Österreich - 1918 bis 1988

Die Folgen des Diktats von St. Germain

Dr. Nikolaus von Preradovich

Über Osterreich und den Anschluß ist in den letzten Monaten aus Anlaß der 50. Wiederkehr dieses historischen Tages viel geschrieben worden. Dabei wurde die Vorgeschichte der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechtes im Diktat von St. Germain meist geflissentlich unterschlagen. Um so stärker wurden die Wellen des Antigermanismus gegen die Person Waldheims gerichtet, um Österreich weichzuklopfen. »Kurt Waldheim wird zurücktreten - es ist nur eine Frage von Wochen oder Monaten«, wußte die »Allgemeine jüdische Wochenzeitung« bereits am 19. Februar 1988 als ersten Satz auf ihrer ersten Seite zu berichten. - Der Österreichische Historiker hat einige wesentliche Daten zu diesen Vorgängen zusammengestellt.


12. November 1918: Kraft Beschlusses der Provisorischen Nationalversammlung verordnet der Staatsrat im Gesetz über die Staats- und Regierungsreform von Deutschösterreich: Artikel 1: Deutschösterreich ist eine demokratische Republik. Artikel 2: Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik. 2. März 1919: Die Vertreter des Deutschen Reiches

und Deutschösterreichs, Reichsminister Graf v. Brockdorff-Rantzau und Staatssekretär Otto Bauer, unterzeichneten ein Protokoll: Art. 1 § 1: Die Deutsehe Reichsregierung und die deutsch-österreichische Regierung sind übereingekommen, mit tunlichster Beschleunigung über den Zusammenschluß des Deutschen Reiches und Deutschösterreichs einen Staatsvertrag abzuschließen, der den beiderseitigen Parlamenten zur Genehmigung vorgelegt und sodann ratifiziert werden soll.

12. März 1919: Die konstituierende Nationalversammlung erhebt gegen die gewaltsame Besetzung der Länder Deutsch-Böhmen und Sudetenland, des Kreises Znaim und des Böhmerwaldgaues, der Einschlußgebiete von Brünn, Olmütz und Iglau, ferner der südlichen Grenzgebiete von Steiermark und Kärnten feierlichen Einspruch; sie erklärt diese Länder sowie jenen Teil von Deutsch-Südtirol, der vom Königreich Italien besetzt ist, als unverzichtbare Bestandteile der Republik Deutschösterreich.

10. September 1919: Die konstituierende deutsch-österreichische Nationalversammlung erhebt vor aller Welt feierlichen Protest dagegen, daß der Friedensvertrag von St. Germain unter dem Vorwande, die Unabhängigkeit Deutschösterreichs zu schützen, dem deutsch-österreichischen Volk sein Selbstbestimmungsrecht nimmt, ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches, seine wirtschaftliche, politische und kulturelle Lebensnotwendigkeit, die Vereinigung mit dem deutschen Mutterlande verweigert.

24. April 1921: Die Abstimmung über den Anschluß an Deutschland erbringt in Tirol folgende Zahlen: 300 Stimmen ungültig, 1.722 - Nein, 132.296 - Ja!

29. Mai 1921: Die Abstimmung über den Anschluß an Deutschland erbringt in Salzburg: 797 Stimmen -Nein, 100.762 Stimmen - Ja!

Alle Parteien wollten den Anschluß

Aus dem Programm der Großdeutschen Volkspartei 1920: Der unverrückbare Leitstern unserer Außenpolitik ist der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich.

Aus dem Parteiprogramm des Landbundes 1925: Der Landbund will im deutschen Landvolk das nationale Einheitsgefühl heben und vertiefen. Der Zusammenschluß aller deutschen Stämme im geschlossenen Sprachgebiet zu einem einigen Deutschen Reich bildet sein unverrückbares außenpolitisches Ziel.

Aus dem Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs 1926: Die Sozialdemokratie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluß an die deutsche Republik.

Aus dem Parteiprogramm der Christlich-sozialen Partei 1927: Wir verlangen die Gleichberechtigung des deutschen Volkes und die Ausgestaltung des Verhältnisses zum Deutschen Reich auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker.

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß: »Wir sind so deutsch, so selbstverständlich deutsch, daß es uns überflüssig vorkommt, dies eigens zu betonen. Wir wollen die guten Charaktereigenschaften des deutschen Volkes pflegen und hüten, wir wollen die dem Deutschtum eigene Mannigfaltigkeit zur Einheit führen und wollen die Tugenden der Ehrlichkeit und der deutschen Treue in unserer Heimat pflegen. Wir glauben, daß wir ehrliche deutsche Kultur in diesem Teil Mitteleuropas zu erhalten und zu hüten und in Österreichischer Form die christlichdeutsche Kultur zu gestalten haben. «

Bundeskanzler Kurt v. Schuschnigg: »Jedermann weiß, daß Österreich ein deutsches Land ist, sich seines Deutschtums niemals schämte und seinen Ehrgeiz darein setzte, für die Interessen deutschen Geistes und deutscher Kultur mit in vorderster Linie zu stehen. Gerade hier in Salzburg darf man ohne jede Selbstüberheblichkeit sagen, man wird niemals den deutschen Geist und die deutsche Kultur Österreichs verdunkeln können.«

Vizekanzler Fürst v. Starhemberg: »Wir sind der Meinung, daß wir dem großdeutschen Gedanken in derWelt, zu dem wir uns rückhaltlos bekennen, durch ein selbstständiges und unabhängiges Österreich weit besser dienen. Die Ostmark, das heutige Österreich, hat stets großdeutsche Politik gemacht. «

Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung

Der Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 war vollkommen überflüssig. Er hat nur bis heute den Gegnern des Zusammenschlusses das Argument geliefert, der preußische Kommißstiefel habe die Österreichische Unabhängigkeit zu Boden getrampelt! Tatsächlich hatte die NSDAP, also jene Partei, die den Anschlußgedanken am konsequentesten vertreten hatte, bereits in den Nachmittags- und Abendstunden des 11. März im ganzen Lande die Macht übernommen. Der Sozialistenführer Karl Renner erklärte: Zwei Drittel der Österreicher, haben Hitler dem Schuschnigg vorgezogen.

Von interessierter Seite wird häufig von den reichsdeutschen »Zwingherren und Satrapen« gesprochen, die Österreich ab März 1938 überflutet und beherrscht hätten. Die erste und zweite Regierung Seyß-Inquart bestand nur aus Landeskindern. Am 22. Mai 1938 ernannte Hitler die 7 Gauleiter der Ostmark. Burgenland wurde aufgeteilt und Vorarlberg mit Tirol vereinigt, wie dies vor 1918 auch der Fall war. Es handelte sich um: Franz Hofer aus Gastein, Friedrich Rainer aus St. Veit in Kärnten, August Eigruber aus Steyr, Hugo Jury aus Mährisch-Schönberg, Odilo Globotschnigg aus Krain, Hubert Klausner aus Raibl in Kärnten und Siegfried Uiberreither aus Salzburg. Nicht ein Reichsdeutscher ist unter den Gauleitern zu erkennen! Wer meint, auf dem militärischen Sektor fündig werden zu können, irrt. Wir untersuchen die 16 höchsten Posten, die in den Wehrkreisen XVII und XVIII zu vergeben waren: die Kommandierenden Generale, deren Stellvertreter, die Chefs des Stabes, die Divisions- und die Artillerie-Kommandeure, dazu der Luftgaubefehlshaber und der Kommandant von Wien. Von diesen 16 höchsten Offizieren in den beiden »österreichischen« Wehrkreisen sind nicht weniger als neun Landeskinder gewesen. In keinem anderen Wehrkreis des deutschen Heeres war die landsmannschaftliche Einheit eine so ausgeprägte.

Am 1. März 1938 gab es 62 Österreicher im Generalsrang: 60 im Bundesheer und je einer in Polizei und Gendarmerie. Im Laufe der folgenden sieben Jahre haben 226 Österreicher Generalsrang im Heer, der Luftwaffe, der Waffen-SS, der Polizei und der Gendarmerie erreicht. Dazu kommt noch Paul Meixner, der es zum Konteradmiral gebracht hat. Es wurden ausgezeichnet: 8 mit dem Deutschen Kreuz in Silber, 23 mit dem Deutschen Kreuz in Gold, 14 mit dem Ritterkreuz, 7 mit dem Eichenlaub und 2 mit den Schwertern. Unter den führenden Generalen des großdeutschen Heeres waren die Österreicher Löhr und Rendulic Oberbefehlshaber von Heeresgruppen, Raus, Böhme und Angelis Oberbefehlshaber von Armeen. Acht Alt-Österreicher dienten als Generale in der Waffen-SS. Fünf weitere führten den Titel General der Waffen-SS und einer hatte die Berechtigung zum Tragen der Uniform eines Generalmajors der Waffen-SS. Insgesamt lassen sich 12 Alt-Österreieher als SS-Obergruppenführer feststellen. Von diesen hat ein einziger Krieg und Nachkrieg überlebt - Hartmann Lauterbacher!

Die Wiener Zeitung »Die Presse« meldet: Nach dem Mai 1945 wurden in Österreich 600.000 Österreicher als Mitglieder der NSDAP registriert. Gegen diese 600.000 ging man mit allen nur möglichen Mitteln vor: 136.829 wurden vor ein ›Volksgericht‹ gestellt. Dreißig wurden aufgehängt, 72 erhielten lebenslänglich, 35.900 Beamte (darunter 977 der Dienstklassen 1 und 11) wurden entlassen. 62 Richter und Staatsanwälte wurden ebenso entlassen wie 221 (!) Hochschullehrer. Dreißig Prozent aller Volksschullehrer sind entlassen worden. Es war ein herzerfrischender Auftakt zum neuen Weg in die Demokratie.

Erneute Verweigerung der Selbstbestimmung

Wieviele Österreicher nach dem Jahre 1945 noch für einen Anschluß gewesen sind, läßt sich mangels statistischen Materials nicht erweisen. Im Jahre 1946 erklärte Friedrich Adler, der Sohn des Gründers der Österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Viktor Adler,: »Wer in die ebenso reaktionäre wie widerliche Utopie einer Österreichischen Nation Wirklichkeit werden sollte, und ich mich zwischen ihr und der deutschen Nation entscheiden müßte, so würde ich mich zu der Nation bekennen, für die Goethes Faust und die Reden von Lasalle nicht zur ausländischen Literatur gehören. «

Die Alliierten waren jedenfalls im Mai 1955(!) der Meinung, daß der Wunsch nach einem Zusammenschluß vorhanden wäre, denn sonst hätten sie nicht den Artikel 4 (»Verbot des Anschlusses«) in den Staatsvertrag einbauen müssen: Er lautet: »Die Alliierten und Assoziierten Mächte erklären, daß eine politische oder wirtschaftliche Vereinigung zwischen Österreich und Deutschland verboten ist. Österreich anerkennt voll und ganz seine Verantwortlichkeit auf diesem Gebiete und wird keine wie immer geartete politische oder wirtschaftliche Vereinigung mit Deutschland eingehen. - Um einer solchen vorzubeugen, wird Österreich keinerlei Vereinbarung mit Deutschland treffen, die geeignet wäre, unmittelbar oder mittelbar eine politische oder wirtschaftliche Vereinigung mit Deutschland zu fördern oder seine territoriale Unversehrtheit oder politische oder wirtschaftliche Unabhängigkeit zu beeinträchtigen. Österreich verpflichtet sich ferner, innerhalb seines Gebietes jede Handlung zu verhindern, die geeignet wäre, eine solche Vereinigung mittelbar oder unmittelbar zu fördern, und wird den Bestand, das Wiederaufleben und die Tätigkeit jeglicher Organisation, welche die politische oder wirtschaftliche Vereinigung mit Deutschland zum Ziele haben, sowie großdeutsche Propaganda zugunsten der Vereinigung mit Deutschland verhindern.«

Das derzeitige Staatsoberhaupt Österreichs wurde am 21.12.1918 zu St. Andrä in Niederösterreich als Kurt Wazlawik (tschechisch: Vaclavik=Wenzelchen) geboren. Sein Vater, der Lehrer Walter Wazlawik, änderte seinen Nachnamen am 3.1.1919 in »Waldheim«. Kurt schloß sich während seiner Gymnasialzeit dem MKV (=Mittelschülerkartellverband) an. Er diente beim 1. Dragoner-Regiment »Prinz Eugen von Savoyen«, absolvierte die Konsularakademie und promovierte zum Dr. jur. Von 1939 bis 1945 diente er, zuletzt als Oberleutnant d. Res., im Großdeutschen Heer. Ab 1945 wirkte er im diplomatischen Dienst. Von 1968 bis 1970 tat er als Außenminister in der Regierung Klaus Dienst. Am 22.10.1970 stellt er sich als Kandidat der ÖVP zur Bundespräsidentenwahl. Er unterlag dem SPÖ-Kandidaten Jonas. Am 21. Dezember 1971 wurde er zum Generalsekretär der UNO bestellt. »Seine Berufung fand in der Welt allgemein ein positives Echo. « Waldheim versah diese Funktion durch acht Jahre. Er wünschte, ein zweites Mal gewählt zu werden. Dazu benötigte er Stimmen. Israel hat eine, die Araber verfügen über zahlreiche Stimmen. Er stellte sich auf die Seite der Mehrzahl und zog sich dadurch die Abneigung von Juden zu. Bei der Bundespräsidentenwahl vor zwei Jahren befürchteten die Roten, mit Recht, den Posten des Bundespräsidenten, den sie ununterbrochen seit 1945 inne gehabt hatten, zu verlieren. Dem Vernehmen nach haben einzelne von ihnen die Lawine losgetreten, um sich die Stelle des Staatsoberhauptes auch weiterhin zu sichern.

Zuerst wurde versucht, den Mann in die Nähe der NSDAP zu rücken. Wer nach März 1938 in Österreich der Reiter-SA beitrat, hat damit den Beweis erbracht, kein NS-Mann gewesen zu sein. Sodann wurden ihm Kriegsverbrechen, zuletzt die Kenntnisse von solchen, vorgeworfen. Sollte US-Präsident Roosevelt oder Premierminister Churchill keinerlei Kenntnis über die Tätigkeit Stalins gehabt haben? Jedermann, der auch nur entfernt mit der Wehrmacht zu tun gehabt hat, weiß, daß ein Ordonanzoffizier keine sehr einflußreiche Figur auf welchem Gebiet auch immer gewesen ist.

Wir haben keinerlei Interesse an Herrn Waldheim. Die jetzt schon mehr als zwei Jahre laufende Hetze gegen den Mann geht jedoch zu weit! Waldheim geschehen damit zuviel der Komplimente! Es sieht ja fast so aus, als wenn der Mann tatsächlich eine Rolle auf dem Balkan gespielt hätte.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(2) (1988), S. 1-4

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