Barbie

Einen »Gestapo-Chef von Lyon«, als welcher der in Bolivien gekidnappte, nach Frankreich verschleppte und dort eingesperrte ehemalige SS-Hauptsturmführer Klaus Barbie (s. DGG 1/83, S. 16) in der internationalen Presse bezeichnet wird, hat es nie gegeben. Die »Gestapo«, wie das Amt IV des SD (Sicherheitsdienst) im Reichssicherheitshauptamt (SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, nach dessen Ermordung im Jahr 1942 SS-Obergruppenführer Dr. Ernst Kaltenbrunner, 1946 in Nürnberg hingerichtet) volkstümlich (und doch verkehrt) genannt wird, hatte während des Krieges in Frankreich nur sehr begrenzte Aufgaben. Dies Amt war hier überhaupt nur mit seiner Abteilung B (Judenfragen) vertreten und hatte dafür zu sorgen, daß in der besetzten Zone Frankreichs die entsprechenden Anweisungen des Militärbefehlshabers, im nicht besetzten Teil des Landes (also auch in Lyon) die Gesetze und Verordnungen der legalen Regierung des Marschalls Pétain in Vichy durchgeführt wurden. Die relative Bedeutungslosigkeit dieser deutschen Dienststelle geht schon daraus hervor, daß der Chef des Amtes IV/B für ganz Frankreich nie einen höheren Dienstgrad als den eines SS-Obersturmführers (Oberleutnant) hatte.

Barbie hatte mit ihm überhaupt nichts zu tun. Er war Kommandeur einer SS-Kampfgruppe, deren Auftrag ausschließlich in der Partisanenbekämpfung, vor allem im sogenannten Zentralplateau, bestand. Disziplinarisch unterstand er mit seiner Einheit dem Örtlichen SD-Chef, einem SS-Obersturmbandführer (Oberstleutnant). Die Ergreifung und Deportierung von Juden, die ihm jetzt als einziger Anklagepunkt zur Last gelegt wird (als unverjährbares »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«), lag völlig außerhalb seiner Zuständigkeit. Das nachzuweisen, dürfte seiner Tochter, die als Rechtsanwältin seine Verteidigung übernommen hat, nicht schwerfallen, auch wenn die bei uns so genannte »öffentliche Meinung« ihn heute schon verurteilt hat. Einen Juden-Deporteur Klaus Barbie hat es jedenfalls sowenig gegeben wie einen Gestapo-Chef von Lyon.

Pierre de Pringet


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(2) (1983), S. 23

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