Die »Résistance«

Der Barbie-Prozeß soll ihr neuen Glanz verleihen

Pierre de Pringet

Die »Résistance« wurde von unserem französischen Mitarbeiter Pierre de Pringet in seinem Buch »Die Kollaboration - Untersuchung eines Fehlschlages«, das 1981 als Beiheft zu unserer Zeitschrift erschien, sachlich und objektiv auf ihr richtiges Maß zurückgeführt. Klaus Barbie (Altmann), der in Bolivien gekidnappte und nach Frankreich verschleppte einstige Gestapo-Chef von Lyon, ist entschlossen, den in jahrzehntelanger Propaganda aufgeblasenen Mythos der »Résistance« platzen zu lassen, wenn er nicht zuvor sein Leben verliert, natürlich durch irgendeine bösartige Krankheit. Was sonst? Ihn zu ermorden, wurde schon mehrfach versucht, doch vom CIA verhindert, solange dieser seine schützende Hand über den deutschen Offizier hielt. Hier einige Auszüge aus unserer mit vielen unbekannten Einzelheiten belegten Dokumentation, die durch Barbies Entführung a la Eichmann höchste Aktualität erhalten hat.


Die »Résistance«

1940 hatte ein französischer Offizier, seit wenigen Wochen Unterstaatssekretär im Kriegsministerium des Kriegshetzers Paul Reynaud und Deserteur (er hatte Frankreich ohne Genehmigung seiner Vorgesetzten verlassen), einen Aufruf zum Widerstand an die französische Bevölkerung gerichtet. Frankreich habe eine Schlacht, aber nicht den Krieg verloren. Alle Franzosen in Großbritannien, ob Soldaten oder Zivilisten, sollten sich seinem Befehl unterstellen, um den Kampf fortzusetzen. Dieser Aufruf hatte so wenig Widerhall gefunden, daß De Gaulle wenige Tage nach dem Waffenstillstand dem General Weygand, Oberbefehlshaber des französischen Heeres, ein Telegramm mit der Bitte schickte, ihm ein Flugzeug zur Verfügung zu stellen, um ihn nach Frankreich zurückzubringen. Die Engländer, die ihn aus Frankreich herausgeholt hatten, als die Schlacht noch in vollem Gange war, und die sehr genau wußten, warum und wozu sie das taten, hatten verständlicherweise kein Interesse daran, seine Rückkehr zu erleichtern. Der Marschall Pétain, der ihn zwischen den Kriegen zwei Jahre lang als Adjutanten gehabt hatte, bewahrte eine schlechte Erinnerung an seinen Untergebenen. Die Militärs schätzten ihn im allgemeinen wenig.

Der Hauptmann De Gaulle hatte 1916 in Douaumont kapituliert, ohne Widerstand - oder doch jedenfalls nicht den letzten - zu leisten. Nach 1918 aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, hatte er den Truppendienst nach Möglichkeit vermieden und bequeme, wenn auch wenig angesehene bürokratische Dienststellungen vorgezogen. Unter den Offizieren aristokratischer Herkunft rief es ironisches Lächeln hervor, daß De Gaulle die Partikel vor seinem Familiennamen falsch (nämlich klein) schrieb und so den (irrigen) Eindruck erweckte, als sei er adlig (der Familienname De Gaulle kommt vom flämischen De Wall = die Mauer). Auch die Veröffentlichung seiner Bücher hatte das Ansehen dieses Intellektuellen - jedenfalls bei den Kameraden seiner eigenen Waffe, der Kavallerie - nicht gehoben. Überflüssig zu sagen, daß die Gunst und die politische Stellung, die er in der »Regierung der Schande« genossen hatte, sein Bild in der Vorstellung seiner Kameraden auch nicht verbesserten. Schließlich war er nach seiner Flucht von einem ordentlichen Kriegsgericht wegen Feigheit vor dem Feind zum Tode verurteilt worden. Und das Urteil hatte kein Geringerer als der damalige Befehlshaber der Militärregion von Montpellier, General de Lattre de Tassigny, bestätigt, ein begeisterter Anhänger Pétains wie damals alle Welt.

In London hatte De Gaulle einige hundert Freiwillige für seine Frei-Französischen Streitkräfte zusammengebracht, die selbst nach dem Krieg in Syrien und nach der Rekrutierung in den wenigen und unbedeutenden Kolonien, die sich ihm angeschlossen hatten, auf nicht mehr als 3500 Mann kommen sollten. Sein Versuch. sich 1941

in den Besitz von Dakar zu setzen, hatte ihn von der Nutzlosigkeit jeder eigenen militärischen Aktion überzeugt. Die Garnison der Stadt unter dem Befehl des Oberst Salan, des späteren Chefs der Algerischen Geheim-Armee (OAS), dem er nie verzeihen sollte, hatte De Gaulles Landungstruppen ins Meer zurückgeworfen. Er selbst war während des Angriffs wohlweislich an Bord eines der britischen Hilfsschiffe geblieben. Seine Berufung und sein Ehrgeiz lagen nicht auf militärischem, sondern auf politischem Gebiet. Um sie zu verwirklichen, mußte man in Frankreich den Geist des Widerstandes gegen die Deutschen und vor allem gegen die »Pseudoregierung von Vichy« wecken. Dazu war die BBC besser geeignet als die Frei-Französischen Streitkräfte. Der englische Rundfunk strahlte schon vor dem Waffenstillstand Programme in französischer Sprache mit gaullistischer Propaganda aus, die von einer Gruppe von Sprechern, Journalisten, Publizisten und Psychologen bemerkenswert gut gemacht wurden.

Zwei Jahre lang waren die Ergebnisse dieser Propaganda mager. Frankreich stand noch ganz im Bann der Persönlichkeit des Marschalls, die Erinnerung an Krieg und Niederlage war noch zu gegenwärtig und die Feindseligkeit gegenüber England zu lebendig, als daß die Franzosen Gefallen daran gefunden hätten, sich offensichtliche Lügen anzuhören, oder daß sie sich Hoffnungen auf Versprechungen machten, die von der unmittelbaren Vergangenheit widerlegt wurden. Die politische Agitation, der bald die ersten Anfänge der Guerilla folgten, begann erst mit dem deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion. Die Kommunisten, die bis dahin passiv geblieben waren, wurden nun aktiv. In den Bergen von Savoyen und im Zentralmassiv erhoben sich die ersten maquis.

Das Wort stammt aus dem korsischen Dialekt und bedeutet etwa »Strauch«, ein wildes und schwer zugängliches Gebiet (daher die abschätzigen deutschen Wortbildungen »Strauchritter«, »Strauchdieb«). Im maquis Korsikas suchten seit undenklichen Zeiten die »Kavaliersverbrecher« Zuflucht, die im Verlauf einer familiären vendetta straffällig geworden waren. Die ersten französischen Partisanen griffen das korsische Wort auf. Man begann, die verschiedenen irregulären Kampfverbände, die sich im Gebirge verbargen, maquis zu nennen. Ihre Zahl wuchs seit Ende 1942. Theoretisch in den Französischen Streitkräften des Innern (FFI) organisiert, spalteten sich die Guerilla-Banden in zwei Hauptgruppen. Die Armée Secrète wurde grundsätzlich von Offizieren des Waffenstillstands-Heeres geführt, das die Deutschen Ende 1942 auflösten, als sie infolge der nordamerikanischen Landung in Nordafrika auch die Südzone besetzten. Die Franc-tireurs Partisans (FTP) standen unter kommunistischer Führung. Das Geheime Heer hatte eine zwiespältige Einstellung. Innenpolitisch folgte es der Linie Pétains, außenpolitisch derjenigen De Gaulles. Es war den Politikern, Freimaurern, Kommunisten und Juden ebenso feindlich gesonnen wie den Kollaborateuren. Das war keine sehr bequeme Position und führte zu widersprüchlichen Handlungen. Manchmal kämpfte es gegen die Miliz, bei anderen Gelegenheiten wieder führte es praktisch mit dieser zusammen Operationen gegen die FTP durch, von denen es angegriffen wurde, um sich in den Besitz der Waffen zu setzen, die die Engländer mit Fallschirmen abwarfen und die anfänglich nur für das Geheime Heer bestimmt waren. Die kommunistischen Guerilleros (FTP) brauchen nicht näher beschrieben zu werden. Wegen ihrer Tüchtigkeit teilten die Engländer auch ihnen bald bedeutende Quoten an Waffen, Munition, Lebensmitteln und Geld zu.

Wenn die in Frankreich stationierten deutschen Einheiten mit der Guerilla hätten Schluß machen wollen, so wäre das sehr einfach gewesen. Sie hätten nur das jeweilige Gebiet sorgfältig durchzukämmen brauchen. Die dafür nötige beträchtliche Zahl von Truppen war vorhanden. Aber es handelte sich zum großen Teil um Truppen in Ruhestellung, die nur dann eingriffen, wenn ihre eigene Sicherheit bedroht war oder wenn in Ausnahmefällen die französischen Abwehrkräfte ihre Hilfe anforderten. Auf deutscher Seite traten gewöhnlich kleine deutsche und französische Kampfgruppen des SD in Aktion, denen sich ab 1944 ein Regiment der Division Brandenburg, einer Spezialtruppe der Abwehr, hinzugesellte. Auf französischer Seite wurden die Operationen von der zur Aufstandsbekämpfung bestimmten Mobilgarde aus der Vorkriegszeit durchgeführt, von mobilen Verbänden der militarisierten Schutzpolizei und vor allem von der Miliz. Die Einheiten dieser drei Verbände waren, selbst wenn man noch die Gendarmerie (uniformierte Polizei auf dem Land und in den kleinen Städten) hinzurechnet, nicht ausreichend, um das ganze Gebiet der Südzone, in dem sich die maquis eingerichtet hatten, zu kontrollieren. Sie konnten nur sporadische Operationen gegen bestimmte von ihnen aufgespürte Gruppen von Partisanen durchführen. Dazu kam, daß die Polizei-Einheiten keinen besonderen Eifer in der Durchführung ihrer Missionen zeigten und gegen Kriegsende immer häufiger ein Auge oder beide gegenüber den Subversiven zudrückten, wenn sie nicht gar mit ihnen zusammenarbeiteten. Die Miliz dagegen griff an und durch. Aber ihre Freiwilligen und sogar ein Teil ihrer Führer hatten keinerlei militärische Ausbildung und Erfahrung.

In den letzten Tagen der Besatzung, als sich die Deutschen aus Frankreich zurückzogen und die Miliz sich ihnen anschloß, kamen die maquisards vorsichtig aus ihren Schlupfwinkeln hervor und besetzten die nächstgelegenen Städte, wobei sie die Abzeichen von Dienstgraden trugen, die sie sich selbst verliehen hatten (einige trugen sechs Litzen* und ließen sich mit »Oberst« anreden). Insgesamt betrug ihre Zahl nie mehr als 50000. Aber plötzlich schwoll diese Zahl auf das Zehnfache an. In Paris, in Marseille, in Lyon und unzähligen anderen Orten, die niemals Partisanenzentren gewesen waren, tauchten nun zu Tausenden angebliche Angehörige der FFI auf, wenn überhaupt, so mit Waffen aus Privatbesitz (sogar Schrotflinten) ohne jeden militärischen Wert ausgerüstet, und uniformierte Mitglieder der »Patriotischen Milizen«, die die kommunistische Partei aufgestellt und gut bewaffnet hatte. Sie alle hatten nie an irgendeiner Kampfhandlung teilgenommen. Später ließen sich mehr als eine Million Franzosen einen »résistance«-Ausweis ausstellen, und es entstand die von De Gaulle und den Kommunisten offiziell verbreitete Legende von der »Befreiung Frankreichs durch die Französischen Streitkräfte des Innern (FFI)«. Der General Eisenhower kam der Wahrheit schon näher, als er, um den Franzosen was Nettes zu sagen, in einer Ansprache erklärte, der alliierte Sieg sei dank der »résistance« um einen Tag früher errungen worden.


* Im französischen Heer trug der Oberstleutnant fünf Litzen, vier aus Gold oder Silber und die fünfte silbern oder golden, je nach Waffengattung, während der Oberst auch nicht mehr als fünf Litzen, aber alle von gleicher Farbe hatte.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(1) (1983), S. 16ff.

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