Woran Mussolini scheiterte

Zu seinem 100. Geburtstag

Dr. Nikolaus v. Preradovich

Als dem Grobschmied Mussolini in Predappio bei Forli in der Emilia-Romagna Oberitaliens von seiner Ehefrau, einer Volksschullehrerin, am 29. Juli 1883 ein Sohn geboren wurde, gab er ihm den Vornamen des von ihm als politisches Leitbild verehrten mexikanischen Staatsmannes Benito Juárez (1806-1872). Dieser Azteken-Indio hatte für die nationale Freiheit und die sozialen Rechte seines Volkes vorbildlich gekämpft und dabei zwei übernationale Mächte besiegt: Kirche und Monarchie. Die Macht der katholischen Kirche in Mexiko brach er, indem er sie enteignete und sie so zur »Kirche der Armen« machte, mit welchem demagogischen Schlagwort »fortschrittliche« Kleriker in Lateinamerika heute billigste Propaganda machen. Den Mexiko von Napoleon aufgezwungenen Kaiser (ehemals Österreichischen Erzherzog) Maximilian ließ er 1867 erschießen. Diese beiden Kräfte - Kirche und Königtum - waren es, an denen der Vornamensvetter des großen Benito Juárez schließlich scheitern sollte, wie unser Mitarbeiter in dieser kritischen Würdigung des Schöpfers des Faschismus zu seinem 100. Geburtstag feststellt.


Die Emilia-Romagna war schon vor 100 und mehr Jahren dem Neuen aufgeschlossen. Das Neue war damals, was heute ein alter Hut ist: der Sozialismus. Die Atmosphäre des Hauses Mussolini war antiklerikal-sozialistisch. Mit 17 Jahren trat Benito der PSI, der Sozialistischen Partei Italiens, bei. Ein Jahr danach begann er seine Berufslaufbahn in den Fußstapfen seiner Mutter als Volksschullehrer. Nach dem Militärdienst legte er die Prüfung als Mittelschullehrer ab. Schon damals hatte er sich weit über das soziale Niveau seines Vaters, aber auch seiner Mutter erhoben. Wieder zwei Jahre danach tat er sich mit Rachele Guidi zusammen, mit der er sich 1915 standesamtlich und 1925 auch kirchlich trauen ließ. Der Verbindung entsprossen fünf Kinder.

Von 1909 bis 1912 leitete Mussolini die Wochenzeitung »Lotta di Classe« (Klassenkampf) in Forli. Als Provinzialsekretär der PSI in Forli, seiner engeren Heimat, war er jedoch dabei, sich eine breitere Basis für sein politisches Wirken zu schaffen. 1912 war er auf dem sozialistischen Parteitag bereits der Anführer eines Parteiflügels. Offensichtlich erfolgreich, denn in demselben Jahr wurde er zum Chefredakteur des offiziellen Parteiorgans »Avanti« (Vorwärts) bestellt. Damit stieg Benito Mussolini aus der provinziellen Enge in die erste Reihe sozialistischer Politiker seines Landes auf. Unter seiner Chefredaktion erhöhte sich die Auflage des Parteiblattes innerhalb eines Jahres von 20000 auf 100000.

An der Frage des Kriegseintritts Italiens trennten sich 1914/15 die Wege Mussolinis und der Partei. Die PSI war für strikte Neutralität, Mussolini für Kriegsteilnahme an der Seite der Alliierten. Er vertrat seinen Standpunkt in der von ihm gegründeten Zeitung »11 Popolo d'Italia« (Das Volk Italiens). Er hatte sich vom (durch seine ideologischen Scheuklappen) rückständigen internationalen Sozialisten zum fortschrittlichen Nationalisten gewandelt. Er wurde daher umgehend aus der PSI ausgeschlossen. Zwei Jahre leistete er Kriegsdienst und wurde 1917 nach schwerer Verwundung in einer der Isonzo-Schlachten als Unteroffizier entlassen.

Im Scheinvertrag von London (April 1915) war Italien für seinen Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten viel. versprochen worden. Als dann die Beute verteilt wurde, bekam es wohl dies und jenes, aber eben nicht alles. Das Königreich Dalmatien, die ersehnte andere Küste der Adria, wurde dem verhaßten serbischen Gegner zugeschlagen. Die Italiener waren verbittert. Das Volk sprach vom gewonnenen Krieg und vom verlorenen Frieden. Dazu war die Finanzlage miserabel und die Versorgung der Kriegsopfer entsprechend schlecht. Von 1918 bis 1922 erlebte Italien neun verschiedene Regierungen, also alle fünf bis sechs Monate eine. Im März 1919 gründete Mussolini die »Fasci di Combattimento« (Kampfbünde), die sowohl anti-marxistisch als auch anti-kapitalistisch waren und im November 1921 als »Partito Nazionale Fascista« (PNF) politische Kontur annahmen. Fascio bedeutet speziell (Liktoren-)Bündel, aber auch allgemein Bund. Mussolinis PNF wurde die erste nicht-marxistische Massenbewegung der Neuzeit.

1921, also erst nach dem Entstehen der »Fasci« (und nicht umgekehrt), spalteten sich Italiens Kommunisten von den Sozialisten ab. Bürgerkrieg drohte. Die Faschisten stemmten sich als einzige Organisation kämpferisch gegen den Vormarsch der Kommunisten. Sie sammelten sich in Neapel. Mussolini wagte den »Marsch auf Rom«. Ministerpräsident Facta trat am 31. Oktober 1922 zurück, und Benito Mussolini wurde sein Nachfolger. Schon am 25. November 1922 erhielt die von ihm gebildete Regierung die Ermächtigung zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung sowie zur Durchführung eines Reformprogrammes mit diktatorischen Vollmachten bis Ende 1923. Innerhalb von sechs Jahren festigte der »Duce« die Herrschaft seiner Partei. Zum Abschluß der innerpolitischen Festigung erfolgte der »Friedensvertrag« mit dem Vatikan, der sogenannte Lateranvertrag.

1935 marschierte Mussolini in Abessinien ein, was 1896 schon sein höchst demokratischer Vorgänger, Ministerpräsident Crispi, (freilich mit weniger Erfolg) versucht hatte. Zur gleichen Zeit wurde die berühmte Achse Berlin-Rom geschmiedet. Beide Mächte beteiligten sich (ebenso wie die UdSSR) aktiv am Spanischen Bürgerkrieg. 1939 kam der »Stahlpakt« zwischen Berlin und Rom zustande, der sich freilich wenige Jahre später als bestenfalls aus Blech erwies. Damit hatte die Laufbahn des »Duce« ihren Höhepunkt erreicht und überschritten. Italiens Beteiligung am Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite seit dem 10. Juni 1940 (als der Frankreichfeldzug praktisch bereits gewonnen war) blieb ohne Glanz und Gloria. Abessinien ging verloren, der Balkanfeldzug mißlang, und Nordafrika war nur mit deutscher Hilfe bis Mai 1943 zu halten. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien im Juli 1943 wurde Mussolini gestürzt und verhaftet.

Im September 1943 durch Skorzeny befreit, bildete Mussolini die »Repubblica Sociale Italiana«. Marschall Graziani organisierte ein sozialfaschistisches Heer. Die 29. SS-Waffen-Grenadier-Division wurde aus Italienern aufgestellt und trug den Fascio auf dem Kragenspiegel. Am 28. April 1945 - einen Tag vor der Kapitulation der in Italien stehenden Truppen in Caserta - versuchte Mussolini, auf Schweizer Gebiet zu gelangen, wobei er zusammen mit seiner Geliebten Claretta Petacci von kommunistischen Partisanen gefangengenommen und auf der Stelle erschossen wurde. Die Kommunisten feierten ihren auf den Schultern der Alliierten errungenen »Sieg« auf ganz besondere Art: sie brachten die beiden Leichen nach Mailand und hängten sie mit dem Kopf nach unten auf, um sie mehrere Tage lang von jenem Volk begaffen zu lassen, das Mussolini jahrzehntelang zugejubelt hatte. Jedermann sollte klar erkennen, daß nun die Ära der Demokratie, der Freiheit, des Anstandes und der Menschenwürde angebrochen und die Zeit des Faschismus beendet war.

Der Begriff Faschismus ist abgeleitet von fasces, dem lateinischen Wort (Plural) für die altrömischen Liktorenbündel, Symbol eines starken Staates. Der Faschismus war die erste tatkräftige Bewegung für nationale italienische Ziele und daher gegen den internationalen Bolschewismus nach seiner Machtergreifung in Rußland. Deshalb hat die vereinfachende Kreml-Propaganda alle antikommunistischen Bewegungen unter dem Sammelbegriff »Faschismus« zu diffamieren versucht (und damit weitgehend, sogar im demokratischen Westen, Erfolg gehabt). Die Psychokrieger im Kreml meinten, der Mann auf der Straße wäre überfordert, wenn man ihm sagte: Die italienischen Faschisten sind ebenso unser Todfeind wie die deutschen Nationalsozialisten, die französischen Feuer- oder die ungarischen Pfeilkreuzler, Marschall Pilsudski in Polen, der Generalissimus Franco in Spanien, Salazar in Portugal, die autoritären Könige von Bulgarien, Rumänien und Serbien, die Peronisten in Argentinien und die Goldhemden in Mexiko, um von Politikern der Gegenwart ganz zu schweigen, denen - wie Franz Josef Strauß in der Bundesrepublik und Begin in Israel - der bequeme Stempel Faschist aufgedrückt wird. Das begreift auch der einfältigste Umerzogene.

Der Schöpfer des derart verteufelten Faschismus, Benito Mussolini, hatte, wie zur Würdigung seiner historischen Persönlichkeit abschließend festgestellt werden muß, zu keiner Zeit seiner Regierung völlig freie Hand. Zwei Kräfte vor allem standen einer ganz und gar unabhängigen Herrschaft des »Duce« entgegen: die katholische Kirche mit dem Vatikanstaat in Rom und die Monarchie. Jeder Gegner des Faschismus konnte sich als Kirchenfreund tarnen. Desgleichen war der König, das Königshaus und die »weiße« - also königliche, zum Unterschied von der »schwarzen«, der päpstlichen - Aristokratie Hort und Hafen all jener, die über den nach »Volk« riechenden Faschismus die Nase rümpften. Ungestraft mußte notwendigerweise jeder bleiben, der anstatt »Evviva il Duce« »Evviva il Re« rief und dabei »A basso il Duce« meinte. Andererseits bot diese Gegnerschaft Mussolini nicht nur allzu scharfen Parteigenossen, sondern auch dem deutschen Bundesgenossen gegenüber eine manchmal vielleicht gar nicht unwillkommene Ausrede etwa in dem Sinne: Ich würde ja dieses oder jenes liebend gerne tun, allein die Kirche, der König .

Sie wissen schon, wieviel Schwierigkeiten sie bereiten …

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß Italien - ob Königreich oder Republik - zu keiner Zeit vor 1922 und zu keiner Zeit nach 1943 auch nur annähernd jenes Gewicht im Konzert der europäischen Mächte hat in die Waagschale werfen können wie in der Ära Mussolini. Darum nimmt heute (nach den jüngsten Wahlen) die neofaschistische Partei im demokratischen Kräftespiel die dritte Position nach Marxisten und Christdemokraten ein.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(3) (1983), S. 28ff.

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