Die »Hauptkriegsverbrecher«

Eine sozialanalytische Studie

Dr. Nikolaus v. Preradovich

Der seit Mai 1945 »volkpädagogischer« Gründe wegen verbreiteten Meinung nach wären die Führer des Dritten Reiches entweder snobistisch-asoziale Großbürger oder aber proletige - keineswegs proletarische - Totschläger gewesen. Zur Untersuchung dieser These werden die in Nürnberg verurteilten »Hauptkriegsverbrecher« auf ihre soziale und landsmannschaftliche Herkunft hin betrachtet und ihr beruflicher Werdegang - vor der »Machtergreifung« - angeführt.


Reichsmarschall Hermann Göring entstammt einem wappenführenden Geschlecht, welches um 1570 in Pommern zugewandert ist. Der Name läßt auf niederdeutsche Herkunft schließen. Göring stammt über seine väterliche Großmutter, geh. de Neree, von zahlreichen Deutschen Königen und Römischen Kaisern des Mittelalters ab. Sein Vater (Corps Saxonia, Bonn) war Ministerresident, sein Großvater Landgerichtsdirektor, der auf der Spindelseite Kaufmann. Hermann Göring ist Berufsoffizier gewesen. Er wurde am 2. 6. 1918 als Oberleutnant und Führer der Jagdstaffel 27 mit dem Orden pour le mérite ausgezeichnet. Nach dem brutalen Berufsverbot der Alliierten brachte er sich als Kunst- und Verkehrsflieger durch. Ab 1928 saß er im Reichstag, ab 1932 als Präsident dieser Einrichtung.

Reichsminister Rudolf Heß wurde als Sohn eines Kaufmannes aus Wunsiedel in Franken geboren. Die Mutter stammte aus Thüringen. Der Name läßt auf die ursprüngliche Herkunft des Geschlechtes aus Hessen schließen. Er wuchs bis zu seinem 14. Lebensjahr in Ägypten auf, 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Drei Jahre danach hatte er Offiziersrang erreicht. Im Freikorps Epp beteiligte er sich 1919 an der Niederwerfung der blutrünstigen Rätediktatur in München. Diese erfolgreiche Befreiung erlaubte es der sozialdemokratischen Regierung, wieder in die Landeshauptstadt zurückzukehren. Rudolf Heß studierte Staatswissenschaften und Geopolitik. Ab 1925 tat er als Privatsekretär Hitlers Dienst. Er war bekanntlich der letzte »Hauptkriegsverbrecher«, der von 1941 bis zu seinem Tode 1987 gefangen gehalten wurde.

Des Reichsministers Joachim v. Ribbentrop Familie stammt aus Lippe. Das Geschlecht läßt sich bis 1547 zurückverfolgen. 1823 und 1884 kam für einen preußischen General-Intendanten sowie einen preußischen General der Adel an die Familie. Joachim Ribbentrop wurde 1925 von seiner Tante Gertrud v. Ribbentrop adoptiert. Er führte ab diesem Zeitpunkt den Namen »v. Ribbentrop«. Gelegentlich wird abschätzig behauptet, er wäre Sektvertreter gewesen: Einmal ist Sektvertreter ein ehrenwerter Beruf, wie

jeder andere auch. Zum anderen war der spätere Reichsaußenminister zu keiner Zeit Sektvertreter. Er wirkte als Schwiegersohn eines der bedeutendsten Sektfabrikanten Deutschlands, Otto Henckel, als Generalvertreter der Firma für Frankreich und Großbritannien. Von Beruf war er - ebenso wie sein Vater - königlich-preußischer Offizier und zwar im Thüringischen Husaren-Regiment Nr. 12 zu Torgau. Gleich Göring traf ihn das Berufsverbot der Alliierten.

Die Vorfahren Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel saßen seit Generationen als Rittergutsbesitzer oder Domänenpächter in Niedersachsen. Der Großvater mütterlicherseits, Bodewin Wissering, war Rittergutsbesitzer und Reichtagsabgeordneter. Keitel diente, ebenso wie der spätere Generalfeldmarschall v. Kluge, im Niedersächsischen Feldartillerie-Regiment Nr. 46. Er hatte es - vor der Machtergreifung durch die NSDAP - mit 49 Jahren zum Oberst gebracht.

Der Chef des Reichsicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner gehört einer der ältesten Bauern-, sodann Sensenschmiedfamilien Oberösterreichs an. Bereits 1458 kam ein Wappenbrief an das Geschlecht. Vater und Großvater des Generals der Polizei und der Waffen-SS wirkten als Rechtsanwälte. Durch drei Geschlechterfolgen gehörten die männlichen Mitglieder der Familie der Burschenschaft Arminia, Graz, an. Der Urgroßvater Karl Adam Kaltenbrunner machte sich als Mundartdichter bekannt. Er war zuletzt Vizedirektor der k. k. Hof- und Staatsdruckerei. Ein Oheim Ferdinand Kaltenbrunner lehrte als Historiker an der Universität Innsbruck. Ernst Kaltenbrunner wurde gleich Vater und Großvater Rechtsanwalt. Er war Jahrgang 1903 und hatte daher im Ersten Weltkrieg nicht gedient.

Reichsminister Alfred Rosenberg kam aus dem Baltikum. Sein Vater ist Apotheker gewesen. Er selbst studierte an der Technischen Hochschule Riga, später in Moskau. Er wurde bei dem Corps Rubonia, Riga, aktiv. Nach dem Erwerb des akademischen Grades eines Diplom-Architekten wandte er sich ins Deutsche Reich. Er arbeitete als Journalist und saß ab 1930 im Reichstag.

Reichsminister Hans Frank stammte aus Karlsruhe. Der Name deutet auf fränkische Herkunft. Sein Vater war Rechtsanwalt, der Großvater Ölmüller. Der Großvater auf der mütterlichen Seite, Michael Buchmeir, ist Bäckermeister gewesen. Hans Frank studierte die Rechte, ließ sich 1927 als Rechtsanwalt in München nieder und saß ab 1930 im Deutschen Reichstag.

Reichsminister Wilhelm Frick wurde als Sohn eines evangelischen Lehrers in der Pfalz geboren. Seine beiden Großväter sind Bauern gewesen. Er studierte in Göttingen, München, Berlin und Heidelberg die Rechte. Von 1904 bis 1924 arbeitete er als Beamter der Münchner Polizeidirektion. Ab 1919 war er Leiter der Abteilung Politische Polizei. 1923 nahm er am Hitler-Putsch teil. Er wurde zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt. Durch seine Wahl in den Reichstag 1924 ist er vorzeitig entlassen worden. 1930 ist Wilhelm Frick der erste NS-Landesminister - und zwar in Thüringen - geworden.

Gauleiter Julius Streicher wurde als neuntes Kind des Volksschullehrers Friedrich Streicher und seiner Ehefrau Anna, geb. Weiß, zu Fleinhausen bei Augsburg geboren. Er absolvierte ein Lehrerseminar und war ab 1903 als Aushilfslehrer zu Irsee bei Kaufbeuren tätig. Streicher diente 1914 bis 1918 und erreichte 1917 Offiziersrang. Wegen seiner Beteiligung am Hitler-Putsch wurde er 1924 aus dem Schuldienst entlassen. Ab 1924 war Julius Streicher bayerischer Landtags- und ab 12. 1. 1933 Reichstagsabgeordneter.

Reichsminister Walter Funk ist als Sohn eines Bauunternehmers zu Trakehnen in Ostpreußen geboren worden. Der Namen Funk oder Funke - gleichbedeutend mit Schmied - läßt sich in fast allen Gebieten des deutschen Sprachraumes feststellen. Funk studierte die Rechte, Wirtschaftswissenschaften und Philosophie an den Universitäten Berlin und Leipzig. Ab 1916 war er als Schriftleiter bei der »Berliner Börsenzeitung« tätig. Sechs Jahre später ist er Hauptschriftleiter dieses Wirtschaftsblattes gewesen. Ab 1931 war Walter Funk Hitlers persönlicher Wirtschaftsberater. Er hatte auch Möglichkeiten, Kontakte zur rheinisch-westfälischen Industrie zu pflegen.

Reichsminister Hjalmar Schacht führt einen Namen, der in Hamburg oft vorkommt. Es ist die niederdeutsche Bezeichnung für den »Schachtschneider«, der die Schäfte für Speere und Lanzen zuschnitt. Der Vater des späteren Reichsbankpräsidenten Wilhelm, auch William, Schacht brachte es bis zum Generalsekretär der Equitable-Versicherungsgesellschaft in Berlin. Die Mutter war eine geborene Freiin v. Eggers aus einer alten Hamburger Familie. Deren Eltern, also Hjalmar Schachts Großeltern, waren Friedrich Freiherr v. Eggers, Mitbesitzer des de Bangschen Geldfedeikommisses und Magdalena Evers aus Itzehoe. Schacht studierte in Kiel, München und Berlin. Er promovierte zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Mit 26 Jahren wurde er Chef des Wirtschaftsarchivs der Dresdner Bank, fünf Jahre danach ist er stellvertretender Direktor des Unternehmens gewesen. 1916 übernahm er die Leitung der Nationalbank für Deutschland. Im Jahre 1923 hatte es Schacht zum Reichswährungkommissar und Präsidenten der Reichsbank gebracht. Der Mann war damals gerade 46 Jahre alt.

Großadmiral Karl Dönitz erblickte als Sohn eines erfolgreichen Ingenieurs zu Grünau bei Berlin das Licht der Welt. Er trat 1910 in die Kaiserliche Marine ein. Drei Jahre danach erreichte er Offiziersrang. Dönitz diente im Verlaufe des Ersten Weltkrieges in der U-Bootwaffe und setzte seine militärische Laufbahn auch nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches in der Weimarer Zeit fort.

Großadmiral Erich Raeder wurde in Wandsbeck geboren. Sein Vater war Studienrat für moderne Sprachen am dortigen Gymnasium. 1894 trat Raeder in die Kaiserliche Marine ein und erreichte 1897 den Dienstgrad eines Leutnants zur See. Im Ersten Weltkrieg war Raeder Chef des Stabes des Kreuzerführers Admiral v. Hipper. Im Jahre 1922 wurde er zum Konteradmiral befördert. 1928 Admiral geworden, war er. ab demselben Jahr Chef der Marineleitung. Er verfaßte ein zweibändiges Werk »Der Kreuzerkrieg in den ausländischen Gewässern«. Für diese wissenschaftliche Untersuchung ist Erich Raeder zum Dr. h.c. der Universität Kiel promoviert worden.

Reichsleiter Baldur v. Schirach entstammt einer Familie, die sich bis auf den Bauern George Schierag um 1430 in Schiedel bei Kamenz in Sachsen zurückverfolgen läßt. Gottlob Schirach, Professor für Geschichte und Politik an der Universität Helmstedt brachte 1776 den erbländisch-österreichischen Adel an die Familie. Des Reichsjugendführers Vater war großherzoglich sächsischer Theaterintendant, der Großvater hatte es bis zum Major in der US-Army gebracht. Die Mutter, Bombenopfer in Wiesbaden 1944, und die väterliche Großmutter sind Nordamerikanerinnen gewesen. Baldur v. Schirach stammte von zwei Männern ab, die am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung der 13 Kolonien von Großbritannien unterschrieben hatten, v. Schirach war somit zu drei Vierteln US-amerikanischer Herkunft. Er studierte kurze Zeit in München Volkskunde und Geschichte. 1929, mit 22 Jahren, ist er Führer des NS-Studentenbundes, zwei Jahre danach Reichsleiter geworden.

Gauleiter Fritz Sauckel wurde zu Haßfurt in Unterfranken als Sohn eines Postbeamten geboren. Der Name Sauckel, Saucken deutet auf ostdeutsche Herkunft hin. Von 1909 bis 1914 fuhr er zur See. 1914 bis 1918 verbrachte er in französischer Internierung. Nach der Heimkehr absolvierte er eine Schlosserlehre und besuchte in den Jahren 1922/23 die Ingenieurschule in Ilmenau. 1925 wurde er zum Geschäftsführer, zwei Jahre danach zum Gauleiter von Thüringen ernannt. 1929 ist er in den Landtag gewählt worden. Drei Jahre danach hatte er es - vor der »Machtergreifung« - zum Ministerpräsidenten des Landes gebracht.

Generaloberst Alfred Jodl entstammte einer alten Tegernseer Bauernfamilie. Sein Vater war bayerischer Oberst, dessen Vater Finanzrat. Ein Bruder von des Generalobersten Vater hatte es zum Professor der Philosophie in München gebracht. Jodls Urgroßvater, Friedrich Handschuh, war als General-Stabsarzt der Reformator des bayerischen Militär-Sanitätswesens. Alfred Jodl war zunächst Kadett. Er setzte seine Laufbahn als Offizier im königlich bayerischen 4. Feld-Artillerie-Regiment fort. Bei der »Machtergreifung« hatte er Majorsrang inne.

Reichskanzler Franz v. Papen gehörte einer Erbsälzerfamilie aus Werl an, die sich bis zum Jahre 1298 zurückverfolgen läßt. Sein Vater (Corps Borussia, Bonn) war Fideikommißherr auf Koeningen und Sälzeroberst. Die Mutter ist eine v. Steffens gewesen. Die Großmutter v. Papen war auch eine geborene v. Papen. 1900 diente er als Leutnant im westfälischen

Ulanen-Regiment Nr. 5 zu Düsseldorf. 1914 ist v. Papen ausgewiesen als Major im Generalstab der Armee, Militär-Attach6e bei der Botschaft in Washington und bei der Gesandtschaft in Mexiko. 1918 tat er als Chef des Stabes der türkischen 4. Armee Dienst. Nach dem Berufsverbot durch das alliierte Diktat wandte er sich der Politik zu. Franz v. Papen vertrat von 1920 bis 1932 die Zentrumspartei im Preußischen Landtag. Am 1. 6. 1932 ist er zum Reichskanzler bestellt worden.

Reichsminister Seyß-Inquart wurde zu Stannern bei Iglau in Mähren geboren. Die Familie stammt jedoch aus Eger. Der Vater (Corps Austria, Prag) brachte es bis zum Gymnasialdirektor. Der väterliche Großvater diente als Zollaufseher. Das Beiwort »Inquart« kommt von der väterlichen Großmutter, deren Bruder bis zum Finanzlandesdirektor von Mähren und »Ritter v. Inquart« aufgestiegen war. Die mütterlichen Großeltern hießen Leonhard Hyrenbach, Kaufmann zu Lindau, und Julie, geb. v. Wachter. Er studierte die Rechte, machte den Ersten Weltkrieg als Kaiserjäger-Offizier mit und ließ sich sodann als Rechtsanwalt in Wien nieder. 1937 ist er zum Österreichischen Staatsrat, ein Jahr danach zum Innenminister in der letzten Regierung Schuschnigg bestellt worden.

Reichminister Albert Speer ist als Sohn eines Architekten zu Mannheim geboren worden. Der Namen kommt jedoch vorzüglich in Ostdeutschland vor. Speer, später im Zweiten Weltkrieg Reichsminister für Bewaffnung und Kriegsproduktion, wirkte ab 1929 als 1. Assistent an der Technischen Hochschule Berlin, ab 1932 arbeitete er als selbständiger Architekt.

Reichsminister Konstantin Freiherr v. Neurath gehörte einer hessischen Familie an, die 1791 den Reichsadel erlangte und zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Württemberg kam. Dort eröffnete sich ihnen eine Laufbahn die an jene der Weizsäckers erinnert: Constantin wurde Justizminister, dessen Sohn Constantin war ebenfalls Staatsminister, dessen Sohn Konstantin wurde Chef des württ. Oberkammerherrenstabes, dessen Sohn Konstantin ist der Reichsaußenminister. Seine vier Großeltern hießen v. Neurath, v. Reck, v. Gemmingen, v. Ellrichshausen. Konstantin der Jüngste gehörte dem Corps Suevia, Tübingen, an. Er schlug die diplomatische Laufbahn ein. 1921 ist er bereits Botschafter in Italien gewesen, von 1930 bis 1932 wirkte er in London, von 1932 bis 1938 war Freiherr v. Neurath Reichsaußenminister in den Regierungen v. Papen, v. Schleicher und Hitler.

Der Generalbevollmächtigte für die politische Organisation des Großdeutschen Rundfunks Hans Fritsche, erblickte als Sohn eines Beamten zu Bochum das Licht der Welt. Fritsche oder Fritsch ist die ostdeutsche Abkürzung für Friedrich. Hans Fritsche studierte in Berlin und Greifswald Neue Sprachen und Geschichte. 1923 war er bereits Schriftleiter der Preußischen Jahrbücher, von 1924 bis 1932 Redakteur in der Telegraphenunion, ab Herbst 1932 Leiter des drahtlosen Nachrichtendienstes beim Deutschen Rundfunk.

Reichsminister Martin Bormann kam in Halberstadt zur Welt. Sein Vater war ursprünglich Militärmusiker und sodann Postbeamter. Die weiteren Vorfahren sind Bauern und Landarbeiter gewesen. Der Name Bormann, ursprünglich Bornemann, bezeichnet in Sachsen und Schlesien den Mann, der an »dem Borne«, dem Brunnen, siedelt. Nach kurzer Militärdienstzeit, seines Lebensalters wegen, verdiente sich Martin Bormann sein Brot als Gutsinspektor.

Herkunft und Beruf

Wir haben die Tatsachen aufgezählt. Nun seien die Folgerungen daraus gezogen. Es handelt sich um 22 Männer, die - jedenfalls nach Meinung der Allierten - zu den wichtigsten Führern des Dritten Reiches gehört haben. Wir haben festgestellt und dargeboten: Die soziale Herkunft, die landsmannschaftliche Herkunft und die erlernten und ausgeübten Berufe - vor der »Machtergreifung« am 30. Januar 1933.

Ihrer Abstammung nach gehörten zwei der Männer (Sauckel, Bormann) der Unterschicht, zwei weitere (Frick, Streicher) der unteren Mittelschicht, zehn (Heß, Rosenberg, Funk, Dönitz, Jodl, Seyß-Inquart, Speer, Fritsche, Frank, Raeder) der Mittelschicht, sechs (Göring, v. Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner, Schacht, v. Schirach) der gehobenen Mittelschicht und zwei (v. Papen, Freiherr v. Neurath) der Oberschicht an.

Der landsmannschaftlichen Herkunft nach kann festgestellt werden: Aus dem Norden des gesamtdeutschen Sprachraumes kommen fünf Männer (Keitel, Schacht, Dönitz, Raeder, Bormann) aus dem Osten vier (Göring, Rosenberg, Funk, v. Schirach), aus dem Süden zehn (Heß, Kaltenbrunner, Streicher, Sauckel, Jodl, Seyß-Inquart, Speer, Freiherr v. Neurath, Fritsche), drei stammen aus dem Westen (v. Ribbentrop, Frick, v. Papen). Dazu ist noch anzumerken: Die Namen Bormann, Sauckel, Fritsche weisen auf eine ursprüngliche Herkunft aus dem Osten des Reiches hin.

Den Berufen nach, die vor der Machtergreifung durch die NSDAP ausgeübt worden sind, läßt sich folgende Einteilung treffen: Je einer der Männer war Landwirt (Bormann), Lehrer (Streicher) und Schlosser (Sauckel), drei haben studiert, ohne zu einem Abschluß zu gelangen (Heß, v. Schirach, Fritsche). Von diesen sind zwei (Heß, v. Schirach) in die Sparte Berufspolitiker einzuordnen. Fritsche war schon in jungen Jahren als Journalist tätig. Sieben der »Hauptkriegsverbrecher« sind Berufsoffiziere gewesen. Vier blieben von ihnen zeitlebens Soldaten (Keitel, Jodl, Raeder, Dönitz), und drei waren durch das Berufsverbot der Alliierten nach 1918 gezwungen, sich auf andere Art durchs Leben zu bringen (Göring, v. Ribbentrop, v. Papen). Neun waren Vollakademiker, und zwar davon sechs (Kaltenbrunner, Frank, Frick, Funk, Seyß-Inquart, Freiherr v. Neurath) Juristen, einerWirtschaftswissenschaftler (Schacht) und zwei Architekten (Rosenberg, Speer).

Somit gehören von den 22 »Hauptkriegsverbrechern« 18 sozial zur Mittelschicht, zur gehobenen Mittelschicht und zur Oberschicht. Landsmannschaftlich stammen beinahe die Hälfte - 10 - aus dem Süden des deutschen Sprachraumes. Nimmt man die Süd- und die Ostdeutschen zusammen, ergibt sich die Zahl 14! Nur fünf kommen aus dem Norden und drei aus dem Westen. Der soziale Schwerpunkt liegt auf der Mittelschicht und der landsmannschaftliche im Süden und Osten. Von den den 22 »Hauptkriegsverbrechern« stammten 22 aus geordneten bürgerlichen Verhältnissen. Sechzehn der 22 Männer sind Akademiker oder Berufsoffiziere gewesen, drei haben studiert ohne die Ausbildung abzuschließen, drei haben als Gutsinspektor, Lehrer und Schlosser durchaus ehrenwerte Berufe erlernt und ausgeübt. Den Schwerpunkt bilden mit 16 zu 6 Akademiker und Berufsoffiziere.

Damit trifft nicht zu, was oft behauptet wird, etwa in einer Buchbesprechung der im In- und Ausland stets so gepriesenen »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 23. 12. 1986, die führenden Männer des Dritten Reiches wären nicht »aus geordneten bürgerlichen Verhältnissen« gekommen und sie hätten keine »ordentlichen« Berufe erlernt! Wir stellen fest, daß die Tatsachen ein anderes Bild ergeben, nicht um die Ehre dieser Männer zu retten - das haben die »Hauptkriegsverbrecher« nicht nötig, - sondern nur aus einem einzigen Grund - weil es so gewesen ist!


Literatur:


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 22-25

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