähnten Hessen-Prinzen eng verwandt gewesen. Seine Mutter war eine geborene Prinzessin von Hessen-Philippsthal-Barchfeld. Er wurde 1902 geboren und machte den Ersten Weltkrieg als Leutnant à la Suite des III. Bataillons des Infanterie-Regiments Graf Bülow v. Dennewitz (6. westfälisches) Nr. 55 mit. Der Chef der Einheit war des Prinzen Vater, Leopold IV. Fürst zur Lippe, der außerdem noch Inhaber des k. u. k. Feldjäger-Bataillons Nr. 12 gewesen ist. Ernst zur Lippe tat Dienst als Reichsstellenleiter der NSDAP, als SS-Sturmbannführer, kommandiert beim Stabe des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS, Persönlicher Referent des Reichsleiters Darré. Der Prinz war Träger des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP.

Prinzessin Adelheit zur Lippe vermählte sich in den Jahren 1920 bis 1927 nacheinander mit den Prinzen Heinrich XXXII. und Heinrich XXXV. Reuß, sodann nahm sie den Staatsfinanzrat Konopath zum Mann. Nachdem sie sich von diesem letzteren ebenfalls hatte scheiden lassen, führte sie ab 1936 den Namen »Prinzessin Reuß zur Lippe«. Sie gehörte ebenso wie ihr Vetter, der Erbprinz zur Lippe, dem persönlichen Stab des Reichsbauernführers Darré an. Sie war Trägerin der Goldenen Ehrennadel der HJ und verfaßte das Buch »Nordische Frau und nordischer Glaube«. Bernhard, bis zu seinem fünften Lebensjahr »Graf v. Biesterfeld«, sodann Prinz zur Lippe-Biesterfeld und zuletzt Prinz der Niederlande, gehörte nacheinander der SA, dem NSFK und der SS jeweils als Anwärter an. Carl Christian Prinz zur Lippe-Weißenfeld verstarb 1942 als Dr. phil., Landrat des Kreises Jauer in Schlesien und SS-Obersturmbannführer. Seine Schwester Christine hatte 1920 Dr. Wilhelm von Oswald geheiratet, der seinerseits SS-Obersturmbannführer im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Abteilung Vierjahresplan, gewesen ist.

Erbgroßherzog Friedrich Franz von Mecklenburg tat 1942 als Legationssekretär in Kopenhagen Dienst. Er hatte den Rang eines SS-Sturmbannführers inne; Nikolaus Erbgroßherzog von Oldenburg wurde als Sohn des letzten regierenden Großherzogs von Oldenburg und einer Herzogin zu Mecklenburg im Jahre 1897 geboren. Den Ersten Weltkrieg machte er zuletzt als Rittmeister im Oldenburgischen Dragoner-Regiment Nr. 19 mit. In erster Ehe heiratete er Helene Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont. Als alter Kavallerist wünschte er offenbar auch im Rahmen der NSDAP und ihrer Gliederungen eine reiterliche Stellung auszufüllen. Der Erbgroßherzog tat als SA-Standartenführer und Führer der SA-Reiterstandarte 14 Dienst. Daneben war er Major der Reserve im Heer. Nikolaus Oldenburg verstarb 1970 als Ehrenbürger von Rastede. Seine drei Schwestern vermählten sich mit dem SA-Oberführer von Hedemann, dem SS-Obersturmbannführer Prinz zu Schaumburg-Lippe und dem SS-Obergruppenführer Erbprinz zu Waldeck.

August Wilhelm Prinz von Preußen war der vierte Sohn des letzten Deutschen Kaisers. Im Ersten Weltkrieg diente er als Oberst à la Suite des Ersten Garde-Regiments zu Fuß. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches studierte August Wilhelm von Preußen Staatswissenschaften. Der Prinz schloß das Studium mit der Promotion zum Dr. rer. pol. ab. 1927 trat er dem »Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten« bei. Zwei Jahre danach wurde er auch für die NSDAP tätig. Im März 1930 trat er der Partei bei. Schon nach einem Jahr der Parteigenossenschaft wurde Prinz August Wilhelm als Reichsredner der NSDAP eingesetzt und zum SA-Standartenführer z. b. V. ernannt. Im März 1933 wurde er zum SA-Oberführer befördert und für den Wahlkreis Potsdam in den Reichstag entsandt. Im Laufe der Ereignisse erreichte der Kaisersohn den Rang eines SA-Obergruppenführers z. b. V. der SA-Obergruppe Berlin-Brandenburg. August Wilhelm von Preußen war Inhaber des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP.

Der in Süddeutschland verbliebenen katholischen Linie des Hauses Hohenzollern entstammt Prinz Franz von Hohenzollern. Er wurde am 30. August 1981 in Heiligendamm (Mecklenburg) geboren. Seine Eltern sind Wilhelm Fürst von Hohenzollern, kgl. preuß. Generalleutnant à la suite des 2. Garde-Regiments zu Fuß und Maria Theresia geb. Prinzessin von Bourbon-Sizilien. 1921 heiratete er Prinzessin Maria Alix von Sachsen aus dem katholischen und königlichen Zweig des Hauses Wettin. 1938 war er Oberleutnant zur See der Reserve der Reichskriegsmarine. In Erinnerung an die Heldentaten des kleinen Kreuzers »Emden« im Ersten Weltkrieg nannte er sich »von Hohenzollern-Emden«. 1944 diente Prinz von Hohenzollern-Emden als Korvettenkapitän d. Res. der Reichskriegsmarine. Nach dem Krieg lebte er zu Hechingen in Hohenzollern auf der Villa Silberburg. Am 3. April 1964 starb er in Tübingen. Prinz Franz von Hohenzollern-Emden hatte die Partei-Nummer 3756580 und die SS-Nummer 276691. 1936 wurde er SS-Untersturmführer, 1937 SS-Obersturmführer und am 20. April SS-Hauptsturmführer. Als solcher gehörte er zum Stab des SS-Hauptamtes.

Carl Eduard, bis 14. November 1918 regierender Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, wurde als Sohn des Duke of Albany und einer Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont in Claremont, England, geboren. Er war einer der zahlreichen Enkel der Königin Viktoria von Großbritannien und des Prinzen Albert, der bekanntlich aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha stammte. Der Herzog hatte den Rang eines kgl. preußischen und eines kgl. bulgarischen Generals der Infanterie inne. Außerdem war er Ehrendoktor der Rechte der Universität Oxford. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nahm Carl Eduard von Sachsen-Coburg an den Freikorpskämpfen gegen den Bolschewismus teil. 1926 bis 1933 ist er Reichsstaffelführer im »Stahlhelm« gewesen. Nach der Machtergreifung betraute ihn die neue Reichsregierung mit dem Amt eines Reichsbeauftragten für das Deutsche Kraftfahrwesen. Ein Jahr danach übernahm er das Reichskommissariat der Freiwilligen Krankenpflege. Gleichzeitig wurde der Herzog zum Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes bestellt. 1936 übernahm Carl Eduard von Sachsen-Coburg das Präsidium der Deutschen Frontkämpferverbände. Gleichzeitig wurde er zum Mitglied des Deutschen Reichstags gewählt. Herzog Carl Eduard bekleidete die Ränge eines SA-Gruppenführers und Ehrenführers für Thüringen sowie eines NSKK-Obergruppenführers und Ehrenführers des NS-Kraftfahrkorps. Ein Sohn, Prinz Hubertus, und ein Schwiegersohn, Graf zu Castell-Rüdenhausen, sind auf dem Felde der Ehre geblieben.

Drei Mitglieder des Hauses Schaumburg-Lippe betätigten sich im Rahmen der NSDAP. Prinz Stephan diente im Ersten Weltkrieg zuletzt als Rittmeister im Ulanen-Regiment Kaiser Alexander II. von Rußland (1. Brandenburgisches) Nr. 3. Sodann wandte er sich der Diplomatie zu. Bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Großdeutschen Reich und der Republik Argentinien am 27. Januar 1944 tat er als Gesandtschaftsrat bei der Botschaft in Buenos Aires Dienst. Stephan Schaumburg-Lippe verfügte über den Rang eines SS-Obersturmbannführers. Prinz Friedrich Christian, persönlicher Freund von Hitler und Goebbels, fand im Dritten Reich vielfache Verwendung. Bis 1934 tat er als Ministerialrat im Reichsministerium für Volksauflklärung und Propaganda Dienst. Ferner hatte er den Rang eines SA-Standartenführers inne, war Reichsredner der NSDAP, Stellenleiter bei der Reichsleitung der NSDAP, Hauptstellenleiter im Stabe des Gauleiters der Auslandsorganisation und Inhaber des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP. Prinz Max zu Schaumburg-Lippe - aus der böhmischen Linie des Herrschergeschlechts, Vater und Großvater sind k. u. k. Offiziere gewesen - diente im Verlaufe des Ersten Weltkrieges als Offizier im Ulanen-Regiment König Wilhelm I. (2. Württembergisches) Nr. 20. Den letzten Weltkrieg machte er als Major und Kommandeur einer Panzer-Auflklärungs-Abteilung mit. Daneben hatte er es bis zum NSKK-Staffelführer gebracht.

Erbprinz Josias zu Waldeck und Pyrmont diente im Ersten Weltkrieg als Oberleutnant im Infanterie-Regiment von Willich (3. Kurhessisches) Nr. 83. 1929 trat er der Schutzstaffel (SS) bei. Die folgenden vier Jahre tat der Erbprinz als Stabsführer des Reichsführers-SS Dienst. 1933 wurde er zum SS-Gruppenführer befördert. Gleichzeitig erhielt er ein Reichstagsmandat für den Wahlkreis Düsseldorf-West. 1936 SS-Obergruppenführer, übernahm er drei Jahre danach den Posten des Höheren SS- und Polizeiführers des Oberabschnitts Fulda-Werra. An seinem Dienstsitz Kassel errichtete der Erbprinz ein »Büro zur Eindeutschung der Ostvölker«. Ende 1944 tat Josias Waldeck als SS-Obergruppenführer, General der Waffen-SS und der Polizei, als Führer des Oberabschnitts Fulda-Werra und Höherer SS-Polizei-Führer Dienst. Am 14. August 1947 wurde der Erbprinz von Waldeck und Pyrmont zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er starb 1967 in Freiheit.

Der zweifelhafte Deutschenkenner, aber unzweifelhafte Deutschenfresser Sefton Delmer, britischer Journalist und Organisator des »Deutschen Soldatensenders West«, schrieb in seinem Buch »Die Deutschen und Ich« im Zusammenhang mit der NS-Tätigkeit des nachmaligen Prinzen der Niederlande geb. Prinzen zu Lippe-Biesterfeld vormals Graf v. Biesterfeld: »Aber ich wußte, was für Snobs die Nationalsozialisten waren. Um einen echten Prinzen in ihren Reihen zu haben, würden sie fast jedes Zugeständnis machen.« Delmer irrt in zweifacher Hinsicht: Erstens ist Bernhard Graf v. Biesterfeld, wie er ursprünglich hieß, der unechteste aller aufgeführten Prinzen, und zweitens hatten die Nationalsozialisten keinerlei Mangel an Prinzen. Ein Kaisersohn, ein Queens-Enkel und regierender Herzog, zwei Erbgroßherzoge, zwei Erbprinzen, eine Prinzessin sowie zehn weitere Prinzen bieten den Beweis. - Sämtliche Fürstlichkeiten, die hier aufgezählt worden sind, gehörten dem Augsburger oder dem Helvetischen Bekenntnis an. Einige Angehörige des Hauses Lippe bekannten sich als gottgläubig. Katholiken kommen ebensowenig vor wie Süddeutsche.


Literaturnachweis: Gothaischer gen. Hofkalender, 1912; Gothaisches gen. Taschenbuch der Fürstlichen Häuser, 1942; Genealogisches Handbuch der Fürstlichen Häuser, Bd. I-X; Ehrenrangliste des ehem. Deutschen Heeres, Berlin 1926; Dienstaltersliste der Schutzstaffel der NSDAP, 9. 11. 1944, Berlin 1944; S. Delmer: Die Deutschen und ich, Hamburg 1963.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(2) (1981), S. 28ff.

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